Glosse Der doppelte Peter

Kein Heine-Preis für Handke?

Peter Handke erhält den Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf – voraussichtlich doch nicht. Der Düsseldorfer Stadtrat will verhindern, was eine unabhängige Jury beschlossen hatte. Vorausgegangen ist ein heftiger Streit um die Frage: Hat er ihn verdient? Schriftsteller, Politiker und sogar das Oberhaupt des deutschen Feminismus meldeten sich zu Wort und bezweifelten oder verteidigten die Heine-Preis-Tauglichkeit des österreichischen Schriftstellers.

Um die ist es in der Tat schlecht bestellt. Wer vor gut zwei Monaten auf der Beerdigung des serbischen Nationalisten und mutmaßlichen Kriegsverbrechers Slobodan Milošević vor 20000 Anhängern spricht und sagt: »Ich bin heute nah an Serbien, nah an Slobodan Milošević«, sollte nach menschlichem Ermessen nicht kurz darauf einen Preis erhalten, der in der Hauptsache der Beförderung der Völkerverständigung dient und den Marion Gräfin Dönhoff und Richard von Weizsäcker einmal erhalten haben. Die Jury, der unter anderem Sigrid Löffler, Julius H. Schoeps, Christoph Stölzl, Jean-Pierre Lefèbvre und Gabriele von Arnim angehören, hat diese einfache Wahrheit außer Acht gelassen und sich stattdessen auf eine »offene Wahrheit« berufen, auf deren Spuren sie den österreichischen Dichter vermutet.

Mit dieser großmütigen Geste hat sie Schaden angerichtet. Nicht so sehr in Düsseldorf, wo man sich zur Wehr setzt. Auch nicht bei dem stets unbestechlichen Heinrich Heine, dem Handkes bauernsture Parteilichkeit und der aufmüpfige Ehrgeiz einer Jury nichts mehr anhaben können. Den größten Schaden hat die Jury beim Preisträger selber angerichtet, indem sie ihn für politisch satisfaktionsfähig erklärt hat. Sie lobt Handke ausdrücklich für etwas, das seine Verehrer bisher tapfer als Privatmarotte, als für das dichterische Werk belanglose balkanische Entgleisung zu bagatellisieren versuchten.

Bisher gab es nämlich zwei Peter Handkes. Der eine war der bewundernswerte Sänger der Karstwinde, der dichtende Pilzkoch und sprachgewaltige Hüter der Linkshändigkeit. Der andere war der blindwütige politische Essayist, der die unter Lebensgefahr auf dem Balkan recherchierenden Journalisten mit »Zeitungsratten« und die auf Sarajevo schießenden Serben mit freiheitsliebenden »Indianern« verwechselte. Aus diesen beiden sollte per Heine-Preis nun einer werden. Das konnte nicht gut gehen.

Der Heine-Preis, das hieße: Von nun an sind Handkes serbische Wallfahrten nicht länger als poetischer Sehnsuchtstraum eines Kärntner Knaben abzutun, der sich versehentlich in die Weltpolitik verirrt hat. Verwunderlich war es ohnehin, dass Handke den mit 50000 Euro dotierten Heine-Preis anehmen wollte. Den seinerzeit mit 5000 Euro dotierten Büchner-Preis hat er vor ein paar Jahren schließlich erzürnt zurückgegeben. Wo sollte da der Unterschied liegen?

 
Leser-Kommentare
  1. 1. ???

    Ich leit mal anders ein.

    Ich habe 1999 Ibrahim Rugova einen Brief geschrieben, vor den NATO-Bomben - der Brief kam Wochen später zurück - mit dem Vermerk, es existiere keine Ibrahim Rugova - der Brief gelangte gar nicht bis in das Kosovo, die serbischen Stempel darauf vermerken, wie dort gearbeitet wurde - nicht die Post im Kosovo stellte fest, dass es Rugova nicht gibt, sondern eine serbische Behörde. Es sind unzählige kleine Schweinereien begangen worden, man muss nicht die großen anführen, mit denen sich Handke verteidigt, sonst fällt dem immer das kleine und wahrhaftige auf - im Politischen scheinbar setzt er auf Größe - dann hat er jetzt seinen Ort verloren, von wo aus er spricht - sowas ist verzeihbar - an den Texten, die mit 1996 kamen ist nichts auszusetzen an Handke - Handke sollte den Preis bekommen - was Journalisten angeht ist jedem heute klar, dass da Fotos Serben belasten sollten i Z serbischer Konzentrationslager, die Fake Fotos von Journalisten waren - diese ganz berühmten Fotos so verdammt neutraler Journalisten - Frontcover des Time Magazine etc. - (mein Brief übrigens war in frz Anrede an Rugova inkl. des Titels President - ich wollte sehen, was damit passiert) ... gerade konnte man hier hören, dass Journalisten gern für Geheimdienste arbeiten - so what ----

    Heine hätte den Preis so wohl selbst nicht bekommen. Natürlich soll der Peter Handke den Preis bekommen.

