Kloster

»Ich bin der Headhunter Gottes«

Ein Gespräch mit dem Kapuzinermönch Bruder Paulus Terwitte über Berufung und Beruf

Bruder Paulus, Jahrgang 1959, lebt im Kapuzinerkloster Dieburg in Hessen und wurde von seinem Orden damit beauftragt, Nachwuchs zu werben. Denn immer weniger Menschen wollen in Ordensgemeinschaften eintreten. Bruder Paulus stellt sich sogar auf Bildungsmessen vor und lädt allmonatlich interessierte junge Leute zu Informationsgesprächen ins Kloster ein. Er ist im Jahr 1978 dem Kapuzinerorden beigetreten direkt nach dem Abitur. Und er ist einer der aktivsten Vertreter seiner Botschaft: Er war Gast in der Harald Schmidt Show, moderiert die Fernsehsendung N 24 Ethik und ist mit einer eigenen Homepage im Internet vertreten (Adresse siehe unten).

DIE ZEIT: Bruder Paulus, Ihrem Orden mangelt es arg an Nachwuchs.

Bruder Paulus: Ja, die Zahl der Kapuziner in Deutschland ist von 550 im Jahr 1978 auf 200 im Jahr 2006 zurückgegangen. Das Durchschnittsalter der Brüder liegt – wohlwollend gesagt – bei 68 Jahren. Deshalb gehe ich jetzt mal forsch vor und suche Männer, die fähig sind, gute Ordensleute zu werden. Ich bin der Headhunter Gottes.

ZEIT: Was heißt das?

Paulus: Ich rede mit jungen Leuten, die vielleicht Geschäftsführer einer Bank werden wollen, ob es nicht besser wäre, sie würden das Geld für Schulen in Indonesien oder in Mexiko verwalten. Die sollen hellhörig werden, weil Karrieredenken nicht nur heißt: Ich guck mal, wie es mir gut geht, nein, es könnte auch eine tolle Karriere sein, wenn ich dazu beitrage, dass es anderen gut geht.

ZEIT: Das bedeutet, Sie…

Paulus: …ich werbe um die besten Männer in Deutschland. Ich will die Männer, die eigentlich gerne von erfolgreichen Frauen geheiratet worden wären. Die will ich fragen, ob sie nicht eigentlich von Gott bestimmt sind, diesen Weg zu gehen.

ZEIT: Was für ein Weg wäre das?

Paulus: Ein Weg, auf dem man ohne Eigentum lebt, in keuscher Ehelosigkeit und Gehorsam, auf dem es darum geht, in den Fußspuren des heiligen Franziskus an einer brüderlichen Welt mitzuarbeiten. Ich scheue mich nicht, zu sagen: Mein Kloster in Dieburg ist das Assessment-Center, wo sich Leute prüfen können.

ZEIT: Sie haben sich sogar für eine Bildungsmesse angemeldet.

Paulus: Ja, im nächsten Jahr will ich bei der »Nacht der Berufe« in Frankfurt einen Stand haben. Außerdem werde ich zur Agentur für Arbeit gehen und gucken, ob das Berufsbild des Ordensmannes überhaupt im Computer drin ist. Das ist ja ein anständiger Beruf, mit dem man sich zeigen kann.

ZEIT: Sie reden von Beruf und nicht mehr von Berufung. Das klingt so, als wollten Sie das Ordensleben neu bewerten.

Paulus: Nein, das ist endlich eine Richtigbewertung. Sehen Sie: Das Krankenhauswesen, Teile des Bildungssystems, die Altenheime – es fußt alles auf dem Engagement von Menschen, die mit Herzblut Sachen aufgebaut haben. Es wurde gegründet vom Engagement von Ordensgemeinschaften, und das wird wieder kommen! Es wird nicht mehr lange dauern, dann haben wir die Armenkrankenhäuser wieder. Der Staat gibt gerade wieder Verantwortung ab – auf neue Ordensleute kommt Arbeit zu. Und wir haben damit Erfahrung. Die Kapuziner zum Beispiel haben 1520 die erste Feuerwehr in Paris gegründet, Brüder arbeiten in Aids-Stationen in Afrika, wir haben Lkw-Seelsorger gehabt…

ZEIT: Aber viele Jugendliche interessieren sich doch für soziale Berufe – warum ist das Interesse an der Ordenskarriere dann gar so gering?

