DIE BAHN Pünktlich auf Bahn eins
Ein kalter Kaffee im Bordbistro? Ein verspäteter ICE? Hartmut Mehdorn ist immer schuld. Beim Spaziergang mit Hanns-Bruno Kammertöns erzählt der Bahnchef, warum er sich nicht beeindrucken lässt
Das ist ganz nach seinem Geschmack. Hoch oben, unter dem Dach des Berliner Olympiastadions, in knapp dreißig Meter Höhe, hängen vier Männer luftig an dünnen Stahlseilen. Sanft schwingen sie hin und her und versuchen dabei, ein grünes Fifa-WM-Begrüßungsbanner aufzuspannen. Ein Job für Geduldige, ebenso erhaben wie beschwerlich. Also legt Hartmut Mehdorn interessiert den Kopf in den Nacken. Mit Behagen streift sein Ingenieursblick über all die weißen Stahlträger, diese wunderbaren Trossen und Bolzen. Dann wandert sein Blick die Seile hinauf. Klappt das da oben?
Wäre er etwas jünger, er ist jetzt 63, wäre seine Zeit nicht so knapp bemessen, sein Arbeitstag ist über 14 Stunden »mit Terminen durchgetaktet«, Mehdorn fände es reizvoll, bei den Arbeitern da oben vorbeizuschauen. »Soll ich hoch?«, fragt er in die Runde. »Kein Problem für mich.« Seine beiden Sicherheitsbeamten schauen sich an. Er meint es ernst. Er hat jetzt einen Tunnelblick.
Hartmut Mehdorn oder »Bahnchef« Mehdorn, beide Vornamen sind mittlerweile gebräuchlich, braucht nicht viel Zeit, um auf Temperatur zu kommen. Deshalb verzichtet er am Abend häufig auf die Mitfahrt in seinem gepanzerten Dienst-Mercedes. Er muss abkühlen, deshalb geht er lieber zu Fuß. Macht auf dem Weg vom Bahn-Tower am Potsdamer Platz zu seiner Wohnung am Tiergarten bisweilen noch einen Umweg, »schnell, mit strammem Schritt«, der Gesundheit, den Nerven zu Liebe. »Dabei klingt man aus, man hektikt dann nicht auch noch zu Hause herum.« Wenig später geht er zu Bett, »ich schlafe übrigens außergewöhnlich gut«. So selbstverständlich ist das nicht.
Seit gut sechs Jahren ist Hartmut Mehdorn Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn AG. Seitdem steht er verlässlich im Feuer, rangiert sein Name in den Rankings für die Performance deutscher Manager weit hinten.
Die Bahn ist Logistik-Weltmeister, »jedenfalls für Pakete ab 50 Kilo«
Im Zweifel ist es Mehdorn. Dieser Mann ist schuld. Er wird verantwortlich gemacht für jede Verspätung der Bahn, für jeden verpassten Anschlusszug, für jeden vergammelten Bahnhof. Mehdorn, der Watschenmann. Wer ihn kritisiert, kann sich kaum irren. Mehr als hundert Beschwerden kommen jeden Tag im 27. Stock des Berliner Bahntowers an, sei es, dass in einem Bordbistro eines IC der Kaffee zu kalt war, sei es, dass im Hauptbahnhof von Essen die Rolltreppen nicht gehen. Und die gehen eigentlich nie. Immer heißt es, Mehdorn, verdammt noch mal!
Er hält das aus. Andere leiden unter einem Glaskinn, Mehdorn hat seine Überzeugungen und drückt das Kreuz durch. »Eine Hose«, so sein etwas ungeschliffenes Credo, »zieht man sich nicht im Knien hoch«, das tue man besser im Stehen, »also übe ich den aufrechten Gang.«
Wenn ihn etwas stört, dann sind es jene Figuren in Politik und Wirtschaft, die, statt die Themen beim Namen zu nennen, die Dinge lieber »verpuscheln«. Typen, die in Denkerstuben sitzen, sich in ihren Negativ-Analysen überbieten und in ihren Sätzen gerne das Wort »müsste« unterbringen. Man müsste dieses machen oder jenes. Müsste! Immer nur müsste! Wenn er das schon hört! »Herrje noch mal, irgendeiner muss es tun.«
Ein paar Meter ist Mehdorn schweigend die blaue Tartanbahn des Stadions entlanggegangen. Die Bahn eins, ein angenehmer Spazierweg. Federnder Kunststoff unter den Füßen, weltrekordverdächtig. Dazu diese Kulisse der Tribünen. Man stelle sich vor, alle Reihen voll besetzt. Wellen von Applaus, ein idealer Ort zum Träumen? Weniger für Hartmut Mehdorn. Vor vielen Jahren hat er im Olympiastadion gesessen, als jemand einen Weltrekord lief. »Das war schon schön.« Aber eigentlich spricht er lieber über seine Eisenbahn.
