Erfahrungsbericht Mein Jahr bei der Bahn

Kostenlose Zugfahrten, eine Briefmarkensammlung am Arbeitsplatz – und immer wieder Schnittchen: Was ich erlebte, als ich bei der Deutschen Bahn arbeitete

Im Jahre 1999 holte die Bahn zum einen Hartmut Mehdorn und zum anderen mich. Hartmut Mehdorn sollte als Chef die Bahn moderner machen, und ich sollte als Student meine Diplomarbeit schreiben. Nichts Ungewöhnliches, Ingenieure machen so etwas öfter. Von Juli 1999 bis September 2000 arbeitete ich im Berliner Büro der Deutschen Bahn. Dort wurde ich aufgenommen wie ein richtiger Mitarbeiter. Wahrscheinlich sagt es schon viel über mein Jahr bei der Bahn, dass mir meine Zeit dort im Rückblick viel kürzer erscheint: Was ich geschätzt in einem halben Jahr hätte schaffen können, dauerte in Wahrheit mehr als ein ganzes. Wie hat mich mein Jahr bei der Bahn verändert?

Mein Thema sollte das Energiesparen sein. Was mir mein Betreuer am ersten Tag in die Hände gab, war ein Organigramm der Bahn, DIN A4, eng bedruckt mit vielen Rauten und Kästchen, die alle irgendwelche Abteilungen und Unterabteilungen darstellten. Ein Kästchen hieß BUZ, Bahn-Umwelt-Zentrum, dort gehörte ich hin. Ich fühlte mich sofort sehr winzig.

Bald schon hießen wir nicht mehr BUZ, sondern TUT. Viele Abteilungen bekamen neue Namen, wahrscheinlich wollte es Mehdorn so. TUT fanden jedenfalls alle ein bisschen unangemessen, klang es doch eher nach Auto als nach Eisenbahn. Außerdem stand es für »Technischer Umweltschutz Technik« und war damit unter den vielen eigentümlichen Abkürzungen der Bahn eine besonders eigentümliche.

Ich hatte als Nochstudent ein Büro, in dem leicht vier Schreibtische Platz gefunden hätten. Ein Chef, dem dieses Zimmer eigentlich zugedacht war, empfand es im Sommer als zu sonnig. Mich störte das keinesfalls, und so konnte ich, wenn es gerade nichts zu denken gab, auf die Spree blicken und die Möwen betrachten. Außer einem Chefzimmer besaß ich noch die Fahrkarte A, einen Freifahrschein für alle Züge, auch für private Reisen. Es war ein Lappen aus einem Material zwischen Stoff und Papier, wie die ganz alten Führerscheine. Es gab darauf zwei Felder: das Feld »1. Klasse« und das Feld »2. Klasse«. Auf dem ersten davon war ein dicker Stempel. Das ist fein, dachte ich und machte mich bei meiner ersten Dienstreise in der 1. Klasse breit, bis mich irgendwann eine Schaffnerin dezent darauf hinwies, dass der Stempel auf der »1. Klasse« bedeutete, dass meine Fahrkarte für ebenjene Klasse nicht zugelassen war. »Man muss nicht immer alles verstehen«, sagte mir ein Kollege, den ich auf den seltsamen Stempel ansprach.

Außerdem wurde mir ein kostenloses Monatsticket der U-Bahn zuteil, mir wurden wertvolle Bahn-Federhalter angeboten, weniger wertvolle Bahn-Stoffbeutel und netterweise sogar Druckerpatronen für den heimischen Gebrauch. Ich genoss nach Tagen Privilegien, von denen ich gedacht hatte, man müsste sie sich über Jahrzehnte mühsam erarbeiten. Mir gefielen die Privilegien. Von nun an war ich ein Teil der Bahn.

Sehr häufig gab es Schnittchen. Manchmal sogar zweimal am Tag, stets fand sich ein Anlass: Hochzeiten, Geburten, Neuzugänge, Jubiläen, Abschiede und Geburtstage wurden mit einer nicht geringen Zahl von Schinken- und Hackschnittchen begangen.

Einmal erschien ein Kollege zur morgendlichen Kaffeerunde mit einer Plastiktüte, darin zwei Alben. Seine Briefmarkensammlung. Er verwies auf komplette Jahrgänge und besonders schöne Motive. Jemand musste am Vortag auf sein Angebot, »mal die Marken mitzubringen«, nicht deutlich genug nein gesagt haben, und so saßen wir Kollegen um die Alben, bis der Chef, wie jeden Morgen, sagte: »So, dann arbeiten wir mal was.«

Meine Arbeit gestaltete sich schwierig. Mein Mitdiplomand Tobias und ich kümmerten uns um den Energieverbrauch. Meine Aufgabe war es, herauszufinden, welche Faktoren sich wie auf den Energieverbrauch des ICE auswirkten. Es gibt viele solche Faktoren, die meisten davon waren bekannt. Ich musste eigentlich nur vorhandenes Bahnwissen zusammenfügen.

