Terrorismus

»Der Islam ist ein Entführungsopfer«

Hans Magnus Enzensberger über die Anziehungskraft von Religion, das Trauma der arabischen Welt und die Zukunft des Terrorismus

DIE ZEIT: Herr Enzensberger, die Reaktion auf Schreckens Männer könnte man mit »respektvollem Naserümpfen« umschreiben – Respekt vor der Person, Kritik an der These. Der Tenor: Den islamistischen Terrorismus dürfe man nicht auf die Figur des »radikalen Verlierers« reduzieren – sei’s des Einzelnen oder der gesamten Kultur. Wo bleiben die äußeren Ursachen, etwa die »Gewalt der Besatzer«?, fragt einer. Ein anderer rät Ihnen, schleunigst ein Buch über Bush oder Berlusconi zu schreiben, also über die »radikalen Gewinner«.

Hans Magnus Enzensberger: Das hat wenig mit mir zu tun, das ist eine eingefleischte Haltung, die wir sofort wiedererkennen. Vor ein paar Jahren war Bush für manche die Inkarnation des Bösen, nicht Saddam Hussein, den man ja verstehen müsse. Ich bilde mir nicht ein, das durch Argumente wenden zu können.

ZEIT: Der »radikale Gewinner«, heißt es, sei wie der Terrorist ein Extremtyp der Globalisierung und ebenso von zerstörerischen Fantasien heimgesucht. Bush und Amerika, Berlusconi und die Börsianer seien als Gewinner des globalisierten Kapitalismus mitschuldig am islamistischen Terror.

Enzensberger: Sie haben wenig getan, um dieses Problem zu entschärfen. Ansonsten hat diese Kritik etwas Dumpfes – als ein Restbestand von Kapitalismuskritik, die ja zur Zeit der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert gut fundiert war – das sind heute noch prophetische Texte. Schade, dass den Linken seitdem nicht mehr viel eingefallen ist, und die Frage ist, wo heute das stärkere Beharrungsvermögen ist – links oder rechts?

ZEIT: In der Kritik spürt man das Unbehagen an dem Enzensberger, der einst das linksprogrammatische Kursbuch redigiert hat. Warum machen Sie es nicht wie Günter Grass, der auf dem PEN-Kongress wieder den Westen und vor allem Amerika für die Unbilden der Welt gescholten hat?

Enzensberger: Ich komme aus der linken Kultur, habe mir aber die Mühe gemacht, den Sozialismus in all seinen Verwicklungen und Formen nicht nur aus Büchern zu studieren. Ich habe mir ihn von oben bis unten angeschaut und bin zu dem Schluss gekommen, dass das nicht funktionieren kann. Warum man aus solchen Erfahrungen keine Schlüsse ziehen soll, kann ich nicht verstehen.

ZEIT: Sie schreiben, der neue Terrorismus sei eine Folge der Globalisierung. Gewiss wäre der ohne die neue Technik – Handys, E-Mails, Jets – nicht möglich. Aber das ist schon die dritte Globalisierung. Die erste war das Zeitalter der Entdeckungen im 15. Jahrhundert, die zweite – Eisenbahn, Telegraf, Dampfschiff – im 19. Jahrhundert. In der ersten Welle gab es keinen Terrorismus, in der zweiten nur das Phänomen des Anarchismus und politischen Mordes. Wieso ist die dritte so ausschlaggebend?

Enzensberger: Weil auch ihre Gegner von der Modernisierung lernen. Der islamistische Terror ist bei der extremen Linken Europas in die Schule gegangen – bis hin zur Kostümierung und Medienpolitik. Unklar ist allerdings, wie diese Modernisierung zur Orthodoxie passt, auf die sie sich beruft. Die ist alles andere als modern.

ZEIT: Aber warum erklärt gerade die dritte Globalisierung ein Phänomen, das in der ersten und zweiten nicht oder kaum existierte?

Enzensberger: Die Indios in Lateinamerika haben sich die Methoden der Spanier nicht gerade schnell angeeignet.

ZEIT: In der zweiten Welle waren Tempo und Wucht der Globalisierung vielleicht noch größer als heute – zum Beispiel das brutale Wechselbad von Boom und Wirtschaftskrise.

Enzensberger: Das hatte mit den Kolonialherrschaften zu tun, die es ja doch lange Zeit geschafft haben, die Unterworfenen unter dem Daumen zu halten. Anderseits: Vergessen wir nicht die vielen Kolonialkriege. Ein weiterer wichtiger Unterschied sind failed states wie Somalia und Afghanistan. Man fragt sich beispielsweise, wie weit die pakistanische Regierung das eigene Land beherrscht.

