Aus allen Gegenden der Republik sind sie herbeigekommen, die Gesandten der Bundesländer, ihre Stimmen liegen schonend in Öl, die Noten stecken griffbereit im Gedächtnis. Kiel ist für eine Woche das Prüfzentrum des Ensemblegesangs, der deutsche Chorwettbewerb hat gerufen, Zuhörer und Juroren erfreuten sich an lauter Meistersingern. Gemischte Chöre, Frauenchöre, Männerchöre, Jugendchöre, Mädchenchöre, Knabenchöre, Kinderchöre, Jazzchöre, alle bereits Preisträger auf Landesebene, singen Musik von Monteverdi bis Chick Corea. Bis in die kleinste Stimmritze haben die Chöre zuvor alle Unwägbarkeiten weggefegt, doch die letzten Fragen sind vor Kiel offen geblieben: Wie wird der Saal klingen? Wie finde ich mich als Sänger in ihm zurecht? BILD

Harald Jers hat hart gearbeitet, damit diese Fragen ihm und seinem Kammerchor Consono – er ist in Kiel als Vertreter Nordrhein-Westfalens einer der Finalisten bei den gemischten Chören – kein Kopfzerbrechen bereiten. Jers ist nicht nur Chorleiter, sondern auch Physiker. Er hat seine Sängerinnen und Sänger mit einer Unerbittlichkeit, die an freundliche Schikane grenzt, das Hören neu gelehrt. Der 33-Jährige weiß, was mit dem Klang passiert, wenn er den menschlichen Körper verlässt. In welche Richtungen er sich mit welcher Intensität ausbreitet. Was ihn bremst. Was ihn befördert.

Die Töne des Tenors gehen im Haar der Sopranistin verloren

Vor allem weiß der Akustiker Jers, wie er seine Sänger aufstellen muss. Für viele Chorleiter scheint das ein läppischer Vorgang zu sein, wenn ein Neuling kommt: Stellen Sie sich mal hierhin, dicht neben Herrn Müller und hinter Frau Schmitz! Dort steht der Kantonist bis ans Ende seiner Tage. Ob es der beste Ort für ihn ist? Der Rheinländer Jers lächelt ein wenig, wenn er solche Regularien der Zuordnung erlebt. Er weiß, dass eine menschliche Stimme nicht grenzenlos mit anderen kombinierbar ist. Ein Novize im Chor wird den Könner an seiner Seite womöglich so dominant erleben, dass er Mühe hat, sich selbst zu hören. Stehen gar zwei Schreihanseln auf einem Fleck, können sie im Überbietungseifer den ganzen Chor lahmlegen. Gefährlich ist es auch, wenn zwei ähnlich timbrierte Stimmen nebeneinander stehen. Dann droht das Phänomen des Differenztons, bei dem eine heimtückische, sehr irritierende Nebenschwingung als Wahrnehmungsfalle entsteht.

Das sind physikalische Allerweltsweisheiten, die jedoch in ein mächtiges Delta denkbarer Kombinationen fließen. Da muss ein Physiker wie Jers ordnend eingreifen. Längst weiß er, wie jede einzelne Stimme in seinem Chor klingt, und oft verweigert er Neulingen eine erfahrene Stütze an ihrer Seite, die ihnen ins Ohr tutet. Das Ergebnis ist verblüffend: Bald hören sie sich selbst besser, sie werden sicherer. Überhaupt ist Abstand eine der bevorzugten Kategorien in Jers’ didaktischem System. Ein Zauberwort heißt circumambient spacing; es bedeutet die größere Entfernung von Sänger zu Sänger, und zwar in alle Richtungen: nach vorn, zur Seite, nach hinten. Allzu große Geschlossenheit nach Art einer Freistoßmauer ist manchmal schädlich, und wenn sich die schönsten Töne eines Tenors im Haupthaar der vor ihm stehenden Sopranistin verfangen, sind sie – gedämpft durch Reflexion und Absorption – für den Chorklang verloren. Aus diesem Grund sollten Chorpodeste, sagt der Physiker Jers, mindestens 40 Zentimeter hoch sein. Und die Sänger müssten aufpassen, dass sie die Notenmappen nicht zu hoch halten, sondern im richtigen Winkel.

Aber vielleicht schluckt die zweite Reihe bei zu großer Nähe auch den Klang der ersten? Jeder Ton ist erst einmal Schall, und den behandelt Jers, der Naturwissenschaftler mit Dirigierexamen und Gesangsausbildung, als physikalische Erscheinung. In aufwändigen Studien hat er Surround-Messungen rund um einen singenden Sängerkopf angestellt und gezeigt, wie laut und schallintensiv die einzelnen Grund- und Obertöne, deren individuelle Lautstärken bei jedem Ton die Klangfarbe bilden, um diesen Kopf herum klingen. Kuriosum dieser Abstrahlcharakteristik: An Nacken und Hinterkopf des Sängers ist der Ton nicht unbedingt leiser als in der Nähe von Nase und Wangen; die Teiltöne sind im Schalldruck nur anders gewichtet. Jeder Teilton besitzt ein höchst individuelles Abstrahlverhalten; Teiltöne mit tiefer Frequenz verteilen sich nahezu gleichförmig nach allen Seiten um den Kopf herum, bei mittleren und hohen Frequenzen entstehen Verstärkungs- und Auslöschungsmuster, die je nach Frequenz zu einem maximalen Schallpegel nach vorn, nach unten, zu den Seiten, nach oben oder sogar nach hinten führen. Dafür sind Beugungs- und Reflexionseffekte an Nase, Ohren, Schultern und Oberkörper des Sängers verantwortlich.

Will Jers Männerstimmen aus dem ewigen Drama der akustischen Hinterbänkler befreien, dann holt er sie in die erste Reihe (das gilt als Lehrformel vor allem für Chöre mit merklich weniger Männer- als Frauenstimmen). Oder er schafft die Geschlechterbastionen ab. Im gemischten Chor – mit Sopran (S), Alt (A), Tenor (T) und Bass (B) – gibt es viele intelligente Aufstellungsmöglichkeiten, etwa die halb gemischte Blockformation. In der Kurzschrift des Dirigenten liest sie sich bei einem 32-stimmigen, in zwei Reihen stehenden Chor so: S-B-S-B-S-B-S-B-A-T-A-T-A-T-A-T.