Helden von heute (6) Der Hüter der Schlüssel
Georgios Stratis bewacht Mörder, Schläger und Vergewaltiger. Nicht immer fällt es ihm leicht, den Tätern in die Augen zu schauen
Oldenburg Bevor Georgios Stratis morgens um kurz nach sechs den ersten Gefangenen zu Gesicht bekommt, hat er mit dem langen, doppelbärtigen Schlüssel ein Dutzend Mal Türen aus Stahl und Panzerglas aufgesperrt – und sofort wieder hinter sich verschlossen. Wenn er nach sieben Stunden Dienst den Schlüssel an der Hauptpforte der Justizvollzugsanstalt (JVA) Oldenburg abgibt, hat er ihn mehr als hundertmal in schwere Schlösser gesteckt.
Ob Früh-, Spät- oder Nachschicht, der Schlüssel ist sein ständiger Begleiter und, neben dem Alarmgerät am Hosengürtel, sein wichtigstes Werkzeug, um sich und die Welt da draußen zu schützen. Denn Georgios Stratis hat es mit gefährlichen Menschen zu tun, mit dem Vergewaltiger und zweifachen Kindermörder Alfons R.* zum Beispiel, dem Räuber Peter M. oder dem notorischen Schläger Armin T. Es sind Verbrecher, die für viele Jahre, manchmal sogar ein Leben lang eingesperrt werden.
Stratis hat selber erfahren, wie riskant seine Arbeit von einer Sekunde zur anderen werden kann. Vor sieben Jahren, während seiner Ausbildung in der JVA Uelzen, nahm dort ein Häftling, der Küchendienst hatte, plötzlich ein Messer und erstach den stellvertretenden Gefängnisdirektor sowie den Küchenchef. Und vergangenen Herbst wäre ihm beim Gang zum Arzt um Haaresbreite ein Schwerverbrecher entwischt. Stratis hatte ihm keine Fesseln angelegt, was gegen die Vorschriften verstieß. »Er lief auf Krücken, und ich dachte, der haut mir nicht ab.« Stratis erhielt einen Verweis. »Man muss höllisch aufpassen«, sagt er, »dass man in meinem Beruf keine Allmachtsfantasien entwickelt.«
Die Sicherheit, also auch der Schlüssel sind deshalb wichtig. Trotzdem fühlt sich der 29-jährige dunkelhaarige Sohn griechischer Einwanderer beleidigt, wenn man ihn und seine Berufskollegen, wie das oft geschieht, Schließer oder Gefängniswärter nennt. Zu Recht. Einen Finanzbeamten, der nebenbei Formulare abheften muss, bezeichnet man ja auch nicht als Hefter oder Locher. »Und Wärter«, sagt Stratis, »klingt verdammt nach Zoo. Wir aber haben es mit Menschen zu tun. Mit sehr schwierigen, die wir natürlich auch bewachen müssen. Aber es sind Menschen.«
Die korrekte Berufsbezeichnung lautet daher: Justizvollzugsbeamter. Als solcher ist Stratis für den geordneten Ablauf des Gefängnisalltags zuständig. Er trägt Verantwortung für Leute, die oft Schlimmes, manchmal sogar unvorstellbar Grausames getan haben – und um deren Sorgen und Bedürfnisse sich hinter Gittern gleichwohl jemand kümmern muss. »Herr Stratis, kann ich für meinen Sohn zum Geburtstag im Katalog einen MP3-Player bestellen?« – »Herr Stratis, ich will nicht auf die andere Station verlegt werden, die Russen dort hassen mich.« – »Herr Stratis, mein Zellennachbar macht riesigen Krach, das ertrage ich nicht mehr.« – »Herr Stratis, mein Vater hat heute Geburtstag, darf ich etwas länger als zehn Minuten mit ihm telefonieren?« – »Herr Stratis, ich bin traurig, meine Frau schreibt mir nicht mehr.« Stratis und seine Kollegen sehen meist die erste Träne, spüren als Erste die Verzweiflung, die Wut der Gefangenen. Von ihren Worten, ihrer Reaktion hängt wesentlich ab, ob die Gefangenen eine seelische Balance finden, sich in den Alltag einfügen, Regeln akzeptieren – und sich, wie es das Gesetz vorschreibt, in vielen kleinen Schritten auf ein Leben ohne Straf dtaten vorbereiten können.
Frühschicht, kurz nach sechs Uhr. Georgios Stratis schaltet auf Station B4 die Kaffeemaschine ein und wirft den Computer an. Keine besonderen Vorkommnisse, der Nachtdienst hat nichts notiert. Stratis schließt die Zellentüren auf, ruft ein freundliches »Guten Morgen« hinein und schaut, ob sich die Bettdecke bewegt. Es gab in Oldenburg in den vergangenen sieben Jahren zum Glück erst zwei Selbstmorde, »aber man weiß ja nie«, sagt er.
