AussenpolitikDas Match beginnt

Angela Merkel in Peking: China ist für Deutschland mehr Konkurrent als Kunde – und schert sich wenig um Kritik aus dem Westen

Peking

Man wüsste gern, was Chinesen über Deutsche denken. Aber das ist nicht leicht herauszufinden, wegen der Sprachbarrieren. Und wegen der kulturellen Differenz: Es wird nicht sehr direkt gesprochen im Land des Lächelns. Immerhin lässt sich aus den Worten ein bisschen was ablesen. So sagen chinesische Politiker zu deutschen Kanzlern gern, es gebe zwischen beiden Ländern keine »historischen Belastungen«. Soll vermutlich heißen: »Wir sind das einzige wichtige Land auf der Welt, gegen das ihr noch keine Weltkriege geführt habt.«

Das ist sicher freundlich gemeint, verkennt jedoch, dass Deutschland international schon länger nicht mehr so unter seiner Vergangenheit leidet. Auch die Wiedervereinigung wird nun öfter erwähnt, als Vorbild für einen friedlichen Zusammenschluss der Volksrepublik China mit Taiwan. Das klingt gut, lässt allerdings die Größenverhältnisse außer Acht. Schließlich haben wir uns nicht mit Luxemburg wiedervereinigt. Ob Pekings Ein-China-Politik so friedlich endet wie die deutsche Einheit, scheint daher fraglich.

Global agierende Konzernchefs standen wie Konfirmanden herum

Nicht zuletzt vermittelte die Chinareise von Angela Merkel den Eindruck, als hätten die Chinesen ein deutlich positiveres Deutschlandbild als die Deutschen selbst. Doch kann auch dieses Kompliment taktisch motiviert sein, nach dem Motto: »Deutschland ist stark genug, dem immer noch armen China Entwicklungshilfe zu gewähren und sich derweil beim Technologietransfer ausgiebig beklauen zu lassen.«

Für diese Lesart würde ein Bonmot sprechen, das Chinesen gelegentlich scherzhaft anbringen. Der Westen, sagen sie, befinde sich in der Situation des Römischen Reiches in seiner letzten Phase, und China würde demnächst seine Stelle als globale Führungsmacht einnehmen. Über diesen kleinen Scherz lacht im Westen keiner mehr, die deutsche Kanzlerin am allerwenigsten. So freundlich sie den Chinesen bei ihrem Antrittsbesuch auch begegnete, so genau taxierte sie im Gegenüber auch den globalen Konkurrenten.

Erkennbar führt das überkommene deutsche Chinaklischee nicht mehr weit. Die Kanzlerreise nach der Art Kohl/Schröder ist passé. Merkels Vorgänger haben das Riesenland vor allem als Kunden betrachtet. Das Besuchsziel bestand dementsprechend darin, durch Visiten der Volksarmee (Kohl) oder mit der Forderung nach Aufhebung des EU-Waffenembargos (Schröder) gute Stimmung zu machen, diese dann nicht durch allzu viel Menschenrechteln zu verderben, um schließlich möglichst viele Wirtschaftsverträge vor laufenden Kameras zu unterschreiben. Auch diesmal wurde wieder fleißig unterzeichnet, doch nicht so viel wie früher. Und die Zeremonie tendierte schon sehr ins Satirische.

Global agierende Konzernchefs standen wie Konfirmanden in der Schlange, um nacheinander unter wohlgefälligem Beifall der deutschen Kanzlerin und des chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao ihre Unterschriften abzuleisten. Die milliardenschweren Chefs sahen dabei aus wie Laiendarsteller ihrer selbst. Doch zeigte sich das allmähliche Aussterben des Genres Vertragsunterzeichnung auf Chinareisen noch handfester.

Die chinesische Seite versuchte eine hohe Summe allein dafür rauszuschlagen, dass der Transrapid-Verkauf beim Besuch der Kanzlerin unter Dach und Fach kommt. Darauf hat sie sich nicht eingelassen. Ohnehin kann eine dynamische Weltwirtschaft sich kaum mehr nach den Zeitplänen von Regierungschefs richten.

