Ein Tag ohne Freunde

Vor einem halben Jahr ging die "Berliner Zeitung" an einen Finanzinvestor. Jetzt präsentierte der Verlag einen Boulevard-Mann als Chefredakteur. Die Redaktion protestiert

Er kann an diesem Tag nichts richtig machen. Josef Depenbrock steht im 13.Stock des Berliner Verlages, er lächelt noch. Um ihn herum warten die Redakteure der Berliner Zeitung. Sie schweigen, halten die Arme vor der Brust verschränkt. Depenbrock ist ihr neuer Chef, die Redaktion wusste bis zum Morgen nichts von ihm. Eigentlich sollte dieser 29. Mai ihr Tag sein, der Tag, an dem der Redaktionsausschuss abschließend mit der Verlagsleitung über ein Redaktionsstatut verhandeln wollte, die Redaktion forderte darin auch ein Vetorecht bei Einstellung und Entlassung des Chefredakteurs. Nun steht Depenbrock vor ihnen, und es wirkt wie eine Provokation, eine Missachtung des Redaktionswillens. Schlechter Zeitpunkt für ein Vorstellungsgespräch.

Ziemlich am Anfang seiner Rede sagt Depenbrock: "Ich bin nicht so schön wie Giovanni di Lorenzo (Chefredakteur DIE ZEIT), nicht so virtuos wie Kai Diekmann (Chefredakteur Bild-Zeitung) und nicht so erfahren wie Hans Werner Kilz (Chefredakteur Süddeutsche Zeitung)."

Erste böse Lacher. Ein Redakteur fragt, welche Artikel Depenbrock in letzter Zeit gut gefunden habe. Der neue Chefredakteur erinnert sich an eine Geschichte von Alexander Osang, der ist schon seit ein paar Jahren beim Spiegel, schreibt nur noch ab und zu für die Berliner Zeitung.

Nächste Frage: Was wolle er inhaltlich verändern? Depenbrock zögert, er weiß, das ist ein gefährliches Thema. Er wünsche sich mehr junge Leser, sagt er schließlich, und für die Älteren könne er sich mehr Heimatverbundenheit mit dem Bezirk Marzahn vorstellen. Auch dass das Feuilleton 12 Redakteure habe und das Vermischte nur 1,6 da müsse man überlegen. Depenbrock bemüht sich, versucht, allgemein zu bleiben, aber auch nicht zu allgemein. Er spricht ruhig, langsam und sagt das Falsche.

Nachher verlässt er gemeinsam mit dem Geschäftsführer, dem stellvertretenden Chefredakteur und dem Chef vom Dienst den Raum. Er muss vorbei an Plakaten, die für das Redaktionsstatut werben. " Nur echt mit Vetorecht" steht auf ihnen. Die Gruppe geht ein Stück den Flur entlang, bleibt kurz stehen, wie orientierungslos. Depenbrock lächelt noch immer. Er ist 44, die vergangenen Jahre war er Chefredakteur und Geschäftsführer bei der Hamburger Morgenpost, davor arbeitete er bei den Westfälischen Nachrichten, der Bild-Zeitung, dem Berliner Kurier, dem Anlegermagazin Cash und bei TV Today. Josef Depenbrock ist ein Mann des Boulevards.

Die Redakteure laufen zu den Fahrstühlen, sie fahren zu einer Besprechung beim Betriebsrat. Es geht um eine Erklärung, die fünf Redakteure an diesem Morgen entworfen haben und in der sie gegen die Umstände der Berufung Depenbrocks protestieren. Jetzt ist schon klar, dass am nächsten Tag zumindest keine Frühausgabe mehr erscheinen kann.

Nur der Neue weiß noch nichts.

Ewald B. Schulte sitzt in seinem Büro und telefoniert, er ist leitender Redakteur und Sprecher des Redaktionsausschusses, seit 15 Jahren ist er bei der Berliner Zeitung. " Die Redaktion ist stocksauer", sagt er. Auf seinem Tisch liegt ein Buch mit dem Titel Machtwahn. Die geplanten Verhandlungen wegen des Redaktionsstatutes wurden abgesagt. Schulte meint, die Redaktion sei zu Zugeständnissen beim Vetorecht bereit gewesen. Erst in der vergangenen Woche hatte sie noch ein Schreiben an die Geschäftsführung geschickt und sie aufgefordert, vor Abschluss der Verhandlungen keinen neuen Chefredakteur zu berufen. Ein solcher Schritt würde von der Redaktion als Vertrauensbruch gewertet werden.

"Ein einmaliger Affront gegen die Redaktion"

Schulte schaut auf seinen Bildschirm, er sucht die Mail, die alles veränderte. Um 9.56 Uhr am vergangenen Montag laden die stellvertretenden Chefredakteure zur Versammlung mit dem Geschäftsführer ein. Der verkündet die Berufung des neuen Chefredakteurs mit sofortiger Wirkung. " Ein einmaliger Affront gegen die Redaktion", sagt Schulte.

