Zeitgeschichte : Logik des Grauens

Was wissen wir heute wirklich vom Holocaust? Eine Bestandsaufnahme 20 Jahre nach dem Historikerstreit

Ähnlich wie Journalisten fragen Historiker aus der Gegenwart heraus, nur eben rückwärts. Die meisten ihrer Bücher erreichen das Verfallsdatum rasch. Die Erben werden Goethe, Benn und Grass noch lesen, wenn Treitschke, Stürmer oder Nipperdey im Regal verstauben. Aber Raul Hilbergs unhandlicher Dreibänder Die Vernichtung der europäischen Juden wird bleiben. Der Grund ist einfach. In diesem Werk materialisiert sich die Arbeit eines Mannes, der sich ein Leben lang darum bemühte, etwas zu erkennen, was viele seiner Zeitgenossen nicht erkannten und nicht erkennen wollten. Hilberg urteilt nicht, er rekonstruiert politische Prozesse. Ungarische Pfeilkreuzler treiben am 17. und 18. Oktober 1944 Juden in Budapest zusammen Raul Hilbergs Werk wird bleiben: Am 2. Juni wird der Holocaustforscher 80 Jahre alt BILD

Sechs Jahre lang blieb sein Manuskript ungedruckt, bis es 1961 in einem kleinen amerikanischen Verlag erschien. Die Autoritäten in Jad Vaschem hatten es 1958 abgelehnt, weil es der israelischen Staatsdoktrin vom kämpfenden Juden nicht entsprach; 1959 hatte Hannah Arendt ein negatives Gutachten geschrieben, weil die Arbeit »als Fallstudie nicht bedeutend genug« sei, obwohl sie sich später durchaus sinnwidrig daraus bediente. 1967 lehnte der Rowohlt-Lektor Fritz J. Raddatz eine deutsche Ausgabe ab, weil man mit Sachbüchern – sprich: mit der literarischen Munitionierung der sich formierenden 68er-Bewegung – ohnehin stark »belastet« sei.

Als Hilbergs Werk endlich durchgesetzt war, erlahmte der empirische Eifer des Autors nicht. Bis heute wird von ihm jede Ausgabe auf den neuesten Kenntnisstand gebracht; so atmet das Werk ebenfalls bis heute die ungebrochene Wahrheitssuche des Autors, der an diesem 2. Juni seinen 80. Geburtstag feiert. Das Datum kreuzt sich nur zufällig mit dem 20. Jahrestag des altbundesdeutschen Historikerstreits, an dessen Einzelheiten kaum noch Interesse besteht, der aber die große offene Frage hinterließ: wie das überragende Massenverbrechen des 20. Jahrhunderts, der Holocaust, in die deutsche und europäische Geschichte eingeordnet werden soll.

Wie die Frage beantwortet werden könnte, lässt sich vielleicht am besten anhand von Jacob Burckhardts Cultur der Renaissance in Italien erläutern, das ebenfalls zu den raren historischen Werken gehört, die ihre Ursprungszeit mühelos überlebten. Anders als Hilberg hob Burckhardt zwar den Blick vom Detail auf den größeren Zusammenhang, um den Bruch zwischen Mittelalter und Neuzeit zu analysieren. Aber er theoretisierte den Stoff, ohne die empirische Basis zu verlieren. Selbstverständlich erklärte er an der »frühzeitigen Ausbildung des Italieners zum modernen Menschen« die Gegenwart; er zeigte und zeigt noch heute, wie sich Europa aus dem fest verwobenen Schleier von »Glauben, Kindsbefangenheit und Wahn« befreit hatte.

Das 20. Jahrhundert zwingt freilich zu der Annahme, die Europäer seien auf dem Weg ihrer Emanzipation am Ende der eigenen Moderne erlegen und mehr als nur einem neuen Wahn verfallen. In Weltkriegen, in Revolutionen und auch in Friedensschlüssen ließen sie zwei alte Ideen zur blutigen Praxis werden: die nationale und die soziale Homogenisierung. Beide Konzepte – nicht selten in explosiver Kombination – beflügelten die Massen, sich aus dem Elend, der Enge des Hergebrachten zu erlösen und den Weg in ein besseres Leben mit Gewalt zu beschleunigen. Die Gleichheit in einer genau umrissenen Großgruppe versprach Sicherheit, individuelle Freiheit galt als bedrohlich. Die Unverletzlichkeit des einzelnen Menschen oder ganzer als feindlich eingestufter Menschengruppen wurde der kollektiven Regression geopfert.

So gesehen, drehte sich der von Jürgen Habermas und eben nicht von einem Historiker begonnene, dann aber so bezeichnete Historikerstreit um ein richtiges Thema: die übergreifende geschichtliche Einordnung des Holocaust. Doch mussten die Erklärungsmodelle, die dazu insbesondere Ernst Nolte anbot, als ungenügend, weil empirisch mangelhaft fundiert zurückgewiesen werden.

In seinem – vom Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 6. Juni 1986 gedruckten – Aufsatz über die Vergangenheit, die nicht vergehen will hatte er den Klassenmord der Bolschewiki mit dem Rassenmord der Nazis verglichen. Dagegen wäre noch nichts zu sagen, doch behauptete er, in Frageform leicht verhüllt: »War nicht das Archipel Gulag ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der Klassenmord der Bolschewiki das logische und faktische Prius des Rassenmords der Nationalsozialisten?« Um das zu untermauern, erklärte Nolte die Gaskammern zum bloßen technischen Anhängsel. 1993 verstieg er sich in seinem Buch Streitpunkte gar zu der grotesken These, den Erfindern der Gaskammern sei es nach deren eigenem, durchaus wörtlich zu nehmendem Bekunden um ein »humanes« Verfahren gegangen, mit dem »ein schmerzloser Tod intendiert« gewesen sei.