Etwas in der Krise scheint jedoch auch das Genre menschenrechtlicher Appell. Angela Merkel hat in Peking – wie schon in Moskau – symbolisch mehr getan als ihre Vorgänger. Doch regt das in China schon niemanden mehr auf. Der Ministerpräsident erzählte in einer Pressekonferenz, auf dieses Thema angesprochen, man habe schon sieben Menschenrechtsdialoge mit den Deutschen geführt. Sieben! Das humanistische Plansoll ist also erfüllt. Ob sich dadurch real etwas ändert? Nächste Frage!

Es gibt auf diesem Gebiet eine neue Gelassenheit bei den Chinesen. Insofern ist die Frage, ob man auch mit mehr Kritik noch gute Geschäfte machen kann, beantwortet. Gerhard Schröder und Helmut Kohl sind widerlegt. Doch steckt hinter dem neuen Lächeln der Chinesen auch ein neues Selbstbewusstsein. Der Westen ist nicht mehr so mächtig, Chinas Einfluss hingegen wächst täglich. Merkels Reise führte sie darum nicht mehr zu einem etwas ungezogenen Großkunden, sondern zu einer neuen Weltmacht.

Merkels kühler Blick sieht die Chinesen dabei allerdings auch als neue Ausbeuter. So wie sie geistiges Eigentum anderer stehlen, agieren sie in den krisenhaften Ölregionen allein als energiehungrige Macht und als Stabilitätskonsumenten. Sie überlassen es lieber dem Westen, sich im Mittleren Osten um Ordnung zu bemühen. Widersprüchlich sind die Schlussfolgerungen, die die Bundeskanzlerin daraus zieht. Denn sie sieht durchaus, dass die Chinesen in Afrika, Arabien und Lateinamerika immer mehr tun, um sich dort die Zugänge zu den Rohstoffen zu sichern. Was verlangt Merkel also noch? Offenbar sieht sie einen Unterschied zwischen einer Politik im eigenen nationalen Interesse und einer Politik aus reinem Eigennutz. Nur, wie weit trägt diese Differenzierung?

Während Merkels Chinareise wurde bekannt, dass sich Russen und Chinesen im Juni mit dem iranischen Präsidenten Ahmadineschad in Shanghai treffen wollen. Peking würde damit globale Verantwortung übernehmen. Fragt sich jedoch, zu wessen Nutzen und mit welchem Ausgang. Fragt sich auch, ob das dem Westen sehr behaglich sein wird, wenn er alsbald atem- und tatenlos nach Shanghai gucken muss, ökonomisch sowieso, dann auch noch politisch.

Die eigentliche Konkurrenz mit China wird, auch das war auf der Reise zu beobachten, ein Systemkonflikt – zwischen Kapitalismus mit Demokratie und Kapitalismus ohne Demokratie. Die chinesische Führung hat beschlossen, ihre Herrschaftsideologie neu zu designen, aus Raider wird Twix, aus totalitärem Kommunismus wird harmonischer Konfuzianismus. Das könnte einen Unterschied machen. Muss aber nicht. Denn auch bei der Harmonie des Volkes ist immer die Frage: Wer harmonisiert wen? Und wer trägt dabei ein Gewehr? Doch selbst wenn sich aus dieser Imageverbesserung für alle Erleichterungen ergeben, so lässt sich die Führung in Peking in einem nicht beirren: Sie glaubt fest an die Steuerbarkeit von Politik, sie zweifelt zutiefst an checks and balances, sie glaubt stur, ihr Riesenreich von oben nach unten führen zu können.

Das Bild der Chinesen von uns schillert, unseres von ihnen auch

Wenn das stimmt, dann geht es um die Frage, ob die hoch entwickelten Demokratien des Westens nicht nur moralisch wertvoller sind, sondern ob Freiheit und Individualismus sie auch stärker, vitaler und effizienter machen.

Das Bild der Chinesen von uns schillert. Unseres von ihnen auch. Das sind Zeichen von Fremdheit, aber noch mehr von Umbruch. Angela Merkel modifiziert in Ostasien die deutsche Außenpolitik, die neue Systemkonkurrenz wird die deutsche Politik revolutionieren.

