Umwelt Willkommen in der Baggergrube

Der Wolf breitet sich in der Lausitz aus. Doch nichts mit idyllischer Wildnis: Die Raubtiere schnüren durch Tagebauten und siedeln sich auf Schießplätzen an

Heute früh sind sie hier entlanggekommen, drei Wölfe, und gleich wieder im schütteren Kiefernwald verschwunden. Die Tiere haben im Heidesand deutliche Spuren hinterlassen; sie sind ein wenig verwischt, es hat eben noch geregnet. Wölfe setzen die Hinterpfoten genau in die Abdrücke ihrer Vorderpfoten. »Sie schnüren«, sagt Ilka Reinhardt, »das machen Hunde höchstens im Tiefschnee.« Wölfe also, ganz sicher.

Ein paar hundert Meter weiter, hinter dem Kiefernwald, der Braunkohletagebau Nochten. Das Kraftwerk Boxberg raucht in der Nähe, Polen ist gleich um die Ecke. Mit Staunen hatten die Biologin Reinhardt und ihre Kollegin Gesa Kluth in der Tagebaulandschaft eine Wölfin per Peilsender verfolgt. Regelmäßig lief diese unter dem ratternden Braunkohleförderband durch, tauchte ab in die Baggergrube. »Wir wollten erst gar nicht glauben, was wir sahen«, sagt Reinhardt. »Die polnischen Kollegen lachten uns nur aus: So sieht also euer Wolfsgebiet aus!«

Wölfe sind Individualisten, reichlich eigenwillig. Der Forscherin, die anderthalb Jahre lang den Lausitzer Wölfen hinterherpirschen musste, bevor sie den ersten zu Gesicht bekam, scheint das zu gefallen. Schon die erste Einwanderin hatte sich ein ungewöhnliches Zuhause ausgesucht. Als die Wölfin nach fast eineinhalb Jahrhunderten Absenz ihrer Spezies in Deutschland auftauchte, machte sie es sich auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz bequem. »Die Knallerei stört die Tiere nicht«, sagt Reinhardt. Schießbahnen sind für sie berechenbarer als Jäger oder Touristen. Was das Tier zum Leben braucht, ist ein ruhiges Plätzchen für den Rückzug und genug zu fressen. Ob die Landschaft nach Menschenmaßstäben »natürlich« oder »malerisch« aussieht, ist ihm egal. Besagte Wölfin legte sich mit Vorliebe direkt unter wuchtigen Strommasten zur Ruhe.

Mit ursprünglicher Natur hat die Rückkehr des Räubers wenig zu tun. Eher damit, dass er in Polen streng geschützt ist. Die Populationen erholen sich langsam, Wölfe wandern aus Russland und Polen zu. Immer wieder tauchen wandernde Exemplare in Ostdeutschland auf, einzelne wagten sich bis nach Niedersachsen. 1998 ließ sich dann das erste Paar nieder; 2000 der erste Wurf, vier Junge. Eine Sensation.

Ilka Reinhardt kennt die Wölfe. Stundenlang hat sie mit ihrer Kollegin im Auto gesessen, auf Signale vom Peilsender gewartet, ist losgefahren, um sich oft genug wieder abhängen zu lassen. Geduld gehört zum Job eines Freilandbiologen. Die mit dem Sender bestückte junge Wölfin wanderte Richtung Westen ab, ließ sich bei Neustadt nieder. Bald sah es so aus, als hätte sie einen Partner gefunden, aber das war nur der Bruder. Dann bekam sie Junge. Die Freude währte nicht lange. Die Wölfin hatte sich mit einem Hund eingelassen, die jungen Mischlinge wurden zum Problem. Biologisch gesehen, weil die Hundegene sich in der Wolfpopulation zu verbreiten drohten. »Wir mussten die Jungtiere einfangen, das war klar.« Nach mühsamer Jagd erwischten sie zwei. Die anderen beiden verschwanden spurlos.

2002 die große Aufregung. In zwei Nächten rissen die Wölfe 33 Schafe. Sieben Fernsehstationen belagerten daraufhin den verdutzten Schäfer Frank Neumann. »Die Schafe laufen halt nicht davon, wie die Rehe«, weiß er heute. Die Wölfe beißen zu, bis ihnen die Lust vergeht. Zurück bleiben tote Schafe, die keiner frisst, die keinem nützen und die viele aufregen. Gruselgeschichten über geklaute Säuglinge machten die Runde. Die Bestie Wolf war zurückgekehrt in die Köpfe.

Schäfer Neumann reagierte konsequent. »Hochsicherheitstrakt« nennt er die »wolfsichere« Weide, das klingt ein bisschen nach Stolz. Auf dem roten Netzzaun liegt anderthalb mal mehr Spannung als sonst beim Schafezüchten, rundherum spannen sich noch einmal vier weiße Bänder, sie sind ebenfalls unter Strom. »Die Wölfe kommen da nicht durch«, sagt er, »und sie lernen schnell. Wir können die Wölfe erziehen.« Schafe würden bald als »schwer zugängliche Beute« im Wolfshirn gespeichert. Trotz dieser kleinen Erfolge ist die Arbeit eine Last. Ohne Wölfe wäre es bequemer.

