Die Nacht, in der das Leben von Franz Beckenbauer einstürzt, beginnt mit einem fröhlichen Fest. Es ist der 13.Juli 2002, ein Samstag, und gerade ist in Bad Griesbach das jährliche Golfturnier der Franz-Beckenbauer-Stiftung zu Ende gegangen. Beckenbauer ist gelöst, er scherzt, wie viel tausend Euro diesmal wieder zusammengekommen sind, weil seine Freunde so schlecht Golf spielen. Dann erreicht ihn ein Telefonanruf. Der Mann am Ball BILD

Robert Schwan ist tot. Sein Manager. Sein engster Vertrauter. Sein Vaterersatz. Beckenbauer will sofort weg, dorthin, wo Schwan starb. Minuten später rasen zwei schwere Limousinen auf der B20 in Richtung Kitzbühel. Den ersten Wagen fährt Beckenbauer selbst, den zweiten lenkt Wilfried Krebs, sein Finanzberater. In Kitzbühel angekommen, bricht Beckenbauer zusammen. Noch in der Nacht schwört ihm Krebs ewige Treue und dass er die Geschäfte für ihn weiterführt, irgendwie.

Und doch: Zum ersten Mal ist Beckenbauer allein. Es ist das Ende und der Anfang zugleich.

1974, 1990, 2006 – bei drei Weltmeisterschaften hat sich Franz Beckenbauer einen Titel geholt: als Spieler, als Trainer, als Organisator der WM im eigenen Land. Jedes Mal war er Teil eines Teams, und jedes Mal überragte er die anderen. Zufall sieht anders aus. Kaum ein Sportler hat seiner Karriere so nahtlos den Aufstieg als Geschäftsmann und Funktionär folgen lassen. Die Marke Beckenbauer lebt – und es lebt sich glänzend von ihr.

Du bist Deutschland? Beckenbauer ist es nur halb. Sein Fußballspiel, leicht und elegant, wirkte eher brasilianisch. Deutsch ist sein Pflichtbewusstsein. Und seine Spießigkeit.

Einiges verbindet ihn mit anderen Führungspersönlichkeiten. Die Begabung und der Wille. Das Charisma und die Fähigkeit, sich Mitstreiter auszusuchen. Nicht zuletzt das Glück. Und trotzdem ist er anders: Beckenbauer leitet keine große Institution, er organisiert die Welt um sich herum für seine Ziele. Schon auf dem Platz hatte er Leute, die ihn glänzen ließen und davon profitierten. Auch heute hat er sie, Mitarbeiter, Vertraute. Sie beraten ihn. Sie verhandeln seine Verträge. Sie garantieren, dass er so leben kann, wie er will. Und sie alle überlassen ihm das Rampenlicht. Es wäre falsch, diese unsichtbare Organisation als modernes, offenes Netzwerk zu beschreiben. Eher schon ist sie ein Club mit lebenslanger Mitgliedschaft – in ihrem Mittelpunkt der sanfte Pate, der die Mitglieder geschickt auswählt und der nichts mehr verabscheut als hässliche Konflikte.

Was man braucht, um so zu werden, wurde ihm nicht in die Wiege gelegt. Franz Beckenbauer musste lernen, und er lernte schnell.

Im Penta-Hotel an der Rosenheimer Straße schaut Bernd Michael an diesem Münchner Morgen immer wieder auf seine Uhr. Michael steht in der Lobby, er ist nervös, nur ein paar Meter weiter wartet ein Saal voll Journalisten darauf, dass der Kaiser durch die Tür tritt und das neue WM-Buch vorstellt. Aber der Kaiser kommt nicht. Die Beckenbauer-AG BILD

Es ist der 8. Juli 1974, die Uhr zeigt wenige Minuten nach acht, und Michael fragt sich zum wiederholten Mal, warum er die Buchvorstellung ausgerechnet auf den Morgen nach dem Finale gelegt hat. Auf den Tag, nach dem Deutschland Weltmeister wurde. Noch am Vorabend hatte Michael bei Robert Schwan angerufen, er wollte wissen, ob er vielleicht einen Wagen schicken solle. Die Deutschen waren da schon am Feiern, und er konnte sich denken, dass sie die ganze Nacht weiterfeiern würden. Nein, nein, hatte Schwan gesagt. Der Franz und er, sie würden pünktlich sein.