In Höhe des Marathontores hält er deshalb an, das kleine »DB«-Emblem am Revers seines dunklen Anzuges funkelt für einen Moment in der Sonne. Ist sein Unternehmen womöglich unregierbar, ein Koloss, viel zu groß, um Reformen zuzulassen? Ist es ein ganzes System, das sich da beharrlich gegen die Modernisierung wehrt?
Diese Frage gefällt ihm. »Das System sperrt sich nicht, es folgt uns«, sagt der Bahnchef. Als er den Job antrat, standen 320000 Menschen auf der Gehaltsliste, gut und gerne 100000 Stellen habe man in den letzten zehn Jahren abgebaut, Streit mit den Gewerkschaften habe es deshalb nicht gegeben. »Wir sind viel besser als unser Image.« Die Bahn, wie er sie sieht, ist Klassenbester, »ein Champion«, wie Mehdorn meint.
Wenn die Kundschaft dies hier und da etwas anders sehen sollte, empfiehlt er einen Blick auf die Zahlen. 1,8 Milliarden Menschen habe die Bahn 2005 befördert, also nicht ganz fünf Millionen pro Tag, was in etwa der Zahl der Lufthansa-Passagiere pro Jahr entspräche. Diese Rechnung macht Mehdorn gerne auf, vor allem gegenüber jenen, die Flugzeuge generell für glamourös halten und Lokomotiven eher für das Gegenteil. Er weiß es besser. Bei Airbus saß er im Vorstand, war zuständig für die Qualitätskontrolle, brachte das Werk für die Montage nach Hamburg – aber deshalb für Flugzeuge ein Leben lang schwärmen?
Na ja, er hat es versucht, aus der Bahn so etwas wie eine Fluglinie zu machen, mit »Tickets«, mit »Bordbistros« und VIP-Lounges. Er hat versucht, die Bahnfahrer umzuerziehen. Sie sollten nur die Züge »buchen«, die gut für sie sind (und für die Bahn). Und zwar sechs Monate im Voraus, am besten die ICEs am Sonntag zwischen 7 und 9 Uhr.
»Die Wenigsten wissen, was wir alles tun«, so viel räumt er ein. Also trommelt er los, bescheinigt seinem Unternehmen den Titel des Logistik-Weltmeisters, »jedenfalls für Pakete ab 50 Kilo«. Niemand auf der Welt, der über ein größeres Internet-Portal verfüge, »mehr als 180 Millionen Klicks pro Monat«, niemand, der in Deutschland mehr Autos, mehr Fahrräder vermiete, der einen größeren Fuhrpark an Bussen besäße, »mehr als 10000«. Er hat die Zahlen doch alle im Kopf. Stolz macht ihn diese Vielfalt. Und weil das so ist, kann er zum Terminator werden, wenn da wieder einer »knurrend« daherkommt und all das Gute nicht sehen will.
Auf dem Rasen des Olympiastadions haben Fachkräfte inzwischen damit begonnen, eines der beiden Tore gewissenhaft auseinander zu nehmen. Jeder Knoten, jede Masche des Netzes, so scheint es, wird jetzt überprüft. Mehdorn ist stehen geblieben, stumm sieht er dem seltsamen Treiben zu.
In seinem Büro oben im Bahn-Tower, knapp unterhalb der Wolkendecke und an manchen Tagen auch darüber, greift der Bahnchef manchmal zu einem Fernglas und schaut rundum. So hat er die Baustelle am Lehrter Bahnhof unter Beobachtung, den Fernsehturm am Alex, eigentlich ganz Berlin-Mitte. Feuer, Blitz und Rauch über den Häusern, ist irgendwo etwas passiert, sehr wahrscheinlich, dass es Mehdorn als Erster sieht. Aber ein Tornetz? Es sieht so aus, als könnten die Arbeiten noch Stunden dauern.