ZEIT: Von Mohammed Atta bis Madrid kommt der Terror von Leuten, die nicht aus solchen Staaten stammen oder dorthin ausgewichen sind.

Enzensberger: Dort finden die Ausbildung und ein Teil der Logistik statt. Ich sage nicht, dass dort die Entscheidungen getroffen werden.

ZEIT: Nehmen wir New York, London und Paris. Dieser Terrorismus wurde von Leuten verübt, die aus unserer Mitte kamen.

Enzensberger: Deshalb stelle ich doch die Frage nach dem »radikalen Verlierer«. Die Politikwissenschaft kennt keine Psychologie, also keine Subjektivität. Für sie zählen nur die Strukturen und die Machtverhältnisse. Viele Leute verstehen übrigens gar nicht, was ein Essay ist. Sie wünschen sich ein abendfüllendes, endgültiges Handbuch. Ich bin aber kein Spezialist. Ich »versuche« etwas, wie der Begriff sagt. Deshalb ist mir auch jeder Widerspruch willkommen.

ZEIT: Bleiben wir beim Psychologischen, beim »radikalen Verlierer«, der aus einer merkwürdigen Mischung aus Ohnmachts- und Allmachtsfantasien sich selber und andere vernichtet. Solche Verlierer – etwa Amokläufer – gibt es in jeder Kultur. Aber sie sind ein biografisches, kein politisches Problem. Wann also wird Psychologie zur Politik? Anders gefragt: Warum ist der moderne Terrorismus fast durchgehend ein islamisches Phänomen?

Enzensberger: Es gibt ja nach wie vor den Terror nationalistischer oder pseudonationalistischer Gruppen. Der islamistische Terrorist ist allerdings der einzige, der global agiert. In Indonesien interessiert sich niemand für die Basken.

ZEIT: Die Eta- und IRA-Terroristen sind in der Tat Lokalakteure.

Enzensberger: Die haben kein universelles Angebot, während die Islamisten eine Weltreligion gekapert haben und so eine weit breitere Operationsbasis besitzen. Hier ist der Übergang vom einzelnen radikalen Verlierer zum Terrorismus. Wenn der einsame Amokläufer eine Heimat findet für seinen Hass und seine Fantasien, für sein Ressentiment, dann ist er nicht mehr allein. Dann hat er Genossen. Und das stärkt ihn.

ZEIT: Was ist der Unterschied: eine weltweite potenzielle Anhängerschaft – 1,4 Milliarden Muslime – oder eine universalistische Ideologie wie weiland der Kommunismus?

Enzensberger: Vor allem liefert der Islam eine große Rekrutierungsbasis. Der Islam als Religion ist eine Art Entführungsopfer. Bei vielen Sprechern dieses Islamismus ist es nicht sehr weit her mit ihrer Frömmigkeit. In Iran sind die führenden Theologen längst kaltgestellt worden. Der individuelle Terrorist ist den Anfechtungen des Westens oft stark ausgesetzt und erlegen. Nur: Im Kopf schmort das Gefühl der Erniedrigung, der Kränkung durch den Westen. Auch die politischen Motive sind nicht immer für bare Münze zu nehmen, zum Beispiel der Kampf für die Palästinenser. Bekanntlich sind die Palästinenser in der arabischen Welt alles andere als beliebt; sie sind lästig. Die Gelder kommen aus Europa und Amerika, nicht von den arabischen Brüdern.

ZEIT: Zur Struktur Ihres Essays: Sie beginnen mit dem radikalen Verlierer als Einzelperson und enden bei einer ganzen Verlierer-Kultur, der arabischen Welt, die in den letzten 400 Jahren einen radikalen Abstieg erlebt habe, machtpolitisch und kulturell. Hier taucht eine Reihe von Fragen auf, zum Beispiel: Zentralafrika ist ein gewaltiger Verlierer der Globalisierung, produziert aber keinen internationalen Terrorismus.

Enzensberger: Da fehlen der ideologische Zünder und die Erinnerung an eine glorreiche Geschichte. Die Araber haben einen Absturz erlebt, der nicht verarbeitet, nie verkraftet worden ist. Der Islam ist die innere Stütze eines Selbstverständnisses, wonach die Muslime von Gott höher geschätzt werden als die anderen.

ZEIT: Wie die Juden und Christen.

Enzensberger: Spaßeshalber könnte man sich überlegen, was aus Europa geworden wäre, wenn es seit 400 Jahren nichts Nennenswertes hervorgebracht hätte. Wer weiß, welche Wut sich da angesammelt hätte, welches Gefühl der Demütigung.

ZEIT: Die europäische Geschichte kennt zwei gewaltige Verlierer-Kulturen – die griechische und die römische. Athen war die Wiege unserer Kultur und Rom Herrscher über die damals bekannte Welt.