Um Viertel nach acht fährt ein Auto vor. Ein zerknitterter Franz Beckenbauer steigt aus, im Anzug immerhin, mit Krawatte. Robert Schwan muss ihn stützen. Auf dem Podium beantwortet Beckenbauer geduldig die Fragen, nur manchmal bringt Schwan für ihn den letzten Satz zu Ende. Der Kaiser leidet, der Kaiser wankt, aber der Kaiser fällt nicht.

Heute, 32 Jahre später, sagt Bernd Michael, der ehemalige Chairman der Werbeagentur Grey, dass er genau in jenem Moment gemerkt habe, wie viel mehr als nur das Fußballtalent in Beckenbauer steckte: »Der Schwan hat ihm eine Disziplin beigebracht, das war schon unglaublich.«

Franz Beckenbauer. Sohn eines Oberpostsekretärs aus München-Giesing. Volksschüler. Gelernter Versicherungskaufmann, als Sachbearbeiter bei der Allianz zuständig für die Vertragspolicen mit den Endziffern sechs und sieben. Der beste Fußballer, den dieses Land hervorgebracht hat. Als Fünfjähriger darf er in der »Bowazu«-Mannschaft ran; es ist das Team der Straßenfußballer, die in der Bonifatius, der Watzmann- oder der Zugspitzstraße wohnen. Die Beckenbauers leben zu acht in einer Zweizimmerwohnung in der Zugspitzstraße 6. Schon damals ist er, obwohl viel kleiner als die anderen, kaum vom Ball zu trennen. Ganz gleich, mit was die Jungs auch spielen – Tennisball, Stofflumpen, aufgepumpte Schweinsblase –, Beckenbauer ist wendig, er dribbelt mit erhobenem Kopf. Und er schießt Tore. In der C-Jugend des FC Bayern spielt er Mittelstürmer – und erzielt in seiner ersten Saison mehr als 100 Treffer.

Aber Beckenbauer ist auch ein Flegel. Ihm, dem kein Ball verspringt, ist es zuwider, wenn sich die Mitspieler in Fehlpässen überbieten; er bleibt dann stehen, anstatt zu rennen, er winkt ab, schimpft auf Schiedsrichter und Zuschauer. Als 17-Jähriger reizt er seinen A-Jugend-Trainer Rudi Weiß so sehr, dass dieser ihn kurzerhand aus der Mannschaft wirft. Beckenbauers junger Karriere droht das Ende, noch bevor sie begonnen hat. Dazu hat er private Probleme: Seine damalige Freundin Ingrid bekommt einen Sohn. Es ist kein Wunschkind. Beckenbauer und adidas-Chef Herbert Hainer 2004 BILD

Was rettet Franz Beckenbauer? Vielleicht, dass er sich starke Vaterfiguren sucht – und diese sich ihn. Zum Beispiel Dettmar Cramer, damals Trainer der Jugendnationalmannschaft. Er lädt den Outlaw 1964 trotz Bedenken des DFB zu einem Länderspiel ein und ermöglicht ihm so die Rückkehr auf die große Bühne. Beckenbauer dankt es ihm mit zwei Toren. Und er macht Cramer zum Trauzeugen, als er 1966 das erste Mal heiratet.

Oder Rudolf Houdek, Wurstgroßhändler aus Starnberg, Mäzen des FC Bayern und der Nationalmannschaft. Ein Fußballverrückter. Er sieht Beckenbauer bei einem Match der AJugend. »Ich habe den Franz sofort geliebt«, sagt der heute 92-Jährige. Der junge Fußballer zeigt ihm die ganze Schönheit des Spiels – und für Beckenbauer öffnen sich durch den erfolgreichen Geschäftsmann Houdek früh die Türen zu einer Gesellschaft, in die er sonst kaum Einlass gefunden hätte.

