James Harrison hat ein ebenso ungewöhnliches wie lästiges Problem: Bei der Renovierung seines Zimmers im alten Ostendhaus ist ein Poltergeist befreit worden, der sich hartnäckig an James’ Fersen heftet. Natürlich gelangen die Mitglieder der Familie Harrison nicht sofort zu der Einsicht, dass sie es mit einer Spukerscheinung zu tun haben. James’ Eltern gehören zu jenen schrecklich rationalen Menschen, die ein permanentes Gefühl von Zugluft im Haus mit den schlecht schließenden Fenstern erklären; die das dauergesträubte Fell des Hundes als schlechte Laune interpretieren und alle knallenden Türen und berstenden Vasen voller Missbilligung ihrem Sohn James zurechnen. Illustration: Sybille Hein BILD

Der weiß es besser: Der Geist des Apothekers und Magiers Thomas Kempe wendet sich immerhin direkt an ihn, schreibt Botschaften in James’ Tagebuch oder auf seinen Wandspiegel. Aus diesen Nachrichten geht hervor, dass Kempe sich mit »Zauberey, Astrologie, Wahrsagerey, Alchemie, Wiederfinden von Verlorenem und Arzney« befasst (oder richtiger: zu seinen Lebzeiten befasst hat), dass er James als seinen Lehrling betrachtet und die modernen Sitten und Professionen – Apotheker, Arzt, Polizist – verachtet. Auch der Kugelschreiber, den er für seine Mitteilungen benutzt, sagt ihm nicht zu. »Ich schätze diesen Federhalter nicht«, kritzelt er verdrießlich auf einen Notizblock.

James versucht, dem Geist verständlich zu machen, dass er sich nicht herumkommandieren lassen will, doch das Vorhaben schlägt fehl: Kempe wütet um so heftiger, und James gerät bei seinen Eltern, aber auch in der Schule unter den schlimmen Verdacht, Häuser beschmiert, Fenster eingeworfen und eine Arztpraxis verwüstet zu haben. Er vertraut sich seinem Freund Simon an, der zunächst aufgeschlossen reagiert. »Wenn jemand früher mal ein richtiger Mensch war, jetzt aber nicht mehr, und immer noch Sachen macht, dann ist er ein Geist«, sagt Simon. Doch seine Bereitschaft, an das Übernatürliche zu glauben, ist deutlich weniger ausgeprägt als die von James: Er kann sich zwar nicht vorstellen, dass James tatsächlich all den Ärger in der kleinen Stadt verursacht, aber die Gespenstererklärung erscheint ihm auf die Dauer doch auch unwahrscheinlich.

Die Autorin Penelope Lively steht in der großen Tradition britischer Autoren, die das Schreiben für Kinder ebenso ernst nehmen wie das für Erwachsene. Mit James ist Penelope Lively eine interessante Jungenfigur gelungen: Ihr Held hat einerseits Interesse an allen klassischen Jungenaktivitäten – klettern, Höhlen graben, angeln; den Pastor ärgern, indem man auf der gefährlichen Friedhofsmauer balanciert –, aber zugleich ist er fantasievoll, einfühlsam, liest gern, begeistert sich für Geschichte, führt Tagebuch und stellt umfangreiche Untersuchungen über die Aktivitäten der Schaben in der elterlichen Küche an.

Unter den falschen Beschuldigungen, die auf Kempes Spukattacken folgen, leidet er deshalb sehr – und neben der Geistergeschichte erzählt Lively damit etwas über das schwierige Ende der Kindheit, an dem wir uns nicht selten auch ohne Poltergeist-Probleme vollkommen unverstanden fühlen. James findet einen Ausweg aus seiner schwierigen Lage, gerade weil er sensibel und aufmerksam mit seiner Umwelt umgeht. So ist er freundlich zu der alten Mrs. Verity aus dem Haus gegenüber, die allen immer ein bisschen auf die Nerven fällt, weil sie sich so gern langatmig unterhält. James aber erkennt, dass auch im Leben dieser alten Dame eine spannende Kindheit aufgehoben ist, und hört ihr zu. Das zahlt sich aus, denn Mrs.Verity ist nicht so vernunftverstockt wie die Eltern Harrison – und kann sogar einen Exorzisten empfehlen. Dessen Arbeit gestaltet sich allerdings schwierig, und bevor sich die Geschichte zu einem dramatischen Höhepunkt aufschwingt, schreibt Kempe seine letzte Botschaft an James: »Ich bin dieser Stadt müde. Hier sind Leute, die seltsamen Geschäften nachgehen, und ich verstehe ihre Arth nicht.«