Enzensberger: Um einen näheren Vergleich zu diesem Gefühl des Absturzes oder der Demütigung zu ziehen, sollten wir eher das Stichwort Versailles nennen – als Kristallisationspunkt eines radikalen Verlierer-Kollektivs. Das war der Zünder. Die Deutschen haben das nicht verarbeitet, und deswegen haben sie es ein zweites Mal versucht. Erst dann ist bei ihnen der Groschen gefallen. Sie haben sich die Großmachtfantasien abgeschminkt, auch das Gefühl, dass ihnen von allen Unrecht getan wird. Dieser Komplex hat sich wunderbarerweise nach dem Zweiten Weltkrieg aufgelöst.

ZEIT: Die Deutschen sind vernünftiger als die Araber?

Enzensberger: Nein, aber die Außenwelt kam ihnen zu Hilfe. Der Kalte Krieg war für die Deutschen ein Glücksfall. Man hat uns ja nicht aus Gutmütigkeit einen vernünftigen Frieden angeboten, sondern aufgrund der Großmachtsrivalitäten. Deshalb sind auch gewisse Aspekte des Antiamerikanismus schwer verständlich.

ZEIT: War das nicht auch eine Kränkung?

Enzensberger: Natürlich ist man dem Wohltäter nicht immer wohl gesonnen. Die Franzosen haben es den Amerikanern bis heute nicht verziehen, dass sie von ihnen befreit worden sind. Die narzisstische Kränkung geht aber nicht bis ins Mark.

ZEIT: Eine Verlierer-Ideologie lässt sich aus dem Koran nicht herauslesen. In den ersten 1000 Jahren war der Islam eine richtig erfolgreiche Gewinner-Ideologie – siehe seine Ausbreitung vom Indus bis zum Balkan und Tejo. Die Religion als solche kann den islamistischen Terror nicht erklären.

Enzensberger: Ich spreche nicht von der Religion als solcher. Es war ja gerade der Triumph der Araber, der ihnen ihre heutige Lage so unerträglich macht. Die Araber waren einst weltweit erfolgreich. Und was sind sie jetzt? Wer ist daran schuld? Die Antwort ist die Projektion. Nicht wir sind schuld, sondern die Mongolen, die Türken, die Kolonialmächte, die Juden, die Amerikaner, irgendjemand, nur nicht wir.

ZEIT: Aber wie kommen wir von Ihrem einzelnen Verlierer zum politischen Phänomen? Wir wissen aus ihren Biografien, dass die Mohammad Attas und bin Ladens privilegierte Vertreter ihrer Gesellschaft waren.

Enzensberger: Ja, das ist ja das Tückische. Diese Verlierer kann man nicht auf die Ökonomie reduzieren. Sie kennen den Westen, und das macht es noch schlimmer. Das dramatisiert den Abgrund zwischen ihrer eigenen Situation und dem Erfolg wie der Machtfülle des Westens.

ZEIT: Die Soziologen nennen das den »Demonstrationseffekt« – der kommt frei Haus, per Satellitenschüssel, in Echtzeit.

Enzensberger: Natürlich. Die englischen Administratoren in Indien bekamen die Times sechs Wochen später per Schiff, die Eingeborenen erfuhren überhaupt nichts. Es gab kein Radio, kein Fernsehen.

ZEIT: Als Selbstmordattentäter wird man nicht geboren. Man durchläuft monatelanges Training und Gehirnwäsche. Und dahinter steht eine straffe Organisation, also etwas Politisches.

Enzensberger: Aber natürlich. Die Vermittlungsinstanzen sind wichtig, ebenso wie die starken ideologischen Motive, welche die Leute aus ihrer Vereinzelung herausholen, ihnen ein Angebot machen. So erhält dieser Selbstmordtrip eine Art von Sinn. Der Terrorist ist nun nicht mehr ein individueller Psychopath, jedenfalls nicht in seinen eigenen Augen, sondern ein Mann mit einer Mission.

ZEIT: Jetzt haben Sie Mohammed Atta erklärt. Aber Sie müssen mir auch die nächste Ebene erklären: die Drahtzieher, die Organisation, das Politische. Das können Sie individualpsychologisch nicht.

Enzensberger: Da ist immer ein Moment von Zynismus im Spiel. Der Drahtzieher geht nicht selber hin. Hitler ist nie an die Front gegangen, er wollte der Letzte sein. Erst müssen die anderen sterben. Das ist das Prinzip des Drahtziehers. Jetzt fragen Sie vielleicht nach der politischen Logik dieser Leute…

ZEIT: …richtig. Die müssen doch etwas für ihr Kollektiv wollen.

