Gleichberechtigung Das falsche Geschlecht

Wegen sexueller Diskriminierung klagen sechs New Yorkerinnen gegen die Dresdner Bank. Sie fordern gleiches Geld und gleiche Chancen. Ein Präzedenzfall auch für Deutschlands Männerwirtschaft

Sechs Jahre ist es her, dass die Dresdner Bank für Joanne Hart zur Feindin wurde. Sie war eines Mittags ins Regent Hotel an der Wall Street Nummer 55 gekommen, antike Säulen, ein Gebäude wie ein Tempel. Sie wollte Vorträge einiger Abgesandter aus Frankfurt und London über die Zukunft von Dresdner Kleinwort Wasserstein, der Investmentbank der Dresdner Bank, hören. Anschließend wurde zu einem gemeinsamen Lunch gebeten. Joanne Hart saß am Tisch von Michael K. (Name von der Redaktion geändert), dem jungen Vizechef aus Frankfurt, 34 Jahre, dunkle Haare, markantes Gesicht, groß, erfolgreich – ein Bild von einem Investmentbanker.

Um die New Yorker Kollegen besser kennen zu lernen, bat K. jeden um eine kurze Vorstellung. Er forderte zuerst den männlichen Kollegen zu seiner Rechten auf, dankte, übersprang die weibliche Kollegin daneben, fuhr mit dem nächsten Mann fort, dem übernächsten, übersprang auch Joanne Hart, die zweite Frau am Tisch, und machte mit den restlichen Männern weiter.

So erinnert sich Joanne Hart an die Situation. Sie sitzt im 57. Stock des Empire State Building in New York, im Konferenzraum der Anwaltskanzlei Thompson Wigdor and Gilly. Joanne Hart trägt einen schwarzen Nadelstreifenanzug, ihr blonder Pagenkopf sieht auch am Ende des Tages noch frisch geföhnt aus. In diesem Jahr wird sie 50. Normalerweise spricht sie sehr bestimmt, Fragen kürzt sie gerne ab, indem sie einfach in sie hinein antwortet. Heute ist dies anders, unruhig sitzt sie auf ihrem Stuhl. Was damals geschah, bringt sie immer noch auf, als habe sich der Vorfall erst gestern ereignet. Joanne Hart ist überzeugt, dass es für K.s Verhalten nur eine Erklärung gibt: seine Einstellung, dass Frauen in der Bank nichts zu sagen haben. Für Joanne hat die Bank bei diesem Mittagessen ihr wahres Gesicht gezeigt. Deshalb hat sie jetzt, gemeinsam mit fünf anderen Frauen, die Konsequenzen gezogen.

»For immediate release«, zur sofortigen Veröffentlichung, ist die Presseerklärung ihres Anwalt Douglas Wigdor am 9. Januar 2006 überschrieben. Und darunter: »Sechs Frauen haben heute Morgen im südlichen Distrikt von New York Klage gegen die Dresdner Bank wegen sexueller Diskriminierung eingereicht.« Sie fordern 1,4 Milliarden Dollar Schadensersatz für sich selber und die zu erwartenden 500 Mitklägerinnen dieser Sammelklage. Es ist die höchste Summe, die je in einem Fall von sexueller Diskriminierung in den USA gefordert wurde. 1,4 Milliarden, das hört sich an wie ein Witz oder eine bodenlose Unverfrorenheit.

In der 70-seitigen Klage bietet Douglas Wigdor den Medien genügend Stoff, um den Fall interessant zu machen. Da ist die Rede von einem unehelichen Kind aus der Beziehung zwischen einem früheren Vorstandschef und seiner Assistentin; da werden Bürorespektlosigkeiten wiedergegeben wie: »Sie ist die Pamela Anderson der Handelsabteilung«; da wird von einem Strip-Club-Besuch nach einem erfolgreichen Geschäftsabschluss berichtet. Zahlreiche Zeitungen und Fernsehsender in den USA und in Deutschland greifen die Geschichte auf.

Wenn Douglas Wigdor mit seinen Mandantinnen in die Fernsehstudios geht, sind die Fragen der Talkshow-Moderatoren immer die gleichen: »Wie war das mit dem Strip-Club, mit den Prostituierten in der Mittagspause und den anzüglichen Bemerkungen?« Und Jyoti Ruta, eine der sechs Klägerinnen, erzählt wieder und wieder, wie es war, als ihre männlichen Kollegen sie nach einem Geschäftsessen in einem edlen New Yorker Restaurant baten, nach Hause zu gehen, weil die Herren mit dem Kunden noch einen Strip-Club besuchen wollten.

In der CNBC-Sendung On the Money werden bläuliche, unscharfe Aufnahmen von Stripperinnen gezeigt, die den Anschein vermitteln, sie zeigten ebenjene Situation, von der Ruta erzählt. In einer anderen Sendung beginnt die sonst so disziplinierte Joanne Hart nach der Aufzeichnung plötzlich zu weinen. Die Kameras bleiben an, filmen die Tränen. Bei der Ausstrahlung der Sendung am Abend wird diese Szene in voller Länge gezeigt – wie ein letzter Beweis für die Glaubwürdigkeit der Klägerinnen. Es ist jetzt die Geschichte einer Misshandlung geworden. Opfer und Täter sind in den ersten Wochen klar identifiziert. Die Medien haben erwartungsgemäß reagiert, Douglas Wigdor hat seinen ersten Sieg errungen.

Klagen wegen sexueller Diskriminierung sind in den USA zum großen Geschäft geworden, nachdem 1991 die Begrenzung des Schadensersatzes gefallen war. Eine regelrechte Lawine von Sammelklagen war damals losgebrochen. 1996 zahlte Mitsubishi 34 Millionen Dollar, Home Depot ein Jahr später 104,5 Millionen; 1998 einigte sich die Bank Merrill Lynch auf eine nicht veröffentlichte Summe, die Bank Smith Barney zahlte geschätzte 25 Millionen. 2002 zahlte American Express 31 Millionen, Boeing 2004 mehr als 72 Millionen und Morgan Stanley 54 Millionen. 2005 einigte sich die UBS Bank mit einer Klägerin auf 29 Millionen.