 
Leserkommentare
    • REIMSG
    • 25.05.2006 um 12:55 Uhr

    Da erdreisten sich doch die dummen kleinen Chinesen tatsächlich, von der Rolle des staunenden Kunden in die des aggressiven Lieferanten zu wechseln, ohne uns zu fragen.
    Was für ein Glück, daß wir so eine toughe Kanzlerin Angela Merkel und so einen toughen Beobachter Bernd Ullrich haben.
    Die werden ihnen schon auf die Finger klopfen , nicht nur beim Ideenklau, sondern auch bei der Einhaltung der Menschenrechte.
    Sind es doch schließlich die auf zweihundert Jahre alten Ideen fußenden hochentwickelten Demokratien des Westens, , die den unterentwickelten Chinesen, deren Ideen von Regierungskunst ja letzlich nur ein paar tausend Jahre alt sind, zeigen werden, wo der Hammer hängt.
    Danken wir Gott für Angela Merkel und Bernd Ullrich.

  1. Es hat lange gedauert, aber nun scheint es den Deutschen zu dämmern: Wir sind nicht der (ökonomische) Mittelpunkt der Welt. Exportweltmeister sind wir nur noch auf dem Papier, da die exportierten Produkte nicht mehr in Deutschland hergestellt werden. Das reichste Land Europas sind wir schon lange nicht mehr, beim BIP/Einwohner sogar knapp unter EU-Durchschnitt. Natürlich ist das großenteils der Wiedervereinigung und anderen externen Faktoren geschuldet, aber das ändert doch nichts. Mit diesem Land geht es bergab, und da muss man zusehen, dass die eigenen Interessen erkannt und verfolgt werden. Die hierzulande immer noch verbreitete Arroganz führt aber leider dazu, dass "Ausland" gleichgesetzt wird mit "Entwicklungsland". Die Spanier freut's, denn die Milliarden an EU-Geldern nehmen die gerne mit. Die Briten freut's, denn so lässt es sich leichter am Rabatt festhalten. Unsere französischen Freunde freut's, denn so können die ihre Bauern bezahlen. Und die Chinesen freut's neuerdings auch. Jedes Jahr kommen tausende junge Chinesen hierher und studieren kostenlos an unseren maroden deutschen Unis Informatik/Elektrotechnik/Maschinenbau. (Es würden sogar noch viel mehr kommen, allein an der TU Darmstadt bewerben sich pro Jahr 10.000 Chinesen). Nach dem Studium kehren die dann in die Heimat zurück und machen uns die Jobs streitig. Kopieren müssen sie uns bald nicht mehr, denn wie ein Auto gebaut wird, haben sie ja selbst in Deutschland gelernt. Das Ganze wird obendrein finanziert mit dem Geld der deutschen Steuerzahler.

  2. Geht es nach dem rein durch die Bevölkerungszahl unglaublichen Übergewicht der zwei asiatischen Weltmächte China und Indien, dann können wir zukünftig wohl nur noch unsere Unterlegenheit akzeptieren und die Menschen dieser Länder dazu einladen, bei uns im alten Europa irgendwann mal "billig" Urlaub zu machen. Entspannung auf diese Art im Konflikt der Kulturen zu erzeugen, das hätte wahrlich schon fast etwas Kulturrevolutionäres.

    Wir im Abendland, die wieder einmal offenbar lieber von der Substanz zehren wollen, statt einen Wettbewerb auszufechten, der ohnehin nicht gewonnen werden kann, täten damit sogar das einzig Richtige.

    Das Bild von Europa und dem Westen, der vom Rest der Welt endlich einmal vorgeführt werden kann, nachdem sich die Völker der Welt durch die Jahrhunderte hindurch nach Europa und Amerika richten musste, sollte ruhig einmal zum Thema einer Weltausstellung gemacht werden. Denn als sich auf der Weltausstellung 2000 in Hannover alles um das Thema "Mensch, Natur, Technik" drehen sollte, da haben die Konzernlenker, die jetzt von Bernd Ullrich als ratlose Konfirmanden beschrieben werden, noch allesamt ihrem eigenen Grössenwahn gehuldigt.

    Der Freihandel allerdings, von dem sich die "Cracks des Commerzes" soviel versprochen haben, wird in diktatorisch gelenkten Volkswirtschaften doch nur noch mitleidig belächelt. Lassen wir sie also lächeln, gönnen wir den Chinesen ihr "aitotei" in Schanghai, ihre Rolex am River Kwai, ihren Datsun in Changchun.