    Gab es da nicht mal einen CDU-Politiker (Bundestag) namens Schwarz, Christian Schwarz, aber nicht Schwarz-Schilling, der für sein humanitäres Engagement im ehemaligen Jugoslawien bestraft wurde und von einem guten Listenplatz für den Bundestag runterversetzt wurde. Es ist eine seltsame Welt, wer hier alles versucht moralisch zu sein.

    Die Diskussion findet völlig isoliert statt und lässt zu viel weg - viel zu viel - Milosevic verteidigen war Blödsinn - der hat viel zu viel verboten als dass der Heine hätte sympathisch sein können. Milosevic war unmöglich, ein Idiot, ein völlig verbohrter unbeweglicher Idiot. Allein der Umgang mit Wahlergebnissen usw - gar nicht mal hoch ansetzen und Schlimmeres anführen - diese kleinen Dinger reichen - und auf dem Level sollte man das zur Disposition ansetzen - Heine wäre davon gelaufen vor Schmerzen vor so einem Typen - aber Heine wäre nicht vor Peter Handke davon gelaufen --- und auch nicht vor der Preisverleihung an Peter Handke - vielleicht sollte Peter Handke bei der Verleihung an die Front Models von Sarajevo denken - und an die vielen die dort unten weiter gemacht haben was Kunst Kultur usw angeht - Peter Handke teilt mit denen, dass er ebenso gegen den Strom geschwommen ist, wo anderes einfacher gewesen wäre - sich nicht trauen, die eigene Meinung zu äussern wäre mit Heine nicht vereinbar, genau das würde Heine grundlegend widersprechen, Handke sagte, was er sagte - sonst sollte man die Preise besser abschaffen

  2. Letzte Worte des Sprach-Arschitekten Peter Handke beim Heine-Erdbeben:

    "Ich habe mein Sprachhaus entworfen! Wir haben nichts zu befürchten von angeblich seismischen Schrecken! Meine Kritiker müssen alle bei mir Unterflucht suchen."

    [Nota ultima:
    Anweisungen für die Lektoten und Korrek-Toren: „Unterflucht“ ist richtig. Wer „Zuflucht“ schreibt, kriegt in der WELT, in der SZ und in der taz keine Zeile mehr gedruckt.]

    Aus der Serie: „Zukünftig LETZTE WORTE unserer Ästheten“.

  3. Wer hilft mir denn mal eine zeile, einen Buchstaben zu finden - von Rechts-Handke zu, über, ob pro oder contra HEINE!

    "Ah", ja den Buchstaber "Ah", den wollte P.H. dem großgünstigen H.H. widmen, bei der Verleihung: "Ah!" - vill des Geldes!"

  4. Die Grosse Aufgeregtheit lässt vermuten, das Peter Handke doch den Heine Preis
    verdient hätte. Aber Heinrich Heine kann sich ja nicht mehr persönlich zu Wort melden.

    Politik geht halt vor unabhängiger Jury.

    .

  5. "Demokratisch völlig legitim" scheint es mir, Herrn Christoph Stölzl (CDU, Jurymitglied), zu widersprechen. Nein, nicht in seinem persönlichen Bedauern, denn sein Verhältnis zu Herrn Handke steht hier nicht zu Debatte. Nur in seiner Deutung des Problems, welches die "politischen Vertreter der Stadt Düsseldorf" mit der Juryentscheidung im "Fall Handke" haben.

    Die Damen und Herren Stadträte haben sich, fürchte ich, nämlich gerade NICHT am Wortlaut der eigenen Satzung orientiert. Sonst hätten sie (zähneknirschend vielleicht) zur Kenntnis nehmen müssen, dass es bei der Preisvergabe nicht darum geht, ein mehrheitsfähiges, moralisch untadeliges Auftreten bestimmter Kulturschaffender in der Öffentlichkeit zu prämieren. Es geht vielmehr um das "geistige Schaffen" (*1) von Menschen, die sich Schriftsteller nennen.

