LEBENSZEICHEN

Gut genug

Harald Martenstein will kein Perfektionist sein

Ich habe eine Eigentumswohnung gekauft. Diese Aktion dauerte, von der ersten Anzeigenlektüre bis zum Kaufvertrag, ziemlich genau vier Wochen. Die erste Wohnung, die mir schön und preiswert erschien, habe ich genommen.

Ein Freund, der für den Kauf seiner Eigentumswohnung etwa fünf Jahre benötigt hat, erklärt mich für verrückt. Er sagt, dass es, irgendwo da draußen, garantiert eine noch schönere und noch preiswertere Wohnung gibt. Der Gedanke, in lediglich der siebtschönsten und drittpreiswertesten Wohnung zu leben, würde ihn krank machen. Er ist ein Perfektionist, ich nicht. Besser gesagt, ich spare mir den Perfektionismus für wenige Dinge auf. Ich versuche zum Beispiel, gut und relativ viel zu schreiben und dafür genügend Zeit zu haben. Wenn ich mir mit allen Dingen des Lebens ähnlich viel Mühe geben und auf sämtliche Details achten und mir eine Menge Gedanken machen würde, hätte ich längst den Überblick über mein Leben verloren und würde am Ende überhaupt nichts auf die Reihe kriegen.

Es gibt Leute, die drei Tage damit zubringen, sich ein Paar Schuhe zu kaufen. Ich brauche zehn Minuten. Wenn es um Möbel geht, fahre ich zu Ikea und brauche eine Stunde. Ich will nicht das Beste. Ich will nur etwas Brauchbares und Angenehmes. Dies gibt mir innere Freiheit. Außerdem muss ich mich nicht inszenieren. Meine Wohnung oder meine Kleidung müssen nichts über mich aussagen. Es wäre ohnehin gelogen, denn das Selbstbild, das man von sich hat, entspricht nie der Wirklichkeit. Im Übrigen kann ich selber sprechen, meine Kleidung oder meine Wohnung müssen das nicht für mich übernehmen. Die Dinge, mit denen ich mich umgebe, habe ich nicht unter stilistischen Gesichtspunkten ausgesucht, sondern danach, ob sie etwas mit meiner Lebensgeschichte und mit angenehmen Erinnerungen zu tun haben. Ich mag hässliche Dinge, sofern ein angenehmer Mensch sie mir geschenkt hat, ich mag billige Dinge, sofern sie ihren Zweck erfüllen. In der Zeit, die andere mit der Verfeinerung ihres Lebensstils oder ihrer Garderobe zubringen, gehe ich ins Kino oder lese oder mache mir Gedanken. Wenn ich zufällig etwas besonders Schönes sehe, kaufe ich es manchmal, das ist dann aber ein Zufall gewesen.

Neulich lobte jemand meine Turnschuhe, sie sind offenbar von einer berühmten Edelmarke, aber das wusste ich gar nicht. Ich hatte den Markennamen noch nie gehört und inzwischen wieder vergessen. Wenn intelligente Menschen bestimmte Marken bevorzugen, aus Imagegründen, wundere ich mich immer. Das Image einer Marke ist doch ein Kunstprodukt, mit genügend großem Werbeetat könnte man jeder beliebigen Marke zu jedem beliebigen Image verhelfen. Auf Marken zu stehen ist, als ob man auf Treibhaustomaten und Brüste aus Silikon steht. Es ist peinlich, so etwas nicht zu durchschauen. Aber das ist ja zum Glück nicht mein Problem.

Mein Problem besteht darin, dass in der neuen Eigentumswohnung gleich in der ersten Woche ein Wasserschaden aufgetreten ist, das Wasser läuft gluckernd ins Treppenhaus, der Steinmetz wird den Küchenboden aufstemmen, und ob die Versicherung zahlt, weiß Gott allein.

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Leser-Kommentare

  1. danke,lieber Herr Martenstein-Sie sprechen mir aus dem Herzen und Geist;
    Nur den einen Satz habe ich nicht ganz nachvollziehen können:"...Denn das Selbstbild,das man von sich hat,entspricht nie der Wirklichkeit."
    Schade eigentlich; wenn mein Selbtsbild nicht meine Wirklichkeit ist,wessen dann? Das wars schon; ich geh jetzt shoppen, um mein Selbtsbild bei H&M (in 20 Minuten) schnell zu verwirklichen.
    Ihre Joanna Hegemann

  2. 2. Hallo

    Lieber Herr Martenstein,
    eigentlich bin ich ganz aufgeregt, denn ich glaube es handelt sich um den ersten Kommentar oder Leserbrief den ich verfasse.
    Seit Jahren lese ich voller Begeisterung Ihre Kolumne und muss diesmal mit großer Freude feststellen, dass Sie wirklich etwas von sich selbst preisgegeben haben. Ich spüre zum erstenmal, dass Sie ein Mensch sind mit viel Gefühl und dem Wissen um das Ganze. Nun mag sich das etwas schwierig anhören oder lesen, aber ich glaube, dass ein Mensch mit dem profunden, literarischem Wissen wie Sie viel, viel besser in der Lage ist dieses Ganze zu überblicken. Nun kurz und gut, ich bin begeistert und freue mich schon auf die nächste Ausgabe der Zeit und bin gespannt zu welchem Thema Sie wieder Stellung beziehen werden.
    Mit lieben Grüßen
    Lothar Krukenberg

    PS: Ich habe es sogar geschafft den dornigen Weg der Registrierung zu gehen.

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  • Von Harald Martenstein
  • Datum 23.5.2006 - 09:55 Uhr
  • Serie Lebenszeichen
  • Quelle DIE ZEIT 24.05.2006 Nr.22
  • Kommentare 2
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