No-Go-Areas Wo die Angst regiert
Ein Chinese traut sich nicht mehr aus dem Haus. Ein Spanier zeigt seine Narben. Eine Politikerin warnt Ausländer vor Fahrten mit der Straßenbahn. Ist Cottbus eine No-go-Area?
Die Fahrt mit der Straßenbahn Nummer 4 dauert dreißig Minuten. Sie führt durch eine Stadt, in der einst die Ingenieure der DDR-Kombinate für Wohnungen Schlange standen. Heute ruckelt die Tram vorbei an mit Holzplatten zugenagelten Gründerzeitpalais, an leeren Plattenbauten und an nackten Litfaßsäulen. Der einzige Farbklecks hier rührt von einem kürzlich zertrümmerten alternativen Jugendklub und einem Kinderkarussell her, das sich auch feiertags nicht dreht. Die Linie 4 verbindet das Hochhausviertel Sachsendorf mit der Cottbuser Altstadt und der verlassenen Trabantensiedlung von Neu Schmellwitz.
Ein Halbwüchsiger steigt zu und wirft an den Haltestellen Böller aus dem Waggon. Jedes Mal zucken die Fahrgäste zusammen. Die Fahrt geht vorbei an einem Plattenbau, auf dessen Feuermauer in Riesenlettern die eilig übermalte Naziparole »Mord an Hess« immer noch zu erkennen ist. Die Rechten müssen sich für ihr Werk vom Dach abgeseilt haben. Vor einer Tankstelle lehnen Jugendliche an ihren tiefer gelegten Autos. Aus den Boxen wummert Musik der Naziband Frontalkraft. Ein Skinhead mit seiner Freundin steigt in die Bahn. Er stellt sich ganz vorn auf, sodass alle sein T-Shirt mit der »schwarzen Sonne«, dem Szene-Symbol für die SS, sehen können. Er erzählt seiner Freundin, wie er kürzlich ein »Lokal mit langhaarigen Schwulen durchgeklatscht« habe. Gleich neben dem Straßenbahnfahrer sitzt ein Junge mit Rasta-Locken. Der Skin nimmt ihn ins Visier, zieht seinen Rotz hoch und fragt die Freundin: »Darf ich ihn anspucken, Schatz, bitte?« Sie hält ihn gerade noch davon ab.
An der Stadthalle steigt der kahl rasierte junge Mann aus und trifft dort ein paar Dutzend andere Glatzen. Glasscherben knirschen am Boden. Schon am Vormittag wurde hier reichlich Alkohol getrunken. Viele tragen T-Shirts von Thor Steinar, einer braunen Edelmarke, die im benachbarten Ort Königs Wusterhausen vertrieben wird. Fast jedes Gespräch dreht sich ums »Aufklatschen« oder »In-die-Fresse-Hauen«. Wer etwas anders aussieht als diese Jungs, wechselt die Straßenseite.
»Wir hatten einfach Bock, zwei Chinesen wegzuklatschen«
Cottbus Zentrum. Ob das hier eine No-go-Area ist, einer jener Orte in Brandenburg, vor deren Betreten der ehemalige Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye neulich warnte? Ob Ausländer hier tatsächlich ihr Leben riskieren? Heyes Warnung hatte heftigen Protest ausgelöst. Ihm wird vorgeworfen, er übertreibe und schade – noch dazu kurz vor der Fußballweltmeisterschaft – dem »Ansehen des Landes«. Aber wie sieht es wirklich aus in Weimar, Wurzen, Wismar – oder eben Cottbus? Gibt es in Deutschland tatsächlich Regionen oder Stadtviertel, in denen Rechtsextremisten das Gesetz schreiben?
In Cottbus erhält man auf die Frage unterschiedliche Antworten – je nachdem, wen man fragt. Student Feng L. aus Shanghai zum Beispiel würde sie bejahen. Der angehende Architekt und Wirtschaftsmathematiker geht abends nicht mehr aus. Auch bei Tag spaziert er nicht mehr allein durch die Stadt. Er sitzt lieber mit Flip-Flops und Nike-Jacke in einem Plattenbau am Campus, der von einem Portier bewacht wird. Fengs richtiger Name soll hier nicht genannt, sein Gesicht nicht gezeigt werden, weil das für ihn »lebensgefährlich« sein könnte, wie er sagt. Das Schild der Karl-Marx-Straße, die den Uni-Campus von der Stadtmitte trennt, sei für ihn »wie eine Mauer«. Er gehe »nicht mehr zu Fuß rüber«. Wenn er ins Zentrum müsse, fahre er »schnell mit dem Rad«.
