Noch immer sind die Sopranos die beste Fernsehserie der Welt, auch wenn sich in ihrer Welt plötzlich einiges ändert. Bislang war Tony Soprano, der große Mafioso, ein kalter Pragmatiker. Er glaubte an den couragierten Einzelnen, der das Gesetz des Handelns in die Hand nimmt. Und Religion war nur etwas für Feiertage. Wie hat er gespottet über den Freund seiner Schwester, diesen Fundamentalchristen. Doch jetzt das: In der sechsten Staffel der Serie, im März in den USA angelaufen, ist Tony gerade schusswund aus dem Koma erwacht – und spricht interessiert mit dem Wiedertäufer. Dessen Anführer wird zum ständigen Gast an Tonys Krankenbett und versichert ihm, dass der Herr nichts gegen Viagra habe. Es ist nicht der einzige Dialogversuch, den man dieser Tage in den USA beobachten kann: Militante Christen kommen ins Gespräch mit im Prinzip ganz normalen Leuten, die aber gerade ein Trauma bewältigen müssen. Falsche Bärte und viel Ironie - Hugh Grant im neuen Film "American Dreamz" BILD

Gern wird ja die Diagnose verbreitet, die amerikanische Nation sei geteilt, in genau 50 Prozent normale Einwohner einer westlichen Demokratie und genau so viele militant-christliche Hinterwäldler. Zwar ist auch an diesem Gemeinplatz etwas dran, aber in beiden Hälften gibt es einen wachsenden Teil, der mit dem anderen reden will. Das sind diejenigen, deren Weltbild durch die Angriffe vom 11. September auf das World Trade Center durcheinander geschüttelt wurden, die also nicht immer schon das glaubten und dachten, was sie jetzt denken. All jene, die sich zurzeit enttäuscht von George W. Bush abwenden, haben die Empfindung gemeinsam, dass der Präsident ihnen mit seinem schmutzigen Krieg ihr Trauma oder ihr Patriotismus-Erlebnis geklaut habe.

Genau da setzen nun viele neue Filme, Ausstellungen und Fernsehproduktionen ein, sie versuchen die Krise zu verarbeiten. Was bislang das große Rätsel Islamismus war, findet mit einem Mal eine Spiegelung im eigenen Land. So läuft auf dem Kanal HBO gleich nach den Sopranos die mit Programmkino-Stars geschmückte Serie Big Love, sie handelt von der am schnellsten wachsenden Religionsgemeinschaft der USA, den Mormonen. Die lehnen zwar Genüsse wie Kaffee und Alkohol antihedonistisch ab, frönen aber der guten alten Männerfantasie der Vielweiberei – ganz wie der Muslim, aber zugleich sehr amerikanisch. Auch wenn heutigen Mormonenmännern Ehen mit drei Frauen gar nicht mehr erlaubt sind: Big Love zeichnet das Bild von einem sexualisierten Alltag in einer von religiösen Sonderregelungen bestimmten, erzamerikanischen Provinzwelt. Die Mormonen-Familie, als next door- Version von Muslimen erkennbar, wird über ihre Sinnlichkeit erklärt.

Der islamische Terrorist bekommt die Rolle des ulkigen Sowjets von einst

Offenbar geht es darum, im Dialog mit diesen Leuten zu lernen, wie man generell mit neotraditionell infizierten, religiös Wahnsinnigen umgeht. Säkulare interessieren sich für christliche Fundamentalisten, weil sie gewissermaßen die Geschwister der Terroristen sind. Die liberale Hollywood-Unterhaltungskultur hätte die Fanatiker verschiedenen Typus am liebsten in die Ironiemaschine eingespeist, seriöse Weltliche wollen die Faszination des religiösen Wahnsinns erkunden.

Auch der neue Film American Dreamz versucht, das Enigma »islamistischer Terrorist« mit dem Fremden und Bizarren im gewohnten Amerika zu überblenden. In dieser luftigen bis banalen Satire sind die Islamisten schon an ihren ostentativ falschen Bärten und ihrem regen Interesse an allen Erzeugnissen der amerikanischen Kulturindustrie als Wiedergänger lustiger Sowjets aus den Klamotten des Kalten Kriegs erkennbar. Ihre rätselhafte Religiosität und die Bereitschaft, für sie zu sterben, werden nahtlos in den Reigen gut amerikanischer Beklopptheiten eingereiht. Die in diesem Schwank ewig essgestörten, Benzin saufenden, gepanzerte SUVs fahrenden und konzentrationsschwachen Amerikaner teilen mit den Dschihadisten dieser Welt die Leidenschaft für dieselben öden celebrity- Zombies. Das findet der Film in der Regie von Paul Weitz zwar irgendwie furchtbar, die geteilte Blödheit sei aber der Weg zum lieben Frieden. Was ist schon ein Dschihadist gegen eine White-Trash-Blondine, die sich unbedingt zum Superstar wählen lassen will, was ein menschenverachtender Terrorscheich gegen die menschliche Leere eines Fernsehproduzenten?

In einem Benimmführer für Amerikaner im Ausland las ich neulich den Satz: »Theyre not just hating our foreign policy, they hate us.« Dieser in Selbsthass umschlagenden Verunsicherung stellt American Dreamz noch mal die – oft treffenden – Klischees zur Seite: von einer fettleibigen Bevölkerung und einem Präsidenten auf dem geistigen Niveau eines Fünfjährigen. Und bittet sein Publikum, den insgeheim von Hollywood träumenden Terroristen mit der gleichen ironischen Gelassenheit zu beschmunzeln wie dieses Pandämonium.