Eigentlich wollte Dettmar Cramer eine Geschichte der Weltmeisterschaften als Fachmessen des Fußballs erzählen. Von kleinen Revolutionen und größeren Häutungen alle vier Jahre, von Weltmeistermannschaften, die über Dekaden hinaus Schule machten, von veränderten Spielsystemen - doch bald ist vor allem von opinion die Rede. Streng klingt der Meistertrainer von einst, wenn er dieses Wort benutzt, und es hat nicht nur mit seinen vielen Jahre draußen in der Welt zu tun, dass er, statt von »Meinung« oder »Ansicht« zu sprechen, das englische Wort heranzieht. Darin liegt eine subtile Distanzierung von Meinungsäußerungen bei der Betrachtung von Fußball. »Es gibt mehr opinion als Fakten«, sagt Cramer mit fester Stimme und betont dabei jede Silbe so, als wäre ihm der Zustand unerträglich. 81 Jahre alt ist er inzwischen, geht jeden Morgen um sechs Uhr in seinen Fitnessraum und ist noch immer so bestimmt, als würde er gerade ein Team auf das nächste Match einstellen. »Das Spiel ist vielen nur Wille und Vorstellung«, sagt Cramer, »sie sehen allein, was sie sehen wollen, und werden Opfer ihres Wunschdenkens.« Jürgen Klinsmann arbeitet mit Amisco Pro, einem Programm zur Spielanalyse. Weil: Wichtig is" auf"m Schirm BILD

Laut ist das Rauschen der Meinungen um den Fußball, gerade kurz vor einer Weltmeisterschaft, die drüben in München beginnt. Wenn man ein paar Kilometer weiter südlich, in Reit im Winkl, Dettmar Cramer besucht, ist es angenehm still. Cramer, den die meisten noch als Trainer des FC Bayern in Erinnerung haben, der mit Beckenbauer, Maier, Müller 1975 und 1976 den Europapokal der Landesmeister gewann, lebt in einem dieser typisch bayerischen Häuser am Hang und schaut heute mit großem Abstand in die Mühen der Ebene. Sein Leben lang hat er sich um den illusionslosen Blick auf Fußball gekümmert. Rund um die Erde hat er für die Fifa als Trainerausbilder gearbeitet; bei Weltmeisterschaften gehörte er jenen Kommissionen an, die den spieltaktischen Stand der Dinge analysieren.

Er kann sich selbst an Partien genau erinnern, die vor mehr als sechs Jahrzehnten ausgetragen wurden. Über das entscheidende Spiel der WM 1950 etwa, als Brasilien zu Hause gegen Uruguay noch den Titel verlor, sagt er: »Uruguay war taktisch besser organisiert, die Brasilianer haben intuitiv gespielt und taktisch naiv.« 1953 sah er an der Seite Herbergers im Wembley-Stadion, wie den Ungarn als erster Mannschaft vom Kontinent ein Sieg in England gelang, und verfolgte, wie der deutsche Nationaltrainer seine Planungen für die WM 1954 begann. 1958 lauschte er gemeinsam mit Herberger dem dicken Feola, Brasiliens Trainer. Der hatte angeblich das 4-2-4-System erfunden, lachte aber, als die Journalisten ihn danach fragten. Sie würden die Zahl seiner Verteidiger, Mittelfeldspieler und Stürmer zählen, sagte Feola, er tue das nie. Aber wenn sie es unbedingt so sehen wollten, würde er ein 4-2,5-3,5-System spielen, weil sein Linksaußen sich immer wieder ins Mittelfeld zurückfallen lasse.

Was gerade erfolgreich ist, wird imitiert

Diese Geschichte erzählt Cramer, weil sie seine These von der irrtümlichen opinion belegt. Alle wollten im brasilianischen Team vier Stürmer sehen - und sahen sie entsprechend auch. Doch nicht inzwischen längst revidierte Betrachtung kommt es Cramer an. Ihn ärgert etwas anderes: Nachdem Feola die Brasilianer um den jungen Pelé zum Weltmeistertitel geführt hatte, wollten alle so spielen wie der neue Champion. »Vor allem in Südamerika haben noch fast zehn Jahre später alle Nationalmannschaften außer Argentinien mit einem hängenden Außenstürmer gespielt«, sagt er. Er findet das absurd. »Stets ist von kurzsichtigen und denkfaulen Trainern das imitiert worden, was gerade erfolgreich war, obwohl sie gar nicht die Spieler dafür hatten.«

Üblicherweise wird gesagt, dass die Sieger bei Weltmeisterschaften für die folgenden vier Jahre vorgeben, wie erfolgreich Fußball gespielt wird. Mochte man nach 1958 über hängende Außenstürmer debattieren, war die WM 1966 jene des »flügellosen Wunders«, weil der spätere Weltmeister plötzlich ohne Außenstürmer spielte. Doch Cramer findet, dass aus den Konzepten der Sieger stets falsche Schlüsse gezogen wurden. »Nach jeder WM gab es eine neue Mode«, sagt er abschätzig. Irgendwelchen Trends zu folgen sei schon immer einfacher gewesen, als den eigenen Weg zu suchen.

Manchmal steht er auf, geht zum Regal und holt Bücher hervor, um seine Thesen zu bestätigen. Einer der Bände ist von Rinus Michels, der Trainerlegende aus Holland. Er als Widmung aufs Vorblatt geschrieben: »Ein goeroe kann dem anderen goeroe nichts vormachen.« Gurus geben sich mit oberflächlichen Betrachtungen nicht zufrieden. Vor allem nicht, wenn sie über so viel Erfahrung verfügen. Cramer war bereits mit 24 Jahren Verbandstrainer beim Westdeutschen Fußballverband und fungierte in den Fünfzigern zugleich als Assistent von Herberger bei der Nationalmannschaft. Er wurde auch deshalb »Fußballprofessor« genannt, weil er auf dem Gymnasium Latein und Altgriechisch gelernt hatte. Als intellektueller Fußballtrainer erntete er damals eher Spott, inzwischen ist ihm das egal: »Ich bin doch längst eine Legende.«