Paulus: Etablierte Ordensgemeinschaften halten gerne Ausschau nach Jugendlichen, die ihr System weiter unterstützen. Den Verantwortlichen ist das revolutionäre Potenzial junger Menschen eher suspekt – obwohl sie darin am ehesten das Antlitz Jesu finden müssten! Man sucht Ordensleute für seine Institution – und nicht für die neuen Ideen, die die Jungen mitbringen. Die wollen doch nicht den alten Käse von vorgestern weitermachen!

ZEIT: Hat Ihr Werben denn Erfolg?

Paulus: Ja, für den ersten Treffpunkt im Kloster hatte ich nach einer einzigen Pressemitteilung schon fünf Anmeldungen. Darunter war ein Investmentbanker, der vor sieben Jahren angefangen hat, sich mit Theologie zu beschäftigen, und jetzt vor der Frage steht: Will Gott mich als Ordensbruder haben? Oder ein 17-Jähriger, der sich sagte: Ich weiß, ich will für Gott durch die Welt gehen, und ich will gucken, ob ich das mit den Kapuzinern kann. Für mich ist mit den Treffs aber noch etwas anderes verbunden: Wir müssen jungen Leuten neu sagen, dass sie ihre besten Jahre nicht mit Suchen, sondern mit dem Vertiefen des Gefundenen verbringen sollen. Verstehen Sie, was ich meine?

ZEIT: So halb. Erklären Sie.

Paulus: Im Alter zwischen 20 und 30 verstehen sich immer mehr Menschen als Jugendliche, die immer noch etwas zu suchen haben. Damit verpassen sie es, sich in die Tiefe hinein auszubilden. Viele schauen immer noch umher und fragen sich: Bin ich hier richtig, oder bin ich da richtig? Sie betreiben eine flächendeckende Suche nach ihrer wahren Berufung, wollen nicht konkret werden, sich nicht binden, nichts verbindlich in den Terminkalender schreiben. Und dann ist ein Mensch 30 Jahre alt, und mit einem Mal fehlt ihm der Elan, mit dem er noch Wurzeln treiben könnte. Manche werden zu spät wach und sehen, dass die Zukunft, von der sie dachten, sie liege vor ihnen, plötzlich hinter ihnen liegt.

ZEIT: Sie scheinen einen ganz anderen Auftrag zu haben: Sie wollen den Menschen Entscheidungen abringen?

Paulus: Ja, ich nenne meine Treffs im Kloster auch »Kapuziner-Treffpunkt Entscheidung« und nicht »Spurensuche«. Ich will nur die Leute da haben, die spüren: Ich muss eigentlich in meinem Leben etwas entscheiden, aber ich traue mich nicht.

ZEIT: Warum muss ich mich entscheiden?

Paulus: Weil man Verantwortung für sein Leben übernehmen muss. Wir haben einen modernen Atheismus, in dem Leute sagen: Entscheiden? Geht noch nicht. Wir machen irgendwelche Mächte verantwortlich für unser Wohlergehen, und ich sage deutlich: Menschliche Freiheit meint, du kannst, aber auch: du musst dich entscheiden. Offensichtlich aber empfinden viele Menschen die Last der Freiheit sehr stark sie haben die Freiheit zu entscheiden, können sich aber nicht entscheiden. Also weichen viele der Last einfach aus. Dann will man zum Beispiel keine Kinder haben, weil die einen ja die nächsten 20 Jahre festlegen würden. Also entscheidet man nichts und entzieht sich dadurch Lebensfreude.

ZEIT: Na, so schlimm ist es doch auch nicht, wenn man in jungen Jahren herumschnuppert.

Paulus: Ich glaube, dass Lebensfreude mit der Entscheidung kommt. Man muss nicht zuerst maximales Glück erfahren, um dann zu sagen: Ach, wahrscheinlich ist jetzt das das Richtige! Ich muss den Sprung ins Wasser wagen, damit ich glücklich werde und sehen kann, in welche Weiten und Tiefen mich meine Entscheidung führt.

ZEIT: Aber woher kommt die Scheu davor, sich festzulegen?

Paulus: Philosophisch gesprochen, haben die jungen Leute Reserven gegenüber der verbindlichen Vergesellschaftung. Sie gehen nicht gern in Parteien, in Vereine so würden sie erdverbunden werden und tragend. Das fürchten viele, und das ist eine Last, die wir von den alten Griechen haben. Die haben gesagt: Das Geistige, Spirituelle, Unverbindliche, das ist toll! Diese Sklavenarbeit sollen irgendwelche untergeordneten Chargen machen. Leider sind wir dadurch in unserem Abendland auch nicht sehr viel weiter gekommen.

