Irak Die Toten von Haditha
Begingen amerikanische Truppen im Irak aus Rache ein Massaker?
Washington
Über die Hügel des Soldatenfriedhofs von Arlington schweift der Blick des Präsidenten, vor ihm 296.000 weiß getünchte Holztafeln, und er sagt: »Hier schläft die Tapferkeit.« An dieser Stelle fühle er sich »in der Gegenwart von Größe«. Es ist Montagmorgen, als der Geist der Helden in Uniform zu George W. Bush aufsteigt.
In Sichtweite des Friedhofs, im Pentagon, muss sich am selben Tag der oberste Soldat des Landes den irdischen Realitäten im Irak stellen. Vor Kameras beschwört General Peter Pace die Amerikaner, »nicht voreilig Schlüsse zu ziehen«. Die »Schlüsse«, die Pace meint, aber nicht ausspricht, lauten: US-Soldaten könnten im Irak ein Massaker begangen haben. Schon fragen Abgeordnete: Ist dies das größte Kriegsverbrechen, dass Amerikaner im Irak begangen haben? Schlimmer noch als der Misshandlungsskandal im Gefängnis von Abu Ghraib?
Am 19. November 2005 fährt ein Konvoi der US-Armee durch Haditha. Das Städtchen am Euphrat ist eine Todesfalle für Soldaten. Saddamisten und Terroristen schlagen dort immer wieder zu. Morgens um Viertel nach sieben fährt der Konvoi ein, an der Spitze ein leicht gepanzerter Jeep. Auf der Hauptstraße geschieht es, eine ferngezündete Bombe explodiert. In dem Jeep stirbt Unteroffizier Miguel Terrazas, 20 Jahre alt, aus El Paso. Der Angriff löst eine Kette von Ereignissen aus, an deren Ende etwa zwei Dutzend Iraker tot sind. Was genau geschieht, ist bis heute nicht gänzlich geklärt.
Am folgenden Tag heißt es in einem Kommuniqué der Marineinfanterie, »15 Zivilisten« seien durch »die Explosion der Bombe getötet« worden. »Schützen« hätten »das Feuer auf den Konvoi eröffnet«. Im Gefecht seien »acht Aufständische getötet und einer verletzt« worden. Diese Darstellung darf inzwischen als falsch, vielleicht als erfunden gelten. Die Geschehnisse untersuchen inzwischen Kriminalisten der Marine. Ob Fakten gezielt vertuscht wurden, will eine Einheit der Armee herausfinden. Beide Berichte werden in den nächsten Wochen erwartet. Schon jetzt hat freilich ein hoher Beamter des Pentagon anonym die Frage beantwortet, wie viele Iraker nach seinen Erkenntnissen durch die Bombe umkamen: »Null. Keiner.«
Dass womöglich die Wahrheit herauskommt, ist einer Recherche des Magazins Time zu danken. Einer seiner Reporter interviewt 28 Zeugen und befragt die Armee. Dann, Ende März schreibt er, die Iraker seien nicht durch die Bombe umgekommen, sondern von der Hand amerikanischer Soldaten. Allerdings lautet das Fazit des Berichts: »Die Erkenntnisse bieten keinen Beweis, dass die Marineinfanteristen mutwillig Unschuldige töteten.« Es sei aber fraglich, ob »das Ausmaß der Gewalt gerechtfertigt« gewesen sei und die Soldaten »anfangs ehrlich über die Ereignisse« berichtet hätten. Dieser Bericht löst neue Recherchen aus. Die Details, am Wochenende von der Washington Post veröffentlicht, klingen alarmierend.
Nach (bislang unbestätigten) Zeugenaussagen geschah Folgendes: Nach der anfänglichen Verblüffung über den Anschlag ergriff ein Soldat die Initiative. Er begann zu feuern und wies andere Soldaten an, ins nächste Haus zu gehen. Dort schossen sie auf einen 76-jährigen im Rollstuhl und dessen 66-jährige Frau sowie auf acht weitere Familienmitglieder, darunter Kinder im Alter von acht, fünf und vier Jahren sowie zwei Monaten. Es überlebten drei Kinder und zwei Erwachsene. Ausweislich der Todesurkunde steckten im Körper des beinamputierten Hausherrn neun Kugeln.
