WM 2006 Deutschland gewinnt

Mit dem Beginn der Fußballweltmeisterschaft wird aller Ärger vergessen sein. Fast

Alles begann mit Charles Dempsey. Am 6. Juli 2000 entschieden die 24 Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees in Zürich über die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft 2006. Bei der dritten, entscheidenden Abstimmung bekam der hohe Favorit Südafrika nur 11 Stimmen, Deutschland dagegen 12 – Dempsey, der 78-jährige Vertreter Neuseelands, hatte sich entgegen den Anweisungen seines Verbandes der Stimme enthalten. So wurden wir Weltmeisterschaft.

An diesem Freitag nun geht es los. Hat es sich gelohnt, sechs Jahre Vorarbeit für 64 Fußballspiele? Müssen wir Charles Dempsey dankbar sein? Was haben wir nicht alles ertragen seit jenem denkwürdigen Donnerstag, als Kanzler »Acker« Schröder, Bumm-Bumm-Boris und Claudia Schiffer stumm für unser Land die Daumen drückten? Es gab Streit um nahezu alles: die Tickets und die Sicherheit, das Bier im Stadion und die Methoden des Bundestrainers, die Torhüter und die Geldgier der Fifa. Die große Eröffnungsgala wurde kleinmütig abgesagt, das Wirtschaftswachstum nicht wirklich angekurbelt. Wir haben zu leben gelernt mit Beckenbauer auf allen Kanälen und mit Designkatastrophen wie dem WM-Logo, das besser zu den Welttitelkämpfen Ecstasy schluckender Hütchenspieler gepasst hätte als zum größten öffentlichen Ereignis in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Oder dem Maskottchen Goleo, dem Löwen ohne Hose, dessen Herstellerfirma noch vor der WM Pleite gegangen ist (manchmal ist der Fußballgott auch gerecht).

Zu einer deutschen Spezialdisziplin in der Vorbereitung ist neben Jürgen Klinsmanns Gummitwist die Trittbrettfahrerei geworden: Jeder, aber auch wirklich jeder, der irgendetwas sagen, vor allem aber verkaufen will, versucht, sein Produkt mit Hilfe ballistischer Metaphern unters Volk zu bringen. Es gibt Weltmeisterbrötchen, dazu Teekannen, Seifen, Radios in Ball- und Trikotform, Kulturbeutel, Bücher und Blumenvasen aus Kunstrasen, Gummibärchen in Schwarz-Rot-Gold. Jeder kämpft unerbittlich um seinen Auftritt im gleißenden Scheinwerferlicht, in das dieses Weltereignis das Land getaucht hat – als wollten all die Warentester, Kunstkuratoren, Regisseure, Priester, Kolumnisten und Geschäftemacher Deutschlands wackeligen Verteidigern zeigen, was gesunde Härte ist. Zuletzt hat sich die notorische Lea Rosh in diese zweifelhafte Mannschaft gegrätscht und kurz vor dem Anpfiff noch schnell gefordert, Arno Brekers Skulpturen am Berliner Olympiastadion zu verhüllen.

Die sechs Jahre seit jenem Dempsey-Donnerstag waren mitunter eine härtere Prüfung als eine Weltmeisterschaft im Pfahlsitzen. Und Deutschland zeigte sich sechs Jahre lang unerbittlich in seiner Lieblingsdisziplin: Etwas Großes klein- und kaputtzureden. So wie das Land seinen Stars auf dem Gipfel des Ruhms gern vors Schienbein tritt.

Und doch: Es hat sich gelohnt. Das weiß ich spätestens, seit ich ein Ticket für das Spiel Saudi-Arabien gegen die Ukraine bekommen habe. Es ist das Gurkenspiel der Vorrunde – und ich freue mich darauf wie ein Kind übers letzte Sammelbild fürs Panini-Album. Schon klar, auch ich bin das naive Opfer einer künstlichen Verknappungsstrategie. Aber ein glückliches. Zudem ist die WM eine gewaltige Sozialmaschine. Mit Kollegen, die man zuvor kaum grüßte, diskutiert man nun leidenschaftlich, ob man noch einen Flat-Screen-Fernseher kaufen soll oder lieber auf einen Beamer setzt. Ob man zum organisierten Fanfest geht oder besser mit dem Föhn in den eigenen Grill bläst. Ob die Elfenbeinküste endlich jenen Durchbruch für den afrikanischen Fußball schafft, von der die Idealisten seit Roger Millas Tänzen an der Eckfahne 1994 träumen.