Oder eben Robert Schwan. Der Mann, der 1964 zum ehrenamtlichen »Spielausschuss-Vorsitzenden« des FC Bayern avanciert, versteht von Fußball nur wenig. Der damals 42-Jährige ist ein Aufsteiger, ein Versicherungsvertreter, ein ehemaliger Gemüsehändler vom Münchner Viktualienmarkt. Schwan ist kein Kind des Establishments – aber er hat ein Gespür fürs Geschäft. Es sind die Jahre, in denen das Geld über den Sport kommt. Es gibt noch keine Manager, keine Spielerberater, keine Sponsoren. Offiziell bekommt ein Spieler laut DFB nur 1200 Mark brutto im Monat, aber alle Vereine geben Handgeld und Prämien obendrauf. Schwan vereinbart für die Bayern zusätzliche Freundschaftsspiele, die Gage dafür kassiert er in einer Plastiktüte, aus der er dann auch die Spieler bezahlt.

Mit dem Geldbeutel wachsen die Ansprüche der Fußballer: ein schnelles Auto, ein großes Haus. Doch viele verlieren alles, weil sie mit dem neuen Reichtum nicht umgehen können. Beckenbauer hat Robert Schwan. Nach der Weltmeisterschaft 1966 wird Schwan sein persönlicher Manager, es wird ein Vertrag auf Lebenszeit, und Schwan heißt in der Presse fortan »Mister 20 Prozent« – so hoch soll sein Anteil an Beckenbauers Einnahmen sein. Tatsächlich, sagt ein Vertrauter, hätte er sogar bis zur Hälfte bekommen. Schwan habe »die Interessen Beckenbauers viel stärker wahrgenommen, als dieser es selbst getan hätte«, meint ein Bekannter. Gleich der erste große Werbevertrag – ein TV-Spot für Knorr, zu Hause im Wohnzimmer gedreht – bringt Beckenbauer ein fünfstelliges Honorar ein.

So entsteht eine im deutschen Sport einzigartige Beziehung. Auf dem Platz zeigt Beckenbauer früh, dass er in den entscheidenden Momenten keine Angst hat, auch das ist Führungsqualität. Bei seinem ersten Länderspiel – September 1965, Deutschland muss in Schweden gewinnen, um zur WM zu fahren – gehört der 20-Jährige zu den besten Spielern. Bei seinem ersten Weltmeisterschaftsspiel – 1966 in England gegen die Schweiz – schießt er zwei Tore. Abseits des Platzes regelt Schwan alles: Finanzen, Termine, Privates. Als Beckenbauers zweiter Sohn Michael an einer Hirnhautentzündung erkrankt, ruft Franz, selbst fast noch ein Kind, nicht etwa bei den eigenen Eltern an. Er bittet Schwan um Hilfe.

Es ist eine Beziehung der gegenseitigen Abhängigkeit. Wie ein Vater führt Schwan den Fußballer durchs Leben; Beckenbauer wiederum stillt Schwans Hunger nach Erfolg. Es geht so weit, dass beide später sogar unter ein gemeinsames Dach ziehen.

Ein guter Berater stellt sich niemals über seinen Klienten. Ein guter Berater muss akzeptieren, dass er einen Niemand nach oben bringt und dieser Niemand ihn irgendwann überflügelt. In Vertragsverhandlungen sagt Schwan immer: »Das muss der Franz entscheiden.« Oder: »Franz, können wir bitte kurz rausgehen und etwas besprechen?« Wenn sie den Raum wieder betreten, heißt es dann: »Der Franz will, dass…« Schwan hält sich im Hintergrund, er taucht selten bei Veranstaltungen abseits des Fußballs auf – und will dennoch immer wissen, wer Beckenbauer was wann eingeflüstert hat.

So legt er schon damals einen wichtigen Grundstein für den weiteren wirtschaftlichen Erfolg. »Schwan hasste feste Strukturen, das waren für ihn nur Kosten«, sagt ein Vertrauter. Deshalb beginnt der Berater, ein informelles Netzwerk zu knüpfen. Es sind Verbindungen, die bis heute bestehen und die vor allem auf einem basieren: auf bedingungslosem Vertrauen.

