Natürlich würde es keiner zugeben. Doch an diesem sonnigen Morgen interessiert die Diplomaten, die an den langen Tischreihen im Konferenzraum der Genfer Welthandelsorganisation sitzen, nur ein Antrag. Der Botschafter von Sambia stellt ihn. »Wenn die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland beginnt«, so bittet er, »dann sollten unsere Sitzungen spätestens gegen vier Uhr nachmittags beendet sein.« Globalisierungsgegner in Genf BILD

Schmunzeln. Und dann weiter mit der Tagesordnung. Schließlich arbeiten die 149 Botschafter, die Zugang zum Club der Welthändler haben, an Höherem. Sie sind die Schrittmacher der Liberalisierung. Sie treiben still und leise die Welthandelsrunde weiter, die 2001 voller Hoffnung in Doha begann, sich seither von Krise zu Krise rettet und in diesen Tagen angeblich wieder mal kurz vor dem Scheitern steht. Sie treffen sich im Auftrag ihrer Regierungen: hinter den verschlossenen Türen der Generalversammlung, in exklusiven Zirkeln, zu zweit in den feinen Restaurants am See. Sie sondieren, spekulieren und kalkulieren. Sie schreiben die Verkehrsregeln der Globalisierung.

Oder versuchen es zumindest.

»Was möglich ist, wird sofort erledigt. Unmögliches binnen 48 Stunden. Wunder dauern etwas länger.« Pascal Lamy setzt sich direkt vor das weiße Emaille-Schild mit diesem Spruch, das in seinem Büro in der feinen WTO-Villa am Ufer des Genfer Sees hängt. Dann sagt der Generalsekretär der WTO: »Der Tag der Wahrheit ist nahe.« Er meint damit: Alle Beteiligten müssen bald ihre Karten auf den Tisch legen. Oder die Runde scheitert. Und die Globalisierung bekommt keine neuen Regeln, das Handelssystem rutscht in die Krise.

Lamy schweigt einen Augenblick und fährt lächelnd fort: »Eigentlich kann man nur noch warten, dass der Heilige Geist endlich über sie kommt.« Sie, das sind nicht nur die Botschafter, sondern auch die Handelsminister und damit die Regierungen dieser Welt. Sie alle haben vor fünf Jahren feierlich versprochen, in der Doha-Runde wirklich zusammenzuarbeiten, Märkte zu öffnen, Zollschranken zu schleifen, fairere Regeln für den Handel zu finden und die Probleme der Armen dabei besonders im Auge zu haben. Den hoch geachteten Ex-EU-Kommissar machten sie vor eineinhalb Jahren zum Chef des WTO-Sekretariates. Seither versucht sich der 59-Jährige, wie er sagt, als »Doktor, Schäfer, Hebamme, Dirigent«. In Hunderten von Stunden hat er Kompromisse gesucht, Zollformeln berechnet, immer wieder Fristen gesetzt und sie immer wieder ignoriert – weiter vergeblich hoffend auf den großen Durchbruch.

So würde es der Generalsekretär natürlich nicht formulieren. Der Franzose spielt lieber den Zweckoptimisten: »Wir haben viele Fortschritte gemacht.« Doch Lamy weiß, dass jetzt ein Termin drängt: In Amerika läuft bald die Handelsvollmacht des amerikanischen Präsidenten aus. Dann könnte den Verhandlern die Puste ausgehen – und das Ende der Runde in weite Ferne rutschen. Letztlich gibt Lamy zu: »Wir sind jetzt in der roten Zone. Wir riskieren das Erreichte, wenn wir nicht mutig weitermachen.« Bis zum Sommer, so die Genfer Binsenweisheit, habe man noch die Chance auf eine Einigung. Danach sei ein endgültiges Scheitern der WTO-Runde fast sicher.

Das ist nicht viel Zeit. Schon in den kommenden Tagen müssen endlich ein paar Verhandlungserfolge her. Lamy hat die versammelten Botschafter aller Länder am Morgen daran erinnert und dann versucht, sie mit einem Vergleich aus seiner Lieblingssportart zu motivieren: Auch beim Marathonlaufen sei der Endspurt am schwersten. Da könne der beste Läufer scheitern, wenn er die mentalen Blockaden nicht löse. »Jetzt geht es darum, die versteckten Reserven zu mobilisieren.«