Fußball ist eben unkaputtbar. Das Spiel behält auch im Zeitalter seiner hemmungslosen Kommerzialisierung und Korrumpierung seine Faszination. Warum? Weil es einfach ist und voraussetzungslos: Man braucht nur einen Ball. Weil es auf einer Fläche von 70 mal 100 Metern ein Sinnbild des Lebens bietet. Egal, ob man selbst spielt oder zuschaut – Fußball ist permanente Entscheidung über Laufbahnen, buchstäblich und metaphorisch. In Deckung bleiben oder stürmen? Abspielen oder Egoist sein? Den Weg über links, rechts oder durch die Mitte wählen? Mit solchen Entscheidungen quälen wir uns ein Leben lang, auf dem Platz bekommt jeder die Quittung für sein Tun, spätestens nach 90 Minuten.

Und nicht nur zum Symbol der individuellen Existenz, sondern ganzer Nationen taugt der Fußball. Das Testspiel gegen Japan zeigte das krampfhaft um Reformen bemühte Deutschland, das vom Konkurrenten aus Fernost regelrecht vorgeführt wurde in Sachen Schnelligkeit, Einsatzwille, Effizienz. Aber, und das ist das Wunderbare am Fußball, auf dem Platz konnte das Land in nur drei Tagen ein anderes werden: Gegen Kolumbien zeigte sich Deutschland beweglich, modern, erfolgreich. Die Botschaft: Alles ist möglich, auch im Land der Großen Koalition.

Dieser ewige Potenzialis, dazu die Dialektik von starren Regeln und dem Spielwitz, der sie vergessen lässt, sind der Kern der weltweiten Popularität des Fußballs. Es mag noch so viel Geld und Trainingswissenschaft im Spiel sein – Fußball ist auch der Triumph des Unvorhersehbaren in einer durchrationalisierten Welt. Das Genom mag entschlüsselt sein, aber was Ronaldinho mit dem Ball kann, bleibt ein Wunder. Dieses nun vier Wochen lang bestaunen zu dürfen wird uns nachhaltig erheben aus einem grauen Alltag voller Koalitionskrisen, Reformreformen und Ärztestreiks.

Und aus noch einem Grund werden sich sechs Jahre Vorbereitung gelohnt haben: Weil der fast zu Tode zitierte Slogan der WM, »Die Welt zu Gast bei Freunden«, kein leerer Spruch sein wird.

In keinem anderen Land der Welt würden die Kicker fremder Nationen mit so viel Respekt, Enthusiasmus und Fachkunde empfangen werden wie hier. Die Totenhausatmosphäre wie beim Finale der letzten WM in Japan oder die unverständige Gleichgültigkeit der Amerikaner 1994 wird es nicht geben. Schon jetzt spielen Steelbands für Trinidad-Tobago in Rotenburg an der Wümme, werden in Celle Mahi-Mahi-Fische für die Spieler aus Angola vorgehalten und in Königstein, dem Quartier der Brasilianer, Caipirinha-Pralinen für alle angerührt. Und sogar die Mannschaft aus Iran empfingen in Friedrichshafen Fanfaren.

Auch in den Stadien, erst recht in den zahllosen Arenen des öffentlichen Fernsehguckens wird sich das Publikum am eigenen WM-Fieber berauschen. Und das wird auch nach einem frühen Aus der eigenen Mannschaft so sein. Das ist das Schöne am gebrochenen Patriotismus der meisten Deutschen: Weil sich ihre Nation zwölf dunkle Jahre lang so grässlich gründlich für das Falsche begeistert hat, berauschen sie sich nun mit Vorliebe an der eigenen Nettigkeit.

Aber wie wird’s nun ausgehen? Fragen Sie nicht. Nur Wettbetrüger liefern zuverlässige Vorhersagen. Dem Fan bleibt nichts als Aberglaube. Vor vier Jahren schrieb ich an gleicher Stelle, nach einer luziden Analyse der deutschen Fußballmisere: Nun verliert mal schön. Deutschland wurde Vizeweltmeister und ich bekam fünf Wochen lang hämische Briefe. Also setze ich jetzt auf Brasilien. Damit Deutschland gewinnen kann. Wirklich sicher bin ich mir nur in einem: Am Ende werden wir froh sein, das alles erlebt haben zu dürfen.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. \N

    Netter artikel..