Wo Neumann die aufwändigen Zäune nicht aufbauen kann, setzt er seinen Herdenschutzhund ein. Anton ist weiß und bellt heiser, kommt man der Herde zu nahe. An Menschen soll er sich gar nicht erst binden. Die Hunde wachsen bei den Schafen auf, leben später ständig auf der Weide. Wie gut sein neues System funktionieren wird? Neumann ist skeptisch; seit 150 Jahren ist sein Berufsstand hier nicht mehr mit dem Wolf aneinander geraten. Erfahrungen müssen neu gesammelt werden. In vier Wochen kommt ein Weibchen für Anton auf den Hof. Neumann will Herdenschutzhunde züchten. Man wird den Eindruck nicht los, dass das Schäferleben ohne die Wölfe irgendwie langweiliger wäre.

Ilka Reinhardt und Gesa Kluth arbeiten inzwischen an einem Fachkonzept, das für ganz Deutschland zeigen soll, wie man mit dem Raubtier umgehen kann. Kopfzerbrechen macht vor allem, dass der Wolf sich nicht um Staatsgrenzen schert, wenn er sich sein Territorium aussucht, um Ländergrenzen schon gar nicht. Ohne unbürokratische Zusammenarbeit wird es nicht gehen. Die Behörden werden sich fragen müssen, wie viel Euro ein Schäfer erhalten soll, der ein Tier verloren hat, wie ein gutes Monitoring aussehen könnte, wie man die Öffentlichkeit aufklärt.

Halbwahrheiten kursieren. Dass es Alpha- und Omega-Wölfe gibt, zum Beispiel. »Das ist Quatsch, das kommt so nur im Gehege vor«, sagt Reinhardt. Welcher Wolf würde schon freiwillig da bleiben, wo er unterdrückt wird? Damit ist Reinhardt schon bei der nächsten irrigen Vorstellung: »Wie viele Wölfe können wir uns denn hier im Gebiet gestatten?«, frage sich der Mensch. Eine Jägerfrage. Sie klingt nach regulieren wollen. Nach dem alten Glauben, dass die Natur nicht ohne uns kann. Dabei regeln die Wölfe ihren Bestand selbst. Fast jeder Wolf verlässt irgendwann seine Familie, das Rudel seiner Eltern, und sucht sich sein eigenes Streifgebiet. Überbevölkerung kommt so gar nicht erst zustande.

»Wir müssen reden, reden, reden«, sagt Reinhardt. Das Mühsame ist die Überzeugungsarbeit. Gegen die Interessen der Menschen dem Wolf Freiheiten zubilligen, das funktioniere nicht. Gegen Menschen etwa, die gewohnt sind, im Wald zu jagen, die die Aufgabe, das Rehwild gesund zu erhalten, als ihre ureigene betrachten. Der Wolf ist ihr direkter Konkurrent. Auch die müssen mitgenommen werden auf den Weg zu einem wolfsfreundlichen Deutschland. Weiterreden also.

Rietschen ist ein nettes Dorf, Deutschlands Wolfshauptstadt. Gut 3000 Einwohner, eine liebevoll renovierte Kirche, vor dem Denkmal für die russischen Gefallenen stehen frische Blumen. Früher haben sie hier von der Glasbläserei gut gelebt und davon, feuerfeste Steine für Öfen herzustellen. Quarzsand, den Hauptrohstoff für beides, gibt es hier in der Gegend in rauen Mengen. Mit der Wende war das vorbei, »es wurde kaputtgemacht«, sagen die Leute im Dorf. Übrig blieb nur der Braunkohletagebau mit ein paar hundert Arbeitsplätzen. Das reicht bei weitem nicht. Bleibt die schöne Landschaft mit blauen Karpfenteichen, luftigen Birken, viel Sand und viel Platz. Platz für Touristen. Der Wolf zieht sie an.

Das Wolfskontaktbüro in Rietschen ist heute mehr als eine Anlaufstelle für Fragen. Es managt Infoveranstaltungen für Schulklassen, Touristen, Pfadfinder. Die Spurenexkursionen, anfangs sechsmal im Jahr geplant, waren so schnell ausgebucht, dass eilig nachgelegt wurde. Führer nehmen Neugierige mit ins Wolfsland und erklären, was der Wolf liebt, was er braucht, wie man erkennt, ob die Abdrücke vor einem im Sand eine Wolfs- oder eine Hundespur sind.

Unter vielen Lausitzer Fenstersimsen wird inzwischen ein Wolf vorbeigeschlichen sein. Fragt man heute einen in Rietschen, der weder Jäger noch Schäfer noch Biologe ist, vielleicht Fahrradhändler, entgegnet einem Gelassenheit: »Der Wolf ist halt da jetzt«, heißt es dann. Unaufgeregtheit ist bestimmt der beste Weg. Auf gute Nachbarschaft.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 01.06.2006
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    • Schlagworte Umwelt | Ostdeutschland | Niedersachsen | Polen | Russland | Weiden
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