»Das Gefängnis ist viel zu gefährlich. Geh studieren wie dein Bruder!«
Alle, die Arbeit haben, müssen jetzt aufstehen. Den Gefangenen der Zelle 1 begrüßt Stratis auf Griechisch. Über dessen Gesicht huscht ein Lächeln. Eine halbe Stunde später klopft Stratis gemeinsam mit einem Kollegen an Zelle 14. Ein Schild neben der dunkelblauen Stahltür vermerkt: »Einschließen. Öffnung durch zwei Bedienstete.« Der Kollege sichert den Flur, Stratis sperrt auf, zwei von der Fingerspitze bis zur Schulter tätowierte Arme ziehen das Frühstück hinein, ein kurzer Blick in den Raum, ein flüchtiges »Wie geht’s?«, und die Tür wird wieder verschlossen. In Zelle 14 sitzt Armin T. »Borderliner« sagen sie hier zu ihm, ein Grenzgänger des Wahnsinns. Der kräftige Mann, ein notorischer Schläger, ist unberechenbar und aggressiv. Eines Nachts beschmierte er sich und die Zellenwände mit Kot. »Ein grauenhafter Anblick«, sagt Stratis. Im Augenblick darf Armin T. seine Zelle aus Sicherheitsgründen nicht verlassen und muss sich mit einer Matratze, einem Laken, einem Kissen und einer Decke begnügen. »Aber wir geben nicht auf«, sagt Stratis. Weil der Gefangene seit einigen Tagen zugänglicher ist, wird die Zelle morgens wieder für zwei Stunden aufgeschlossen, damit er andere Menschen sieht. Geht das gut, erhält er einen Stuhl, einen Tisch und ein Regal. Kein großes Therapieprogramm, aber auf jeden Fall wird das Leben im Gefängnis so ein wenig erträglicher und menschenwürdiger – für alle. »Auch das ist ein Erfolg«, sagt Stratis.
Nicht aufgeben, immer wieder Anreize bieten und jeden Tag aufs Neue Regeln für das Leben drinnen wie draußen lernen – das ist das Gesetz der JVA Oldenburg. »Denn morgen«, sagt Stratis, »sind sie wieder unsere Nachbarn.« An diesem Morgen kommt ein neuer Gefangener auf die Station. Stratis erklärt ihm die Bedingungen und legt ihm einen Vertrag zur Unterschrift vor. Ali P. erhält, wie alle, eine mit Möbeln und Fernsehanschluss gut ausgestattete, bis in die letzte Ecke blank geputzte Zelle. Im Gegenzug verpflichtet er sich, diese sauber zu halten und für Schäden aufzukommen. Ali P. darf in der Schlosserei arbeiten, seine Zelle bleibt tagsüber aufgeschlossen, und nach Feierabend kann er in der großen Halle oder auf dem Sportplatz Basketball, Volleyball oder Fußball spielen. Solange sich Ali P. an die Regeln hält, soll das Leben innerhalb der Mauern einigermaßen angenehm sein. Draußen verspotten die einen Oldenburg deshalb als »Hotelvollzug«, und die anderen nennen es wegen der hohen Mauern und der 200 Videokameras, die jede Zellentür, jedes vergitterte Fenster mikroskopisch heranzoomen können, »Alcatraz des Nordens«.
Etwa 320 Untersuchungs- und Strafgefangene sitzen in der Cloppenburger Straße derzeit ein, 28 von ihnen sind Sexualverbrecher, 31 Mörder und Totschläger, zwei Drittel, zählt man die Russlanddeutschen hinzu, haben einen ausländischen Hintergrund. Gleichwohl, sagt Stratis, habe er sich noch in keinem anderen Gefängnis so sicher gefühlt, hätten die ebenso strengen wie liberalen Regeln nirgendwo anders ein so gutes Klima geschaffen: »Ordnung, Sauberkeit, Regeltreue, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen – das eine ergibt sich doch aus dem anderen. Die meisten Gefangenen haben das nie gelernt.«
Georgios Stratis ist eher zufällig in seinem Beruf gelandet. Er hatte die Fachoberschule abgeschlossen und eine Ausbildung zum Justizfachangestellten absolviert. Auf dem Arbeitsamt las er dann »Justizvollzugsbeamte gesucht!« – und bewarb sich. Als Auszubildender war er mal für einen Tag im Knast und fand das »irgendwie aufregend«. Außerdem, sagt er, sei Beamter »ein sicherer Job, gerade heute«. 1700 Euro netto bringt der Junggeselle nach sieben Jahren Berufserfahrung monatlich nach Hause. Das ist, gemessen an der Härte und den Belastungen dieses Jobs, nicht viel.