Der Geschäftsführer der Zeitung, Peter Skulimma, war für ein Gespräch nicht zu erreichen. Ungewöhnlich: Er wird durch eine PR-Agentur vertreten. Deren Sprecher sagt: "Die Vehemenz der Reaktion der Redaktion kam ein klein wenig überraschend." Es habe zu keiner Zeit Signale der Geschäftsführung dafür gegeben, dass sie sich auf ein Vetorecht einlassen werde.

Ärger gibt es, seit die Berliner Zeitung Ende 2005 von der Holtzbrinck-Gruppe (zu der auch die ZEIT gehört) an die DV Deutsche Zeitungsholding verkauft wurde, ein angloamerikanisches Konsortium um den britischen Finanzinvestor David Montgomery. Ex-Chefredakteur Uwe Vorkötter wandte sich damals in einem offenen Brief an die Leser und schrieb, er rate davon ab, die Zukunft der Zeitung Montgomery anzuvertrauen. Nach einem Gespräch mit ihm schrieb Vorkötter: "Wenn er Pläne, Konzepte und Ideen hätte, müsste ich sie jetzt wissen." Er fürchtete, den neuen Eigentümern gehe es um Rendite, nicht um Qualität. Seit zwei Wochen steht fest, dass Vorkötter Chefredakteur der Frankfurter Rundschau wird.

Schulte sagt, der Protest richte sich nicht vordergründig gegen den neuen Chef. Zu ihm könne er noch nicht viel sagen. Sorgen macht er sich darüber, dass Depenbrock Chefredakteur und Mitglied der Geschäftsführung zugleich ist. Bislang habe eine klare Trennung der verlegerischen und der redaktionellen Interessen gegolten. " Das ist ein ganz neues Phänomen bei einer deutschen Tageszeitung", sagt Schulte. Dann schweigt er. Es ist 17Uhr. Draußen auf dem Flur ist es still.

Das ist der Zeitpunkt, an dem Josef Depenbrock merkt, dass er ein Problem hat. Er schaut ins Redaktionssystem und stellt fest, dass dort nichts ist. Eilig wird eine Sitzung von Redaktionsvertretern und Geschäftsführung einberufen. Der frühere Chefredakteur Vorkötter wird als Vermittler dazugebeten.

Der wollte an diesem Morgen eigentlich nach Italien in den Urlaub fahren. Es geht darum, ob wenigstens die Spätausgabe, die auch die Abonnenten bekommen, erscheinen kann. Und es geht darum, wo die Erklärung der Redaktion stehen soll. Am Ende einigt sich die Runde auf eine Notausgabe mit 12 Seiten. Die Erklärung der Redaktion steht auf der ersten Seite. Der neue Chefredakteur antwortet auf Seite 2.

Am Abend lädt Vorkötter die Redaktion zu einer kleinen Abschiedsfeier in eine Kneipe gleich neben dem Verlag. Sie sind in Feierlaune, weil sie glauben, die heutige Runde gegen die Geschäftsführung sei an sie gegangen. Theorien werden aufgestellt und wieder verworfen: Der Geschäftsführer habe den neuen Chefredakteur geopfert, heißt es, der könne nach diesem Einstieg nicht mehr gewinnen. Oder auch: Depenbrock wolle selbst Geschäftsführer werden. Eine Redakteurin seufzt, jetzt müsse man wieder zu allen möglichen Sitzungen gehen. Revolution sei ganz schön anstrengend. Dann wird darüber gewitzelt, wie lang die Antwort des neuen Chefredakteurs werden wird. Die Schätzungen liegen bei 60 Zeilen.

"Eine kämpferische Redaktion ist mir lieber als eine phlegmatische"

Unten in der Kneipe feiert der ehemalige Chefredakteur mit der Redaktion. Oben im 13. Stock schreibt der neue Chefredakteur allein.

Josef Depenbrock sitzt auf einem kleinen Bücherregal, seine Füße baumeln vor und zurück. " Eine kämpferische Redaktion ist mir lieber als eine phlegmatische", sagt er und lächelt. Es ist ein seltsames Lächeln, man ahnt, es kann im nächsten Augenblick vorbei sein. Der Chef vom Dienst betritt das Zimmer: "Ich hoffe, Sie kommen morgen wieder", sagt er zu Depenbrock. " Ja, morgen um neun", antwortet der.

Schlimmer kann ein Einstieg nicht sein, oder? " Es war kein so doller Tag", sagt Depenbrock.

Es sieht aus, als habe er nichts davon gewusst, dass seine Berufung mit den Statutsverhandlungen zusammenfallen sollte. " Ich verstehe, dass die Redaktion kämpft, aber ich finde nicht gut, dass sie das in dem Maße den Leser spüren lässt." Er plane auch keine drastischen Maßnahmen, und seine Zwitterrolle als Chefredakteur und Mitglied der Geschäftsführung sieht er als Vorteil, sonst sitze dort gar kein Journalist. " Ich bin kein Erfüllungsgehilfe von Sparmaßnahmen."

In diesem Augenblick ruft der stellvertretende Chefredakteur ins Zimmer: "Ihr Text passt jetzt." Er ist 72 Zeilen lang.

 
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