Im vergangenen Jahr wurden insgesamt 23.094 Klagen wegen sexueller Diskriminierung bei der amerikanischen Gleichstellungsbehörde, der Equal Employment Opportunity Commission, eingereicht. Immer häufiger trifft es die Wall Street. In Deutschland beschränkt sich die Zahl der Klagen zwischen 1982 und 2004 auf 112 Verfahren. Am 1. August soll nun, mit einiger Verzögerung, das europäische Antidiskriminierungsgesetz in nationales Recht umgesetzt werden. Das bringe amerikanische Verhältnisse nach Deutschland, warnen die Unternehmen, die nun auch hierzulande eine ähnliche Klageflut befürchten.

Tatsächlich wird sich aber für Frauen am Arbeitsplatz nicht viel ändern. Nach dem Willen der Europäischen Union soll die Höhe des Schadensersatzes abschreckend wirken, auf diesem Wege sollen Arbeitgeber von Diskriminierungen abgehalten werden. Im deutschen Gesetzesentwurf ist von dieser Abschreckung jedoch nicht mehr die Rede. Über die Höhe des Bußgeldes werden die Gerichte entscheiden. Bislang waren die Richter jedoch nicht gewillt, größere Geldbeträge zuzusprechen. Sammelklagen, die die Schadensersatzsummen hochtreiben könnten, sind in Deutschland indes nicht erlaubt. Die viel diskutierte Beweiserleichterung dagegen, die von den Frauen lediglich verlangt, ihren Fall vor Gericht glaubhaft zu machen, und dem Arbeitgeber die Last aufbürdet, das Gegenteil zu beweisen, ist im Arbeitsrecht schon seit 26 Jahren verankert.

Das Empire State Building leuchtet rot, blau und weiß in den New Yorker Himmel. Es ist der amerikanischste Wolkenkratzer in Manhattan und Douglas Wigdor vielleicht der amerikanischste aller Anwälte. Medienverliebt, unbescheiden, siegessicher. Vielleicht haben er und seine beiden Partner sich deshalb den 57. Stock des Empire State Building vor drei Jahren als Domizil für ihre erste eigene Anwaltskanzlei ausgesucht. Wer hineinwill, muss seine Tasche wie am Flughafen röntgen lassen. Der Blick aus Wigdors Bürofenster auf die Straßenschluchten des abendlich erleuchteten Manhattan wirkt wie die erste Einstellung eines Hollywoodfilmes. Und bekanntlich gehen die ja fast alle gut aus. An den Wänden des Büros hängen gerahmte Zeitungsausschnitte von Wigdors größten Fällen sowie ein Foto, auf dem er gemeinsam mit Bill Clinton zu sehen ist. Fast sieht es aus, als schiebe sich Wigdor in letzter Sekunde noch ins Bild. Darunter hängt als politischer Ausgleich Ronald Reagan – daneben Familienfotos, die Frau des Anwalts, die beiden kleinen Söhne.

Douglas Wigdor sitzt hinter seinem Schreibtisch und rechnet vor: 1,4 Milliarden Dollar, in diesem Betrag stecke erstens der Schadensersatz für erlittene seelische Qualen, zweitens eine Summe, die das Unternehmen für sein Fehlverhalten bestrafen soll, und drittens der Ausgleich für die Gehälter und Bonuszahlungen, die den Frauen aufgrund versagter Beförderung über einen Zeitraum von vier Jahren entgangen seien. »Und es handelt sich hier nicht um Frauen, die Mindestlohn verdienen«, sagt er und grinst. Diese Frauen hätten sechs- oder siebenstellige Bonuszahlungen erwarten können. Das alles sei dann, viertens, noch mal mit 500 zu multiplizieren. So viele Frauen träten seiner Sammelklage bei. Nein, bislang habe er die Frauen noch nicht, aber ja, er sei sich sicher, dass er sie zusammenbekomme. Immerhin war das Ganze seine Idee.

Begonnen hatte der Fall für Wigdor vor anderthalb Jahren. Mit der ehemaligen Pressesprecherin von Dresdner Kleinwort Wasserstein in New York, L-R. Sie sollte damals befördert werden und deshalb in die Zentrale nach London wechseln. Ihre Koffer waren bereits gepackt, da wurde der Wechsel in letzter Sekunde rückgängig gemacht. Rikardsen nahm sich einen Anwalt, Douglas Wigdor. Er warf der Bank vor, Rikardsen sei in London unerwünscht, weil sie schwarz und eine Frau sei. Über die Details darf er nicht sprechen, denn die Bank zahlte Rikardsen eine hohe Abfindung, im Gegenzug wurde Stillschweigen über den Fall vereinbart.

Rikardsen verließ die Wall Street, zog sich ins Privatleben zurück. Als Nachfolgerin hatte sie Maria Rubashkina vorgeschlagen, die die Abteilung übergangsweise betreute. Doch ihr Vorgesetzter vergab den Job schließlich an einen Kollegen aus London. Rubashkina reichte Klage bei der Gleichstellungsbehörde ein. Ihr Anwalt: Douglas Wigdor. Im Februar 2005 wandte sich auch Joanne Hart an Wigdor – und klagte. Ende letzten Jahres beschwerte sich Jyoti Ruta bei der Bank, dass sie seit ihrer Schwangerschaft benachteiligt würde. Sie wird ebenfalls von Wigdor beraten, auch sie reichte kurz darauf Klage ein. Traci Holt erfährt davon, Wigdor beginnt mit ihr gleichfalls über eine Klage zu sprechen. Als er sechs Frauen beisammenhat, beginnt er eine Sammelklage auszuarbeiten.

Douglas Wigdor macht keinen Hehl daraus, dass es ihm nicht um Moral geht. Vielleicht wäre er sonst auch kein so guter Anwalt. »Sie haben die Klägerinnen gesehen«, sagt er und lehnt sich dabei weit in seinen Stuhl zurück, »sie sind sehr gut. Die Jury wird ihnen glauben.« Wigdor war lange Staatsanwalt, er weiß, was Jurymitglieder beeindruckt. Große Gefühle und Schicksalsdramen sind mindestens so wichtig wie Beweise. Das Thema David gegen Goliath kommt immer gut an.