Drei Rechtsextremisten – zwei alkoholkranke Mädchen und ein mehrfach vorbestrafter Mann – werden demnächst vor dem Cottbuser Amtsgericht stehen, weil sie wieder einmal »Bock hatten, zwei Chinesen wegzuklatschen«, wie sie im Polizeiverhör angaben. Vor der Stadthalle warfen sie Fengs Bücher in den Dreck, sie zertrümmerten seine Brille, traten ihm in den Unterleib und schlugen ihm einen Zahn aus. Fengs Frau schleiften sie am Zopf über den Platz – und prügelten sie blutig. Sogar der Generalbundesanwalt im fernen Karlsruhe schickte den Opfern einen Brief und bedauerte »diesen rechtsextremen Übergriff«. Die Oberbürgermeisterin beschwor in einem Schreiben ein »Klima der Toleranz und Völkerverständigung«, das angeblich in Cottbus herrsche. Ein ähnliches Schreiben bekam auch die Studentin Fengshu L., nachdem ihr Jugendliche »mit dem beschuhten Fuß in den Rücken sprangen«, wie die Staatsanwaltschaft Cottbus in den Akten festgehalten hat. Ihrem zu Hilfe geeilten Freund platzte nach einem Schlag das Trommelfell. Am helllichten Tag, mitten in der Spreegalerie, einer zentralen Einkaufspassage.
Alles nur »schlimme Einzelfälle, die von den Medien hochgepuscht werden«, wie Beate Körner meint, die Vertreterin des Akademischen Auslandsamts an der Cottbuser Uni? Oder beweist die Häufung solcher Vorfälle nicht vielmehr, dass sich Teile von Cottbus in eine No-go-Area verwandelt haben? Der Jugendbetreuer Jörn Mayer sagt: »Wenn wir zugeben, dass es hier No-go-Areas gibt, haben wir Cottbus aufgegeben. Wenn sich viele verstecken, werden mehr angegriffen.« Und der bullige Polizeisprecher Berndt Fleischer klopft verärgert auf den Amtstisch: »No-go-Area? Das ist doch lächerlich! Der Zweite Weltkrieg ist vorbei!« Und dann referieren zwei seiner engagierten Kriminalbeamten über die modernen »täterorientierten Maßnahmen«, mit denen die Polizei zwei Dutzend äußerst brutalen Neonazis ständig das Leben schwer mache, indem man sie zu Hause und am Arbeitsplatz aufsucht und verwarnt. Fleischer behauptet, dass es in Cottbus dieses Jahr erst sieben rechte Gewaltstraftaten gegeben habe und dass »Ausländer ganz normal durch die Straßen gehen können«.
Das sagt sich leicht, wenn man weiß ist. Doch wer nur ein wenig südländisch aussieht, der ist von Angst gezeichnet. Dem gehen auch nicht mehr die vielen Vorfälle aus dem Kopf, von denen Ausländer berichten. Pablo, der spanische Austauschstudent, sitzt mit Kollegen in der Mensa der Technischen Universität und zeigt auf eine Narbe am Auge. Im März wurde er mit einer Gruppe von Spaniern im Park so brutal zusammengeschlagen, dass sich die Verantwortlichen an der TU die Frage stellten, ob sie ausländischen Studenten Cottbus noch empfehlen könnten.
Eric aus Kamerun, ein angehender Umwelttechniker, sagt: »Wir Schwarze leben hier auf dem Campus wie in einem Halbgefängnis.« Nein, er übertreibe nicht; er kenne und schätze Deutschland. Er hat an der Humboldt-Universität in Berlin studiert, hat Familie in Stuttgart, nie ist ihm etwas zugestoßen. Doch da draußen, ergänzt sein Landsmann Peter und zeigt in Richtung Stadtzentrum, »herrscht für uns Krieg«.
