Die Triebwerke heulen auf, der Sitz bebt, polternd schließt sich der Fahrwerksschacht. Aus der Klimaanlage zischt trockene Luft. In der Bordküche klirren Gläser. Wir heben ab.

Doch der Blick aus dem Kabinenfenster zeigt statt einer Voralpenlandschaft nur eine Metallwand. Kurz vor dem Start hatte der Flugbegleiter noch wie üblich die Gurte überprüft und mit typischer Handbewegung auf den Notausgang verwiesen. Aber dann führte er statt der Sauerstoffmaske eine Brandschutzhaube für die Flucht durch die Druckschleuse vor. Eher ungewöhnlich ist auch, dass von der Decke Kabel mit Messfühlern baumeln. In Reihe fünf sitzt eine Puppe, die man mit Temperatursensoren behängt hat. Und im menschenleeren Cockpit gähnen Löcher, wo Instrumente blinken sollten.

Auf der Bordkarte steht »Fraunhofer-Institut für Bauphysik«. Das Flugzeug, genauer: das Cockpit und die ersten acht Sitzreihen stecken in einem Industriegebiet nahe der Autobahn MünchenSalzburg in einer fast zehn Meter hohen druckdichten Stahlröhre. Zuletzt gehörte der Flugzeugrumpf zu einem Airbus A310 der armenischen Staatslinie, daran erinnern noch verschlungene Schriftzeichen auf verblichenen Aufklebern. In diesem Flugsimulator werden Passagiere untersucht. Wie im echten Flug setzt man sie Lärm und Vibrationen, Unterdruck und trockener Luft, Zugluft und Enge aus. Die Forscher wollen herausfinden, was man tun muss, damit sie sich an Bord wohler fühlen. Sie suchen nach »Behaglichkeitskriterien«.

Ein Staubsauger simuliert den Sound des fliegenden Aborts

Die Behaglichkeitsforscher tun alles, um echtes Reisefieber aufkommen zu lassen. Unter jedem Sitz sind Vibratoren montiert. Aus kräftigen Lautsprechern dröhnt monotoner Triebwerkslärm. Bauingenieur Gunnar Grün schiebt den Tomatensaft-Trolley so routiniert lächelnd durch den Gang wie ein echter Flugbegleiter. Und wenn die Testpassagiere die Flugzeugtoilette aufsuchen, dann heult ein unter dem Boden versteckter Staubsauger auf, um das Fauchen beim Spülen eines fliegenden Aborts möglichst naturgetreu zu imitieren.

Flugzeuge sind keine besonders menschenfreundliche Umgebung. Viele Zipperlein, Kopfschmerzen, austrocknende Atemwege und Probleme mit Kontaktlinsen plagen die Flugreisenden. Sie klagen über geschwollene Füße oder Schweißausbrüche. Freundlicher Service, kostenloser Lesestoff, Filme, Menüs oder Snacks an Bord können nur davon ablenken, dass technische Notwendigkeiten im Flugzeugbau weit vor humanen Bedürfnissen rangieren. Menschliche Behaglichkeit steht noch nicht sehr lange im Lastenheft der Konstrukteure. Das Holzkirchener Labor soll zeigen, was sie tun könnten, damit Passagiere sich wohler fühlen. »Natürlich kennen wir die Einzelwirkungen der verschiedenen Faktoren. Wir wissen aber nicht, wie sie in der Summe wirken«, sagt Erhard Mayer, der Initiator des neuen Labors am Fraunhofer-Institut.

Allein für die thermische Behaglichkeit werden erstaunlich viele Daten gemessen. Die Temperatur der Luft, die Geschwindigkeit, mit der sie durch die Kabine strömt, und die Sonneneinstrahlung durch das Kabinenfenster spielen eine Rolle. Letztere soll bald mit großen Lampen in der Druckröhre simuliert werden. Und dann strahlt auch noch jeder Passagier gut 100 Watt Wärmeleistung ab.