Wigdor geht es ums Geschäft. Aber worum geht es den Frauen? Wollen sie womöglich nur Erfolglosigkeit in Diskriminierung umdeuten? »Jede, die es nur für das Geld macht, wird im Laufe des Prozesses merken, dass es das nicht wert ist«, sagt Susanne Antilla in Florida. Die Wirtschaftsjournalistin hat Ende der neunziger Jahre einen der größten Fälle sexueller Diskriminierung an der Wall Street verfolgt, Pam Martens et al. gegen Smith Barney, und sie hat mit Hunderten von Frauen für ein Buch zu dem Fall gesprochen. »Die Frauen verlieren ausnahmslos ihren Job, kaum eine findet einen neuen an der Wall Street. Viele werden klinisch depressiv, weil sie sich nicht vorstellen konnten, wie negativ Kollegen und vermeintliche Freunde als Zeugen über sie aussagen.«

Worum es Joanne Hart am Morgen des 9. Februar 2005 ging, als sie sich an Douglas Wigdor wandte, kann sie genau benennen: Sie wollte dieses ekelhafte Opfergefühl loswerden.

Seit 2001 hat sie den Rang eines Director inne. Darüber gibt es nur noch den Managing Director. Seit 2002 ist sie dafür zuständig, neue europäische Kunden zu werben. Das macht sie auf dem Händlerparkett, an einem der etwa hundert kleinen Tische mit den Computern und Monitoren. Zusätzlich übertrug der Chef ihr eine Reihe organisatorischer Aufgaben: Reiseplanung für die Kunden, Hotel- und Flugbuchung, alles keine Tätigkeiten, mit denen sie Geld für die Bank verdienen konnte. Aber Profit ist das Maß aller Dinge an der Wall Street. Joanne Harts Bonus am Ende des Jahres sank dementsprechend von ehemals 200.000 auf 6600 Dollar. Als Resultat arbeitet sie kaum noch mit Directors oder Managing Directors zusammen. Keinen dieser Vorgesetzten konnte sie daher um die routinemäßige Bewertung ihrer Arbeit bitten. Was jedoch notwendig wäre für eine Beförderung zum Managing Director.

Will ihr Chef sie aus dem profitablen Geschäft hinausdrängen? Will er sie gar loswerden? Das hat sich Joanne Hart immer wieder gefragt. Natürlich hat sie sich auch gefragt, ob sie nicht einfach ein bisschen überspannt sei. Sie fing an, die Fehler bei sich selber zu suchen. Vielleicht war sie doch nicht so gut; und der Bank ging es geschäftlich nicht gerade prächtig. Die erfolgreichen Neunziger waren vorbei, Jahre, in denen die Banken wuchsen und wuchsen. Jetzt musste sie kämpfen, Arbeitsplätze abbauen. Also arbeitete Hart weiter.

Irgendwann erzählte ihr jemand, dass sich in London einen vergleichbaren Job drei Leute teilten, Joanne Hart erbat für sich ebenfalls Unterstützung, vergeblich. Gerecht? Ungerecht? Lief da ein Angriff gegen sie? Diesen Gedanken wurde sie nicht mehr los.

Joanne Hart war 1994 zur Dresdner Bank gekommen. Sie arbeitete im Equity-Syndicate-Bereich, wo der Aktienpreis jener Unternehmen aushandelt wird, die an die Börse gehen wollen. 1995 übernahm die Dresdner Bank die Investmentbank Kleinwort Benson, die Bank wurde größer, das Investmentbanking-Geschäft zunehmend wichtiger. 1999 ernannte sie das Unternehmen zur Leiterin der Equity-Syndicate-Gruppe, 2000 wurde sie zum Vice President befördert, 2001 zum Director. Im selben Jahr übernahm die Bank das Geldinstitut Wasserstein Perella, eine kleine erfolgreiche Investmentbank, die im Januar 2000 die größte und teuerste Übernahme aller Zeiten vollzogen hatte, die Übernahme von Time Warner durch AOL. So entstand Dresdner Kleinwort Wasserstein, viele Banker verloren nach der Fusion ihren Job. Im April 2001 kaufte die Allianz Gruppe dann die gesamte Dresdner Bank. Kurz danach begannen die Probleme. Für die Bank und für Joanne.

Am Nachmittag des 8. Februar 2005 hatte Joanne Hart noch einmal mit ihrem Chef gesprochen. Sie hatte ihn darauf hingewiesen, dass ihre Bonuszahlungen nicht ihrer Leistung entsprächen, und er hatte ihr geantwortet, dass er ihr ja mehr geben würde, aber er müsse halt auch die jungen Kerle bezahlen. Sie ging an diesem Abend nach Hause, in ihre Wohnung an der schicken Upper West Side und legte sich ins Bett. Sie sprach mit keinem Menschen über das, was passiert war. Am nächsten Morgen rief sie Wigdor an.

Anzügliche Witze, derbe Sprüche und schlechte Umgangsformen – das war ihr alles egal. Dergleichen war sie seit Jahren gewohnt. Sie verklagt die Dresdner Bank nicht wegen sexueller Belästigung oder eines frauenfeindlichen Arbeitsumfeldes. Keine der Frauen verklagt die Dresdner Bank deswegen.

Es geht den Frauen um etwas anderes – darum, dass sie, obwohl sie die Bedingungen ihres Arbeitsumfeldes akzeptieren, dennoch nicht die gleichen Chancen haben wie die männlichen Kollegen. Es geht ihnen um gleiche Bezahlung und Beförderung, es geht ihnen um ihre Karriere.

Joanne Hart und die anderen gehören zu einer Generation von Frauen, die die Logik des amerikanischen Schadensersatzrechtes für ihre Zwecke zu nutzen beginnt. Denn je höher der Schadensersatz, der den Frauen zugesprochen wird – je teurer also die Abwesenheit von Frauen in Unternehmen –, desto größer ist der Anreiz, Frauen einzustellen und zu fördern. Es ist die Ökonomisierung der Emanzipation.