Was das bedeutet? »Wenn wir abends in die Stadt gehen, müssen wir damit rechnen, kämpfen zu müssen.« Mal werde man mit Bier beschüttet, mal bekomme ein Studienkollege am Bahnhof von hinten einen Faustschlag, mal rückten die Leute weg, wenn sich ein Schwarzer zu ihnen in den Bus setze. In den Vorstadtdiscos würden Schwarze nicht eingelassen. Als Student Peter doch einmal in den Schmellwitzer Tanzschuppen CB hineinkam, seien ihm »die Nazis«, wie er sie nennt, beim Tanzen absichtlich in den Rücken gesprungen. Als er sich beschwert habe, hätten sie ihn verprügelt. »Ich schlucke das runter und mach meine Prüfungen.«
Ja, es gibt in der Stadt viele Bürgerinitiativen, die das nicht länger hinnehmen wollen: den Cottbuser Aufbruch etwa. Man trifft auch auf fleißige Kriminalisten, engagierte und kluge Sozialarbeiter, die viele Erklärungen für die »Gewaltkultur« anbieten. Jugendbetreuer Jörn Meyer erinnert sich, dass Jugendliche ihren Streit hier immer schon gern mit Fäusten ausgetragen haben. In der vergangenen Woche, am Vatertag, erzählt Polizeisprecher Fleischer, musste die Polizei zu einer Massenschlägerei unter Jugendlichen ausrücken. Doch abseits dieser Alltagsgewalt herrscht ein Klima der Einschüchterung, das gut organisiert wirkt und gegen eine kritische, bürgerliche Gesellschaft gerichtet ist. Nicht nur Ausländer, auch Künstler, Politiker, Sportler, linksalternative Jugendliche und die jüdische Gemeinde wurden in den vergangenen Wochen attackiert. »Die Nazis bewegen sich kackfrech in unserer Stadt«, sagt Simone Wendler, Chefreporterin der Lausitzer Rundschau.
Bei Fußballspielen entrollen die Fans Transparente mit Judensternen
Die Spuren sind überall zu sehen: Am Kulturpavillon sind die Scheiben zerbrochen – weil dort das kritische Stück Hallo Nazi! aufgeführt werden sollte. Das Bürofenster der SPD-Abgeordneten Martina Münch, die beim Cottbuser Aufbruch mitmacht, wurde eingeschlagen – weil dort ein Plakat »Gegen rechts« klebte. Mehrere Jugendklubs wurden gestürmt, Brandsätze wurden in ihre Räume geworfen – etwa weil sie einen schwarzen Bassisten auftreten lassen. Im April wurde das Zentrum der jüdischen Gemeinde angegriffen. Bei einem Fußballspiel des FC Energie Cottbus entrollten Fans Transparente mit Judensternen. Ein afrikanischer Spieler flüchtete aus der Stadt. »Das alles«, klagt die Politikerin Münch, »ist richtiger Terror.« Dann sagt sie: »Ich würde keinem Ausländer raten, abends mit der Linie 4 zu fahren.«
Pedro hält sich nicht an diesen Rat. Er ist einer der wenigen Schwarzen, die in der Straßenbahnlinie 4 zu sehen sind. Hat er Angst? »Ich fürchte um mein Leben«, sagt der kubanische Technik-Student, »abends fahre ich deshalb nur noch mit meiner Gaspistole.« Olga Schell, die für die Beratungsstelle Opferperspektive arbeitet, erzählt, Ausländer würden hier oft nicht nur angepöbelt: »Manche hatten das Gefühl, dass man sie totprügeln wollte.« Doch auch Schell meidet den Begriff No-go-Area. Es gehe nicht um Orte, sagt sie, »sondern um gesellschaftliche Strukturen«.
Dirk Wilking kennt diese Strukturen. Der Rheinländer ist in den Osten gezogen, weil er den Job beim Mobilen Beratungsteam wollte. Das ist eine Art McKinsey für die Demokratisierung der Kommunen. Die Berater, vom Land Brandenburg finanziert, versuchen die Dörfer und Städte davon zu überzeugen, dass es keinen Schalter gibt, den man nur umlegen müsse – und schon verschwänden Ausländerfeindlichkeit und Gewalt. Aber eine No-go-Area? Nein, sagt Wilking, da müsste man ja das Militär hinschicken, Cottbus sei nicht der Irak.
