Lebenszeichen
Fuck it!
Harald Martenstein mag Fußball – deshalb hasst er ihn jetzt
Ich interessiere mich für Fußball. Der Fußball ist nicht gerade eines der Top-Themen in meinem Leben, aber ich interessiere mich. Ich sehe Sportschau und ZDF-Sportstudio, sofern ich nichts Besseres vorhabe, ich lese Tabellen, weiß, wer gerade Meister ist, und kenne die Namen der wichtigsten Spieler. Ich habe Fußballbücher gelesen. Ich erinnere mich daran, dass mein Großvater nach dem 2:2-Ausgleich unserer Jungs im Spiel England gegen Deutschland, 1966, im Wohnzimmer einen Handstand gemacht hat. Verdammt noch mal, ich schreibe sogar hin und wieder über Fußball.
Ich glaube, das ist jetzt zu Ende. Ich schreibe dies kurz vor Beginn der WM, schon jetzt bin ich ein wenig müde. Überall in der Stadt sehe ich Fußbälle, in den Schaufenstern, in der U-Bahn, auf der Toilette im Kino, Fernsehen und Zeitungen berichten ununterbrochen, wirklich ununterbrochen, jedes verdammte Detail, nicht, dass ich das lese, aber ich registriere es, ich muss ja, weil ich ein verdammter Journalist bin und wissen sollte, was vorgeht, und ich denke, Fußball ist kein Distinktionsmerkmal mehr, jeder muss sich für Fußball interessieren, Männer, Frauen, Babys, nein, ich vergleiche es nicht mit der Nazizeit, ich sage nicht: totalitär, das wäre auch ein schiefer Vergleich, andererseits, fuck it, wen kümmert es, ob ein Vergleich schief ist, Hauptsache, das Wort »Fußball« kommt in dem Vergleich vor, Fußball, wie ich das Wort hasse, nie wieder möchte ich einen Ball sehen nach dem Endspiel, das ist, als ob du zu viel geraucht hast und nur noch kotzen möchtest, obwohl du eigentlich ganz gerne geraucht hast, oder zu viel Sex, auch das ist wahrscheinlich möglich, man geht dann ins Kloster, nehme ich an, oder lässt sich sterilisieren, aber das geht nicht, gegen Fußball können sie dich nicht sterilisieren, und die Mönche im Kloster schauen bestimmt ebenfalls Fußball, währenddessen nimmt ein Fernsehteam auf, wie die Mönche Fußball schauen, und sie strahlen es aus, diese Wichte, das nennen sie dann Information oder Kultur, als ob man das wissen will, ich möchte die Fernsehteams mit Stacheldraht auf riesige Fußbälle flechten und den Großglockner runterrollen lassen, dabei müssen sie ununterbrochen Fußballlieder singen, olé, olé, olé, olé, ja, da staunen Sie, da denken Sie, huch, wie inhuman, aber ich bin doch auch ein Mensch, ich habe das Spiel gemocht, sogar geliebt, das ist, als ob du eine Frau liebst und sie hat was mit jedem, wirklich jedem Bewohner des Planeten, da musst du pervers sein, um das zu mögen, für die WM bin ich nicht pervers genug, oder der Individualismus, dieser Scheinausweg, zu sagen, mir ist die WM egal, wie kokett, wie eitel, wie verlogen, das geht auch nicht, diese Typen kenne ich, die schieben ihre Sonnenbrillen hoch, Ray Ban, goldene Füller, solche Typen, hassen die Masse, aber ich hasse die Masse nicht, ich gehöre dazu und verachte mich selber, während ich F. schaue, wie jeder, bin ich denn ein Tier, eine dressierte Ratte? Die Antwort heißt: ja.
Nach der WM fängt was anderes an. Was immer es sein mag:
Fuck it.
Fußball-WM 2006 - Aktuelle Meldungen, Interviews, Hintergrundberichte und Bildergalerien zum Thema des Jahres
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- Datum 1.6.2006 - 08:15 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 01.06.2006 Nr.23
- Kommentare 3
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Eigentlich geht es mir ähnlich. Ein wenig interessiere ich mich für Fußball, aber nicht für jedes Spiel und immer, und deshalb ziehe ich mich bei so genannten Fachgesprächen immer in meine Ecke des Nichtinteressiert sein zurück. Nun kommt aber dieses Großereignis und jemand hat mir gesagt, dass eine solche WM vielleicht mein Enkel noch mal im hohen Alter erleben würde. Na ja, da muss ich doch jetzt mir die Spiele reinziehen. Eigentlich sollte ich ja in jungen Jahren Fußballer werden, Torwart, Jens Lehmann mäßig. Hat aber leider nicht geklappt. Jetzt also zuschauen. Wenn bloß nicht die Fahrer auf den Straßen wären mit ihren Fahnen am Auto. Ob das bald Pflicht wird? Bis dahin schöne WM.
Lothar Krukenberg
denen: fuck-fussball.de geht es glaube ich genau so wie ihnen. Also die Motivation scheint die gleiche. Ich finde etwas Kritik tut der WM gut.
HHeller
Zugegeben, mir ging es im Vorfeld der WM auch so - man kann schließlich nicht jedes WM-Brötchen kaufen, was einem dargeboten wird. Deswegen war ich als passionierter Fussballer und Fan auch froh, als es endlich los ging und nur noch über den Fussball an sich (mit all seinen Facetten - einschließlich der Wade von Herrn Ballack...hm...) und nicht mehr über den Hype drumherum gesprochen wurde. Lieber unterhalte ich mich über den sagenhaften Sieg der Engländer über Paraguay als zum Beispiel darüber, wie Königstein sich auf die Brsilianer vorbereitet...!
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