Ein Bewohner von Haditha hat den weiteren Verlauf von einem Dach aus beobachtet und einer Reporterin der Washington Post erzählt, die wiederum weitere Zeugen befragte und Todesurkunden geprüft hat. Danach zogen die Soldaten zum nächsten Haus weiter. Dort befanden sich ein Ehepaar und sieben Kinder. Die Soldaten schossen und warfen Handgranaten in die Küche und ins Badezimmer. Nur ein 13-jähriges Mädchen überlebte, weil, wie sie der Reporterin erzählte, das Blut ihrer Mutter über sie floss und sie sich tot stellen konnte. Im dritten Haus kamen vier Brüder um. Dort wurde nach Angaben der Marineinfanterie eine Feuerwaffe gefunden. Fünf Männer, Studenten und ein Fahrer, starben im Feuerhagel, als sie in die Hauptstraße einbogen, amerikanische Soldaten sahen und sofort zurücksetzten. So erzählte es jedenfalls ein Zeuge Reportern. Am folgenden Tag filmte ein Journalismus-Student die Toten. Auf seinem Video sollen die meisten Opfer Pyjamas tragen. Den gesamten Ablauf hat das amerikanische Militär nicht bestätigt, aber den Familien der Opfer kleinere Entschädigungssummen gezahlt. Wichtige Details bleiben umstritten. Nach den ersten Berichten sollte die Aktion drei bis fünf Stunden gedauert haben. Zwei verschiedene Gruppen Soldaten seien beteiligt gewesen. Nach Informationen aus Kreisen der Ermittler soll alles schneller gegangen sein, und die Kugeln sollen nur aus wenigen Gewehren, vielleicht nur aus zweien, abgefeuert worden sein.
Seit die Informationen sprudeln, nutzen Politiker die Affäre für ihre Zwecke. Der Demokrat John Murtha schließt aus den unvollständigen Informationen, die Soldaten hätten Zivilisten »kaltblütig ermordet«. Und er fragt: »Wer hat die Vertuschung angeordnet? Wie weit geht das hoch in der Hirarchie?« Berechtigte Fragen. Doch Murtha äußert sie während jener Pressekonferenz, mit der er das halbjährige Jubiläum seines »Coming-outs« als Kriegsgegner und Abzugsfreund begeht.
Murtha ist es auch, der zuerst mutmaßt, »Haditha« sei »schlimmer als Abu Ghraib«. Möglich, dass sich diese Annahme bestätigt. Denn in Abu Ghraib starben immerhin nicht zwei Dutzend Menschen durch grausame Behandlung: Es war das Weiße Haus, das mit der Aufweichung des Foltertabus liebäugelte. Das Mordtabu hat in Washington indes niemand gelockert. Dass wenige in Haditha durchgedreht seien, dürfte die Regierung im Fall Haditha glaubwürdiger behaupten können als im Fall Abu Ghraib. Der befehlshabende General der Marineinfanterie ist jedenfalls bereits in den Irak geeilt, um an die »Werte« und die »Regeln« der Truppe zu erinnern.
- Datum 31.05.2006 - 11:53 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 01.06.2006 Nr.23
- Kommentare 28
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Lieber Gerhard,leider muss ich mich gegen eine eventuelle Zebsur wehren, denn wir sind ja in einer Demokratie, und hier können wir dann die Suite der Gedankengänge erhaschen wenn vom Islam die Rede ist.
Obwohl der Kommentar von saalpeter eindeutig ist, muss sich doch jeder die Frage in Deutschland stellen wieso 70 Jahre nach der Reichskristallnacht Leute bereit wären Moscheen und Imame in die Luft zu jagen oder gegebenenfalls auszurotten.
Wie bringt dieses land es immer wieder fertig, solche Meinungen hochzubringen wie die geniale Leistung Yugoslaswien damals in 3 Wochen erorbert zu haben.
Wie bringt dieses land es fertig den Fremdenhass immer so schüren dass die Wölfe aus dem Wald kommen und mitheulen.
Das kann weder Helmut Schmidt, noch Joffe noch ein anderer Redakteur auskurieren, da müssen wir gemeisam dadurch.
Liegt die Geschichte in der DDR Vergangenheit und ihre Nichtöffnung in der Neuen Welt, so debattierte ich mit einem von der NVA, der auch eigentümliche Ansichten hatte, wie wo unsere Grenze sei und wo der Kampf stattfinden sollte.
Ich versuchte vergeblich klar zu machen dass Friede nicht mit Armeen errungen wird sondern durch Wirtschaft und Händchen halten, aber als alter Militär war dies Argument ihm ein Graus.
Mir ist es furchtbar wenn ich beobachte was solche Einsätze in fremden Länder der BRD bringen, Afghanistan, Kongo, und die BND Affairen scheinen mir liiert, und das finde ich schlimm, hier wurde etwas erwacht was nur schlummerte, der Wurm sitzt wieder tief in der Frucht.
Die Kleinschrittkanzlerin täte also gut sich ihren Jung vorzunehmen ehe der noch andere brisante Lanzen vom Stapel bricht.
Die Demokratie muss jeden Tag verteidigt werden, jeder Tag neu, das sagt eine baptisten Priesterin morgen abend in der ARTE Sendung: Nicht in meinem Namen!
Das Militär gehört unter totaler Kontrolle des Parlamentes und obwohl es wie Theater ausschaut, wird in Frankreich jede Sitzung der Assemblée Nationale so begonnen: Die Armee unterwirft sich symbolisch den Abgeordneten, das heisst dem Volk.