Er fürchtet sich hier nicht. Schnurstracks geht er in eine der berüchtigten Nazikneipen, obwohl dort ein lustig gemeintes Schild ausdrücklich vor »Lebensgefahr« warnt. Drinnen in der rustikalen Bierstube zeigt das Foto eines rechtsextremen Cottbuser Fanklubs eine Gruppe Glatzköpfe mit Balken vor den Augen. Wilking sagt: »Das ist eine bekannte lokale Nazitruppe.«
Wilking arbeitete mehrere Jahre lang als Jugendschöffe, und wenn er durch Schmellwitz fährt, kann er an fast jedem Hauseingang einen Straftäter benennen. Er hat vor Gericht Beschuldigte erlebt, die im Park einen Afrikaner totgetreten hatten und dann in den Zug gestiegen waren, als sei nichts geschehen. Er erzählt von einem Behinderten, der in seiner Wohnung zusammengeschlagen wurde, »weil er kein Bier im Kühlschrank hatte«.
Ein rechtsextremes Kind ist Dynamit – es kann jederzeit explodieren
Extremfälle, gewiss. »Aber ein rechtsextremes Kind«, sagt Wilking, »ist in jedem Fall wie Dynamit.« Er meint damit wohl: Es kann jeden Moment explodieren. Dann erzählt er von den Eltern dieser Generation. Von Textilarbeiterinnen und Diplomingenieuren, die in Cottbus nach der Wende 1989 nur noch »Entwertungserfahrungen« erlebten. Ein Viertel der Cottbuser zog weg. »Ich sah stolze Arbeiter heulen. Sie waren die Elite – und jetzt glauben sie, den Ausländern gehe es besser.« Das Ergebnis: Kinderbiografien, »so stereotyp, als ob sie mit Keksstechern gestanzt wurden«, wie Wilking sagt. In der Schule entmutigte Lehrer, die die moderne Zeit beklagen. Arbeitslosigkeit, das Abdriften in die gut organisierte rechte Szene, Saufgelage vor der Tankstelle. Schließlich der Abstieg in die Kriminalität. Und eine Justiz, die selbst bei Gewaltdelikten nach quälend langen Prozessen die Täter nur verwarne, anstatt schneller zu urteilen.
Eine rasche Lösung werde es nicht geben. »Es ist ein langer Weg«, sagt Wilking. An manchen Orten wird er beschritten, an anderen ist er versperrt. An der Straßenbahn-Endstation Sachsendorf, wo vor einigen Jahren die schlimmsten Überfälle passierten, kann man kleine Erfolge sehen. Kluge Stadtplaner haben hier mit EU-Geld die Plattenbauten verglast und bunt bemalt, ein wenig Mittelschicht hergelockt und gepflegte Parks angelegt. Die rechte Szene verlor ihren Rückzugsraum und wanderte ab – in Richtung Schmellwitz, an das andere Ende der Linie 4.
Vor Schmellwitz aber kapitulieren die Stadtplaner noch. Das »Straßenbegleitgrün« wuchert meterhoch. Dazwischen torkeln Burschen mit ihren Rädern, so betrunken, dass die Autos immer wieder abbremsen müssen. Nein, das sei nicht immer so, sagt Wilking. »Heute ist Vatertag, da sind die Bierhähne offen.«
Wovon träumt diese Generation? »Polizei, Bundeswehr, Bundesgrenzschutz«, erklärt Wilking. »Sie wollen lebenslänglich« – und meint damit eine feste Beamtenstelle. Vorerst aber müsse man den Alkohol aus den Jugendklubs verbannen und den »Kiddies« klar machen, dass sie zu denken beginnen müssen.
