Warum tut sich der Mann das an? Er stapft durch den nächtlichen Winterwald und führt das Team von Focus TV an die Stelle, an der seine Tochter vor einem halben Jahr ermordet worden ist. »Hier hat er sie vergewaltigt«, sagt er und deutet, mit den Tränen kämpfend, zu Boden. »Und dann ist Carolin in diese Richtung geflüchtet, nach anderthalb Stunden Folter«, der Vater zeigt durch die Bäume und schreitet – beleuchtet von der Kameralampe – weiter durch den Schnee: »Ihre letzten 21 Meter.«

Er bleibt stehen und blickt wieder hinunter: »Hier hat er sie zermetzelt und zerschlagen.« Auf der Erde ist davon keine Spur mehr zu erkennen, deshalb hält die Kamera auf das verzweifelte Gesicht des Vaters. Später wird auch die Mutter mit erstorbenen Augen von ihrem Leben berichten, das keines mehr ist.

Der Zuschauer wird bombardiert mit Videoaufnahmen aus den glücklichen Tagen der Familie. Er wird miterleben, wie lieb Carolin ihre Eltern hatte und was für ein vielversprechendes Mädchen sie war. Anrührende Szenen, schluchzende Musik. Irgendwann wird auch der Begriffsstutzigste begreifen, dass es ein Monster gewesen sein muss, das dieses Unheil angerichtet hat.

»Chronik eines vermeidbaren Verbrechens«, nannte Focus TV diesen Beitrag, der am 20. Februar auf Sat.1 ausgestrahlt wurde – und gerade solche Sendungen tragen am allerwenigsten dazu bei, Verbrechen wie dieses künftig zu vermeiden. Trotzdem ist diese Art der Berichterstattung inzwischen üblich geworden, wenn es auf dem Bildschirm um Kriminalität und vor allem um Delikte gegen Leib und Leben geht: Das Thema wird gefühlsgeladen präsentiert, es wird mit allen Mitteln Stimmung gemacht gegen einen, der ohnehin auf niemandes Unterstützung rechnen kann – den Täter. Das bringt Einschaltquoten und erzeugt bei allen Beteiligten ein gutes Gefühl und nebenbei politischen Druck auf die Justiz und den vermeintlich zu weichen Gesetzgeber. Bloß gedient ist damit niemandem – dem Recht nicht, der Öffentlichkeit nicht und am allerwenigsten den Opfern. Der Sender ist der Einzige, der profitiert – auch in Carolins schrecklichem Schicksal war noch ausreichend Platz für Werbung.

In Deutschland werden sehr wenige Sexualmorde begangen, es sind etwa 20 pro Jahr. Trotzdem wird fast jeder einzelne von einem Medienorchester begleitet, das den Eindruck vermittelt, die Republik sei ein Paradies für Gesetzlose, vor allem für Triebtäter. Auch der gewaltsame Tod der 16-jährigen Carolin am 15. Juli 2005 in der Nähe von Rostock war von Anfang an eine öffentliche Angelegenheit, zumal der Täter, Maik S., ein eben aus der Haft entlassener Sexualstraftäter war. »Jetzt ist es schreckliche Gewissheit: Schöne Carolin im Wald ermordet«, schrieb Bild kurz nach dem Verschwinden des Mädchens und druckte bald danach ein Foto des Verdächtigen S.: »Hier grillt er mit seiner Mama.«

Erforscht man den Werdegang dieses Maik S. näher, dann stößt man auf das Allerweltsschicksal eines Straftäters in Deutschland. So monströs sein Verbrechen den Eltern von Carolin erscheint – Maik S. war bis zu seiner Bluttat ein Vergewaltiger und kein Mörder gewesen. Er wurde von Staat und Justiz behandelt wie tausend andere Sexualverbrecher vor ihm und nach ihm: Er saß seine Strafe ab und wurde entlassen. Was ihn besonders macht, ist, dass er wenige Tage später das fremde Mädchen Carolin vom Fahrrad riss und kurz danach in einem Gewaltexzess tötete.

Gerade das Schicksal des Täters S. illustriert, wie scheinheilig in Deutschland Kriminalpolitik gemacht wird: Gestörte Jugendliche und verurteilte Sexualstraftäter bleiben sich selbst überlassen, die Behörden sind blind für das, was ihnen gegenüber nötig wäre, und taub für alle Alarmzeichen – aber dann, wenn sich die wachsende Störung der Delinquenten in schweren Straftaten entladen hat, dreschen die Volksvertreter – vom Bürgermeister bis zum Bundeskanzler – publikumswirksam auf diese besonders verachtete Tätergruppe ein und rufen nach schärferen Gesetzen, am besten gleich in die nächste Kamera. Das Muster wiederholt sich derzeit wieder und wieder überall in Deutschland. Und auch in Mecklenburg-Vorpommern, wo Maik S. einsaß.

