Medizin Alles oder richtig
Unikliniken sollen Kranke heilen, Forschung betreiben und Ärzte ausbilden. An diesem Anspruch drohen die Kleinen zu scheitern. Sollen sie sich auf die Lehre konzentrieren und von der Wissenschaft die Finger lassen?
Dem Patienten ist ein Stück Schnitzel in die Luftröhre gerutscht. Schlaff liegt der Mann auf dem Boden. Kein Wunder, heute hat er schon einen Herzinfarkt, innere Blutungen und eine Operation an der Gallenblase hinter sich. Ein Notarzt schiebt den Beatmungsschlauch durch den Mund des Patienten und stößt dabei das Fleisch versehentlich tief in die Lunge hinein. Entspannt lehnt sich Christin Mariel Jauer zurück und macht sich Notizen. Der Patient ist nicht in Gefahr; ihr Kollege übt an einer lebensgroßen Puppe, die – in Trainingsanzug, Schnürschuhen und mit Elektroden ausgerüstet – am Boden des Übungsraums liegt.
Mit neun anderen Studenten sitzt Jauer in einem Kurs des Instituts für Notfallmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), München. Sie studieren im siebten Semester und lernen seit Anfang der Woche, was in einen Notfallkoffer gehört, wie ein Beatmungsbeutel funktioniert und welche Medikamente sie bei Rettungseinsätzen brauchen.
So praktisch geht es an deutschen Unikliniken noch nicht lange zu. Die Medizinerausbildung galt als kopflastig und alltagsfern. Seit drei Jahren gilt eine neue Approbationsordnung: Praxisorientierte Übungen ersetzen Vorlesungen. Statt isolierte Fakten auswendig zu lernen, sollen die Studenten Zusammenhänge verstehen und Handgriffe erlernen, die sie später im Berufsalltag brauchen.
Noch sucht jede Hochschule nach der besten Umsetzung dieser Strategie. Die Universitäten müssen die Balance finden zwischen ihrem wissenschaftlichen Anspruch und der Notwendigkeit, Mediziner für die Hausarztpraxis nebenan auszubilden.
Für den Wissenschaftsrat steht die Gewichtung bereits fest. »Gute Forschung ist für eine gute Lehre unverzichtbar«, sagt Werner Seeger, Vorsitzender des Ausschusses Medizin im Wissenschaftsrat. Der Rat setzt sich vor allem aus hochrangigen Forschern und Politikern zusammen. Er wacht unter anderem über die Qualität von Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Die Experten träumen von Universitätskliniken, die international in der ersten Liga der Forschung spielen, guten Unterricht anbieten und zudem ihre Patienten exzellent versorgen.
Die Privatuni schickte ihre Studenten ans Krankenbett – eine Revolution
Im November vergangenen Jahres stellte der Wissenschaftsrat jene Kriterien auf, mit denen die deutsche Hochschulmedizin die Weltspitze erreichen soll: Universitäten sollen in der Humanmedizin mindestens 60 hauptamtliche Professoren beschäftigen, mindestens 200 Medizinstudenten pro Jahr aufnehmen, und die Kliniken sollen nicht weniger als 1100 Patientenbetten vorhalten. Die Prioriäten des Rats sind deutlich: Die Forschung soll vorangebracht werden, die Ausbildung zum Arzt steht erst an zweiter Stelle.
Diese Forderungen brechen der Hochschule Witten/Herdecke vermutlich das Genick. Im Juli 2005 stellte der Rat der Privatuni ein vernichtendes Zeugnis im Fach Medizin aus und wollte die Pforten der Fakultät am liebsten sofort schließen. Überholt, verstaubt, inkompetent, so lautete das Urteil. Am Freitag hat der Wissenschaftsrat der Hochschule noch einen Aufschub gewährt: Im Juli wird ihr – vermutlich düsteres – Schicksal besiegelt.
Dabei war Witten/Herdecke viele Jahre lang ein leuchtendes Vorbild der Medizinerausbildung. Als Erste in Deutschland ging die private Hochschule 1983 ihren eigenen Weg. Sie nahm von der traditionellen Ausbildung der staatlichen Universitäten Abstand und setzte auf das problemorientierte Lernen, nah am Alltag, nah am Patienten.
Die Auswahl der Studenten ist streng. Aus 1200 Bewerbern werden jedes Jahr 42 ausgewählt. »Die Dozenten kennen uns beim Namen«, berichtet der Medizinstudent Andreas Wilhelm. Vom ersten Semester an sind die Studenten Allgemeinarztpraxen zugeteilt, in denen sie Patienten betreuen. Auch im aktuellen Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung schnitt Witten in der Lehre noch sehr gut ab (nachzulesen im ZEIT-Studienführer 2006/07).