Enzensberger: Auffällig ist etwas, das bei uns immer unter den Tisch fällt: Dieser Terror fordert viel mehr muslimische als andere Opfer. Die Terroristen haben also keineswegs das Wohl aller Muslime im Sinn. Der Islam ist ja auch äußerst differenziert und gespalten, zum Teil verfeindet. Sie haben es also nicht nur auf uns abgesehen, auch auf das Leben anderer Muslime nehmen sie keine Rücksicht.

ZEIT: Sie haben einen Franco-General von 1936 mit dem Spruch »Viva la muerte!« zitiert, dazu das Bekennervideo der Qaida nach Madrid 2004: »Ihr liebt das Leben, wir den Tod.« Das ist Ausdruck eines Todeskults, der seine Wurzeln im europäischen Faschismus zu haben scheint, einer Ideologie der Gewalt und Vernichtung.

Enzensberger: Die Schiiten haben ihren eigenen Todeskult. Sie geißeln sich blutig. Im Krieg gegen den Irak haben die Iraner ihre Leute zu Tausenden in die Maschinengewehre und Minenfelder getrieben; das ist keine europäische Spezialität. Die Japaner waren auch nicht ohne. Das Wörtchen »faschistisch« ist mir zu inflationär.

ZEIT: Die Baath-Parteien Syriens und des Iraks wurzeln im europäischen Faschismus.

Enzensberger: Moment, die waren aber säkular! Die haben den Islam sogar mit Waffengewalt bekämpft. Aber der Führerkult gehört unabdingbar zum Faschismus. Glücklicherweise fehlt dem Islamismus eine solche Führerfigur.

ZEIT: Sie zitieren als geistigen Vater der Qaida Sayyid Qutb. Hatten dessen Lehren nicht ihre Wurzeln im europäischen Faschismus?

Enzensberger: Eher im Antisemitismus. Die Verbindung ist der gemeinsame Hass auf die Juden.

ZEIT: Sie schreiben am Ende Ihres Essays, »gegen Argumente sind die Islamisten immun«. Deshalb erweise sich der Dialog der Kulturen als »Selbsttäuschung«.

Enzensberger: Das bezieht sich nur auf die Islamisten, nicht auf den Islam. Das zu vermischen wäre politisch absolut fatal. Ich beziehe mich ausschließlich auf die terroristische Fraktion, die sich auf den Islam beruft und ihn ausbeutet.

ZEIT: Aber mit Blick auf diese Fraktion sagen Sie, Beschwichtigung dämme die Konflikte nicht ein, sondern verschärfe sie. Was dann? Gegenwehr?

Enzensberger: Jede Form der Gegenwehr hat einen internen Preis für unsere Gesellschaften. Wir verlieren etwas dabei. Aber wenn die Konflikte sich zuspitzen und lebensgefährlich werden, ist das ein Preis, den die Gesellschaft historisch immer bezahlt hat. Ich möchte noch nicht von einem Krieg sprechen wie die amerikanische Regierung. Aber es ist ein wirklicher Konflikt. Ich ärgere mich natürlich über die Sicherheitsmaßnahmen am Flughafen. Die hatten uns aber schon diese dummen RAF-Leute eingebrockt.

ZEIT: Zum Schluss schreiben Sie, dass es dem islamistischen Terrorismus nicht gelingen werde, ihren Todeskult »grenzenlos zu verallgemeinern«. Es bleibe aber eine Art Hintergrundrisiko, mit dem die Gesellschaft leben muss. Sind die Kosten wirklich erträglich? Die schlimmsten sind der Verlust des Vertrauens. Das spürt man an der staatlichen Überwachung, an der Einschränkung von Bürgerrechten. Haben die Terroristen damit nicht schon einen großen Sieg verbucht?

Enzensberger: Wenn man durch unsere Städte geht, schaut man sich nicht misstrauisch um. Wir delegieren unsere Sicherheitsbedürfnisse an den Staat, aber gleichzeitig bleiben wir wachsam. Werden Befugnisse überschritten, wird ein Untersuchungsausschuss einberufen. Auch die Amerikaner lassen sich die Telefonüberwachung, die Bush angeordnet hat, nicht gefallen. Wir haben allerdings schon vergessen, welche Kosten dieser Art uns der Kalte Krieg aufgebürdet hatte.

ZEIT: Wir können also mit dieser »Terrorismus-Steuer« leben?

Enzensberger: Nolens volens. Ich komme auf den Anfang zurück: Das radikale Verlierertum beschädigt zwar andere, aber steigert seine eigenen Verluste. Letzten Endes ist der Todeskult auf Dauer keine sehr vitale Strategie. Eines Tages werden die Leute müde und lassen sich nicht mehr für ihn mobilisieren. Ich bin jedenfalls kein Apokalyptiker.