ZEIT: Meine Herren! Sie können bei dem Thema ziemlich emphatisch werden.

Paulus: Ich möchte ein Signal senden und sagen: Tut doch bitte nicht so, als müsstet ihr überall reingerochen haben! Diese Gnadenlosigkeit der modernen Zeit ist doch wahnsinnig, wenn den Leuten vermittelt wird, sie müssten sich so ausbilden, dass sie überall einsetzbar sind. Das ist schlimmer als im Kommunismus.

ZEIT: Bruder Paulus, Sie scheinen mehr Lebensberatung denn Mitgliederwerbung im Sinn zu haben.

Paulus: Das will ich auch so verstanden wissen.

ZEIT: Wie kommts?

Paulus: Ich habe mal einen jungen Mann kennengelernt, wir plauderten, verabschiedeten uns, und er sagte, er ginge nach Hause zu seiner Freundin. Ich fragte: Wie lange seid ihr zusammen? Er sagte: Acht Jahre. Ich fragte: Warum heiratet ihr nicht? Seine Antwort kam, wahrscheinlich im Affekt, sehr direkt. Er sagte: Es könnte ja noch was Besseres kommen. Wissen Sie, wenn Menschen schon so miteinander umgehen: Ich lebe mit dir unter dem Vorbehalt, dass etwas Besseres kommt – da stimmt was nicht! Wenn jemand seinen Beruf nur in der Lauerstellung ausübt, dass danach etwas Bessres kommt – dann kann man nie darin aufgehen! Viele Menschen sind seelisch krank, weil sie sich nicht trauen, in einer Sache aufzugehen. Dagegen will ich etwas tun.

ZEIT: Glauben Sie, Sie werden auf Ihrer Suche nach neuen Mitbrüdern überhaupt fündig?

Paulus: Klar, ich behaupte, dass Gott in Deutschland 20 bis 100 Männer geformt hat, die von ihrer Biografie her Kapuziner werden sollen.

Interview: Peter Wagner

Mehr über den selbst ernannten Headhunter Gottes gibt es unter  www.bruderpaulus.de

 
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Leser-Kommentare

    • 05.06.2006 um 14:47 Uhr
    • SMunk

    Die Klöster waren im Mittelalter die treibenden Kräfte der Modernisierung der Gesellschaft im Hinblick auf theoretische und angewandte Wissenschaft und hatten sich auch mit ihren Ordensregeln und Missionen die Veränderung des Menschen und seiner Gesellschaft auf die Fahne geschrieben.

    Die von Bruder Terwitte angesprochenen Perspektiven im Kloster klingen auch für mich, der zu den Verspäteten gehört, erst einmal attraktiv.

    Dagegen steht aber mein aufklärerisches Denken, dass ich sage, ich muss in der Welt, wie sie ist, bestehen und nicht in den Schutz einer kleinen Gemeinschaft vor der Welt fliehen.

    Die eigene Freiheit der Lebensgestaltung zu nutzen, um sich für etwas zu entscheiden, und sich daran verbindlich gebunden zu fühlen, sollte wieder im Zentrum menschlicher Überlegung stehen. Deshalb möchte ich als liberaler Mensch eben die Freiheit des Menschen zur Selbstverantwortung und zum Self-Commitment fördern.

    Menschen die sich mit ihren Idealen in eine künstliche Welt wie das Kloster zurückziehen, entziehen der Gesellschaft Kräfte, die im alltäglichen Miteinander in normalen Lebenssituationen der Postmoderne alternative Akzente setzen
    könnten.

    Die Aufgaben die das Kloster sich stellt sind aus meiner Sicht sehr positiv zu bewerten. Man könnte sie aber auch zeitgerecht in gemeinnützigen AG's kapitalistisch organisieren.

    Ganze Aspekte des Menschseins wie auch die Sexualität auszublenden, erzeugt nichts anderes als innerlich unfreie und unbefriedigte Menschen, die mehr in einem idealistischen Wahn als in voll entfalteter Persönlichkeit leben.