Nun, da auch andere Universitäten mehr Praxis in die Ausbildung einführen, müssen sich die Pioniere der Konkurrenz stellen. Der Wissenschaftsrat bemängelt, dass die öffentlichen Hochschulen vor allem in der Forschung weit voraus seien.
Im vergangenen Sommer bekam Witten/Herdecke ein Ultimatum gestellt. Ein völlig neues Konzept sollte die Fakultät entwickeln. Am 20. Januar 2006 hat der Dekan dem Wissenschaftsrat das Dokument überreicht. Auf 324 Seiten legen Dozenten und Studenten dar, wie sie die Defizite in der Forschung beseitigen wollen. »Medizinstudenten sollen bei uns mit moderner Wissenschaft konfrontiert werden«, sagt Matthias Schrappe, Dekan der medizinischen Fakultät. Auch wenn für die Gründungsväter der Privatuni immer die Lehre im Mittelpunkt stand. »In der Forschung waren wir noch ausbaufähig«, sagt Medizinstudent Stephan Degener und klingt dabei wie ein Unternehmer, der ein schlechtes Firmenergebnis verteidigen muss.
Den Universitäten droht eine Zukunft ohne eigene Kliniken
Eilig wurde nun in Witten die Versorgungsforschung entdeckt. Wie kommt eine Therapie zum Patienten, warum halten sich nur wenige Diabetiker an die Leitlinien der Therapie? Solche Fragen wollen die Wittener künftig beantworten. Auch wurde im Oktober 2005 das Institut für Forschung in der Operativen Medizin (IFOM) in Köln-Merheim gegründet, in dem sich die Wissenschaftler vor allem der optimalen Behandlung von Schwerverletzten widmen wollen.
Allerdings sind nach Ansicht des Wissenschaftsrats mit der Versorgungsforschung keine Lorbeeren zu ernten. Und wie ein Zentrum der Spitzenforschung sieht auch das trist anmutende, ehemalige Kasernengebäude des IFOM nicht aus.
Doch geht es nicht allein darum, ob die Forschungsqualität in Witten dem Anspruch einer Universität genügen wird. Es geht auch um Witten als System, das dem Wissenschaftsrat nicht zusagt: Es besitzt kein eigenes Uniklinikum, die Lehre findet in elf umliegenden Krankenhäusern statt.
Dabei könnte genau das – eine Existenz ohne eigenes Klinikum – auch den anderen Universitäten blühen. Sie stehen zurzeit vor dem größten Umbau ihrer Geschichte. Sie sollen Forschung, Lehre und Krankenversorgung streng getrennt abrechnen. Die Krankenkassen sind nicht mehr bereit, für normale Operationen und Therapien horrende Unikosten zu bezahlen und damit Wissenschaft und Extremtherapien quer zu finanzieren. »Einen Blinddarm an einer Uniklinik zu entfernen wäre in etwa so sinnvoll, wie eine Currywurst von einem Vier-Sterne-Koch zubereiten zu lassen«, sagt Matthias Schrappe. Dann aber müssen die Studenten in kleinere Krankenhäuser verschickt werden, um den medizinischen Alltag überhaupt noch erleben zu können. Die Folge: Mit den Patienten wird auch die praktische Ausbildung nach außen verlagert.
Der Wissenschaftsrat stemmt sich gegen diese Entwicklung: Er will große Zentren, an denen mit geballter Kraft Lehre, Forschung und Patientenversorgung stattfinden. Ein Anspruch, an dem nicht wenige Universitätskliniken schon jetzt zu scheitern drohen.
»Diesen Spagat können Ärzte an Unikliniken kaum noch leisten«, sagt Peter Dieter, Studiendekan der TU Dresden. Dabei gilt die medizinische Fakultät in Dresden als eine der innovativsten in Deutschland. Sie hat ein Zentrum für Knochenmarktransplantationen geschaffen, ein Bioinnovationszentrum eröffnet und Sonderforschungsbereiche eingerichtet. »Wir stehen jetzt in der Forschung prima da, müssen aber sehen, dass wir in der Lehre nicht nachlassen«, sagt der Biochemiker.
»Ein guter Forscher ist noch lange kein guter Lehrer«
Nur große Schlachtschiffe wie die LMU in München müssen den Wissenschaftsrat nicht fürchten. Hier unterrichten Spitzenforscher die Medizinstudenten, faszinieren den Nachwuchs mit Frontberichten über den neuesten Stand ihres Gebiets. Und verbreiten so den vom Rat viel beschworenen Forschergeist.
So weit die Theorie. Der Alltag sieht auch hier manchmal anders aus: Der Dozent parliert über sein sehr spezielles Forschungsfeld, kennt weder den Wissensstand seiner Zuhörer noch ihre Lernziele. »Ein guter Forscher ist noch lange kein guter Lehrer«, sagt Matthias Siebeck, Oberarzt an der Chirurgischen Klinik der LMU in München. Der Mediziner absolviert gerade ein zweijähriges Aufbaustudium zum Master of Medical Education in Heidelberg und schickt auch seine Assistenzärzte gern auf Fortbildungsseminare. »Da sehen wir, wie das Lernen am Patientenbett funktionieren soll«, sagt Seminarteilnehmer Christoph Volkering.