Als Joanne Hart vor 26 Jahren an der Wall Street anfing, war sie 24, kam aus New Jersey, und natürlich war auch ihr klar, dass die Wall Street ein Männerclub ist. Freunde arbeiteten dort, so fing auch sie dort an und verkaufte Aktien an Bankkunden. Der Börse ging es damals schlecht, 1980 lag der Dow Jones unter 900 Punkten, heute sind es über 11.000. Joanne mochte die Goldgräberstimmung, den Druck an der Börse, die Schnelligkeit, mit der sie Entscheidungen treffen musste; sie mochte, dass der Markt sich ständig veränderte, dass kein Tag wie der andere war. Sie fand es aufregend, nicht zu wissen, was sie morgens vorfand, wenn sie zur Arbeit ging. Der erste Job führte zum zweiten und so weiter.

Sie arbeitete viel. Oft bis spät in die Nacht. Manchmal 100 Stunden in der Woche. Als das Internet in die Banken kam und ihre Kollegen sich gegenseitig Pornobilder schickten, ignorierte sie das. Dummes Zeug, dachte sie, hielt sich nicht lange damit auf, machte ihre Arbeit, sie wollte vorankommen. Geheiratet hat sie nicht. Es hat sich einfach nicht ergeben. Vielleicht wäre alles anders gekommen, hätte sie Familie gehabt, überlegt sie und wischt den Gedanken dann schnell wieder fort.

Sie habe den Tag nicht erwarten können, an dem sie in New York zu arbeiten begann, sagt Joanne Hart. Es war der Weg raus aus der Vorstadt, raus aus der Bedeutungslosigkeit. Bei mehreren Banken hat sie gearbeitet. 1979 hat sie in einer kleinen Bank angefangen, wo auch ihr Vater angestellt war. Dass sie keinen MBA, kein Wirtschaftsdiplom hat, sei damals, in den Achtzigern, an der Wall Street etwas ganz Normales gewesen, sagt sie. Sie hatte einen College-Abschluss in Englisch, das Geschäft hat sie auf dem Händlerparkett gelernt.

Wenn ihre Kollegin Traci Holt morgens ihre Wohnung in Hoboken, New Jersey, verlässt, dann hat sie zuvor um sechs Uhr ihre ein- und zweijährigen Söhne geweckt, das Kindermädchen hereingelassen und sich von ihrem Mann Chris verabschiedet. Sie verlässt das mehrstöckige Haus, das in einer neuen Siedlung am Rande der Stadt liegt, und nimmt den Bus. Sie fährt auf die andere Seite des Hudson River nach Manhattan, steigt dort in die U-Bahn um und fährt zur Avenue of the Americas. Dort, an der Ecke 53. Straße, hat Dresdner Kleinwort Wasserstein ihren Firmensitz. Vom 35. Stock an aufwärts.

Traci Holt hat sich nie als Feministin verstanden. Ihr ganzes Leben lang hat sie die Männer ernst genommen, auch jene, die es nicht verdienten. Sie war 19 Jahre, noch im College und in der ganzen Stadt hingen seit Wochen die Plakate für den Boston Marathon. Traci war noch nie mehr als sechs Kilometer gerannt, aber jetzt saß sie neben einem Freund auf dem Campus und überlegte laut: »Eigentlich würde ich gerne einmal mitlaufen.« Der Freund guckte sie an, sagte: »Das schaffst du nicht«, und guckte wieder weg. Zwei Tage später stand sie am Start und dachte nur eins: »Fuck you!« Sie hat es geschafft. 42,2 Kilometer in viereinhalb Stunden, das war gar nicht mal so schlecht. Zweifel, Anstrengung, Beweis, Belohnung, das, dachte Traci Holt, würde das Muster ihres künftigen Frauenlebens sein. 16 Jahre später sitzt sie neben Joanne Hart im Konferenzraum der Anwaltskanzlei Thompson Wigdor and Gilly, denn das Muster hat sich als falsch herausgestellt.

Wenn Traci Holt ihr Leben beschreibt, dann sagt sie, dass es ziemlich einfach gewesen sei, untere Mittelklasse in einer Gegend, in der es nur eine Hautfarbe, eine Religion und viel Natur gab. Sie kommt aus einer Kleinstadt, aus Watertown im Staat New York, weit oben an der kanadischen Grenze. Ihr Vater war Lehrer, die Mutter arbeitet als Sekretärin. Sie hatte immer aufs College gewollt, aber die Eltern fanden eine Ausbildung für diese Tochter nicht so wichtig. Und so hat die Mutter, stellvertretend für sich selbst, ihren Sohn und die beiden älteren Töchter angetrieben. Traci wurde Wettkampfschwimmerin; als sie nach der High School an der Tufts University bei Boston angenommen wurde, nahm man sie ins College Team auf.

Sie studierte Geschichte und internationale Beziehungen, mit 22 hatte sie das Studium abgeschlossen, begann in Boston zu arbeiten. Nach ein paar Jahren kündigte sie, ging nach New York und fing bei D’Accord Financial Services an, einem kleinen Finanzberater. In den nächsten drei Jahren wurde sie zweimal befördert, den MBA an der Columbia University bezahlte ihr die Firma. Im Januar 2001 kaufte Dresdner Kleinwort Wasserstein D’Accord, auch Traci Holt wurde übernommen.

Feminismus, das schien ihr ein Begriff aus den Zeiten ihrer Mutter. Es lief bei ihr alles so reibungslos. Dann kam das Baby. Sie ging in Mutterschutz. Als sie nach drei Monaten ins Unternehmen zurückkehrte, war sie einem neuen Team zugeteilt. Strukturfinanzierung, damit hatte sie bislang noch nicht zu tun gehabt, es ging dabei um komplizierte Großkredite. Lernen kann man das nur, wenn man dicht dran an den Bankern sitzt, die sich mit solchen Deals beschäftigen. Wenn man ihnen über die Schultern gucken, wenn man mithören kann. Traci Holt platzierte man weitab in einer Ecke des Händlerparketts. Den männlichen Kollegen aus ihrem alten Team setzte man dagegen mitten hinein.