    Dass Freihandel auch arm machen kann, das wird die Willy Brandt in ihrer ersten Regierungserklärung so frei zitierende Kanzlerin wohl als Erkenntnis von Peking aus mit nach Hause nehmen müssen. Die Freiheit, die wir meinen, wird sich dagegen nur durch konsequente Beschäftigung mit den europäischen Mentalitäten und deren Menschen retten lassen.

    Ein Blick über die kalte Schulter sollte also in Zukunft genügen, wenn wieder einmal die gelben und roten Gefahren heraufbeschworen werden, denn nur mit dieser Haltung wird sich die Zukunft hierzulande meistern lassen, die ganz wesentlich von der Lösung der Energieprobleme und der Überwindung des autoritären Weltgeistes abhängt.

  3. Zitat: [So sagen chinesische Politiker zu deutschen Kanzlern gern, es gebe zwischen beiden Ländern keine »historischen Belastungen«. Soll vermutlich heißen: »Wir sind das einzige wichtige Land auf der Welt, gegen das ihr noch keine Weltkriege geführt habt.«]

    Wir haben also die weiße Weste.

    Es spricht für die asiatische Höflichkeit manches zu verschweigen:

    Vorwurf der Chinesen (noch heute):
    Wir Deutschen sollen unter Wilhelm II. (Sept. 1900) mit daran beteiligt gewesen sein den Sommerpalast in Beijing zerstört zu haben und an grausamen Plünderungen beteiligt gewesen zu sein. (Kulturerbe erster Güte). Unter Führung von Feldmarschall Alfred Graf von Waldersee.

    In privaten Gesprächen vor Ort habe ich diese Geschichte immer und immer wieder zu hören bekommen. Das ist bei den (Peking-)Chinesen noch nicht vergessen, ist wohl auch nicht ausgesühnt.

    Sicher würde es unsere Kulturellen Beziehungen und Ansehen stärken, hier eine kleine „Wiedergutmachung“ wenigstens symbolisch zu machen.

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    @BGrabe Zitat: [Der Artikel macht mal wieder deutlich, das langfristige Vorstellungen und kulturelle Eigenheiten wesentlich beständiger sind, als wir das wahrhaben wollen.]
    Hier muss ich ihnen zustimmen, besonders bei den traditionsbewußten Chinesen. Wir werden immer wieder von der eigenen Geschichte eingeholt.

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    Siehe auch (wikipedia) Suchbegriffe:

    1.) „Alter Sommerpalast (Peking)“ (1860)
    2.) „Opiumkriege“ (1839-1842) und (1856-1860)
    3.) „Boxeraufstand“ (1900)

    Zitat: Gleichzeitig begannen die alliierten Truppen damit, "Strafexpeditionen" gegen "Boxernester" durchzuführen und so den letzten Widerstand zu brechen. Diese Operationen standen seit Ende September (1900) unter dem Befehl des "Weltmarschalls" Feldmarschall Alfred Graf von Waldersee, der auf Betreiben Wilhelms II. zum Oberkommandierenden der alliierten Streitkräfte ernannt worden war. Bei ihren Operationen ließen sich die alliierten Truppen brutale Ausschreitungen gegen die chinesische Bevölkerung zuschulden kommen. Ihr Ziel bestand darin, Terror zu verbreiten und dadurch die Chinesen von einer zukünftigen Erhebung gegen die Ausländer abzuschrecken.

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    • DJGHH
    • 24.05.2006 um 11:46 Uhr

    @stephanhong Wenn man oben angekommen ist, weht der Wind etwas rauer. Und dass es nicht nur bei uns so ist, aber auch in USA und UK, kann man in anderen Foren nachlesen. Z.B. momentan auf der BBC „Have your say“. In Südostasien, also in direkter Nachbarschaft, begegnet man die Chinesen noch feindseliger (siehe zuletzt Solomon Inseln). Trotzdem für mich seid ihr willkommen, genauso wie ich als Europäer in China willkommen bin.
    Das Problem mit China und Indien ist in meinen Augen, dass sie keine neuen gesellschaftlichen Werte vermitteln, außer Geldgier vielleicht – das propagieren die Chinesen über sich selbst (btw. ich spreche auch etwas Chinesisch, wenn auch nicht flißend). Das war mit USA oder Russland anders. Deshalb war es für uns einfacher sie als „führende“ Nationen zu akzeptieren.
    Trotzdem finde ich die meisten unserer Probleme mit diesen Ländern hausgemacht. Handelsbeschränkungen werden uns (nicht mehr) weiter bringen. Intellectual Property Rights auch nicht, da sie auch unsere kleinen und mittleren Unternehmen behindern und die ganze Open Source Bewegung so in Frage stellen. (zu recht der Widerstand im EU-Parlament). Später sogar die Abhängigkeit von Asien erhöhen können. Wir sollten also aufhören über China und Indien zu lamentieren und uns auf uns selbst konzentrieren, z.B. indem man das extreme neoliberale Gedankengut in den Müll befördert, mehr Demokratie (Volksbefragung) und Freiheit (trotzt Terror) einführt und sich der Gesellschaft als ganzes zuwendet. D.h. „Back to roots“

