50 Klassiker der modernen Musik Rabiat gehämmert
Der ungarische Komponist Béla Bartók lässt seine Streichinstrumente wie E-Gitarren klingen. Aus der Reihe "50 moderne Musikklassiker"
Es knallt. Und gleich noch einmal. Die stählernen Saiten prasseln mit Wucht auf das hölzerne Griffbrett. Nichts für zarte Gemüter unter den Streicherseelen, dieses »Bartók-Pizzicato«, und daher auch lange Zeit nicht wohlgelitten. Im Vierten Streichquartett (1928) von Béla Bartók hat es seinen ersten Auftritt. Ein rabiater Zugriff war schon früher das Kennzeichen des Ungarn, der 1881 geboren wurde und 1945 im amerikanischen Exil starb. Mit seinem Klavierstück Allegro Barbaro (1911) hat er sich seine Rubrik geradezu selbst geschaffen: den »Barbarismus«. Rhythmisch hämmernde Akkorde, dissonant aufgeladen, von einer ungestümen, holzschnittartigen Melodie gekrönt – das war nach den verschwiemelten Wagnerismen und der anämisch vagierenden Chromatik der Nachromantik ein Gebot des heißen Blutes. Dabei war ein antiakademischer Impuls im Spiel. Dass Bartók sich von der rauen Volksmusik seiner Heimat und des Balkans inspirieren ließ, hat ihm gleich ein weiteres Etikett beschert: »Folklorismus«. Aber man wird »nichts vom Schollengeruch, wohl aber viel Angriff gegen den geheiligten Formkanon der historischen europäischen Kunst vorfinden; die früheste Vorzeit wird der Avantgarde zum Kampfmittel gegen das Bestehende. Etwas von dieser echt archaischen, revolutionären Folklore lebt in Bartók, und um ihretwillen ist er unbequem«, schrieb Adorno über ihn.
Der erste Satz setzt klare Zeichen, ein markantes Thema, das vervierfacht aufeinander prallt, dann umgewendet wird und in Engführung sich selbst in die Waden beißt. Keineswegs simpel wird hier aufgespielt, alles ist auseinander abgeleitet und aufeinander bezogen; die wilde Jagd am Ende ist ein wohlgesetzter Kanon. Der zweite Satz ist eines der schnellsten Gebilde der Musikgeschichte, aber gedämpft, con sordino und durchweg leise – wobei die huschenden Gestalten eine durchaus unheimliche Atmosphäre verbreiten und in ein sehr ruhiges, hellwaches Mitternachtsstück, eine wispernde Lyrik der Schlaflosigkeit im fahlen Vollmondlicht tragen. Satz Nummer vier reicht der Nummer zwei die Hand: gleiches Material, ganz anderes Gewand. Alles gezupft, pizzicato, was bei Streichern eine hohe Impulskraft hat. Das Finale schließlich ist Rock’n’ Roll für Streichquartett, lange bevor das Kronos-Quartett Jimmy Hendrix’ Hey Joe adaptierte und weit beeindruckender: Hier legen die Streichinstrumente los wie EGitarren, genauso elektrisierend und treibend, doch selbst die heftigen Akkord-Attacken stecken voller kontrapunktischer Finesse und erweisen sich am Ende als identisch mit dem Anfang.
Viele Fäden laufen in diesem
Vierten Streichquartett
zusammen, Fäden aus Bartóks Leben und solche, aus denen das Gewebe der Moderne gesponnen ist. Und dazu gehört auch die Vermittlung von scheinbar Unvereinbarem, von Wildheit und Kalkül.
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Béla Bartók: Viertes Streichquartett
Zehetmair Quartett; ecm new series 1727
- Datum 02.06.2006 - 12:25 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 01.06.2006
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