Wilking steht jetzt vor der Schmellwitzer Schule. Es regnet in Strömen. Wo einst ein lebendiger Schulhof war, stolpert man nun über kaputte Bodenplatten. Wilking dreht sich um, geht vorbei an den verlassenen kommunalen Arztpraxen, an den ehemaligen Versorgungszentren der DDR und an Hauseingängen, auf die SS-Runen geschmiert sind. Dann sagt er: »In dreißig Jahren ist hier nur noch Wiese.«
No-go-Area? Langsam wird klar, was damit gemeint ist. Es sind Orte, die engagierte Leute hier nicht einfach aufgeben wollen, obwohl Ausländer sie längst nicht mehr zu betreten wagen. Es sind gefürchtete Stadtteile, die auch den Verfall und die Ratlosigkeit einer ganzen Gesellschaft symbolisieren – und deren Existenz vielleicht auch deshalb so hartnäckig geleugnet wird.
- Datum 14.06.2006 - 13:18 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 01.06.2006 Nr.23
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Liebe Leser,
ich lebe seit über 12 Jahren in Cottbus, und bin ein Jugendlicher. Ich besuche eine Schule in Neu Schmellwitz und bin somit täglich in diesem, im Artikel als Problemzone beschriebenen, Teil der Stadt. Auch bin ich oft in der Innenstadt, z.b. in der Spree Galerie, oder anderen Plätzen.
Ich denke das ich einen gewissen Einblick in die "jugend-szene " in Cottbus habe.
Das Problem des Rechtsradikalismus in Cottbus ist bei uns kein Geheimnis, oft sieht man Menschen die man der Rechten - Szene zuordnet, doch denke ich dass die Gewaltbereitschaft sich nicht nur auf Ausländer alleine, sondern sich auch auf andere Menschengruppen bezieht.
Auch als "Deutscher", kann man auf gewaltbereite Personen treffen und von diesen in Auseinandersetzungen verwickelt werden. Doch denke ich das man dieses Risiko auch einschränken kann.Ich meine damit, dass es im allgemeinen bekannt ist, dass man abends in Cottbus nicht alleine durch Sachsendorf gehen sollte, oder einfach einen Bogen um "die Rechten" machen muss. Ich denke, dass es in jeder Stadt Bereiche gibt, in denen man abnds nicht sein sollte, diese Probleme findet man in Cottbus, genauso wie in Berlin oder sont wo.
Der eigentlich Hauptpunkt meines Schreibens ist aber, dass ich einfach nicht einverstanden bin mit dem Bild das von Cottbus in dem Artikel beschrieben wird. Ich denke nicht, dass man eine Straßenbahnfahrt durch die Problemzonen der Stadt als Messlatte für eine ganze Stadt nutzen kann. So hat der Autor z.b. die anderen Stadviertel verschwiegen, in denen man gut leben kann. Auch wird in dem Artikel ein schlechtes Bild auf die Menschen und die Stadt projeziert.
So kommt es mir vor, dass die Menschen so dargestellt werden als ob sie das Problem entweder totschweigen oder nur wegschauen. Doch dies ist nicht so. Ich zweifle auch den Teil des Artikels an, wo beschrieben wird, dass 2 asiatische Mitbüger am öffentlichen Tage angegriffen wurden und Opfer von einem Fremdenfeindlichen Übergriff wurden. Ich glaube nicht, dass die Menschen am hellen Tage weggeschaut haben!
Als letztes möchte ich eine Frage an den Autoren stellen, bzw die allgemeinheit. Als ich den Artikel gelesen habe, war ich echt geschockt. Ich bestreite in keinem Fall das es keine Rechten gibt, und dass Cottbus ein Problem mit Gewalt hat, aber können sie sich vorstellen was dieser Artikel für eine Auswirkung auf die Aussendarstellung Cottbus´s hat??? Wenn tausende von Menschen diesen Artikel lesen, werden sie immer Rechte mit Cottbus und dem "Osten" unsere Republik assoziieren. Es wird es sicher nicht einfacher machen, mehr Menschen in Cottbus zu halten, bzw neue Menschen in die Region anzulocken.
Ich denke das dieser Artikel sicher einen Teilschritt mit dazu führt, dass man dem "Osten" im besonderen Cottbus keine oder nur eine kleine Chance mehr einräumt.
Ich würde mich erfreut zeigen, wenn der Autor sich einer sachlichen Diskussion mit Cottbuser Bürgern stellt und somit sieht was er mit seinem Artikel bei der Mehrheit von Menschen in Cottbus ausgelöst hat.
mfg
Zum Beitrag Wo die Angst regiert in Die Zeit vom 1.6.2006, S.3
Der Beitrag Wo die Angst regiert beschäftigt sich mit dem Thema der No-go-Areas am Beispiel der Stadt Cottbus im Land Brandenburg.