ZEIT: Sie zählen auf Ermüdung, nicht Einsicht.

Enzensberger: Das hängt zusammen. Kollektive lernen wahrscheinlich nur dann, wenn ihnen nichts anderes mehr übrig bleibt.

Enzensbergers Idee

Radikale Verlierer

Von Messerstecher beim Berliner Bahnhof wütet, mit dem islamistischen Terrorbomber? In beiden steckt die Figur des »radikalen Verlierers«, der sich selbst und seine Opfer für sein Versagen bestraft. Wie aber wird das Persönliche zum Politischen? Durch den Islamismus, argumentiert der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger in seinem Essay Schreckens Männer, das soeben im Suhrkamp Verlag erschienen ist. In dieser Ideologie bündele sich die Wut eines Kollektivs. Die Araber waren vor 500 Jahren kulturell und machtpolitisch die »Nr. 1« in der Welt. Im Zeitalter der Globalisierung stehen sie als »Verliererkultur« da.

Die Fragen stellte Josef Joffe

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Leser-Kommentare

    • 31.05.2006 um 16:37 Uhr
    • Colon

    Gratulation zu diesem gelungenen Interview. Das ist nicht nur Enzensbergers wägenden Erläuterungen zu seinem letzten "Versuch" zu verdanken, sondern auch dem weitgehend analytisch und dialogisch Fragenden, J. Joffe. Danke.

    • 31.05.2006 um 18:29 Uhr
    • PrinzBernhard

    Um es vorwegzunehmen: Ja es gibt Terrorismus, Selbstmordattentate von Muslimen, z.B. in Israel/Palästina. Im ohnmächtigen Anrennen gegen übermächtige und brutale Besatzer trifft es leider die Zivilbevölkerung der anderen Seite.

    Aber auch hier ist festzustellen, daß solche Attentate sehr oft politisch günstig für die israelische Führung ausfallen oder zumindest dafür ausgenutzt werden. Ein so unfähiger Dienst wie der Mossad kann seine Hände hier natürlich nicht im Spiel haben. Berichterstattung über Greueltaten an den Palästinensern findet nicht statt.

    Auch im Irak gibt es Attentate. Was nicht gemeldet wird, daß vielfach "Special Forces" gesichtet worden sind mit Bombenmaterial. Wie naiv muß man sein, zu glauben, daß der Bombenanschlag auf die den Schiiten heilige Goldene Moschee in Samarra im Februar von Sunniten durchgeführt worden sei?
    Die Beteuerungen der USA, man wolle keinen Bürgerkrieg, wäre lachhaft,wenn sie nicht soviele Menschen das Leben kostete. Die Spaltung des Irak ist das Ziel, das hat mit islamischen Terrorismus gar nichts zu tun. Fühlen sich eigentlichen die Sunniten gegenüber den Schiiten auch als Verlierer, Herr Enzensberger?

    Nun zum eigentlichen Kern des Interviews, der Thesen, etc.:

    Wieder einmal wird dem Leser innerhalb einer Diskussion untergeschoben, daß die Attentate von NY, London, Madrid auf Atta, bin Laden & Co zurückgehen. Während in den USA nach der letzten Zobgy-Umfrage 70 Millionen dem offiziellen Tatverlauf keinen Glauben mehr schenken, wird hier wieder der Kampf der Kulturen aufgerührt.

    Ein einfaches cui bono in den Fragen NY, Madrid, London würde den deutschen Journalismus sehr viel weiter bringen.

    Nach dem der Spiegel mit seiner ihm eigenen Darstellung und Drittkommentaren zum Ahmadinedschad-Interviews diese Woche wieder mit Atomgefahr Iran vorgelegt hat, muß die Zeit nun mit islamischen Terrorismus nachziehen.

    So kann dann auch, gestüzt auf Intellektuelle wie Enzensberger, die profunden Erkenntnisse von Spiegel und Zeit, die Vorbereitung zum Iran-Krieg voranschreiten, als "weapons-of-mass-destruction II". Zu derartigen absurden Parallelen ist im kritischen, investigativen Journalismus der Zeit leider nichts zu lesen...

    Leider muß man befürchten, daß Deutschland als Ausrichter des Weltereignisses Fußball-WM, zum Schauplatz benutzt werden könnte, um "islamischen" Terrorismus vor Ort zu zeigen und den Volkszorn in Kriegsgeschrei umzuwandeln. Der Boden ist bereitet um die Schuldigen direkt ausfindig zu machen. Daß dies alles wie NY, Madrid, London im Zuge der Durchsetzung von verbrecherischen westlichen Agenden geschehen würde, wird man hier nicht lesen. Es wäre natürlich der Terrorismus der Verlierer. Es bleibt zu hoffen, daß dies nicht passiert.