Zweimal die Woche parkt ein VW Polo vor der Geschäftsstelle des FC Bayern in der Säbener Straße. Im Kofferraum und auf der Rückbank liegen Blöcke und Stifte, Tesafilmrollen und Leitz-Ordner. Man kennt den Fahrer hier. Im Gebäude geht er von Sekretärin zu Sekretärin, liefert Büromaterial oder nimmt die nächste Bestellung auf. Hans Georg Schwarzenbeck, Spitzname: Katsche, 44 Länderspiele, Europameister 1972, Weltmeister 1974. Heute lebt er von einem kleinen Schreibwarenladen in der Münchner Au und davon, dass er seinem alten Verein das Büromaterial liefert. Mit Wolfgang Niersbach vom WM-Organisationskomitee BILD

Man könnte jetzt leicht die Geschichte vom umjubelten Star und von seinem vergessenen Zuarbeiter erzählen. Bloß: Hans Georg Schwarzenbeck erzählt sie nicht. Er ist nicht neidisch. Er sagt: »Auf dem Platz haben doch alle vom Franz profitiert.«

Beim FC Bayern trainieren Schwarzenbeck und Beckenbauer damals zusammen. Passen, stoppen, wieder passen, direktes Zuspiel, volley halbhoch. Weil Beckenbauer keinen Meter zu viel laufen will, muss sich Schwarzenbeck unbändig konzentrieren. Er erkämpft sich jedes Stück seines Könnens, und weil er neben Beckenbauer mehr kämpfen muss, kann er auf einmal auch mehr. Sie üben im Training unablässig Spielsituationen, wann greift der Vorstopper Schwarzenbeck einen Stürmer an, wann der Libero Beckenbauer? Sie üben so lange, bis sie sich fast blind verstehen. »Der Franz hat dieses Vertrauen gebraucht«, sagt Schwarzenbeck.

Da ist es wieder, das Beckenbauer-Prinzip: verschworene Gemeinschaft und absolutes Vertrauen. Wie jede gute Führungskraft prägt Beckenbauer sein Umfeld mehr, als dass es ihn prägt. Auf dem Spielfeld erfindet er eine Position, die es in Deutschland bis dahin nicht gibt: den Libero. So nimmt er Einfluss aufs Spiel, er dirigiert seine Vorderleute, seine Pässe leiten den Angriff ein, und wenn er nach vorn stürmt, zum Doppelpass mit Gerd Müller, dann schießt er auch Tore. Es ist eine Taktik, die den Fußball revolutioniert. »Er hat die Position des Liberos auch zu seinem Schutz erfunden«, sagt Günter Netzer heute. »Während Wolfgang Overath und ich im Mittelfeld nur auf die Knochen bekommen haben, schwebte er von hinten ein und ließ sich feiern.«

Es sind die siebziger Jahre. Und dieser Abend ist nicht ganz untypisch, wenn man Beckenbauers Biograf Torsten Körner glauben darf. In der Villa der Beckenbauers in Grünwald, zehn Zimmer, großer Garten, hat die Hausherrin Besuch. Brigitte Beckenbauer diskutiert mit Bekannten über Literatur, man spricht über Goethes Faust, als ihr Mann nach Hause kommt. Franz Beckenbauer stellt seine Sporttasche auf den Boden und geht zur Stereoanlage. Dann legt er eine Platte von James Last auf.

Auch wenn er der erste Fußballer ist, der in Bayreuth die Festspiele besucht; auch wenn er im Winter im Pelzmantel neben Robert Schwan im Stadion sitzt; auch wenn ihn die Fotografin Diana Sandmann – seine Freundin, für die er die erste Ehefrau Brigitte verlässt – in die USA begleitet, wo er drei Jahre für Cosmos New York spielt: Im Grunde bewahrt sich Beckenbauer seine Giesinger Welt. Als Günter Netzer, damals Manager des Hamburger SV, Diana Sandmann und Beckenbauer nach der Rückkehr aus New York in ihrem Appartement besucht, sitzen die beiden auf der Couch und hören Zithermusik. Beckenbauer, sagt Diana Sandmann heute, wollte immer Akkordeon spielen lernen. Und während die Freundin nach dem Ende von Beckenbauers aktiver Karriere mit ihm lieber wieder nach New York gegangen wäre, zieht es ihn nach Kitzbühel, ins Haus von Robert Schwan.

Auch Bodenhaftung kann einen zum Überflieger machen.