    Ein Mensch, der nur ideal sein will, lebt auch total an sich selbst vorbei.Menschen werden in religiöser Dimension immer Sünder sein und das ist auch gut so. Sonst kommt wieder irgendjemand auf den Gedanken, er sei der berufenen Führer der Menschheit. Dabei führt aber sicherlich die übermäßige Sexualisierung im Alltag durch Kleidung, Medien und Werbung, Sexshowflyer etc., der permanente Hang in der Darstellung gesellschaftlicher Kommunikation irgendeinen Blödsinn als lustvoll zu empfinden, zu dem Bedürfnis nach einem Gegenentwurf, der im asketischen Klosterleben bestehen könnte.

    Nur vor der Realität wegzulaufen, bringt keine Veränderung. Sich einmischen und persönlich für die Ziele eintreten, die einem wichtig sind ist zielführender als mit Trauer auf das Absterben einer lange nicht mehr zeitgemäßen Form menschlichen Zusammenlebens wie dem Kloster zu blicken.

    • 05.06.2006 um 16:00 Uhr
    • r0ll0

    @SMunk:
    Sexualität auszublenden ist wahrlich extrem.
    Künstlicher als unseren "normalen" Lebensraum finde ich Klöster allerdings nicht. Ich kenne keinen absoluten Wertmaßstab, an dem sich der Realitätsgehalt eines Lebensstiles messen ließe.

  1. Ich wäre – mittlerweile allerdings erst – vielleicht ein Typ für so etwas. Das was uns Bruder Paulus hier vorstellt kann mich so aber nicht begeistern – höchstens die Aussage, dass er eigentlich neue frische Geister braucht, keine reinen Festschreiber des Bestehenden.
    Wenn man sich aber so lange und mit Gelübden ja auch fest, bindet, so muss – bzw. müsste - man das Wichtigste hier m.E. vorab klären - und ändern, bzw. Änderungsmöglichkeiten sehen. Und das gelingt mir hier nicht. Schließlich sind die Klöster ja in das System der katholischen Kirche eingebunden, einem Tanker, der wohl auch eher untergeht, als dass er seinen Kurs korrigiert und der Menschheit doch noch den richtigen Weg weist.

    Für mich sind (christliche) Klöster, Mönche und Nonnen, z.T. bzw. früher zu Recht privilegierte Menschen. Sie müssen nicht zu ihrer eigenen Verteidigung beitragen – sondern werden von den jeweils Herrschenden geschützt und von inneren und äußeren Angriffen verschont. Das ist so auch logisch. Denn wenn man bewusst und kontrolliert keine Kinder hat, ja will, dann muss man sich auch nicht an der Verteidigung der irdischen Zukunft beteiligen, an den Kämpfen der Zeit. Nur die Leittiere, die Alpha-Männchen, welche die Paarungsrechte haben, müssen sich um den Schutz der Gruppe vor den Angriffen anderer kümmern, mit anderen paarungswilligen Männchen. Heute, wie auch zu Zeiten Jesu, kann man bewusst kinderlos sein, und dennoch, ja gerade dadurch, ein bewusstes und hochverantwortliches Leben führen – ohne in einem Kloster zu leben, und ohne die Bibel und die Kirche als das Non plus ultra anzusehen, als etwas, was zum zurechtfinden in dieser Welt nun alleine ausreichen würde bzw. unabdingbar ist.

    Wer, und das gibt es wohl nur bei uns Menschen, aus philosophischen Gründen heraus bewusst kinderlos bleibt, wie Jesus und die Mitglieder der Jerusalemer Urgemeinde, (die ja meinten, dass der Weltuntergang, der Zorn Gottes, unmittelbar bevorstehen würde, was man Kindern ersparen wollte), der kann auch ganz bewusst aus diesen Kämpfen rausgehalten werden. Im Zeitalter der A-Waffen ist dies aber nicht mehr wirklich bzw. ausreichend möglich. Ein A-Waffenkrieg würde ja auch die Klöster zerstören. Gleichwohl scheint dies, dieses Endzeit-Zeichen (damals kam es ja nur zum Ende des alten Israels), der Schlüssel zur philosophischen Kinderlosigkeit auch in de heutigen Zeit zu sein. Ziemlich sicher kinderlos kann man heute auch durch die Verhütung bleiben – absolut sicher geht dies aber nur durch den Verzicht auf Sex. So, also solo, kann man auch niemand verletzen. Es klingt immer wieder unglaubwürdig, wenn sich Menschen, die selbst ganz bewusst keine Kinder und Partner haben, sich für die Familiengründung anderer Menschen einsetzen. Jesus hat dies so m.E. nicht getan. Am Ende aller Tage, mein lieber Bruder Paulus, erlischt halt die irdische Lebensfreude, vor allem die der Kinderbegleitung!