    Cui bono?

    • 31.05.2006 um 18:39 Uhr
    • gorgo

    Was mich wenig überzeugt, ja erschreckt, ist ein Erklärungsansatz, der das Verhalten einer handvoll von Terroristen vage aus einem verächtlichen Überfliegen über 500 Jahren Geschichte eines dem Autor keineswegs vertrauten Weltteils und von 'zig Völkern mit Milliarden von Einwohnern unterschiedlichster Entwicklung, Geschichte, aktueller Situation erklärt - und das hier, in der ZEIT, niemand laut "Halt" sagt.

    Enzensbergers Selbstüberschätzung (und seine Überschätzung durch die ZEIT) verblüfft - sein von Differenzierungen weitgehend unbeleckte Argumentationslinie, die er hier mit dem Wort "Essay" schlecht entschuldigt, hat für mich etwas totalitär Verallgemeinerndes - und zwar bezeichnenderweise gerade auch im Hinblick auf Europa: Auf europäischer Seite erwähnt er wohl das eine oder andere "Unangenehme" ("Kolonialisierung" - schön dass es für 450 Jahre Herrschaft von Europäern über Nichteuropäer dieses eine, knappe Wort gibt) oder auch NS - allerdings nicht etwa, um diese Entwicklungen zum Wesen oder zum Kern der europäischen Kultur zu erheben – natürlich nicht, denn das wäre absurd!

    Dass er aber ebendiese absurde Argumentation an einem anderen Kulturkreis herunterbricht, scheint attraktiv: Indem er eine Verliererkultur konstruiert, konstruiert Enzensberger nämlich die hochkomplexe, extrem widersprüchliche, gebrochene und konfliktive europäische Geschichte ebenfalls neu – als Gewinnerkultur: Indem er ein völliges Fehlen von "Errungenschaften" auf der anderen Seite behauptet, erscheint Europa eins, geschlossen, richtig – und hokuspokus als natürlicher und rechtmäßiger Gewinner der Geschichte - das hatten wir schon lange nicht mehr in dieser ergreifenden Einfachheit!

    Auf die gleiche Weise muß der Begriff der "Modernisierung" (wer denkt jetzt nicht an Kühlschränke, Autos und Parlamente!) nicht nur bei Enzensberger immer wieder herhalten, um den direktem Zusammenhang nicht weniger europäischer "Errungenschaften" - nicht aller!!! - mit brutalem und vernichtendem Vorgehen gegen Andere zu kaschieren - aber das ist für die meisten schon zu kompliziert.

    In der Enzensberg'schen Verallgemeinerungslogik dürfen sich dagegen alle sich als gute Europäer/inn/en fühlen – und sich guten Gewissens als persönlichen Verdienst anrechnen, was in den letzten 500 Jahren von Europa aus - auch - an Angenehmen und Wichtigem hervorgebracht wurde.

    Das trifft allerdings das Lebensgefühl einer nicht unbeträchtlichen Anzahl von Menschen hierzulande und anderswo: Das wussten doch eigentlich schon Hinz und Kunz, dass Muslime zurückgeblieben und fanatisch sind, weil sie nicht so tolle Dinge können wie wir – so banal ist der Kern des „essayistischen“ Arguments.

    Wer die Verliererthese Enzensberger's überzeugend findet, möge überlegen, wie er/sie reagiert hätte, wenn ein ernstzunehmender nichteuropäischer Intellektueller heute einen derartig lückenhaft-einseitigen und vernichtenden "Essay" über "die" europäisch-christliche Kultur (möglich, wenn auch perfide wäre es: Häresieverfolgung - Indianervernichtung - Sklaverei - Hexenverfolgung, Antisemitismus, Atombombe, Vietnamkrieg, Bush – so einfach macht man eine „Kultur“ daraus!)

    Keiner möchte "Dialog" mit Terroristen – wie jetzt immer wieder unterstellt wird, wenn das Wort Dialog fällt. Nur: mit den meisten anderen Menschen auf dieser Erde müssen die kommenden Generationen immer enger zusammenleben - Selbstgerechtigkeit und das Ausblenden von europäischer Geschichte ist eine denkbar schlechte Handlungsvoraussetzung in einer keineswegs einfachen Lage.

    Ich wünsche mir, dass europäische Intellektuelle endlich öffentliche und ernstzunehmende Analysen (!), differenzierte, gerne auch kritische, aber informierte, gründliche, durchdachte Überlegungen zum Thema Auseinandersetzung mit „Anderen“ vorlegen – und dabei notwendig zur Selbstanalyse und kritischen Sicht auf die "eigene" Geschichte fähig bleiben!