Zwei Dinge vorweg: Erstens ist das Verschweigen oder Herunterspielen von rechten Gewalttaten, aus welchen Gründen auch immer, ein schlimmes Übel.
Zweitens sind die in dem Beitrag genannten Fakten alle mehr oder weniger richtig. In unserer Stadt Cottbus gibt es das Problem der ausländerfeindlichen Gewalt. Die häufigste Ausrede, dass es dies auch anderswo gäbe, auch im Westen, hilft uns nicht. Wir haben das Problem hier und müssen hier damit fertig werden. Die Übergriffe auf ausländische Studenten, die Schmähungen gegen unsere jüdische Gemeinde oder antisemitische Fußballsprüche treiben jedem anständigen Cottbuser die Schamröte ins Gesicht! Dennoch wollen wir aus der hiesigen Sicht zu dem Beitrag einige kurze Anmerkungen machen, gibt er doch das Lebensgefühl in unserer Stadt insgesamt einseitig und in letzter Instanz nicht richtig wieder. Man könnte beispielsweise den Weg der Straßenbahnlinie 4 durch die Innenstadt völlig anders beschreiben. Die Trabantenstadt Sachsendorf, das gegenwärtige Zentrum des Stadtumbaus, ist ein international beachtetes Modell für die Umgestaltung einer ehemals sozialistischen Plattenbausiedlung. Hier wurde die Idee der Auflösung des Asylbewerberheimes und der Unterbringung von Flüchtlingen dezentral in den Cottbuser Wohngebieten geboren und seither praktiziert. Im Stadtzentrum leben und arbeiten einige tausend Studenten beider Hochschulen. Mit einem Ausländeranteil an Universität und Fachhochschule von über 20% liegt Cottbus weit über dem bundesdeutschen Durchschnitt. Diese Kommilitonen haben ihre Entscheidung für den Studienort sicher nicht von ungefähr getroffen. Überall in der Stadt spürt man die Bemühungen von Einzelpersonen, Vereinen, Kirchen und Schulen um ein weltoffenes Klima und ein ansprechendes kulturelles Angebot. Dass dies unter den gegenwärtigen wirtschaftlichen Bedingungen eine schwere Aufgabe ist, bedarf keiner Erläuterung. Trotzdem sind Erfolge in dieser Richtung für den objektiven Beobachter jederzeit erkennbar und prägen das Lebensgefühl in dieser Stadt.
Und dennoch, das von Ihnen beschriebene Cottbus existiert auch. Die Thematisierung von rechter Gewalt ist richtig und notwendig. Wenn dabei der Name Cottbus fällt, wird ein realer gesellschaftlicher Zustand beschrieben.
Aber: Die Art der Darstellung, diese ironische, überhebliche Beschreibung eines wirklich oder vermeintlich Außenstehenden verletzt die Menschen hier. Schlimme ausländerfeindliche Gewalttaten in Mölln, Solingen oder München - so registrierte man hier aufmerksam wurden anders kommentiert. So gesehen ist der Zeit-Artikel selbst ein Beitrag zur Diskriminierung.
Holger Kelch
Beigeordneter der Stadt Cottbus
Im letzten Punkt meinte ich natürlich:
Wenn alle Moslems (es gibt 1 Milliarde, d.h. jeder 6. Mensch ist ein Moslem) so gewaltbereit wären wie Du es behauptest, könnten auch wir in Deutschland *nicht* vergleichweise friedlichen Verhältnissen leben, es gäbe Weltkrieg.
hallo, ich habe den beitrag in der ZEIT und die kommentare dazu erst heute lesen können.
ich finde es immer fragwürdiger, wenn scheinbar argumente ausgetauscht werden, die aber letztlich immer darin münden, dem, der oder denen "die schuld" zu geben.
unbestreitbar ist, dass es immer wieder zu diesen maßlos feigen und widerlichen übergriffen gegen alle kommt, die von den (nazi-)schlägern als "nichtdeutsch" identifiziert werden.
ob in cottbus oder anderswo.