    Der Dank der Herrschenden bzw. der Gesellschaft für die erteilten Privilegien, die ja auch in Form einer direkten und vor allem indirekten materiellen Unterstützung bestehen, liegt in der Wahrnehmung höherer Aufgaben, eben gerade auch in der Pflege einer friedlichmachenden Lehre und Lebensweise: Der jesuanischen Lehre vom Weltuntergang und davon, dass wir das Glück auf dieser Erde nicht werden finden können. Gleichwohl lebt das Reich Gottes eben in den Köpfen der Menschen, muss es, gerade am Ende aller Tage, eine tiefe Liebe zwischen allen Menschen, einschließlich all unseren Vorgängern, geben.

    Gehet hin in alle Welt – und verkündet bzw. kommuniziert diese eigentlich ambivalente Botschaft bzw. auch selbstgewonne(!) Erkenntnis...!
    (Man kann soetwas Gewichtiges ja nicht nur "nachbeten"!)

  2. Der Geschäftsführer einer Bank - ist das der Typ von Mensch, der vom Armutideal träumt ?

    Ihr Klostergeklapper hört sich an wie "Big Business".

    Nicht dem Banker und all den anderen Erfolgsmenschen gilt es Angebote zu machen; die christliche Botschaft ist zuvorderst ... den Perspektivlosen, Hoffnungslosen, Arbeitslosen.

    Spirituelle Gemeinschaften im Deutschland von heute müssen anders strukturiert sein.

  3. In diesem Artikel wird die Sinnsuche betont und als Ausgangspunkt für einen Lebenswandel genommen. Dies ist durchaus legitim. Wer keinen Sinn in seinem Leben sieht, kann sich hier aufmachen und einen anderen Weg einschlagen.
    Problematisch finde ich auch nicht eine Lebensweise, die den materialistischen Konzeptionen des Maintstreams widerspricht. Eine Entscheidung für eine solche Lebensweise hat vielmehr etwas mit (nach Marcia) "erarbeiteter Identität" zu tun.
    Was ich allerdings problematisch finde, ist eine womöglich lebenslange Verpflichtung auf einen Orden, ganz besonders unter dem Aspekt der emotional-sexuellen Enthaltsamkeit. Das Zöllibat wurde ja auch nicht in der Urgemeinde eingeführt - keineswegs - sondern entstand erst vor einigen Jahrhunderten.
    Ein dermaßen starkes körperliches Festlegen auf Lebensdauer kann auch viele konstruktive Energien binden und scheint der Sache wenig zu dienen.
    Eine generelle Verbindlichkeit zur Sache hingegen würde wohl genügen - aber bitte ohne die rigiden Forderungen körperlicher Askese.

    • 08.06.2006 um 20:33 Uhr
    • Klauki

    Was der Mann über die Bindungsunlust vieler jüngerer Zeitgenossen schreibt und über deren Folgen, über die Angst, etwas zu verpassen, und den Unwillen, sich verbindlich auf etwas einzulassen, ist einfach treffend. Dass man allerdings überzeugter Christ sein sollte, um Ordensbruder zu werden, blendet er aus...

  4. ...ist die Kritik an der Neigung zum Unverbindlichen und dem "Hereinschnuppern" auch mit einem gewissen Amüsement lesbar.

    War nicht Franziskus selbst Lebemann, Händler und Soldat gewesen, bevor er seine wahre Berufung erkannte und für ihn zur "Süßigkeit verwandelt" wurde? War er nicht zu diesem Zeitpunkt selbst für unser heutiges Verständnis schon in einem Alter, in dem man seinem Beruf und Lebenszweck durchaus gefunden haben kann, und wie erst nach den damaligen Verhältnissen!

    Und kann man dieses Vorbild - eine Entscheidung dieser Tragweite aus Reife auch an Jahren heraus - nicht gerade in den "Fußspuren Christi" finden? Zwar ist es aus seiner Gott/Mensch-Dualität heraus schwierig, ihn als Beispiel anzuführen, aber auch sein eigentlich wirkmächtiges Handeln begann den Evangelien zufolge erst im reifen Alter.

    Man kann verstehen, wenn Bruder Paulus, wie jeder Personalchef, sich mehr junge Leute in seinem Orden wünscht. Aber Ordensleben ist eben nicht nur Beruf, sondern auch Berufung - und kaum eine Berufungsgeschichte kommt ohne Abwehr, Abwarten oder Abwenden aus.