    • 31.05.2006 um 18:50 Uhr
    • Karaya

    West-Berlin im Dschihad

    Ein sehr wichtiger Baustein zum Verständnis von ca. 80% aller bewaffneten Konflikte weltweit ist die Rolle, die der Dschihad im Islam spielt.

    Dschihad bedeutet nicht, wie von einigen moderierten Moslems oder einfach nur Täuschern behauptet "innere Anstrengung". Es ist damit ganz klar der Krieg gegen die Un- und Andersgläubigen gemeint, der erst endet, wenn die ganze Welt eine islamische Theokratie ist. Laut Koran (die kanonischen islamische Begleittexte mildern das keineswegs
    ab, sondern verstärken es eher) ist der Krieg gegen die Ungläubigen die Pflicht eines jeden Muslim.

    Frieden in unserem westlichen Verständnis kann es zwischen dem islamischen Gebiet und Organisationen (also z.B. Staaten) der Ungläubigen nicht geben. Allenfalls Waffenstillstände mit dem Ziel, die eigene Aufrüstung voranzutreiben und bei nächster Gelegenheit neu
    loszuschlagen. Ein Sieg in einem Krieg muss immer der Ausgangspunkt dafür sein, weitere angrenzende Bereiche zu erobern.

    Das Konzept des Dschihad ist kein antiquierter Gesetzesmüll. Seine Gültigkeit wird von allen maßgeblichen islamischen Autoritäten bestätigt. Wer die Gültigkeit des Dschihad-Konzeptes ablehnt (viele Muslime tun das), ist theologisch betrachtet ein kleiner Ketzer.

    Soviel zur Theorie.

    In der Praxis stehen in ca. 80% aller kriegerischen Konflikte weltweit Muslime gegen Nichtmuslime. In ca. 10% der Konflikte stehen Muslime gegen Muslime und nur in den letzten 10% (von mir hoch gegriffen, das einzige Beispiel, was mir im Moment dazu einfällt, ist Sri Lanka) Nichtmuslime gegen Nichtmuslime. Muslimischer Bevölkerungsanteil weltweit: Unter 25%.

    Einer der Konflikte aus den 80% ist der sogenannte Nahost-Konflikt.
    Sicher ist auch hier die nichtmuslimische Seite nicht über jeden Tadel erhaben. Tatsache ist aber, dass selbst bei einem vollständigen
    Eingehen auf alle derzeit von der muslimischen Seite erhobenen Forderungen die Folge nicht Frieden sein wird. Im Gegenteil. Jeder Geländegewinn (ideell/juristisch/geografisch) muss von jedem gläubigen Muslim dazu genutzt werden, weitere Geländegewinne in Angriff zu nehmen.

    Wer wird nach einer Opferung des Staatswesen namens Israel der nächste sein? Meine Heimat Europa steht auf der Speisekarte recht weit oben. Warum häufen sich eigentlich im Kosovo die Übergriffe von "albanischer" Seite gegen christliche Kirchen und Zivilbevölkerung?
    Woher kommt die Unwilligkeit von Teilen der zugewanderten
    muslimischen Bevölkerung, mit der Nicht-Scharia-Justiz der neuen Heimatländer zu kooperieren?

    Alle Staatswesen, Parteien, NGOs, Vereine, Familien, Partnerschaften, die (mehr oder weniger) nach dem Grundsatz der Freiheit aufgebaut sind, werden von einer Ideologie, die bis ins Detail ausformulierte Unfreiheit sowie Militanz in allen Lebensbereichen zum Ziel hat, angegriffen. Der neue kalte Krieg hat längst begonnen, und zwar schon
    VOR dem namensgebenden kalten Krieg (Gründung der Muslimbruderschaft in Ägypten 1928, Wahhabismus als Staatsreligion in Saudi-Arabien seit
    1932), ohne dass wir es bemerkt haben.

    Umso mehr haben wir jetzt die Gelegenheit, das West-Berlin des 21. Jahrhunderts mit vorsichtiger Solidarität zu unterstützen und sich diesmal als Linke nicht schon wieder dadurch zu diskreditieren, indem man sich dem erklärten Feind an den Hals schmeißt.

    • 31.05.2006 um 19:29 Uhr
    • PrinzBernhard

    Karaya schrieb:
    "In der Praxis stehen in ca. 80% aller kriegerischen Konflikte weltweit Muslime gegen Nichtmuslime. In ca. 10% der Konflikte stehen Muslime gegen Muslime und nur in den letzten 10% (von mir hoch gegriffen, das einzige Beispiel, was mir im Moment dazu einfällt, ist Sri Lanka) Nichtmuslime gegen Nichtmuslime. Muslimischer Bevölkerungsanteil weltweit: Unter 25%."