    @korfstrom wie kann man nur so miesepeterich sein!!!!

  2. Wenn sogar seriöse Zeitungen wie "Die Zeit" einen Artikel über Fußball an die erste Stelle setzen, kann es mit der Zurechnungsfähigkeit unserer Gesellschaft nicht so gut bestellt sein.

    "Panem et circenses", wußten schon die alten Römer und nicht nur die Asterix-Leser unserer Tage zu schätzen.

    Arbeitslosigkeit, Renten-Lüge, Gesundheitsreform, Ärzte-Streik ... Alles nicht wichtig.

    2000 Jahre Weltgeschichte sind an der Menschheit spurlos vorbeigegangen. Grölende Fangesänge als Opium für das Volk. Das Stadionticket als Zigarettenwährung unserer Tage.

    Wie peinlich wirkt doch das überhebliche Prahlen des Autors mit der Gastfreundschaft des Landes. "Die Welt zu Gast bei Jo Blatter" oder die "Welt zu Gast bei HartzIV" wäre der WM als Motto angemessener. Doch was nützt das Jammern, was nützt das Klagen?! Manche Autoren würden im Überschwang ihrer Empfindungen nicht bemerken, wenn eine marode Autobahnbrücke unter ihnen zusammenbräche. Wichtig ist, daß die Tempel der Neuzeit, die Fußballstadien auf den neuesten Stand gebracht sind. Turnhallen, Schwimmbäder, Bibliotheken, ... für die Allgemeinheit sind dagegen nicht so wichtig.

    Mag die Zufahrtsstraße zum Stadion noch so verrottet sein, Hauptsache der Rasen ist gepflegt ... Mögen die Ärzte streiken, wir interessieren uns für die Wade des Herrn Ballack ... denn wir sind Deutschland.

    Wie recht hatte doch Heine: "Und denk ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht."

    korfstroem

  3. Das ist so faszinierend an der ZEIT: Selbst ein solch abgegriffenes Thema wie die Fußball-WM wird noch amüsant, sprachlich brillant und geistig anregend dargeboten.
    Wer dennoch meckert und auf ernst-wichtigen Themen besteht, hat einiges vom Leben bzw. vom Menschen nicht verstanden und sollte sich mal ganz doll bei einem Spiel entspannen - dann lassen sich all die vielen Alltagsprobleme mit mehr Schwung anpacken ;-))

    • WOssi
    • 09.06.2006 um 12:53 Uhr

    ist genau für solche „Fußball-Fans“ (oder lieber: Konsumenten?) wie Sie gedacht und gemacht. Wenn man meint, sich wirklich für Fußball zu interessieren, kann man schon wissen, daß die eigentlichen Sternstunden Kameruns bei der WM 1990 stattfanden. Manchmal, aber nur manchmal möchte ich auch so mein Geld verdienen: Mal schnell was hingeschrieben, was einem gerade so im Hirn rumgeistert...
    Andererseits: Kollegen, die sich nicht grüßen und auf einmal (Mein Haus! Mein Auto! Meine Pferdepflegerin...) darüber diskutieren, ob nun Flachbild-Fernseher oder Projektor – neee, dann lieber doch nicht!

    Achso, der obligatorische Hinweis auf 33-45 darf natürlich auch nicht fehlen. Damit kann man aber auch wirklich ALLES hier in Deutschland erklären. Wir berauschen uns jetzt an unserer Nettigkeit, weil wir früher alle Nazis waren und nun wissen, daß das Pfui war (obwohl mindestens 83% der Bevölkerung schon aus Altersgründen für diese Begeisterung für das Falsche nicht in Frage kommt). Faszinierend!!

    Um Mißverständnissen vorzubeugen: ich freue mich auch auf die WM™, aber nicht mehr und nicht weniger als auf die WM™ 2002 oder EM oder Olympia.
    Nur die Begeisterung für eine Mannschaft, die für gewöhnlich „Mercedes-Benz“ statt „Deutschland“ auf der Rückseite ihrer Trainingsanzüge spazieren tragen, hält sich in Grenzen. Vielleicht liegt es daran, daß ich kein nutella esse oder lieber Bieren aus der Region statt Bit-Einheitsplärre (vom Ami-Gesöff ganz zu schweigen) fröne? Dann berausche ich mich lieber weiter an meiner Nettigkeit und am Vereinssport...

