Happy Slapping »Ich bin überfordert«

Berliner Schüler sollen ein Mädchen vergewaltigt und dabei gefilmt haben. Regisseur Michael Haneke beschäftigt sich schon seit langem mit Gewalt und Videos

Vor wenigen Tagen in der Berliner Jungfernheide: Vier Jungs, zwischen 13 und 15 Jahren, Schüler einer Oberschule, sollen ein Mädchen, ein Jahr älter als sie, vergewaltigt und die Tat mit einer Handykamera gefilmt haben. Wenn sich dieser Verdacht als wahr erweist, dann wäre dies eine neue Dimension des Happy Slapping genannten Phänomens in Deutschland. Es wurde vor zwei Jahren erstmals in England beobachtet, heißt, wörtlich übersetzt, fröhliches Zuschlagen und bedeutet, dass die Täter ihr Opfer mit der Handykamera filmen und die Filme weiterschicken oder im Internet veröffentlichen.

Der Regisseur Michael Haneke, 64 Jahre alt, Professor an der Wiener Filmakademie, drehte zuletzt den Film Caché. Er nahm das Happy Slapping schon vor 14 Jahren vorweg, in ähnlicher Weise jedenfalls: In Bennys Video erschießt ein Junge ein Mädchen, mit dem er sich angefreundet hat, mit einem Bolzenschussgerät und nimmt die Tat mit der Videokamera auf. Wie reagiert Haneke darauf, dass seine Fiktion leicht abgewandelt Wirklichkeit wurde? »Auch wenn man die Dinge so pessimistisch sieht, wie ich sie in meinem Film sah, ist man ja trotzdem nicht positiv überrascht. Ich war schon relativ geschockt.« Er lacht, es klingt ein wenig hilflos. Als Prophet will er sich nicht sehen: »Man muss nur ein bisschen aufmerksam schauen. Es liegt alles in der Luft.«

Seit das Phänomen Happy Slapping in England auftauchte, beobachtet er es akribisch. Er druckt sich Nachrichten im Internet aus, sammelt Zeitungsausschnitte. Er erzählt von einem Fall aus Amerika, von einer Tochter, die ihre Mutter nach und nach habe vergiften wollen und Fotos der Mutter ins Internet gestellt habe – bis jemand Anzeige erstattet habe.

Die Schüler in Berlin besuchten die Oberschule, Benny aus Hanekes Film kam aus gutem Hause. Haneke vertritt die Theorie, dass die Täter solche Verbrechen nicht begehen, weil sie sozial benachteiligt sind, sondern weil sie Spaß haben wollen: »Alles muss lustig sein, das Leben ist nur noch zum Vergnügen da.« Darum tragen seine Filme über jugendliche Gewalt auch scheinbar harmlose Titel, wie Funny Games, sein vielleicht am meisten beachteter Film aus dem Jahr 1997, oder eben Bennys Video.

Michael Haneke sagt im Gespräch immer wieder, er sei kein Soziologe, er könne keine Erklärungen liefern, aber dann hat er gleich zwei: »Wenn es ein neues Aufzeichnungsgerät gibt, dann gibt es immer das Bestreben, seine Triebe damit aufzuzeichnen. Und es gibt immer die Frage des Täters: Wie sehr bin ich Avantgarde? Das ist fast schon ein menschliches Bedürfnis.« Und noch eine Erklärung: die zunehmende »Derealisierung« der Welt, wie er es nennt. Viele Menschen nähmen die Welt nur noch medial wahr, und die Gewalt im Fernsehen tue nicht weh.

Also die Medien. Und die Kunst, trägt die nicht auch Verantwortung, auch seine Filme? »Sicher. Ich muss dafür sorgen, dass meine Zuschauer nicht zu Nachahmern werden, sondern dass sie sich Gedanken machen. In meinen Filmen soll sich der Zuschauer nicht identifizieren dürfen mit der Gewalt, dann kann von ihnen sogar eine heilsame Wirkung ausgehen.« Ist er enttäuscht, wenn gar keine Heilung eintritt, sondern Gewalt Realität wird? »Man kann nicht so naiv sein, zu glauben, dass man mit einem Film etwas verbessert.«

Am Ende des Gesprächs sagt er, dass seine Erklärungen nur Versuche seien. Sein Lachen ist verschwunden. »Ich bin überfordert. Man verliert sein Zutrauen zum Menschen, wenn man sieht, was alles möglich ist.«

 
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