Vater und Mutter waren anfangs gar nicht glücklich über seine Wahl. »Junge«, sagte die Mutter, »das Gefängnis ist viel zu gefährlich. Geh lieber studieren wie dein Bruder.« Doch Georgios Stratis wurde Justizvollzugsbeamter – und ist immer noch froh darüber. Selbst dann, wenn ihn die Arbeit manchmal bis in seine Träume verfolgt, er nachts plötzlich ein Gesicht aus der Zelle vor sich sieht und hochschreckt.
Kurz vor Dienstschluss gegen 13 Uhr ruft Stratis den Räuber Peter M. auf sein Dienstzimmer – zu einem »Disziplinargespräch«, dessen Inhalt er genauestens protokolliert. »Stinkstiefel« nennen die anderen Häftlinge den jungen Russlanddeutschen, weil er einen Mitgefangenen als »Arschloch« beschimpft hat, weil er sich, ohne zu fragen, das Essen vom Teewagen nimmt und den Beamten gegenüber arrogant auftritt. Außerdem hält er seine Zelle nicht sauber. Im Stationscomputer sind unter seinem Namen ein Dutzend Beschwerden aufgelistet.
Peter M. will nicht reden, schaut desinteressiert aus dem Fenster, verzieht immer wieder höhnisch den Mundwinkel. Georgios Stratis lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und erklärt dem blonden kräftigen Mann die Folgen seines Verhaltens: zwei Monate keine Gitarre mehr, einen Monat kein Fernsehen, zwei Wochen bleibt die Zellentür verschlossen. »Sie kennen doch unsere Regeln«, sagt Stratis ebenso freundlich wie bestimmt, »wenn Sie wieder mitarbeiten und ihr Verhalten verbessern, kriegen Sie alles wieder. Versprochen.« Eine Viertelstunde redet Stratis auf den Russlanddeutschen ein, dann sagt Peter M. kurz: »Okay, ich habe verstanden!«, und geht zurück in seine Zelle.
»Gegenüber Gefangenen ist die nötige Zurückhaltung zu wahren«
Auch der Gefangene Alfons R. ist rund um die Uhr eingeschlossen – allerdings auf eigenen Wunsch. Er hat zwei Kinder vergewaltigt und ermordet, jetzt fürchtet sich der kleine dickliche Mann vor den anderen Häftlingen. »Das lernt man im Knast ganz schnell«, sagt Stratis trocken, »Vergewaltiger und Kinderficker stehen bei den Häftlingen ganz unten auf der Skala, Mörder und Räuber genießen Respekt.«
Und Georgios Stratis, gibt es für ihn ebenso eine solche Rangordnung? »Darf es nicht«, sagt er. »Jeder Gefangene wird gleich behandelt. Egal, was er verbrochen hat.« Trotzdem kann auch Stratis seine Gefühle nicht immer aussperren. Am Anfang, als er Alfons R. das Essen durch eine kleine Klappe in der Zellentür reichte, wurde ihm jedes Mal mulmig. »Es ist nicht angenehm, einem Kindermörder in die Augen zu schauen«, sagt er. Oft hat er sich anschließend die Hände gereinigt und die Türgriffe mit einem Desinfektionsmittel eingesprüht – als könne man sich den Ekel von der Haut waschen.
Um sich vor dunklen Gedanken zu schützen, liest Stratis nur noch selten Gefangenenakten und weiß heute manchmal gar nicht mehr genau, aus welchem Grund jemand hinter Gittern sitzt. Er nennt das »professionelle Distanz«. Inneren wie äußeren Abstand zu wahren ist für ihn auch eine Art Selbstschutz. »Gegenüber Gefangenen und Entlassenen, deren Angehörigen und Freunden ist die notwendige Zurückhaltung zu wahren«, befiehlt Paragraf eins der Dienstvorschriften.
Vater Stratis hat längst seinen Frieden mit der Berufswahl des Sohnes geschlossen. Bei der feierlichen Amtseinführung im Oldenburger Grand Café ging der damalige niedersächsische Justizminister Wolf Weber auf ihn zu, drückte ihm die Hand und erklärte ihm, wie wichtig Georgios’ Arbeit für die Gemeinschaft sei – für die Sicherheit des Vaters, der Mutter, für die Sicherheit aller Bürger und natürlich für das weitere Leben der Gefangenen. Er könne stolz auf seinen Sohn sein, hat Weber gesagt. »Mein griechischer Vater«, lacht Georgios Stratis, »trifft zum ersten Mal in seinem Leben einen deutschen Minister, und der schüttelt ihm sogar die Hand. Da war alles gut.«
* Die Namen aller Gefangenen wurden geändert
- Datum 01.06.2006 - 12:06 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 01.06.2006 Nr.23
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