In einer Beurteilung hatte ihr alter Chef noch empfohlen, Holt zum Director zu befördern. Zwei Jahre später war Holt immer noch Vice President, ihr männlicher Kollege dagegen mittlerweile ein Director.

Dann war sie mit dem zweiten Kind schwanger. Gerade aus einem Urlaub in der Karibik zurückgekommen, stand sie unsicher auf dem Händlerparkett, als ihr Chef Neil Winward zu ihr trat.

»Wie waren denn die Ferien, Traci?«

»Oh, wunderbar, aber wie alle Ferien zu kurz.«

»Aber du wirst ja bald verlängerte Ferien haben.«

»Nein, keine Ferien, das ist Mutterschaftsurlaub.«

»Oh bitte, Traci, jetzt sag mir nicht, dass auch du Teil dieser Frauenverschwörung bist, die uns Männern weismachen will, dass Kindererziehen schwer ist.«

Hatte er das jetzt als Witz gemeint? Was sollte das verdammt noch mal bedeuten?

Als sie aus der zweiten Schwangerschaftspause zum ersten Mal wieder in den 35. Stock der Bank fährt, trifft sie auf einen neuen Kollegen. Mit ihm soll sie sich ihre Kunden teilen. Zunächst schickt man ihn, nur ihn, auf ein Fortbildungsseminar, damit er das Geschäft schnell lernt. Wenig später tritt erneut einer der Chefs an den Tisch von Traci Holt. »Traci, wir beide haben bislang nicht gerade eine professionelle Ebene.«

Sie denkt: Er bietet mir jetzt an, mit ihm gemeinsam an einem großen Geschäft zu arbeiten.

Er: »Ich will, dass du jemand anderem zuarbeitest.« Er nennt den Namen. Es handelt sich um jemanden, der in der Hierarchie unter ihm und auf einer Ebene mit Traci steht.

Sie denkt: Und das sagt er mitten auf dem Händlerparkett, vor allen Kollegen. Was hat das zu bedeuten? Hat das alles etwas zu bedeuten?

In den folgenden Wochen wird Traci Holt mehrmals zum Gespräch mit den Anwälten der Bank gebeten, denn ihre Kollegin Ruta hat Klage gegen die Bank eingereicht, weil sie sich nach ihrer Schwangerschaft benachteiligt fühlt, nun wird der Fall untersucht. Traci Holt berichtet von ihren eigenen Erfahrungen. Und plötzlich macht alles Sinn. Wenn andere Frauen die gleichen Schwierigkeiten mit dem Vorgesetzten haben, dann kann sie, Traci, doch nicht das Problem sein. Dann hat es damit zu tun, dass sie Frauen sind.

Nach den Gesprächen wird Traci Holt die Mitarbeit an einem großen Deal angeboten. Auf Holt wirkt das wie ein Schuldeingeständnis der Bank. Was ihr Chef Neil Winward davon hält, macht er ihr kurz darauf klar.

Er: »Du wirst die gleiche Leistung bringen müssen wie die Männer, du wirst bei dem Deal nicht behandelt, als seiest du Teil einer ›beschützten Gruppe‹.« Die Anführungszeichen macht er mit den Fingern in die Luft. »Das Ganze kann funktionieren oder eben auch nicht.«

Sie denkt: Als ob ich jemals nicht die gleiche Leistung gebracht hätte. Sie kommt sich vor wie damals vor dem Boston Marathon. Nur dass es sich diesmal anhört, als drohe ihr jemand. Am nächsten Tag entschließt sie sich, Wigdors Klage beizutreten.

Einige Tage nach dem Gespräch in Wigdors Kanzlei sitzt Joanne Hart im Hyatt Hotel, einen Häuserblock von der Bank entfernt, und isst zu Mittag. Die Touristen sitzen im hellen Restaurant, die Banker in tiefen Cocktailsesseln in der dunklen Bar. Es ist laut und kühl und selbstverständlich rauchfrei. »Ich dachte, ich wäre in meinem Leben längst über den Punkt hinweg, an dem ich Probleme mit meinem Selbstbewusstsein habe«, sagt Joanne Hart. »Ich dachte, das macht mir alles nichts mehr aus, dass ich jetzt anfangen kann, mich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Ich dachte, das sei einer der großen Vorteile des Älterwerdens. Aber da lag ich völlig falsch. Diese Situationen haben mein Selbstbewusstsein einfach völlig weggefegt.« Sie hält kurz inne, als höre sie sich selbst noch einmal zu, erschrickt dann, als hätte man sie beim Ausziehen beobachtet, und zieht ihre Jacke fester zusammen.

Die Brüskierung während des Mittagessens mit Michael K., dem jungen Vizechef aus Frankfurt, damals im Regent Hotel, konnte Joanne Holt noch wettmachen. Sie habe sich in die anschließende Unterhaltung eingeklinkt und sich dabei vorgestellt, sagt sie. Sie wollte K. in dem Moment nicht auf sein Verhalten ansprechen. Sie habe keine unangenehme Situation erzeugen wollen. Lieber ist sie hinterher zur Personalabteilung gegangen und hat sich über ihn beschwert.

Michael K. ist schon seit einiger Zeit nicht mehr bei der Dresdner Bank. Er sitzt jetzt im 36. Stock des Messeturms in Frankfurt. 2004 hat die Credit Suisse den heute 40-Jährigen abgeworben. Zu seiner Nachfolgerin als Global Head of Equity in London hat er zwei Jahre zuvor eine Frau gemacht. Kommentieren möchte K. Joanne Harts Anschuldigungen nicht.

Einer, der damals ebenfalls im Regent Hotel dabei war, sagt, dass er sich nur noch vage an den Lunch erinnern könne. Damals, nach den Übernahmen, seien die Frankfurter ständig zwischen Tokyo, London, New York und Frankfurt hin und her geflogen. Wer damals am Tisch gesessen habe, das wisse er wirklich nicht mehr, aber wenn sich irgendjemand damals nicht vorstellen konnte, dann könne das nur daran gelegen haben, dass die Zeit zu knapp gewesen sei. Diese Geschäftsessen hätten oft nur 15 oder 20 Minuten gedauert. Dass Frauen bewusst übergangen worden seien, könne er sich nicht vorstellen. Wenn es eine Diskriminierung gegeben habe, dann sei die bestimmt nicht beabsichtigt gewesen.