    Wenn Gott heute anteilsmäßig weniger 17- und mehr 30jährige in die Nachfolge Christi und Franziskus' ruft, scheint das vielleicht zuerst eine Schwächung der Struktur zu sein. In Wirklichkeit aber zeigt es, dass, was Franziskus aus dem Evangelium herauslas, auch nach 800 Jahren noch die Kraft besitzt, nicht nur junge Geister zu beeindrucken, sondern auch nach vielfältigen Erfahrungen zu berühren, zu packen und umzuwenden weiß.

  5. @SMunk Ihr Verständnis von "Kloster" scheint mir recht einseitig zu sein. Ich erlaube mir, darauf hinzuweisen, dass zahlreiche Ordensgemeinschaften (und die franziskanischen Orden zählen hier - zumindest zum Teil - mit Sicherheit hinzu) sich nicht oder nur zeitweise dem monastischen Ideal, also der abgegrenzten Kleinwelt hinter dicken Mauern verschrieben haben.
    Das heutige Bild von Ordensmann bzw. Ordensfrau sieht vielfach anders aus und hat mit "vor der Welt fliehen" oder "künstlicher Welt" wenig zu tun.

    Richtig ist, dass das Leben in der Gemeinschaft zentraler Pfeiler und Rückhalt des Ordenslebens ist - nicht anders als etwa in vielen Großfamilien - aber darüber hinaus üben diese Menschen normale Tätigkeiten aus, häufig aus den Tätigkeitsgebieten der Sozial- oder Pastoralarbeitern, selten auch einmal Management (ich erinnere mich an einen Arte-Bericht über einen franziskanischen Frauenorden, der zugleich mehrere Altenheime und/oder Krankenhäuser leitet, Name und Ort sind mir allerdings entfallen).

    Ob die Wortwahl der "Ausblendung" in Bezug auf Sexualität glücklich ist, möchte ich nicht zum Diskussionsthema zu machen, auch wenn mir "Verzicht" präziser und treffender erscheint.

    Aber heute wie früher gibt es einige Menschen, die für ein Leben in einer Ordensgemeinschaft (sei es ein monastisches, sei es ein extrovertiertes) geschaffen sind und sehr viele, für die das nicht gilt. (Auch Bruder Paulus spricht ja von kleinen Zahlen.) "Zeitgemäß" oder "nicht zeitgemäß" ist darum kein Kriterium, dass einer Form menschlichen Zusammenlebens genüge tun würde. Klöster und andere Ordensniederlassungen sind genauso zeitgemäß wie im Mittelalter, auch wenn ihre gesellschaftlihce Funktion eine andere geworden und das zahlenmäßige Interesse stark abgesunken sein mag.

    @TobiasWerner
    Als "unglaubwürdig" sehe ich es keineswegs, wenn ein zölibatär lebender Ordensmann sich für Familien stark macht. Es ist lediglich das sehr zu lobende Einverständnis, dass es eine "bessere" oder "weniger gute" Lebensform immer nur in Bezug auf den Individuellen Menschen geben kann - nicht als universelles Ideal.

    @Epiphanius So sehr die Orientierung an die materielle Armut in Franziskus' und Christus' Sinn sein mag, so sehr steht es Christen auch wohl an, sich um spirituelle Armut in der sie umgebenden Gesellschaft Gedanken zu machen und ihr, einmal aufgefunden, Linderung zu verschaffen.
    Diese Armut in Kreisen von "Bankern und anderen Erfolgsmenschen" entdecken zu wollen, scheint mir nicht abwegig.

    @logisch Sehen Sie das "körperliches Festlegen auf Lebensdauer" auf einen einzigen Partner, mithin die Ehe in ihrem klassischen Sinne ähnlich kritisch?
    Ich glaube (und vermutlich würde Bruder Paulus mir zustimmen), auch hier können wir uns vielleicht darauf einigen, dass es Menschen gibt, die sich aus unterschiedlichen Gründen für eine lebenslange Beziehung - sei sie zu einem Menschen, sei sie ehelos, wie in Matthäus 19,12 angedeutet - entscheiden. Für diese mag dieser Weg richtig sein, für andere nicht - eine generelle Aussage über irgendeinen dieser Wege zu treffen, steht aber wohl keinem von uns zu.

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  • Von Wagner
  • Datum 31.5.2006 - 11:12 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 01.06.2006
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