Mein Vater hat nicht viel von Träumern gehalten. Sein Rat an mich lautete: »Träum nicht! Träumen heißt enttäuscht zu werden.« Ich habe meinen Vater geliebt, aber wir waren Gegner bis zu seinem Tod im August 2001. Er hatte es oft nicht leicht mit mir. Nach dem Tod meiner Mutter – ich war 14 als sie starb – musste er meinen Bruder und mich alleine erziehen. Ein Haus voller Männer. Da stauten sich immer viele Aggressionen auf. Ohne meine Mutter war es kein Zuhause mehr, nur noch ein Haus. Mein Vater war ein bodenständiger Dubliner, aber er liebte die Oper, Musik war seine Leidenschaft. Er bedauerte stets, dass er nie Klavierspielen gelernt hatte. Aber er war ein guter Tenor. Und er sagte mir immer: Wenn ich nur seine Stimme hätte, wer weiß, was aus mir geworden wäre. Als wir mit U2 erstmals weltweit Erfolg hatten, lud ich ihn zu einem Konzert in Texas ein, in ein ausverkauftes Stadion, Zehntausende tobten. Nach dem Konzert meinte er nur: »Das war sehr professionell.« Bono BILD

Alles, was ich mit U2 erreicht hatte, hat ihn nie sonderlich beeindruckt. »Träum nicht! Träumen heißt enttäuscht zu werden«: Als er mir das zum ersten Mal sagte, muss mein Größenwahn begonnen haben. Nie eine große Idee zu haben, das war sein Ding. Und ich interessierte mich für nichts anderes. Er hat mich nie ermutigt, Musiker zu werden, obwohl er selbst das so sehr wollte, und gerade durch diese Haltung hat er mich zu einem gemacht.

Bei U2 gehört es heute zu meinem Job, laut in der Öffentlichkeit zu träumen, sehr laut. Der Satz »Ich habe einen Traum« hat für mich daher eine ganz besondere Bedeutung. Wir haben ihn oft in unseren Konzerten eingespielt, als Videoaufzeichnung der legendären Rede von Martin Luther King. Anfang der Achtziger hatte ich seine Biografie Let the Trumpet Sound gelesen. Sie hat mein Leben verändert. Ich habe diesen Mann wegen seiner Vision für eine gerechtere Gesellschaft und wegen seines Kampfes für diese Vision immer bewundert. Auf unserem Album The Unforgettable fire habe ich ihm 1984 gleich zwei Lieder gewidmet, Pride und MLK – auch da geht es ums Träumen: »Sleep, sleep tonight, and may your dreams be realized«. Als King 1963 seine berühmte Traumrede in Washington hielt, meinte er nicht nur den amerikanischen Traum. Sein Traum war viel größer. Er träumte von einer Welt, in der jeder unter den Augen Gottes gleich war. Jeder: Europäer, Asiaten, Afrikaner. Ich träume diesen Traum weiter. Denn dahinter steckt eine große Idee. Und Ideen sind für mich wie Melodien. Als Sänger habe ich ein Gespür für eine gute Melodie, und große Ideen haben mit einer guten Melodie viel gemeinsam: Eine gewisse Klarheit, Unausweichlichkeit, Einprägsamkeit.

Aber ich bin heute ein anderer Träumer als vor 20 Jahren, als ich die Songs über Martin Luther King schrieb. Manchmal bin ich es auch leid zu träumen – ich konzentriere mich inzwischen mehr auf das Machbare.

In dem Spannungsfeld zwischen Pop und Politik bin ich etwas geworden, das es gar nicht gibt: ein pragmatischer Träumer. Bei U2 geht es immer um das Unmögliche, Politik dagegen ist die Kunst des Möglichen. Diese beiden Bereiche sind sehr unterschiedlich. Ich habe mich damit abgefunden.

Braucht die Menschheit einen Rockstar, der ihr immer wieder vor Augen führt, dass in Afrika ein Massensterben geschieht? Das Einzige, das dieses absurde Theater eines irischen Rockstars ausbalanciert, ist die Schwere und Ernsthaftigkeit des Themas.

Als beim Tsunami in Südasien 2004 mehr als 200.000 Menschen starben, konnte die ganze Welt mobilisiert werden. Afrika erlebt aber jeden Monat einen Tsunami, und die Welt schaut weg. 15.000 Afrikaner sterben täglich an Aids, Malaria oder Tuberkulose, also an Krankheiten, denen man vorbeugen, die man mit Medikamenten behandeln kann, die für uns selbstverständlich sind. Allein diese Zahlen führen die Idee ad absurdum, an der viele von uns festhalten: die Vorstellung, dass alle Menschen gleich seien. Denn wenn wir ehrlich sind, kämen wir nie auf die Idee, dass ein solch alltägliches Massensterben irgendwo anders auf der Welt hingenommen würde. Wenn wir es tatsächlich ernst meinen mit der Gleichheit, müssen wir bereit sein, den Preis dafür zu zahlen. Einige werden jetzt sagen, wir können uns das nicht leisten. Ich glaube, wir können es uns nicht leisten, es nicht zu tun.