Auch Neil Winward will sich nicht zu Tracis Anschuldigungen äußern. Ein Anwalt der Dresdner Bank sagt, dass seine Bemerkung über die Frauenverschwörung »als Witz gemeint war und vielleicht falsch interpretiert wurde«. Mit seiner zweiten Bemerkung, dass sie nicht zu einer »beschützten Gruppe« gehöre, habe er der Kollegin nur sagen wollen, »dass sie weiterhin, wie alle anderen, ihrer Leistung entsprechend beurteilt werde.

Keiner der Männer kann sich also vorstellen, dass er Frauen bewusst benachteiligt. Keine der Frauen kann sich vorstellen, dass ihre fehlende Teilhabe an der Macht nur mit ihren fehlenden Talenten zu tun haben kann. Was wirklich in dieser Bank passiert ist, wird schwer zu klären sein. Jede Seite wird ihre Version mit immer mehr Beispielen, mit immer neuen Zeugen belegen.

Anwalt Douglas Wigdor ficht das nicht an. Er sitzt in seinem Büro im Empire State Building, lächelt und meint, mit diesem Er-sagt-sie-sagt-Spiel gewinne man keinen Prozess. Was am Ende zähle, seien die Statistiken. Mit den Statistiken hat er auch seinen letzten Fall gewonnen, die Kisten mit den Schriftsätzen stapeln sich in seinem Büro bis zur Decke.

Wigdor hat alles zusammengetragen: 1950 wurde die erste Frau an der Harvard Business School angenommen, 1965 sind es 2 Prozent, 1975 dann 11 Prozent, 25 Prozent 1985, 28 Prozent 1995 und 36 Prozent 2002. Bei Dresdner Kleinwort Wasserstein sind weltweit von 258 Managing Directors im Kapitalmarktbereich nur 4 weiblich, so die Klage. Das sind weniger als 2 Prozent, die Harvard-Quote von 1965. Unter den Directors, der zweithöchsten Ebene, machen sie 15 Prozent aus. Nur in den niederen Positionen ändert sich das Bild. Da wächst die Zahl der Frauen, die der Männer nimmt ab. So schlecht sehe es in keiner US-Bank aus, meint Wigdor.

Laura Fazio ist eine jener vier weiblichen Managing Directors im Kapitalmarktbereich. Sie ist eine Frau mit lauter, selbstbewusster Stimme und dicken, braunen Augenbrauen, 44 Jahre alt, seit 20 Jahren im Geschäft. Sie ist verheiratet, ihr Mann ist tagsüber zu Hause, nachdem er mit Immobilien viel Geld verdient hat. Die zwei Kinder stammen aus seiner ersten Ehe, sie sind nur jede zweite Woche zu Besuch. Laura Fazio lebt im Norden von New York. Sie hat die Film- und Medienkundensparte der Bank aufgebaut. Jetzt residiert sie in einem großen Mahagonibüro, um sie herum hängen die gerahmten Plakate der Filme an der Wand, die die Bank mitfinanziert hat. Ihre 17 Mitarbeiter, darunter 2 Frauen, sitzen ihr gegenüber.

Fazios Vater ist Manager bei General Electric; er habe ihr immer gesagt: »Der Kunde kommt zuerst, Laura.« Sie ist in Maine aufgewachsen und spielt Golf, wie die meisten ihrer Kunden auch. Der Vorstandsvorsitzende eines Unternehmens, für das sie Geschäfte macht, ist einer ihrer besten Freunde. Laura Fazio zählt zur Oberschicht.

Jane Marlowe ist der zweite weibliche Managing Director. Sie ist 45 und betreut den Schwerindustriebereich. Sie lebt mit einer Frau zusammen, einer Psychologin, die sich gemeinsam mit einem Kindermädchen um die beiden Kinder kümmert. Sie selbst hat nie richtig Golf spielen gelernt. Ihre Tochter schickt sie deshalb schon mit sechs Jahren zum Training, weil sie gemerkt hat, wie wichtig der Sport für die Karriere ist. Ihr Vater war Geschäftsführer eines Textilunternehmens. Offensichtlich gleicht das Privileg der Herkunft den Makel des Geschlechts aus. Keine der beiden Frauen fühlte sich je diskriminiert.

Die Dresdner Bank hat lange überlegt, ob sie sich zu dem Fall äußern soll. Zuerst veröffentlicht sie nur ein Statement, in dem sie alle Anschuldigungen zurückweist. Auf Anraten einer externen Beratungsfirma signalisiert die Bank dann doch Gesprächsbereitschaft. Sie bietet der Reporterin ein Treffen mit Laura Fazio und Jane Marlowe an. Und diese beiden äußern sich auch ganz im Sinne der Dresdner Bank: Diskriminierung? Hätten sie noch nie erlebt. Jane Marlowe erinnert sich lediglich an einen deutschen Kunden, der einmal zu ihr gesagt habe: »Oh, wenn die eine Frau schicken, dann müssen Sie ja wirklich gut sein.« Jane Marlowe störte dies nicht weiter, sie tat es als typisch deutsche Eigentümlichkeit ab.

Und die Bank lässt die Reporterin mit einem ihrer Anwälte sprechen. Zu dem Treffen erscheint eine junge, blonde Rechtsanwältin, die während des Gesprächs vor allem eines zu bedenken gibt: Teil einer Minderheit zu sein bedeute nicht, dass jede Ungleichbehandlung darin auch ihre Ursache habe. Die Anwältin berichtet von Gesprächen mit Traci Holt, dabei habe sie die Bankangestellte gefragt, warum sie glaube, dass die ausbleibende Beförderung auf ihr Geschlecht zurückzuführen sei. Traci Holt habe geantwortet: weil sie sich keinen anderen Grund vorstellen könne.