Und das war das Problem. Das interne Telefonbuch war dick und undurchschaubar. Wen könnte ich anrufen? Mehdorn muss es ähnlich ergangen sein, mit einem Unterschied: Wenn ich schließlich zu jemandem vordrang, der wusste, was ich brauchte, wollte er mich nicht unbedingt an seinem Wissen teilhaben lassen, oder er durfte es nicht oder hätte für seine Hilfe eine Rechnung schreiben müssen.

Irgendwann beschloss ich, mich lieber auf die Fachliteratur zu konzentrieren. Tobias und ich wurden das Gefühl nicht los, dass sich die beiden Bibliothekarinnen der hauseigenen Bücherei immens freuten, wenn wir sie dort besuchten. Sie sagten: »Haben Sie das schon gelesen?«, und wir rätselten über den Grund ihrer Freundlichkeit. Bis uns auffiel, dass in den Listen, in denen sich Ausleiher einzutragen hatten, immer nur unsere Namen standen.

Anfangs klagte ich manches Mal im privaten Kreise darüber, wie schleppend meine Arbeit voranging. Ich ließ es schnell bleiben, weil ich dafür nicht etwa Mitgefühl erntete, sondern Hohn und Häme: Ja, so sei sie, die Bahn, hieß es dann, und es folgte das Klagelied über Verspätungen, überteuerte Tickets und unfreundliche Schaffner. Es dauerte nur ein paar Wochen, und ich begann zu widersprechen. Verspätungen? Ganz selten, und wenn, dann nur fünf Minuten! Überteuert? Vergleich mal mit dem Auto! Unfreundlich? Bei Lufthansa wirst du auch nicht besser behandelt, da nimmst du’s nur hin! Ich hörte mich reden wie einer jener Sprecher der Bahn, über die ich mich noch ein paar Monate zuvor aufgeregt hatte. Fortan fielen mir auf meinen Bahnfahrten vor allem freundliche Schaffner auf. Vielleicht hat sich meine Wahrnehmung geändert, oder vielleicht waren die Schaffner einfach nur netter, nachdem sie meine Fahrkarte A gesehen hatten.

Meine Kollegen meinten es immer gut mit mir. Sie meinten es auch untereinander gut – die Folge eines Arbeitsalltags, der nie so stressig war, dass man sich morgens nicht zum gemeinschaftlichen Kaffee traf. Ich lernte, dass auch unter denjenigen, die mitunter mit ihren Informationen geizten, eine besondere Solidarität herrschte. Als »Eisenbahner« sahen sich viele, sie sprachen das Wort meistens ironisch aus und meinten es umso ernster.

Als ich einmal erwähnte, dass mein Monitor zu Hause kaputt war, just in der letzten Phase meiner Arbeit, bot ein Kollege mir seinen alten an. Als mein Uni-Betreuer meine Zwischenergebnisse in Grund und Boden kritisierte, beschloss mein Chef, dass Hilfe geboten war, und reiste mit mir nach Stuttgart, um meinen Dozenten erstens von der Wissenschaftlichkeit meiner Forschung zu überzeugen und um ihm zweitens indirekt klar zu machen, dass die Beziehungen zwischen der Deutschen Bahn und dem Institut für Eisenbahnwesen nicht eben besser würden, wenn er weiter so hartnäckig an meiner Arbeit zweifelte.

Es half, und irgendwann war die Arbeit fertig, sie strotzte nur so von verwirrenden Graphen. Es nahm mir niemand krumm, dass ich die Bahn wieder verließ, wir trennten uns im Guten.

Heute verteidige ich nicht mehr ständig die Bahn, mich greift ja auch niemand mehr an. Ich lebe mit einer latenten Bahnsympathie. Manchmal ärgere ich mich, wenn ich lese, dass die Tickets wegen der hohen Energiepreise teurer werden müssen. Ich erwarte von Mehdorn ja nicht, dass er meine Diplomarbeit liest. Aber die Bahn könnte Energie sparen, wenn sie wollte, ich weiß das.

Von Tobias, meinem Mitdiplomanden, hatte ich seit Jahren nichts mehr gehört. Als ich ihn vorige Woche anrufen wollte, war seine Nummer noch immer in meinem Handy gespeichert. Ich erzählte ihm das, und er sagte mir, dass mein Name auf seinem Display erschien, als ich anrief. Man löscht halt keinen Eisenbahner.

 
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