    Dazu hätte ich gerne ich die genaue Statitik gesehen. Was mir spontan dazu einfällt ist:
    1. Sehr viele Muslime leben in rohstoffreichen Gebieten (und sei es Palmöl in Indonesien)
    2. Die Rohstoffe werden im Westen gebraucht
    3. Daß in Ihrer Statistik 80% Muslime mit Nichtmuslimen im Konflikt stehen, sagt nichts über die Kausalität aus

    Sicher ist der Dschihad ernstzunehmen. Aber wissen Sie auch wie es mit der religiösen Toleranz der Hindus aussieht? Haben Sie Talmud und Mischna gelesen? Auch und gerade wg. der Vergangenheit unseres christlichen Abendlandes und seiner Kreuzzüge sind die Interpretation der heiligen Schriften aller Arten aufmerksam zu beobachten, aber stets nur auf eine Gruppe zu verweisen wird der Sache nicht gerecht!

    • 31.05.2006 um 20:07 Uhr
    • Colon

    H.M.E. hat in diesem Interview viele Begrifflichkeiten seines "Versuchs" klargestellt. Von der durchgängigen These des "radikalen Verlierers", so wie es der Spiegelabdruck und nun das
    Buch nahelegte, ist letztlich nicht viel übriggeblieben.
    Letztlich wendet Enzensberger selbst die harten Kriterien seiner Schrift nur auf einen sehr kleinen Personenkreis an. - Es bestätigt sich, wer vieles sagt, sagt manchmal was. - Ob das für die Rolle als antiterroristischer Denker und lernfähiger Intellektueller reicht, kann jeder entlang des Interviews nachprüfen.

  1. Ich war neidig auf die kulturlosen Araber, als ich dieser Artikel von Herren Joffe und Enzensberger gelesen habe, weil sie soviel Aufmerksamkeit von so hoch- und einzigartigen- Westlichenkultur bekommen haben.
    Ich kann aber nicht verstehen, warum die beiden(von Stamm der Denker und Dichter) so viel Zeit verlieren und sich mit diesen Kulturlosen beschäftigen? Haben sie etwa Angst, das vielleicht dieser Kulturlosen mit ihren kulturlosen Selbestmordatenttäter für die Menschen mit ihren Intelleganten und Hochkulturvierten Waffen in der westlichen Welt eine Bedrohung darstellen?
    Mein Vorschlag für die beiden Herrn, das sie sich lieber Gedanken machen, wie sie einen geeigneten Reservate für diese Kulturlosen bauen, genauso wie sie damals mit den Indianern gemacht haben, damit sie die Kulturgewinner nicht belästigen.

  2. Zitat aus dem Interview:

    "Warum machen Sie es nicht wie Günter Grass, der auf dem PEN-Kongress wieder den Westen und vor allem Amerika für die Unbilden der Welt gescholten hat?"

    Ich nehme an, Enzensberger macht es deswegen nicht wie Günter Grass, weil er sich nicht auf dessen Dumpfbacken-Niveau begeben möchte.

    An Grass scheint bei seiner seiner einseitigen Kritik am Westen völlig entgangen zu sein, welches Gewalt-Potenzial sich im Koran und in den Hadithen enthalten sind. Auch scheint er, im Club dieser Ahnungslosen ist er allerdings nich alleine, keine Kenntnis davon zu haben, dass den
    rationalen und freigeistigen Bewegungen im Islam im Mittelalter ein gewaltsames Ende gesetzt wurde (Bücherverbrennungen inklusive). Er scheint auch nicht zu wissen, dass sich die ilamistischen und orthodoxen Muslime sich des linken Vokabulars bedienen, um bei den westlichen linken Intellektuellen ihnen nützliche Reflexe freizusetzen. Der islamistische und orthodoxe Islam hat u.a. seine Lektionen bei Lenin gelernt. Für diesen waren die linken Intellektuellen seiner Zeit nichts anderes als nützliche Idioten.

    Wenn man nun Grass als einen Intellektuellen bezeichnet könnte, dann würde er auch in diese Kategorie fallen.

    Enzensbsberges Intgerview zeigt jedoch, dass er um Meilen intelligenter als Grass ist. Doch gewisse eingewöhnte Denkreflexe hat er leider auch nicht abgelegt.

    Ich kann das Argument bezüglich des Traumas der arabischen Welt und es bösen Westen nicht mehr hören.

    Solange der Islam sich einer Rekontextualisierung verwehrt, wird er stets sein eigenes Problem bleiben - Enzensberger hin - Grass her.

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  • Von Joffe
  • Datum 31.5.2006 - 03:46 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT 01.06.2006 Nr.23
  • Kommentare 32
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