Solange keine der Klagen öffentlich vor Gericht verhandelt wird, wird es keine Gewissheit über diese Fragen geben. Bislang haben die Banken es verstanden, öffentliche Verhandlungen zu verhindern, mag es sie auch noch so hohe Schlichtungssummen gekostet haben.

Pam Martens ist seit zehn Jahren das Opfer eines solchen ungleichen Kampfes. Die Auseinandersetzung blieb bei ihr nicht ohne körperliche Spuren. Sie nimmt ein Croissant aus einer Frischhaltefolie, in der Küche ihres ordentlichen, weißen Häuschens auf Long Island. Sie blickt an sich herunter. »Als ich vor zehn Jahren die Klage einreichte, trug ich Größe 34, an mir schlotterte alles. Jetzt wären mir ein paar Pfund weniger nicht unrecht«, meint sie und lacht.

1996 hatte Pam Martens die erste große Klage gegen eine Wall-Street-Firma eingereicht, Pam Martens et al. gegen Smith Barney. Im Keller ihres Hauses hat Pam Martens den Rechtsstreit in meterlangen Aktenschränken archiviert. Eine Auseinandersetzung, die für sie immer noch nicht beendet ist, denn sie will einen öffentlichen Gerichtsprozess. Als 1998 nach zwei Jahren und unzähligen außergerichtlichen Anhörungen ihre Mitklägerinnen das Schlichtungsangebot der Bank annahmen, stieg Martens aus der Klage aus. Sie wollte, dass ihr Fall vor Gericht kommt. Erst wenn die Bank im Gerichtssaal öffentlich machen müsse, nach welchen Kriterien sie über Beförderungen und Bezahlung entscheidet, werde es wirklich Gerechtigkeit geben, sagt Pam Martens.

Nach der Schlichtung erhielten die Anwälte 12 Millionen Dollar sowie Prozente an den Entschädigungssummen der Klägerinnen. Die 32 Hauptklägerinnen teilten sich eine Million, die restlichen 1950 Klägerinnen gingen einstweilen leer aus. Sie mussten lange und zähe Abfindungsverhandlungen führen. 2002 hatten 1725 Frauen der Sammelklage Geld erhalten. Wie viel, ist nicht bekannt. Die Schlichtung führte die Duke University durch, ein langjähriger Kunde der Bank, wie sich im Nachhinein herausstellte. Allerdings: Nach der Klage stieg die Anzahl der Frauen bei Smith Barney von 12 Prozent 1996 auf 33 Prozent im Jahr 2002.

Martens hat damals kein Geld bekommen. Sie hat weitergeklagt, für ihr Recht auf einen Gerichtsprozess. Sie will die Bank dazu zwingen, ihre Unterlagen zu veröffentlichen. Aber die Gerichte spielen nicht mit. Sie möge sich, wird ihr empfohlen, außergerichtlich mit der Bank einigen, wie alle anderen auch. Martens hat mittlerweile mehrere zehntausend Dollar für die Klage ausgegeben; weil Smith Barney sie damals entlassen hat, zusätzlich verlor sie 60000 Dollar an Rentenzahlungen. Viele ihrer damaligen Mitklägerinnen sind mittlerweile an Krebs erkrankt. Ob die Erkrankungen etwas mit dem Prozess zu tun haben, weiß Martens nicht, sie findet dies nur auffällig.

Was Pam Martens vor allem erzürnt, ist die zweifelhafte Rolle der Rechtsanwälte. Sie kannte Douglas Wigdor schon, als der noch der großen Kanzlei Morgan Lewis angehörte. Die Anwälte dieser Kanzlei seien damals im Auftrag großer Banken durch die USA gezogen, um Frauen das Recht auszureden, vor Gericht zu klagen. Sie warben für die verpflichtende außergerichtliche Schlichtung im Falle eines Diskriminierungsvorwurfs. Martens holt ein Papier aus ihren Kellerunterlagen. Es handelt sich um eine Rede, die Wigdor auf einer Konferenz in Florida gehalten hat. Darin beschreibt er all die Möglichkeiten, wie sich eine Firma davor schützen könne, ihre Daten offen legen zu müssen. Das wirft, findet Martens, ein sehr zwiespältiges Licht auf Wigdor. »Auf welcher Seite steht er denn?«, fragt sie.

Traci Holt, Joanne Hart und die anderen Frauen sind einfach nur froh, dass sie sich gewehrt haben. »Ich war wirklich überrascht, wie sehr ich verletzt war«, sagt Joanne Hart. »Mich mit dieser Klage zu wehren hat mir viel von meiner alten Kraft wiedergegeben. Wenn du es erst einmal schwarz auf weiß aufgeschrieben hast, was du erlebt hast, dann haben diese Situationen nicht mehr so viel Macht über dich.« Traci Holt meint: »Ich garantiere, dass die großen Unternehmen jetzt ganz genau darauf achten werden, wie sie Frauen fördern.« Keine Firma wolle doch als Nächste so schlecht in den Medien dastehen.

Aber was, wenn ihr Beispiel das Gegenteil bewirkt, die Banken aus Vorsicht lieber gar keine Frauen mehr einstellen? »Nein«, sagt Anwalt Wigdor im Empire State Building, »die Banken können die Frauen auf Dauer nicht ignorieren. Fast die Hälfte aller Wirtschaftsstudenten sind mittlerweile weiblich.« Die Demografie sei da ganz auf ihrer Seite. Bald müssen die Männer die Frauen ernst nehmen, auch jene, die es nicht verdienen.

 
Leser-Kommentare
    • SRCD
    • 05.06.2006 um 11:15 Uhr

    Noch eine Verständnisfrage:

    Kann ich meinen und andere Kommentare hier mehrfach beurteilen?
    So oft, bis alle Punkt grün sind und das Interesse ihn zu lesen dadurch erzwungen wird, weil ihn andere "angeblich" auch öfter gelesen haben?

    Im Klartext:
    Kann ich hier vorsätzlich manipulieren liebe Zeit-Redaktion, liebe MitleserInnen?

    Wenn ja, warum misstraue ich mir und den anderen genau
    an dieser vermeintlich unbedeutenden Stelle?