Seine kräftigen Hände beginnen unwillkürlich zu kneten. Das passiert ihm öfter in Momenten von Anspannung oder Ungeduld. Erst ist es eher ein leichtes Massieren, dann wird es stärker und stärker, bis die Finger fast schmerzen müssen. Abrupt wendet er sich ab, er hat genug gesehen.
Von sich aus kommt er wieder auf die Bahn zu sprechen, auf jene, die sie nicht loben wollen, gerade jetzt, da das ganz große Bild zu malen ist, der Börsengang der Deutschen Bahn.
In den blauen Mappen mit den Zeitungskommentaren, die ihm seine Referenten am Morgen auf den Tisch packen, wiederholt sich die Empfehlung: Der Bahnchef müsste sich mehr um die Kunden kümmern, weniger um Investoren. Sei es drum. Doch irgendwann bei der Lektüre fiel Mehdorns Blick auf die Zeile »Bürger-Bahn statt Börsen-Wahn«. Wieder so ein Moment, in dem man fürchten muss, Mehdorn könnte auf der Stelle von der Kette gehen.
Bei allem Verständnis für den kleinen Bahnfahrer, für die Kläffer von Pro Bahn und wie sie alle heißen, 1994 sei die Bahnreform beschlossen worden, jetzt werde vollendet, was man damals wollte. »Ausländische Mitbewerber sind an der Börse, wir verlangen nichts anderes.«
In Zeiten der Globalisierung habe es keinen Sinn, die alten Zeiten zu beschwören, nach alter Manier nach dem Staat zu rufen. Nur wer »mit Scheuklappen knapp oberhalb der Grasnarbe« säße, könne dies tun. »Wenn wir jeden Bedenkenträger ernst nehmen würden, dann wäre die Bahn schon längst kaputt.« Nein, es ist so weit, Lufthansa, Post und Telekom haben es vorgemacht, »wir sind der Vierte und Letzte in dieser Reihe«.
Bittet man den Bahnchef um eine Selbstbeschreibung, dann benutzt er Begriffe wie pünktlich und zuverlässig, Adjektive, an die man gerne denkt, wenn man auf dem Bahnhof von Altenbeken eine Stunde auf die Weiterfahrt wartet. Jedenfalls, und darauf legt Mehdorn Wert, er sei »nicht listig«. Ein Manko in Berlin? Ob bei Anwendung von mehr Konzilianz und Charme die großen Dinge nicht manchmal sehr viel leichter von der Hand gingen?
»Ich brauche keinen Diplomatenpass«, erwidert Mehdorn. Trotzdem sei er wirklich nicht unhöflich. Mag ihn die Kanzlerin? Er reise jetzt mit Frau Merkel nach China. Man werde sicher viel miteinander reden. So wie es auch vor kurzem bei dem Trip nach Tomsk in Sibirien gewesen sei. Mehdorn ist sich sicher, die Kanzlerin wisse, dass die Bahn erfolgreich sei.
Manchmal würde er gern tauschen, am liebsten mit dem Porsche-Chef
Im Olympiastadion haben seine beiden Sicherheitsbeamten bereits Kurs auf die VIP-Lounge genommen. Eine Pressekonferenz, noch wenige Minuten. Bei der Gelegenheit wird Hartmut Mehdorn den Journalisten berichten, dass die Deutsche Bahn nun die Bundesligamannschaft von Hertha BSC unterstützt. Hostessen stehen bereit, die Tische sind gedeckt, Manager Dieter Hoeness erwartet den Bahnchef gerne. Unten auf der Tartanbahn kommt Mehdorn noch einmal auf die Ranglisten für die deutschen Manager zu sprechen.
Er erwähnt Wendelin Wiedeking von Porsche. In den Rankings ist der Auto-Chef stets ganz oben. Mehdorn mag Wiedeking, er habe »eine Kragenweite«, die ihm gefalle. Manchmal fährt er deshalb auf einen Abend nach Stuttgart. Dann bewegen sie zusammen die alten Sportwagen, die dort im Museum stehen.