Das hat er von der Mutter. Bis zu ihrem Tod im Januar 2006 wohnt Antonie Beckenbauer, geborene Hupfauf, in der Stauffenbergstraße in Schwabing, fünfter Stock, kein Aufzug. Es ist die Genossenschaftswohnung, in der sie mit ihrem Mann die letzten Jahre glücklich war. Hier, am Küchentisch, beantwortet sie die Fanpost ihres Sohnes. Hier, bei Hackbraten und Weißbier, wird der Franz wieder zum Franzi, ganz gleich, wie prominent die Freunde sind, die er mitbringt. Und von hier aus pflegt Antonie Beckenbauer auch den Kontakt zu seinen Frauen. Zu allen. »Sie hat die Fäden zusammengehalten«, sagt Diana Sandmann.

Antonie Beckenbauer lebt ihrem Sohn vor, wie wichtig ein privates Geflecht ist. Ihre Bodenständigkeit und Schwans Geschäftstüchtigkeit halten Beckenbauers Leben zusammen.

Natürlich gibt es auch die düsteren Seiten. Etwa den Jähzorn: Wenn ein Spiel schlecht läuft, dann fängt der Kaiser schon mal an zu treten. Er kann froh sein, dass Kameras damals noch nicht jeden Winkel des Spielfelds einfangen.

Oder seine Arroganz: DFB-Pokalfinale 1969, die Bayern spielen gegen Schalke 04, die Schalker Fans pfeifen Beckenbauer aus. Nach einem Zuspiel von Sepp Maier stellt er sich vor die gegnerische Tribüne und fängt an, den Ball mit dem Fuß zu jonglieren. 30 Sekunden, 40 Sekunden. Kein Schalker greift ihn an. Die Zuschauer verstummen. Dann spielt Beckenbauer den Ball weiter.

Immer jedoch berichten Weggefährten von der dominierenden Eigenschaft des Stars: Natürlichkeit. »Der Franz ist authentisch«, sagt Fedor Radmann, mit dem er die WM nach Deutschland geholt hat. Und während sich junge Führungskräfte von Siemens oder DaimlerChrysler heute wie kleine Könige aufführen, sobald sie das erste Mal die Senator-Karte der Lufthansa in Händen halten, bleibt der so genannte Kaiser er selbst. An Rudolf Houdeks 90. Geburtstag – ein Fest mit 800 Gästen im italienischen Badeort Riccione – fliegt auch er überraschend ein. Der Ort steht Kopf, und statt zu feiern, muss Beckenbauer Autogramme schreiben. Er schreibt Widmung um Widmung, doch als ihn Houdeks Familie nach zwei Stunden aus der Meute befreien will, schreibt Beckenbauer weiter, weil noch immer Fans um seine Unterschrift bitten.

In den Katakomben des Neckarstadions in Stuttgart liegt ein einsamer Mann auf einer Massagebank und hat Angst. Es ist der 15. November 1980, der Hamburger SV spielt beim VfB, gerade hat die zweite Halbzeit begonnen, aber der HSV spielt nur zu zehnt. Der elfte Mann, der sich in diesem Moment nicht aus der Kabine traut, heißt Beckenbauer. Er trägt die Rückennummer 12, er sollte längst eingewechselt sein, doch er zweifelt. War es richtig, nach drei Jahren New York noch einmal zurückzukehren? Wie werden ihn die Zuschauer aufnehmen? Er ist 35 Jahre, seine beste Zeit ist vorbei, aber der HSV-Sponsor BP hat viel Geld aufgebracht, um ihn zu holen, und im Stadion sitzen erwartungsvoll die Verantwortlichen seines neuen Clubs: Präsident Wolfgang Klein und Manager Günter Netzer. Hatte er denen nicht gesagt, dass er es noch einmal wissen wolle? Beckenbauer rutscht von der Bank und verlässt die Kabine.

Sein Comeback in Deutschland mündet nicht in eine neue Glanzzeit, ihn plagen Verletzungen, der Körper macht nicht mehr mit. 1982 endet Beckenbauers erste Karriere.

Für einen Fußballer sei Abtreten wie Sterben, hat der Sportjournalist Hans Blickensdörfer geschrieben. Robert Schwan sorgt vor, damit Beckenbauer im Leben bleibt. Die Rückkehr nach Deutschland ist die Geburt der Werbefigur, wie man sie bis heute kennt. Vor allem erkennt Schwan, dass man den Meinungsführer auf seiner Seite haben muss, wenn man ganz oben bleiben will: Aus strategischen Gründen wird Beckenbauer im Sommer 1982 Kolumnist bei Bild.