    Und übrigens: „Die Welt zu Gast bei Freunden“? Woran sollen die Gäste merken, daß sie gerade in Deutschland sind? Am BUD, das sie trinken? Am BigSchleck, den sie essen? Oder am englischsprachigen WM™-Song? Man hätte viel für die Präsentation Deutschlands tun können. Nach meiner Meinung: Chance verpasst!

    Und hoffentlich wissen die Gäste, daß sie sich am Eingang zum Stadion im wahrsten Sinne des Wortes „nackig“ machen müssen, wenn die Polizei es will? Oder gilt das nur für deutsche Fußball-Fans? Siehe Urteil des VerwG des Saarlandes in Saarlouis (AZ: 6 K 74/05). Recht auf Menschenwürde, Unschuldsvermutung, Verhältnismäßigkeit der Mittel – was´n das?

    • iceman
    • 09.06.2006 um 13:26 Uhr

    Ich habe meine Meinung geändert.
    Auf faz online steht ein sehr sympathischer Artikel mit dem Titel:
    "Seid nett zu Costa Rica".

    Okay, ein glanzloses 2:1 reicht auch.

  4. Guten Tag!

    Die Überschrift des Artikels hatte mich gefreut, eine klare und gutgelaunte Aussage zur WM und zum Fußball war fällig. Und dann das: Alles was dort auf Seite eins steht schreibt ein Journalist, der in der Welt der Journalisten lebt. Für ihn ist eine Koalitionskrise der graue Alltag. Für die meisten Menschen ist eine Koalitionskrise aber eine Nachricht, nicht mehr, grauer Alltag aber ist Jobstress, Langeweile oder Windeln wechseln. Deshalb kann auch nur einem Journalisten, all das Negative, der Streit um Eröffnungsgala und Geldgier, so sehr auffallen.
    Das "Kleinreden" fällt dem Autor der Artikels auf, er merkt aber offenbar nicht, daß er es selber, mit all seinen Kollegen erfunden hat. Ich kann all diese humpelnden und schiefen Vergleiche der Nationalelf mit der deutschen Politik (Wird Zeit das sich was dreht, oh gottogottgott) nicht mehr hören!!
    Fussball ist einfach ein großartiger Spaß, um das zu wissen brauche ich aber keinen pseudo-leidenschaftlichen Leitartikel.
    Der schlimmste Satz, journalistisch wie geistesgeschichtlich: "Fussball ist der Triumph des Unvorhersehbaren in einer durchrationalisierten Welt". Ganz und gar falsch! Fussball ist so schön weil es eben gerade einfach und reduziert, voller Emotionen aber trotzdem kontrolliert und geregelt ist. Diese Welt, Herr Simes, ist nicht durchrationalisiert. Sie ist Chaos. Werte verschwinden. Sie ist voller Gewalt und Angst. Verwechseln Sie Ihren grauen Alltag nicht mit der Welt!
    Dominik Butzmann, Bildjournalist, Berlin

  5. auch wenn Herr WOssi (aus einem Kommentar vorher) genau wie in Ihrem Artikel beschrieben selbst die Nationalmanschaft schlecht redet - unsere Freude über die Gäste aus aller Welt und die großen Events, die die Fussball-WM mit sich bringt bleibt ungebremst.

    Seit Wochen und Monaten beschäftigt sich unser Junior mit nichts anderem als Fussball. Er kennt Podolski, Schweini und Co aus dem FF und über das Panini-Album was er von der Zahnfee für seine erste Zahnlücke (er ist 5) bekommen hat, hat er sich ganz besonders gefreut. Diese Freude steckt an und lässt die Lasten des Alltags mal nach hinten rücken.

    Wenn ich durch die Stadt gehe und sehe, wie viele Gäste aus aller Welt sich auf den Weg gemacht haben, dann freut es mich ganz besonders einer der "Gastgeber" zu sein und mein Land von seiner besten Seite zu präsentieren.

    Es ist eben doch etwas anderes wie die voran gegangenen Welmeisterschaften oder Olympia. Es ist im eigenen Land und die ganze Welt schaut nach/auf Deutschland. Es ist DIE WM, die man wahrscheinlich sein Leben lang nicht vergessen wird und ich bin froh darum, dass wir uns alle vom WM-Fieber anstecken haben lassen und ein Teil davon sind.

    Grüße
    Dschubes

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