    Ich bin zwar kein ausgewiesener Handke-Kenner, aber ich denke, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem "geistigen Schaffen" (dem "Werk" des Peter Handke also) und den tagesaktuellen Äußerungen des Mannes. Und ich glaube weiter, dass Handke da keine Ausnahme ist. Genau diese so häufig anzutreffende Differenz zwischen Person und Werk könnte meiner Meinung nach der Grund dafür sein, dass die Vergabebestimmungen des Heine-Preises der Stadt Düsseldorf so formuliert wurden, wie sie formuliert wurden.

    Ich nehme an, die Textverfasser haben Streitigkeiten wie die vorhergesehen, die jetzt aufgetreten sind. Der Versuch nämlich, einen Literaturpreis als Instrument der Erziehung eines Literaten zur politischen Korrektheit zu missbrauchen, ist bereits vielfach unternommen worden und nicht immer ist er gescheitert. Was, frage ich mich, würde Heinrich Heine wohl zu dieser Provinzposse sagen?

    Hätten die Damen und Herren Stadträte, die jetzt den Mund so voll nehmen und den Text ihrer Preisrichtlinie nach eigenem Gusto interpretieren, nicht nur bis zum Punkt 2 sondern darüber hinaus gelesen, wäre ihnen womöglich aufgefallen, dass ihre politische Mehrheitsmeinung für die Findung des Preisträgers in diesem speziellen Fall ausnahmsweise gar keine Rolle spielen sollte. Zugegeben, das ist schwer zu verstehen für Leute, die es gewöhnt sind, sich für besonders wichtig und in jedem Fall für kompetent zu halten. Allein: es ist ein Fakt.

    Zwar VERLEIHT der Rat, genauer gesagt: der Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf, den Heine-Preis, über die Zuerkennung jedoch ENTSCHEIDET gemäß Punkt 6 der Satzung ausschließlich das zwölfköpfige Preisgericht. Wer nicht in den im Satzungstext explizit aufgeführten Kreis der "Fachleute" gehört und auch sonst nicht ins Konzept der Preisstifter passt, hat einfach Pech gehabt. So ärgerlich das für manchen Egozentriker sein mag: eine Passage, die dem "gemeinen Düsseldorfer Stadrat" ein Veto- oder Korrekturrecht zur Preisfrage einräumt, gibt es nicht.

    "Das Preisgericht trifft seine Entscheidung unabhängig und endgültig", heißt es statt dessen in Punkt 7 des Satzungstextes. "Das Verfahren ist nicht öffentlich, der Rechtsweg ausgeschlossen." Ich frage mich also ernsthaft, wie es zu dieser verrückten Debatte überhaupt kommen konnte. Da maßen sich offenbar Leute, die nicht einmal über ausreichende Deutschkenntnisse für das Lesen der eigenen Satzung verfügen, ein Urteil über einen Schriftsteller an und zu allem Überfluss beziehen sie sich in ihrer Kritik auch noch auf dessen von den Medien verbreitete Privatmeinung zu Einzelfragen - das hätte nicht passieren dürfen! Es wäre auch nicht passiert, hätte man in Düsseldorf bereits begriffen, was der Unterschied ist zwischen einem Schriftsteller und einem Stadtrat.

    *1 Anmerkung:
    "Der Heine-Preis", heißt es unter Nummer 2 der "Bestimmungen über die Verleihung des Heine-Preises der Landeshauptstadt Düsseldorf vom 24. Juni 1971 (Amtsblatt Nr. 30 vom 31. 7. 1971) zuletzt geändert durch Bestimmungen vom 19.08.1999, "wird an Persönlichkeiten verliehen, die durch ihr GEISTIGES SCHAFFEN im Sinne der GRUNDRECHTE des Menschen, für die sich Heinrich HEINE EINGESETZT hat, den sozialen und politischen Fortschritt fördern, der Völkerverständigung dienen oder die ERKENNTNIS VON DER ZUSAMMENGEHÖRIGKEIT ALLER MENSCHEN verbreiten. In sofern scheint mit Handke als Preisträger auch unabhängig von seinem geistigen Schaffen durchaus geeignet. Denn erstens hat sich Heinrich Heine ein Leben lang audrücklich und vehement für die Meinungsfreiheit und gegen jede Form der Zensur eingesetzt, und zweitens wird die Erkenntnis von der Zusammengehörigkeit der Menschen in diesem Fall dadurch gestärkt, dass über den Preisträger festgestellt werden kann, was auch über die Herren Räte festzustellen ist: Selbst sehr kluge Menschen reden ab und an sehr dummes Zeug. Es wäre ein echter Fortschritt, wenn der Stadtrat der Stadt Düsseldorf das noch vor dem 13. Dezember einsähe.