Schon in den Sechzigern hatten Schwan und Beckenbauer in der Schweiz eine Firma gegründet, mit der sie den Namen des Fußballers vermarkteten. Daraus entstand die SKK Rofa AG, über die alle Werbeverträge laufen (siehe Grafik). Von 1982 an kümmert sich der Salzburger Wirtschaftsprüfer Wilfried Krebs um Beckenbauers Finanzen. Steuern zahlt er seitdem in Österreich. Beckenbauers Vermögen wird heute auf 40 bis 50 Millionen Euro geschätzt, seine jährlichen Einnahmen sollen bei vier bis fünf Millionen Euro liegen. Er wirbt für Sparbücher (Postbank) und Mobiltelefone (O2), für Strom (Yello) und Bier (Erdinger).

Wenn Robert Schwan so etwas wie der Vater Beckenbauers war, dann ist Wilfried Krebs der Bruder. Es gibt keinen schriftlichen Vertrag zwischen den beiden, nur einen Handschlag. Nach dem Tod von Schwan 2002 ist es an Krebs, die geschäftliche Konstruktion des Alten so zu verändern, dass sie weiterhin trägt. Maria Rienzner-Schwan, die Ehefrau des Verstorbenen, rückt an die Spitze der AG; jeder Werbevertrag Beckenbauers trägt seitdem ihre Unterschrift. Krebs, der keine Funktion in der Firma hat, führt heute als wirtschaftlicher Berater der Gesellschaft alle Verhandlungen mit Sponsoren und Werbeagenturen. »Mindestens drei- bis viermal in der Woche« telefoniert er mit Beckenbauer, alle paar Tage fährt er zu ihm nach Kitzbühel.

Trotzdem ist Beckenbauer nach dem Tod Robert Schwans überfordert. Er ist jetzt Chef des WM-Organisationskomitees, aber er hat niemanden mehr, der ihm Privates abnimmt. Oder seine Termine organisiert. Wer sich mit ihm in dieser Zeit verabreden will, erinnert sich daran, dass Beckenbauer ein DIN-A4-Blatt aus der Tasche zieht, einen Kalender, wie ihn zum Jahreswechsel immer die Lokalzeitungen beilegen, sechs Monate auf der einen Seite, sechs Monate auf der anderen. Darin trägt der Kaiser seine Treffen ein.

Es ist der Moment, in dem sich Beckenbauer emanzipieren muss; der Augenblick, in dem sich der ganze Wert seines Netzwerks zeigt. So wie seine Leute sich immer auf ihn verlassen konnten – privat, geschäftlich, was bei ihm ohnehin kaum zu trennen ist –, kann er sich nun auf sie verlassen. Er macht Markus Höfl zum persönlichen Sekretär. Den Sohn des ehemaligen adidas-Repräsentanten Herbert Höfl kennt er seit dessen Kindheit.

Hamburg, 21. April 2006. Franz Beckenbauer ist angekommen. In der Hansestadt. In der Lounge des Hyatt-Hotels. Er ist ganz bei sich. Leicht gebräunt, weißer Haarkranz, randlose Brille, wenig Falten, wenig Bauch – entspannt sieht er aus, obwohl er mehr als je in seinem Leben um die Welt jettet, obwohl er seit drei Jahren so gut wie keinen Sport mehr gemacht hat, obwohl sein größtes Projekt, die WM 2006 in Deutschland, von kleinen Skandalen gebeutelt wird.

Fedor Radmann und Markus Höfl sitzen neben ihm. Man gönnt sich Rotwein und Zigarren. Das Interview beginnt im Plauderton. Dann geht es um die Leute, die ihn umgeben. Und auf einmal ist da diese Härte in seinem Ton.

Wie wissen Sie, dass Sie den Leuten vertrauen können?

»Bis jetzt ist noch nichts passiert.«

Trotzdem: Was muss man haben, um mit Ihnen zu arbeiten?

»Das Wichtigste ist Loyalität. Und die Fähigkeit, sich im Hintergrund zu halten und sich nicht selbst profilieren zu wollen.«

Müssen Sie manchmal zeigen, wer oben und wer unten ist?