meine bewunderung gilt denen (ob schwarz, gelb oder grün), die (nicht nur) in cottbus bleiben und ihren alltag zu leben versuchen.
sie sind ungleich mutiger als diese figuren, die a) "den breiten markieren", b) i.d.r. nur in der gruppe und gegen schwächere oder einzelpersonen agieren und c) sich einer klammheimlichen kumpanei "erfreuen" können, da der "liebe nachbar von nebenan" einfach mal beide augen zudrückt.
oder später worte zu finden versucht, dass es sich bei diesen angriffen doch nur um einzelfälle handelt.
begangen von jungen menschen, denen es aus diesem und jenem grunde an diesem und jenem mangelt und sie daher mit diesem und jenem angebot in die gesellschaft "zurückgeholt" werden müssten.
ich kann es nicht mehr lesen und hören.
das sollte jedermann gelernt haben: ein minimum von respekt vor dem leben und dem recht der körperlichen unversehrtheit !!!
das man unterschiedlicher meinung sein kann: damit habe ich gar kein problem ! das ist auch für mich sehr, sehr wichtig.
gruß
hans
Es gibt einige organsierte Rechtsextreme, die systematisch hier in der ZEIT alle Foren vollhauen, sobald ein Artikel irgendetwas mit Migranten, Türkei und natürlich Nazis zu tun hat. Es sind immer die gleichen - ich denke, sie tauschen zwar die Namen ab und an aus, der Stil und die "Argumente" bleiben aber stereotyp gleich, auf Argumente anderer wird grundsätzlich nicht irgendwie Sachgemäß eingegangen. "Karaya" z.B. stellt im Artikel zur Lesereise des Zeitautors, der Rechtsradikalismus beschreibt - inks zur NPD hin - die ZEIT wird mißbraucht als Propagandaforum - und die Redaktion merkt offenbar nichts!
"Wem nichts mehr gehört, der hat für nichts mehr Verantwortung zu übernehmen."
Ganz so simpel ist es sicher nicht. Für mich selbst, für mein eigenes soziales Verhalten bin ich einzig und allein selbst verantwortlich. Ob mit oder ohne materiellen Besitz. Und seien die Regierenden und Besitzenden auch noch so moralisch degeneriert und korrupt.
Der fragliche Ort heißt Sebnitz. Solche Typen wie ihr sollten das wissen.
In Cottbus regiert also die Angst. Leider erhält man beim Lesen des Beitrages den Eindruck, dass der Autor schon vor der Recherche wusste, was ihn in Cottbus erwarten würde. Er hat die Angst gesucht und prompt auch gefunden.
Sicher zu viele rechtsradikale Übergriffe haben sich in dieser Stadt ereignet und da darf auch nichts beschönigt werden. Eine Segmentierung der Stadt in No-Go-Areas der Begriff erinnert an den Vietnam-Krieg - schießt aber weit über die Tatsachen hinaus und verknüpft Dinge, die nicht zusammengehören. Es gibt in Cottbus wie unglücklicherweise in fast allen deutschen Städten eine rechtsradikale Szene, aber keine Todeszonen. Den Bürgern, die sich seit vielen Jahren für ein weltoffenes, modernes Cottbus einsetzten, hat der Autor damit einen Bärendienst erwiesen. Gleiches gilt für die selektive Beschreibung des städtischen Verfalls. Wenn man konsequent alle Dinge ausblendet, die in den vergangenen Jahren in Cottbus neu entstanden sind, sieht man logischerweise nur die zugenagelten Gründerzeitpalais. Und wenn man, wie es der Autor getan hat, ausgerechnet am Männertag zu Himmelfahrt nach Cottbus kommt, findet man auch (leider Gottes) genügend alkoholisierte Personen auf den Straßen. Statt wirklich zu hinterfragen, bediente der Autor auf überhebliche Weise augenscheinlich vorgefasste Klischees. Mit dieser Arroganz wurde eine echte Chance vertan, die Probleme der Stadt auch die Probleme mit Gewalt und Ausländerfeindlichkeit - ehrlich und sachlich darzustellen. Schade, das ein renommierter Journalist in einem renommierten Blatt dies nicht zustande gebracht hat.
Nils Ohl, IHK Cottbus
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