  4. Dass China nicht darauf aus ist, die Welt für alle ein Stückchen gerechter zu machen, wen überrascht es?
    Geht es denn nicht allen, egal ob Individuum oder Gruppe, letztendlich darum, die eigene Position zu verbessern?
    Ist nicht gerade der Kommunismus Marxscher Prägung aus dieser Einsicht heraus entstanden? Spiegeln die internationalen Beziehungen nicht den individuellen Kampf der Menschen um ihre Position in einer Gruppe und den Willen zur Macht wider? Behruht nicht gerade der Lebensstandard im Westen darauf, die anderen Völker und Nationen über die letzten Jahrhuunderte auf Grund materieller und wisenschaftlicher Überlegenheit
    dominiert haben zu können?
    Wen wundert es also, dass China materialistisch wie der Westen reagiert, und mit allen Mitteln versucht, grösstmögliche globale Domination zu erreichen. Denn nur das verspricht wirkliche Unabhängigkeit und somit materiellen Reichtum.
    Statt also das Handeln der chinesischen Führung und Elite moralisch zu brandmarken, wäre es wohl besser strategischer und klüger zu reagieren. Will heissen, weniger Gier und kurzfristiges Gewinndenken und mehr langfristige Überlegung und Planung, auch unter Inkaufnahme eventueller unmitelbarer materileller Einbusen.
    Aber eine derartige Überlegung widerspräche diametral dem Kapitalismus. Dieser ist doch letztlich nichts anderes, als die unendliche Multiplikation individuellen materialistischen Denkens und Handelns. Mao und Smith liegen also nicht so weit von einander entfernt.
    Und es ist vielleicht gerade die ordnende Hand, die den nach dem Ende der kommunistischen Diktaturen neu entstandenen Machtstrukturen und Lebenswirklichkeiten abgeht und not täte.
    Aber hier beisst sich die Katze in den Schwanz, denn es ist ja grerade das extreme kapitalistische Denken, welches den "Erfolg" des Westens seit der Epoche des Kolonialismus und der wirtschaftlichen Expansion, euphemistisch auch Zeitalter der Entdecker genannt, ausmacht.

  5. - und die Lächerlichkeit folgt wohl auf dem Fuße. Wir werden belächelt.
    Ist die entwickelte Wirtschaft unserer Kultur auf die entwickelte Kultur der asiatischen Völker angewiesen? Hilft dies bei der Lösung unserer umfassenden Probleme der Identitätsfrage? Und bei der Beantwortung der Frage Was für Wen? Die Gewinne der Firmen dort, ob nun SIENENS oder SIEMENS geschrieben - sollten hier bleiben und können das nicht mehr. Vielleicht können wir nicht mehr anders, als uns in die Bedingungen der "anderen" zu ordnen. Freude sollte bei uns hochkommen, wenn dies weiterhin friedlich geschieht - zumindest im Verhältnis zu Asien. Alles andere wird - nach unseren Werten gemessen - wohl eher ein Trauerspiel.
    Empfehle Konrad Seitz, ein Botschafter und guter Historiker und Kenner des Landes. Allerdings - und dies gebe ich zu bedenken; wo und wann war es denn schon einmal so, dass unser Wissen uns trieb. Millionen an Toten durch Kriege unserer Kultur und diese Zahlen laufen weiter - und auf der anderen Seite Hinweise zu Menschenrechtsfragen. Das Lächeln wird zum Sarkasmus. Wir sind immer noch die Barbaren aus der konfuzianischen Zeit Chinas.

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