DIE ZEIT: Herr Enzensberger, die Reaktion auf Schreckens Männer könnte man mit »respektvollem Naserümpfen« umschreiben – Respekt vor der Person, Kritik an der These. Der Tenor: Den islamistischen Terrorismus dürfe man nicht auf die Figur des »radikalen Verlierers« reduzieren – sei’s des Einzelnen oder der gesamten Kultur. Wo bleiben die äußeren Ursachen, etwa die »Gewalt der Besatzer«?, fragt einer. Ein anderer rät Ihnen, schleunigst ein Buch über Bush oder Berlusconi zu schreiben, also über die »radikalen Gewinner«.

Hans Magnus Enzensberger: Das hat wenig mit mir zu tun, das ist eine eingefleischte Haltung, die wir sofort wiedererkennen. Vor ein paar Jahren war Bush für manche die Inkarnation des Bösen, nicht Saddam Hussein, den man ja verstehen müsse. Ich bilde mir nicht ein, das durch Argumente wenden zu können. BILD

ZEIT: Der »radikale Gewinner«, heißt es, sei wie der Terrorist ein Extremtyp der Globalisierung und ebenso von zerstörerischen Fantasien heimgesucht. Bush und Amerika, Berlusconi und die Börsianer seien als Gewinner des globalisierten Kapitalismus mitschuldig am islamistischen Terror.

Enzensberger: Sie haben wenig getan, um dieses Problem zu entschärfen. Ansonsten hat diese Kritik etwas Dumpfes – als ein Restbestand von Kapitalismuskritik, die ja zur Zeit der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert gut fundiert war – das sind heute noch prophetische Texte. Schade, dass den Linken seitdem nicht mehr viel eingefallen ist, und die Frage ist, wo heute das stärkere Beharrungsvermögen ist – links oder rechts?

ZEIT: In der Kritik spürt man das Unbehagen an dem Enzensberger, der einst das linksprogrammatische Kursbuch redigiert hat. Warum machen Sie es nicht wie Günter Grass, der auf dem PEN-Kongress wieder den Westen und vor allem Amerika für die Unbilden der Welt gescholten hat?

Enzensberger: Ich komme aus der linken Kultur, habe mir aber die Mühe gemacht, den Sozialismus in all seinen Verwicklungen und Formen nicht nur aus Büchern zu studieren. Ich habe mir ihn von oben bis unten angeschaut und bin zu dem Schluss gekommen, dass das nicht funktionieren kann. Warum man aus solchen Erfahrungen keine Schlüsse ziehen soll, kann ich nicht verstehen.

ZEIT: Sie schreiben, der neue Terrorismus sei eine Folge der Globalisierung. Gewiss wäre der ohne die neue Technik – Handys, E-Mails, Jets – nicht möglich. Aber das ist schon die dritte Globalisierung. Die erste war das Zeitalter der Entdeckungen im 15. Jahrhundert, die zweite – Eisenbahn, Telegraf, Dampfschiff – im 19. Jahrhundert. In der ersten Welle gab es keinen Terrorismus, in der zweiten nur das Phänomen des Anarchismus und politischen Mordes. Wieso ist die dritte so ausschlaggebend?