    • Colon
    • 01.06.2006 um 16:29 Uhr

    Der Schriftsteller Peter Handke erhielt einen Preis zugesprochen, der sich im Namen auf Heinrich Heine beruft. - Das gelehrte Land NRW und die Stadt Düsseldorf taten sich, wer noch Gedächnis hat weiss es, mit diesem Omen immer schwer. - Nun gut, der Stadtvorstand und der Stadtrat übertrugen vor Zeiten die Auswahl der jeweils Würdigen, Heine lässt sich indirekt befragen, einer unabhängigen Jury. Einige Hinweise, wen sich die Stadt als honorig für sich und das Land vorstellen mochte, legten die Auslober in der Begründung zum Preis fest und schickten sogar den Kulturstaatssekretär zusammen mit dem Oberbürgermeister in die Kurie. - Handke wurde mit Mehrheit erwählt.

    Bestochen, durch modische Incentives beeinflusst, gar durch Autogrammkarten und Teestunden milde positiv gestimmt, oder durch verdeckte Aufkäufe der derzeitig schwerer verkäuflichen Werke des Gekörten, geradezu zur Entscheidung gezwungen, wurde keiner. - Oder gibt es dafür investigative Hinweise im ZEIT-Feuilleton?

    Der Stadtrat kann natürlich demokratisch und politisch korrekt
    entscheiden, er wolle Handke nicht als Preisträger. Dann aber, ist die Konstruktion der Preisvergabe, eine Jury und die ganze feuilletonistische Aufregung nur mehr Farce. - Ein Beweis mehr, wie schwer Heine mit der Stadt am Rhein und dem Land nachträglich zusammengedacht werden kann und ein solcher Preis ideell aussagelos, weil letztlich nicht kritisierbar, verbleibt.

    Ein wunschloses Unglück im Wortsinne, für alle Beteiligten.

    Daher wäre Handke ein Preisträger an dem sich Fürsprache wie Kritik beweisen könnte, wie es sich für einen würdigen Heine-Preis, gehört.

    Auf der Diskussionsebene von Ehrenbürgerschaften und politischen Korrektheiten wollen Sie, Frau Radisch, doch unter dem virtuellen Strich in der ZEIT auch nicht schreiben, oder?

    • FGAlte
    • 01.06.2006 um 15:45 Uhr

    Die schäbigste Rolle spielt der Stadtrat von Düsseldorf. Die vollmundige Ankündigung "Düsseldorf ist die Kulturstadt" sollte durch die Vorsilbe "Un" ergänzt werden: "Unkulturstadt" trifft es besser. Dort regieren offenbar literarische Analphabeten, die sich dicke tun wollten. Dabei unterlief Ihnen ein für sie fataler Fehler, der den teutonischen Gutmenschen-Furor weckte. Krank vor Angst wandten sie sich um hundertachtzig Grad und ließen die Rufmord-Meute auf Peter Handke los. Zensur im Namen der Freiheit, nicht sehr glaubwürdig.
    Handke gelesen hat offenbar niemand, auch nicht seine eigenen Einschätzungen zu dem, was er getan hat, von seinen dicken Büchern ganz abgesehen. Das wäre ja von einem Politiker, der von Instant-Informations-Häppchen lebt und eh nicht mehr hinter die erste Ebene schauen kann, auch zu viel verlangt. So entsteht dummes Gefasel Ahnungsloser und alle faseln mit.
    Der größte Skandal aber ist, dass die Politiker, die uns mit Halbwahrheiten und Lügen in diesen Krieg getrieben haben, vollkommen unbelastet sind. Darüber ist Gras gewachsen. Da stört natürlich ein Mann wie Handke, also muß er weggebissen werden.

    • bkkopp
    • 01.06.2006 um 12:00 Uhr

    Ein FOM (Friend of Milosevich)kann kein Heine-Preistraeger sein. Ist ein FOM ueberhaupt ein normaler Mensch?

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