  1. Dieses "Klagebusiness" und die zu zahlenden Summen müssen
    die Firmen igendwie (höhere Preise, weniger bereitgestellte Jobs, schlechtere Produktqualität, etc...) abwälzen. d.h. am Ende zahlen die "Normalos" wieder die Zeche für die Empfindlichkeiten sowieso schon privilegierter Einzelpersonen.

    Außerdem kommen mir gerade die gebildeten Frauen in D. ganz und gar nicht diskriminiert vor !

  2. @belua: was ist daran "gesunder Menschenverstand", wenn man zulässt, dass aufgrund des Geschlechts, der Rasse, des Alters, der Behinderung, der sexuellen Identität diskriminiert werden darf.

    Antidiskriminierungsverbände sind notwendig, nachdem "die Aufklärung" eben nicht ausreicht, und ohne die/der Einzelne als der David es sehr schwer hat, sich gegen Diskriminierung des Goliaths zu wehren. Was besitzen Sie @belua für ein seltsames Demokratieverständnis?

    Daneben brauchen wir "einen Almodóvar" (mir noch viel sympatischer als diese Anwalts-Mischpoke, "die man nur mit viel Geld hinter dem Ofen hervorlocken kann" (so @self22), einen Modernisierer, der die wahren Stützen der Gesellschaft aufzeigt und den Aufbruch in neue Zeiten wagt: die Frauen. Sie waren "am Ende des Nervenzusammenbruchs".

    Die Gleichstellung sind für alle Fortschrittlichen der Gradmesser für die Demokratie (Ulrike Fokken, als Mann habe ich mir erlaubt von Ihnen meine Feder führen zu lassen, vielen Dank!).

  3. Unser Bundespräsident hat zum kommenden Gleichstellungsgesetz folgendes ausgesprochen: "Jetzt kann sich die Republik nicht erlauben, neue bürokratische Hemmnisse aufzubauen."

    Die Republik, Herr Präsident, der Sie als höchster Repräsentant vorstehen, stände besser da, wenn die Gleichstellung in Deutschland überhaupt kein Thema wäre. Es steht damit nicht sehr gut in unserem Lande, was sich aber bis in die auch Ihnen bekannten Etagen von "röhrenden Banker-Machos" wohl immer noch nicht herumgesprochen zu haben scheint.

    Sie sind der Präsident für jeden, egal welchem Geschlecht, welcher Rasse, welcher Altersgruppe, unter welcher Behinderung er leidet, welcher sexuellen Identität er angehört (und auch wenn er ein Bürokrat ist).

    Ich wiederhole Ulrikke Fokken: "Die Gleichstellung sind für alle Fortschrittlichen der Gradmesser für die Demokratie".

    Herr Präsident, wir erwarten von Ihnen, dass Sie sich für unsere Demokratie einsetzen.

  4. Ich habe mich absichtlich nie bei deutschen,oder europaeischen Firmen beworben da mir gleich beim ersten Mal auffiel wie gross der Unterschied ist - bei US Firmen erlebt man diese peinlichen Sachen nicht wenn man als Frau dort einen Job sucht.Man behandelt Frauen nicht wie Menschen 2.Klasse sondern nimmt sie erst. Ob das nun Ueberzeugung ist oder durch die Gesetze bestimmt wurde ist mir egal.Auf jeden Fall hab ich danach einen Bogen besonders um deutsche Firmen gemacht.Denn ganz offenbar sehen die deutschen Geschaeftsfuehrer die Frauen,egal wie kompetent,nicht als gleichberechtigt an.Mich ueberrascht es nur dass so eine Klage erst jetzt kommt.

  5. Von einer Diffamierung unseres/meines Bundespräsidenten durch meinen Kommentar kann doch überhaupt nicht die Rede sein.

    Der Bundespräsident ist und bleibt der höchste Repräsentant unserer Republik. Und wenn jemand sich von ihm nicht ausreichend vertreten fühlt, hat er die verdammte Pflicht und Schuldigkeit ihm das zu sagen. Das habe ich getan, nicht mehr, nicht weniger. (Ich hoffe nur, dass er auch die Zeit und diese Kommentare liest).

  6. ...sind es nicht, welche die Damen (oder andere Mandanten) in Amerika an Schadensersatzgeldern bekommen. Meist ist die Summe durch die horrenden Erfolgshonorare von Anwälten dort verschleiert.

    Also hat es nichts mit moralisch-korrekter Einstellung der dortigen Anwälte zu tun, sondern mit dem Geschäftssinn. Wenn ich 3000 Euro von jemandem will und meinem Anwalt BEI ERFOLG 500.000 Euro vom Gegner bezahlt werden, kann es mir als Mandanten nur recht sein. Dank BRAO und RVG in Deutschland undenkbar.

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  7. Anwalt Wigdor arbeitet gern mit der Statistik. Warum nicht.
    Eigentlich eine gute Gelegenheit, mit der Statistik zurückzuschlagen.
    Auf dem Foto sehen wir nur weiße Frauen. Ganz klar, dass die die hohen Posten bei den Banken nur bekamen, weil sie mit diskriminisatorischen Methoden die farbigen Frauen nicht reingelassen haben.
    Da wäre eine Entschädigung fällig. Angemessen wäre, dass jede Klägerin jeder schwarzen US-Amerikanerin 1 Mrd. Dollar Entschädigung zahlt. Man gönnt sich ja sonst nichts.

    Und wenn die mit ihrem Prozess durch sind, klagen die auf Basis der Statistik gegen die Diskriminierung der Frauen im Straßenbau, in der Gießerei, beim Hochbau, ...
    Denn da gibt es auch eine Statistik.

    Ach so, falls hier der Eindruck entsteht, ich wäre ein Frauenfeind, muss ich dem heftig widersprechen. Tatsächlich sind mir die Tränen gekommen ob der Qualen, die die armen Frauen erleiden mussten. Die schlimmste denkbare Folter wurde denen angetan. Hat man sie doch bei der Beförderung zum Direktor einfach übergangen. Schlimm, schlimm.
    Frauen wehr euch!

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