Deutschland darf sich sowas nicht erlauben, das ist meine Meinung, und wenn verlorenen Schafe umherlaufen, sollte jeder sich fragen ob wir nicht Schuld an ihnen tragen.
Wir müssen eine Menschheit werden, die Wirtschaft ist schon eine Welt, warum wollen wir noch Grenzen, sind wir denn so Wunderbar?
Es waren nicht die Amerikaner die Afghanistan vermint haben, sondern Russen und muslimischen "Gotteskrieger". J.S.
lieber JodSdot, dass Afghanistan mittlerweile durch den durch die USA forcierten Krieg auf Platz drei in "gefährlichen Minenfeldern" rumdümpelt.
Tolle Weiße-Haus-Logik. Da dürfen Tretminen gelegt werden, welche hauptsächlich Zivilisten Leben kosten, und sie beschuldigen genau diese Zivilisten, sich an den "ach so netten Amerikanern" zu vergeifen.
Alss das ist Schwachsinn pur. Die SS war gezielt dafür geschaffen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermorde zu begehen und die Mitglieder haben dies auch willentlich getan. Diese Tat liest sich für mich eher wie eine Affekthandlung, die zwar ganz klar ein Verbrechen, aber mit dem was die SS getrieben hat absolut nicht vergleichbar ist.
Und noch etwas zu denen Die jetzt Völkermord schreien. Bittet entwertet diese Wort nicht. Für einen Völkermord müssen ganz klare Absichten bestehen eine bestimmte Ethnie zu vernichten (Darfur ist hier momentan das aktuellste Beispiel). Diese Absicht kann ich hier nicht erkennen.
Sie schreiben nicht nur mit IdiotSdot, sodern haben Sie noch anere anonyme Namen!!!!!
Die Deutschen haben schlussendlich alle Bomben wieder auf den kopf bekommen die so schon verstreut wurden.
- Conventry wurde fast dem Erdboden gleichgemacht,
demgegenüber wurden hunderte deutsche Städte dem Erdboden gleichgemacht...Auge um Auge, Zahn um Zahn!
- Die vor den Deutschen Truppen fliehenden Zivilbevölkerungen wurden dann noch mit Stukas traktiert
demgegenüber wurden ab 1945 Tausendschaften Deutsche auf die Strassen getrieben. Auge um Auge , Zahn um Zahn.
- In Juguslawien schrieb ein general zu Herrn Hitler, Führer hierschiesst jeder Stein!
Das Auge um Auge organisiert der Liebe Gott, und was ungerecht ist wird sich schon finden. Passen sie also auf ihre Wörter auf, wenn sie zur Bombardierung aufrufen und lassen sie sich doch gesagt sein dass keiner, aber wirklich keiner mehr US Truppen sehen will, weder im Irak noch in Afghanistan...
Was in Südamerika passierte wird eben überall passieren, nur noch ein Ziel: US go home. Und das mein lieber armer Junge wird solangsam kritisch auch für uns die ja immer nachgaffen.
A propos Zweiter Weltkrieg, die Deutschen Frauen durften ab 1945 ausbaden was die Männerheinis organisierten. Aber es ist gut dass es solche Leute wie sie gibt und sich ausdrücken dann weiss ja immerhin jeder was wirklich im tiefen Deutschland so gedacht wird.
Und wenn sie tatsächlich ihren Freund Bush treffen sollten, dann fragen sie ihn doch warum er Saudarabien nicht angriff.
Merken sie sich eins, der Islam ist eine Identität die wir durch unser Verhalten, den geschassten Bevölkerungen aufdrücken.
Sehen sie sich die Kurven an seit wann der radikale Islam so aufblühte, dann werden sie schon erkennen wieso und warum.
Aber zerbomben sie ganze Städte, wir sind nur noch sehr wenige Weisse, vergessen sie das nicht in ihren Rechnungen. Prduktionszeit eines Einsetzbereitem Soldaten mindestens 18-20 Jahre. Und wer macht dann die Arbeit zu Hause?
Da sich die Islamisten in der Zivilbevölkerung verbergen ist es unvermeidlich das Zivilisten bei ihrer Bekämpfung sterben. Dabei darf man aber nicht übersehen, das der weit überwiegende Teil der Zivilisten im Irak durch Saddams Regime umgekommen ist und heute der weit überwiegende Teil durch islamistischen Terror umkommt. Das Problem der Menschheit sind Terror und Diktaturen und nicht ein paar GIs die Durchdrehen. J.S.
Mir scheint, Du bist ein ziemliches Problem.
Es steht Dir frei in den Iraq zu gehen. Die US-Army nimmt mittlerweile auch Leute die ihren Highschool-Abschluss nicht geschafft haben.
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