Die neue Approbationsordnung verpflichtet die Ärzte zu deutlich mehr Unterrichtsstunden, neue Stellen entstanden jedoch nicht. Da ist es vielen Unikliniken schlicht unmöglich, den Sprung von der Vorlesung zum Kleingruppenunterricht nach Wittener Modell zu schaffen. Die LMU ist ein positives Beispiel. Schon seit 1997 arbeiten die Münchner Mediziner an einer Studienreform, die nicht nur die Auflagen der neuen Approbationsordnung erfüllt, sondern eine besonders intensive Ausbildung verspricht. Im Internet kann jeder Student seinen persönlichen Stundenplan abrufen, Krankheiten werden von Schauspielern dargestellt. Dennoch hapert es auch an der LMU in manchen Kursen. »Unser Kursleiter ist nicht erschienen«, berichtet eine Studentin aus einem Notfallkurs. Der Anästhesist wurde wohl dringend in der Klinik gebraucht.
Ärzte sind wenig motiviert, ihre Zeit in den Unterricht zu investieren. Bislang wird die Lehre an den Unikliniken kaum honoriert. Sie gilt sogar als Hemmschuh für die Hochschulkarriere. »Die Lehre muss dringend aufgewertet werden«, fordert Reinhard Putz, Prodekan der LMU. Dort haben sie immerhin seit 1998 einen Lehrpreis ausgeschrieben und lassen die Kursteilnehmer die Qualität bewerten.
Die Unis können ihre Lehre auch an Kriterien messen, die die Sachverständigenkommission zur Bewertung der medizinischen Ausbildung in Baden Württemberg vor vier Jahren aufgestellt hat. »Eine schwierige Aufgabe«, wie die Beteiligten zugeben. Faktoren sind die Prüfungsergebnisse in den Staatsexamina, die Studiendauer und die Wertung der Studenten. Auch der finanzielle Aufwand für Lehrprojekte und die didaktische Ausbildung der Dozenten werden berücksichtigt.
Die meisten Fakultäten suchen noch nach Wegen, ihre Ausbildung zu verbessern. Und da tun sich vor allem zwei Möglichkeiten auf: Sie könnten die Studenten intensiver betreuen, wenn sie weniger Studienanfänger aufnehmen. »In den USA akzeptieren die medizinischen Fakultäten kaum mehr als 100 Studenten pro Jahr«, sagt Rüdiger Strehl, Vorstandsvorsitzender des Verbands der Universitätsklinika Deutschlands. An den 35 Fakultäten in Deutschland dürften nach amerikanischem Vorbild also maximal 3500 Studenten ihr Medizinstudium antreten, es sind aber mehr als 8000.
Bleibt noch die Alternative, den Stundenplan der Studenten zu entrümpeln. »Bei so einer Masse an Lernstoff bleibt wenig hängen«, sagt Studiendekan Peter Dieter. Stattdessen würde der Dresdner gern ein Kern-Curriculum einführen, das Grundkenntnisse und wichtige Prinzipien vermittelt. Wahlfächer könnten den Stundenplan ergänzen. Sogar Universitäten, die sich vor allem auf die Lehre konzentrieren, wären denkbar. »In den USA tummeln sich nur sechs oder sieben Unis in der medizinischen Spitzenforschung, die übrigen sind auf den Studentenunterricht fokussiert«, berichtet Rüdiger Strehl.
Doch wer soll entscheiden, welche Hochschulen zur Forschungselite gehören sollen und welche quasi zu Fachhochschulen degradiert werden? Welche Fächer wichtig sind und welche nicht? Zumal einige Professoren über ihr Fach wachen wie Könige über ihr Land. Ihnen weniger Lehrstunden zu geben würde ihr Reich bedrohen, sagt Peter Dieter. »Solange sich in den Köpfen nichts ändert, kommen wir mit unseren Ideen nicht weiter.«
Also werden sich weiterhin Horden von Medizinstudenten von einem Fach zum nächsten hangeln, in Massenvorlesungen Fakten pauken, die ihnen unverständlich sind.
Und der Universität Witten/Herdecke bleibt nur noch eine Frist von sechs Wochen, um die Anforderungen des Wissenschaftsrats zu erfüllen, so entschied das Gremium am vergangenen Freitag. »Die Universität hat eine gewaltige Aufgabe vor sich. Sie sollte ihre Chance nutzen«, sagt Peter Strohschneider, Vorsitzender des Wissenschaftsrats. Sonst muss das Modell Witten endgültig weichen.
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- Datum 19.04.2007 - 06:18 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.05.2006
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