VORBEMERKUNG Es geht rund in Deutschland - ob am Fernsehturm, auf Lufthansa-Maschinen oder im Fußballglobus. Kann da noch an der Relevanz der WM gezweifelt werden? BILD

Kinder können so brutal sein. Oft, ohne es zu wollen. Neulich sah ich mir mit meinem neunjährigen Sohn eine DVD über die Geschichte der Weltmeisterschaften an. Am Schluss stellte er mir erstaunt die Frage: »War Deutschland früher mal gut im Fußball?«

Als ich so alt war wie er, fand meine Initiation als Fußballfan statt. Es war die Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko, die mich für das ganze Leben prägte. Von der Hauptsache mal abgesehen (dass die Italiener gegen uns im Halbfinale völlig unverdient und nur durch übertriebene Härte gewonnen haben), blieben drei Sachen haften: Es war wahnsinnig heiß da unten, Beckenbauer spielte mit ausgekugelter Schulter, und es gab sogar im fernen Mittelamerika Bandenwerbung für deutsche Produkte. Drei Selbstverständlichkeiten leiteten sich daraus ab: Deutsche sind opferbereit, sie spielen gut Fußball und sind wirtschaftlich erfolgreich.

Natürlich dämmert mir schon seit längerem, dass diese deutsche Tugend-Troika vielleicht nicht mehr ganz so gilt. Dennoch wirkte die schlichte Frage »War Deutschland früher mal gut im Fußball?« wie ein Schock. Wird mein Sohn in zehn Jahren fragen: »War Deutschland früher mal reich?«

HAUPTSACHE

Es hat wenig Sinn, darüber zu diskutieren, ob die Bedeutung der WM 2006 für die deutsche Wirtschaft und die Politik möglicherweise überhöht wird. Natürlich nicht. Denn der Fußball ist – außer vielleicht mit Abstrichen die Politik – die einzige öffentliche Angelegenheit, die fast alle fast immer interessiert. Das so genannte Volk, also wir, kann das große Gespräch darüber, wie es ist und war und sein will, darum nur im Medium Fußball und im Medium Politik führen. Alles andere ist Minderheitenprogramm. Die Relevanz der WM kann also gar nicht überschätzt werden.

Außerdem war die Unsicherheit darüber, wer wir sind und sein wollen, jahrzehntelang nicht so groß wie heute. Darum werden schon kleine Zeichen mit großer Lupe angesehen. Geschweige denn große Zeichen – wie die WM.