Wieder zurück in Berlin, verspürt der Bahnchef keineswegs den Wunsch auf einen Porsche. Aber wie es wäre, mit Wiedeking zu tauschen, daran denkt er manchmal schon. »Dann wäre ich Manager des Jahres und er der Buhmann der Nation.« Mehdorn überlegt einen Moment, dann wird ihm klar, zielführend ist diese Überlegung nicht. Abgesehen davon, er muss jetzt zu Hertha.
Ob er nicht gerne einen Kopf größer wäre, ist der Bahnchef mal gefragt worden. Nein, hat er da geantwortet. Er gehöre nunmal zu den kleinen Dicken. »Aber ich war immer flinker.« Mehdorn lacht, die Antwort findet er gelungen. »Gehen Sie davon aus, ich bin schneller wieder in einem Haus drin, als man mich im ersten Stock aus dem Fenster werfen kann.« Dann eilt der Bahnchef auch schon die Tribünen des Olympiastadions hinauf.
- Datum 04.02.2009 - 18:41 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 24.05.2006 Nr.22
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Hat man schon alles vergessen? Wie Mehdorn mit seinem (aus der Flugzeug-Philosophie kommenden) "Neuen Tarifsystem", von dem er sich starrsinnig keinen Zentimeter wegbewegen wollte ("Die Bahncard 50 kommt sicher nicht wieder!"), den Fernverkehr der Bahn nachhaltig (bis heute!!) geschädigt hat?
Und wie er dann als "Belohnung", aber eigentlich als Garant für die ungebrochene Alt-Sozialisten-Einflußnahme auf die Bahn vorzeitig eine Vertragsverlängerung erhielt?
Natürlich ist es unmodern, ein Verkehrssystem zu betreiben, mit dem (auch oder vor allem) Leute fahren, die sich kein Auto leisten können oder wollen! Da ist es doch viel schicker, für das Traumpublikum eines jeden Bahnunternehmens zu arbeiten: Den Manager, für den der Fahrpreis keine Rolle spielt, für den die Sekretärin online Wochen vorher bucht, der möglichst schnell in der ersten Klasse von Metropole zu Metropole zischen will. Leider: SOLCHE PASSAGIÈRE GIBT ES ZU WENIGE! Wann werden die Verantwortlichen das begreifen?
\N
Allein die Tatsache, daß Herr Mehdorn immer noch Vorstandsvorsitzender ist läßt Zweifel aufkommen, ob die Deutsche Bahn schon ein selbstständiges, Freimarkt-taugliches Unternehmen ist. Wenn man ihn von Globalisierung und Rückzug des Staates aus seinem "Champion" schwärmen hört und gleichzeitig die staatlichen Milliardentransfers zugunsten der Bahn vor Augen hat, wird man unweigerlich an einen 30jährigen erinnert, der auf internationalem Parkett den toughen Geschäftsmann spielen will, sich aber zu Hause noch von Mutti die Wäsche waschen läßt.
Im Ernst: Reicht es allein, völlig Kritik-indolent zu sein, um ein Unternehmen dieser Bedeutung und Größe zu lenken?
Vermutlich wollte Herr Kammertöns mit diesem Artikel nicht mehr, als einen kurzen Eindruck von der Person Mehdorns wiedergeben; die ZEIT-Ausgabe enthielt ja noch andere, informativere Artikel zum Thema Bahn.
Zum Thema Bahn sollte einer großen Redaktion wie der der Zeit doch mehr einfallen als ein paar Beobachtungsaufsätze wie sie im Bahnmagazin monatlich in gleicher Form zu lesen sind. Offensichtlich war das vorgegebene verbindende Element der über die Ausgabe verteilten Artikelchen, die Bahn nicht in antiquierter Form zu kritisieren. Dabei hat sich noch kein Journalist die Mühe einer umfassenden Generalkritik gemacht, die sich so viele der zitierten Beschwerdebriefschreiber mal wünschen würden und die den Bahnchef aus seinem selbstverliebten Wolkenkuckucksheim holen könnte. Bei der Bahn selbst gibt es keine ernst zu nehmende Anlaufstelle für Beschwerden. Sonst würden sie ja nicht bei Herrn Mehdorn persönlich landen.
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