S. ist von Anfang an ein schwieriger Mensch: Als siebtes Kind wird er in eine Unterschichtenfamilie bei Rostock hineingeboren. Die Eltern sind nicht mehr jung und bald zu schwach, um dem Sohn Grenzen zu setzen, zumal der starke Verhaltensauffälligkeiten entwickelt. Schon in der Grundschule schwänzt er und bleibt sitzen. Mit elf wird er in ein berüchtigtes DDR-Kinderheim für Schwererziehbare gesteckt, wo man seiner Störung mit Drill und Misshandlungen beizukommen sucht. Als Halbwüchsiger bricht er alle Ausbildungsversuche ab und tritt dafür polizeilich in Erscheinung: Seine Delikte sind zwar zahlreich, aber zunächst gewöhnliche Jugendstraftaten. Sie unterscheiden sich in nichts von denen Tausender anderer minderjähriger Straftäter, die später keine Mörder, sondern brave Familienväter werden. Körperverletzung, gemeinschaftlicher Raub im minder schweren Fall, Fahren ohne Führerschein, Hausfriedensbruch, Diebstahl. S. bekommt Jugendstrafe, Bewährung, Jugendstrafe. Die Haft beeindruckt ihn wenig.

Bereits mit 20 wird S. Vater. Die Beziehung zur Mutter des Kindes zerbricht, Maik S. verkraftet die Trennung schlecht. Als er gerade 21 ist, begeht er eine Vergewaltigung. Nach einem Streit mit seiner neuen Freundin entführt er als Anhalter spontan eine fremde junge Frau, zwingt sie, in einen Wald zu fahren, wo er sie drosselt und ihr mit der Faust ins Gesicht schlägt. Dann vergewaltigt er sie, fesselt sie an einen Baum und verlässt sie für eine Stunde. Die Frau kann sich befreien. Als S. zum Tatort zurückkehrt, ist sie verschwunden.

Im Frühjahr 1998 verurteilt das Landgericht Stralsund Maik S. zu einer Freiheitsstrafe von sieben Jahren. Trotz der uneingeschränkten Schuldfähigkeit des Angeklagten und der Brutalität seiner Tat rechnen die Richter ihm strafmildernd an, dass er ein umfassendes Geständnis abgelegt hat und Reue zeigt. Außerdem handelt es sich nach Ansicht der Richter bei ihm um einen »reifeverzögerten« und »sehr jungen Erwachsenen«, auf den das Jugendstrafrecht nur deshalb nicht angewandt werden kann, weil er schon über 21 Jahre ist.

Der psychiatrische Sachverständige Stefan Orlob diagnostiziert bei S. zwar diverse Störungen im Sozialverhalten, die eine drohende Entwicklung hin zu einer dissozialen Persönlichkeitsstörung andeuten könnten, stellt aber keine schwere seelische Abartigkeit fest. Im Urteil schließen die Richter aus den Ausführungen des Sachverständigen, dass S. durch gezielte Maßnahmen noch zu retten ist. Deshalb ordnen sie an: »Im Vollzug wird der Angeklagte dringend sozialtherapeutischer Hilfe bedürfen, um so die bei ihm festgestellten Defizite aufzuarbeiten.«

Die vom Gericht angeordnete Hilfe erhält Maik S. jedoch nicht. Im Mai 2002 – er sitzt bereits vier Jahre – beschwert er sich beim Justizministerium Mecklenburg-Vorpommerns: »Bedingt durch meine Straftat, wurde bei meiner Verurteilung eine Psychotherapie angeordnet. Ich bemühe mich schon seit 1998 um eine so genannte Therapie, aber vergebens.« Das Einzige, was ihm die Strafanstalt Bützow ermöglicht habe, seien drei Gespräche mit einem Psychologen gewesen, womit ihm aber nicht geholfen sei. »Ich strebe keine Vollzugslockerung oder die Verlegung in den offenen Vollzug an, sondern die Erreichung meines Vollzugsziels und das ist zum derzeitigen Zeitpunkt nicht möglich, da meine Bemühungen gar nicht ernst genommen werden.«

Mitte Juni bekommt S. Post von der Anstalt Bützow: »Die Notwendigkeit einer Psychotherapie besteht bei Ihnen nicht. Vielmehr ist bei Ihnen die Unterbringung in einer sozialtherapeutischen Einrichtung notwendig.« Die Störung und das Delikt des S. seien so schwer, fährt die Anstalt fort, dass es mit einer Psychotherapie nicht getan sei. »In einer sozialtherapeutischen Einrichtung hätten Sie vermutlich bereits erhebliche Fortschritte vorweisen können, da bei Ihnen eine ausreichende Motivation und die Eignung vorliegt.« Leider verfüge das Bundesland derzeit aber über keine derartige Einrichtung. Ein Angebot, ihn zur angeordneten Behandlung in ein anderes Bundesland zu verlegen, macht die Anstalt Maik S. nicht, obwohl so etwas möglich gewesen wäre. Die folgenden Anträge des S. auf vorzeitige Entlassung aus der ihm sinnlos erscheinenden Strafhaft werden immer wieder abgelehnt. Das Argument: Er sei ein unbehandelter Sexualstraftäter, dessen Gefährlichkeit fortbestehe.