Faulheit«, wie der Aphoristiker Cioran schrieb, »ist Skeptizismus des Fleisches.« Nach dieser Definition wäre Maurice, die Hauptfigur in Matthias Zschokkes neuem Buch, von besonders tiefer Skepsis erfüllt. Entweder sitzt er seine Zeit im Café ab, oder er setzt sich auf sein Fahrrad, um gemächlich durch den Berliner Wedding zu kurven. Dort, wo die Mieten günstig sind, unterhält er ein »Kommunikationskontor«, das Hilfe bei amtlichem Schriftverkehr offeriert. Nur dass Maurice keine Aufträge bekommt. Was einesteils seiner Trägheit geschuldet ist, nicht zuletzt aber auch seiner bedrohlich fortgeschrittenen Einsilbigkeit. Gespräche sind ihm zuwider.

So entfaltet sich der urbane Bummelalltag eines Eigenbrötlers, der zwar nichts zu tun, dafür aber umso mehr zu gucken und zu staunen. Denn, so sagt es der Erzähler: »Wer etwas genauer hinschaut, wird feststellen, dass sich in seiner unmittelbaren Umgebung die unfassbarsten Tragödien und Komödien ereignen und er gar nicht ins Phantasiereich der anderern auszuwandern bräuchte, um angeregt zu werden.« Das ist, in nuce, Zschokkes Poetik. Dafür ist er ihm gerade der Solothurner Literaturpreis zugesprochen worden – für »poetischen Widerstand gegen die Hektitk und die Vergesslichkeit unserer auf Effizienz gestimmten Epoche«. Maurice, augenzwinkerndes Alter Ego des Autors, setzt diese Haltung konsequent um: Schauend wird ihm die Welt zur Wundertüte. Es sind die Sensationen des Beiläufigen, die sich das Leben zwischen Hinterhof und Straße ausdenkt, die Absurditäten am Rande, die unser Pedalritter zu heiter-melancholischen Gedankenketten verarbeitet.

Die Handlung ist mithin das Unwichtigste an diesem »Roman« genannten Textgeflecht. Matthias Zschokke, der 1954 in Bern geborene Berliner, schreibt aber keine Romane im landläufigen Sinne. Sein Erzählverfahren lässt sich vielmehr mit dem vergleichen, was Robert Walser als »Alltagsvertiefungsversuche« bezeichnete. Es ist ein sprunghaft-assoziatives Erzählen, das eben nicht der gut gebauten Story, sondern im scheinbar Belanglosen das Ganze entdeckt. Entsprechend kann für ein »Wissenskörner pickendes Huhn« wie Maurice unterschiedslos alles interessant werden: das Arrangement einer Schaufensterauslage, ein Zeitungsbericht über Wildschweine, unbequeme Schuhe, ein Verkehrsdelikt et cetera.

Dieser typische Zschokke-Held hat »nie richtig gelernt zu denken« – was wir ihm danken. Denn dadurch kommt er auch gar nicht erst auf die dumme Idee, aus seiner Anschauung der Welt eine Weltanschauung zu synthetisieren. Alles, was ihm ins Auge fällt, bleibt fragmentarisch. Umso erstaunter wird der Leser feststellen, dass all die Wahrnehmungssplitter am Ende durchaus ein Bild ergeben. Vordergründig fügt es sich zu einem Porträt des Dichters als tüchtigem Taugenichts. Insofern hätten wir es mit einem Künstlerroman zu tun. Man kann dieses poetisch getönte Buch aber auch noch ganz anders lesen.

Je länger wir Maurice durch seinen Stadtbezirk begleiten, desto mehr gewinnen wir den Eindruck, dass alle Zeichen auf Verfall stehen. Im Wedding sehen selbst die Ärzte blass aus. Die Geschäftspleiten mehren sich, bei den Mütterlein reicht das Sterbegeld nur noch für eine »Blitzbeerdigung«. Der Protagonist wird zum Chronisten des Niedergangs des traditionellen Arbeiterviertels. So ist der Roman auch eine subtile Sozialstudie: In den Realitätspartikeln, die Maurice zusammenträgt, spiegelt sich die Misere der Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgeht. Sage niemand, unser Nichtsnutz sei zu nichts nütze.