»Bisher noch nicht. Ich könnte allerdings keinen gebrauchen, der Alleingänge macht oder sich ständig in den Vordergrund drängt.«

Wer darf Ihnen heute so richtig die Meinung sagen?

»Die beiden hier (er zeigt auf Radmann und Höfl) und Krebs. Die drei sind mir sicherlich am nächsten. Und (er lacht kurz) sie haben noch keine größeren Fehler gemacht.«

So ist es bei ihm: Die anderen müssen funktionieren, damit sein Leben funktioniert.

Es redet der sanfte Pate, dessen Gegner ihren Frieden mit ihm gemacht haben, weil gegen ihn nichts geht. Dem trotz seiner Ausbrüche kein Weggefährte nachhaltig böse ist, »weil ich ja hinterher einsehe, wenn ich einen Fehler gemacht habe. Dann entschuldige ich mich.«

Es redet der Gutmütige, der Taxirechnungen von 4,50 Euro auf 10 Euro aufrundet. Dem nach seiner Trainerzeit bei Olympique Marseille Anfang der Neunziger der Club-Patron Bernard Tapie noch Geld schuldete, das Beckenbauer damals gut hätte gebrauchen können. Sein Umfeld riet ihm, Tapie zu verklagen. Doch Beckenbauer wollte nicht. Es passt zu ihm, dass er den Großteil später auch so bekam.

Es redet der Zauderer. »Ich kann ja keine Entscheidung treffen, wenn ich noch unsicher bin.Daher kommt der Ausdruck ›Schaun mer mal‹.« Es redet der Mann, der immer gefragt wurde und nie fragen musste – bis er oberster WM-Bewerber wurde. »Früher sind die Leute immer zu mir gekommen und wollten etwas. Jetzt war es zum ersten Mal andersherum. Man trifft auf diesen Reisen ja auch nicht nur sympathische Erscheinungen. Manchmal habe ich zu Fedor Radmann gesagt: ›Weißt du was, du kannst mich mal – ich mag diese Heuchelei nicht mehr.‹ Er hat dann gemeint, das sei der falsche Weg. Wir haben uns durchgekämpft.«

Am Abend hat er einen Termin auf dem Hamburger Rathausplatz: Eine Gruppe aus Mexiko führt ein uraltes Ballspiel auf, Poc-ta-Poc, dann muss Beckenbauer auf die Bühne. Kerzengerade steht er da, freundlich, korrekt. »Ich mache das ja auch gerne«, hat er zuvor über seine Auftritte gesagt. Warum auch nicht? Es ist sein Produkt, seine Arbeit, sein Leben.

Herbert Henzler, Wohnort Kitzbühel, ist nicht nur ein enger Freund und Berater Beckenbauers. Als langjähriger Chef von McKinsey Deutschland weiß er auch die wenigen echten Leitfiguren zu schätzen. Beckenbauers Fähigkeit, die richtigen Leute um sich scharen. Sich große Ziele zu setzen – wie den Bau eines eigenen Stadions für seine Bayern oder die WM zu holen – und diese dann »beharrlich und langfristig orientiert« zu verfolgen.

Glück kann man nicht lernen, hat Franz Beckenbauer einmal gesagt, »aber man muss lernen, damit umzugehen«. Klingt wie ein Allgemeinplatz. Doch es ist etwas mehr als das.

22. Juni 1971, ein Jahr bevor die beste deutsche Elf aller Zeiten Europameister wird. Im Stadion von Oslo legt sich Günter Netzer den Ball zum Freistoß zurecht. Es ist die 35. Minute, Deutschland führt gegen Norwegen mit 2:0. Netzer ist unter Druck, er kämpft um einen Stammplatz, er braucht dieses Freistoßtor unbedingt. Die gegnerische Mauer steht schlecht. Netzer kniet sich auf den Rasen, um in Ruhe die letzten Grashalme zu entfernen, die zwischen seinen Fuß und den Ball geraten könnten. Während er da noch kniet und zupft, macht Franz Beckenbauer zwei Schritte – und trifft links oben ins Tor.

Nach dem Spiel ist Netzer stinksauer. Doch Beckenbauer sagt nur: »Ich wusste vorher, dass der passen würde.«

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