Es muss in ihren Augen eine Art Erscheinung gewesen sein. Die Jungen, die an diesem denkwürdigen Tag dabei waren, schauten jedenfalls so ungläubig drein, als seien die Fußballgötter zu ihnen herabgestiegen. Sie hatten sich unterhalb des Bergdörfchens Kebo-Dalavé auf ihrem buckligen Bolzplatz versammelt, wie jeden Spätnachmittag, wenn die Schatten der riesigen Kapokbäume länger werden und die Tropenhitze nachlässt. Gerade war das erste Tor gefallen, als neben dem Feld ein Auto anhielt und zwei weiße Männer ausstiegen. Sie winkten die Jungs heran, öffneten den Kofferraum, holten ein unförmiges Lederding heraus und pumpten es zu einem weiß-blauen Ball auf. Dann überreichten sie ihn Romaric Aglah, dem Kapitän der Dorfmannschaft, und alle seine Gefährten, die zunächst scheu herumgestanden hatten, fingen an zu jubeln. Einfach unglaublich: ein richtiger Lederball, nagelneu und direkt aus Deutschland, wo ihre Nationalelf demnächst bei der WM auflaufen wird! Am Strand von Lomé spielen die Jungen mit einem Ball aus Leder - meistens muss ein selbst gebastelter ausreichen BILD

Was meint ihr? Wer wird diesmal Weltmeister? Die Antwort kam wie aus einem Munde: Selbstverständlich Les Éperviers, die Sperber aus Togo. Jeder ist felsenfest davon überzeugt, dass sein Nationalteam im Sommer den Cup nach Togo holt. »Gleich im ersten Spiel werden wir die Franzosen schlagen«, kündigt Romaric an. Es sei Zeit für die Revanche gegen die einstigen Kolonialherren.

Der Kapitän zeigt uns den alten Ball, ein zerbeultes Ei, das unzählige Male geflickt wurde. Erst neulich hatten sie es zum Schuster gebracht, und jeder Mitspieler musste 25 Franc für die Reparaturkosten zusammenkratzen, ungefähr vier Cent, das ist verdammt viel Geld für einen Jungen aus den togoischen Bergen. Jetzt fliegt der geschenkte Ball über den Platz, und zwei Dutzend Knaben jagen ausgelassen hinterdrein. Sie spielen, bis die Zikaden ihren metallischen Abendgesang anstimmen und die Sonne in der vom Harmattan braun getönten Sandluft verglimmt. Es ist ein Wunder geschehen an diesem Tag, vermutlich werden die Jungen von Kebo-Dalavé die Geschichte von den Weißnasen und ihrem Mitbringsel noch ihren Enkeln erzählen.

Es war der erste Ball, den wir verschenkten. Wir hatten insgesamt vier dabei, dazu einen Satz weiß-grüner Trikots, gestiftet von unserem Heimatverein, dem TSV Soyen aus dem Beckenbauerland Oberbayern. Wir wollten bei unserer Mission schließlich nicht mit leeren Händen dastehen. Es ging um die Frage, wie sich das winzige und mausarme Togo für die WM qualifiziert hat, während afrikanische Fußballriesen wie Nigeria oder Kamerun daheim bleiben müssen.

Die Togoer schienen es zunächst selbst nicht zu glauben, als im fernen Kinshasa, beim alles entscheidenden Auswärtsspiel gegen die roten Teufel des Kongo, der Siegtreffer zum 2:3 fiel. Während sich die Kunde von der Hauptstadt Lomé aus wie ein Buschfeuer an der Küste verbreitete, setzte Regen ein. Das Land versank im Schlamm, die Leute schrien und sangen und tanzten, und überall gingen die Lichter aus. Die Regierung hatte vorsorglich den Strom abstellen lassen, sonst hätte es zu viele Jubeltote gegeben.

Aber was ist das Geheimnis des Erfolgs? Keiner kann zu diesem Thema besser Auskunft geben als Joseph Müller. Dieser Mann weiß alles über Fußball in Togo, heißt es. Müller kennt jeden, und jeder kennt Müller. Auf seiner Visitenkarte steht: Journalist, Animateur, Übersetzer, Marketingdirektor, Kommunikationsberater. Den in seinem Volk, den Ewe, recht ungewöhnlichen Familiennamen verdankt er seinem Großvater, einem deutschen Kolonialabenteurer – das handtuchschmale Togo gehörte nämlich zu Kaiser Wilhelms Weltreich, ehe es sich die Franzosen nach dem Ersten Weltkrieg einverleibten.

Wir treffen Müller im Studio von Sport FM, dem ersten Sportradiosender in Afrika. Soeben verliest er die Socca News. Das macht er jeden Tag zweimal, morgens und abends, und dazwischen macht er tausend andere Jobs und Deals: Er berät das Staatsfernsehen in Fußballfragen, unterrichtet Englisch, kommentiert gelegentlich für die BBC, erforscht die Geschichte der Sklaverei, gründet Zeitungen, arbeitet als Werbeberater und Hotelmanager. Eigentlich macht er so ziemlich alles, nur Präsident ist er noch nicht. Er ist quasi die togoische Personalunion von Günter Netzer, Waldemar Hartmann und Roland Berger. Müller schläft nie, Müller hält keine Sekunde inne, Müller läuft toujours auf Hochtouren, als müsse er das Karma seines afrikanischen Beinamens erfüllen: Khodo, der Junge, der an einem Montag geboren wurde. Bei Joseph Müller ist es seit 32 Jahren Montagmorgen.