ÖsterreichDer Tanker und der Teufelskreis

Der politische Einfluss ist immens, die Talkshows sind lammfromm, kritische Politikmagazine fehlen. Der ORF wird den Kommerzsendern zum Verwechseln ähnlich. Zeigt doch mehr Mut und Unabhängigkeit! Ein Appell von Paul Schulmeister

Es ist nicht zu leugnen: Der ORF setzt im verzweifelten Abwehrkampf gegen zunehmende Verluste bei Quoten und Marktanteilen sukzessive auf massenwirksame Billigware. Wer einwendet, alles in allem verfüge der ORF noch immer über öffentlich-rechtliche Qualitäten, hat für die Gegenwart Recht – aber die unaufhaltsam gewordene Gegentendenz ist das Entscheidende. Ohne erkennbares Vertrauen auf den Erfolgsfaktor Qualität hat sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Österreich so führungs- wie widerstandslos einer letztlich letalen Mechanik ergeben: Weniger Quote als Folge von zu wenig kreativer Programmierungsfantasie, deswegen weniger Werbeeinnahmen, das erzwingt Produktionskürzungen oder -verbilligungen, was wieder Substanzverluste auslöst, die die Quote abermals drücken. Die öffentlich-rechtliche Signatur wird beliebig. Der Tanker treibt im Teufelskreis.

Was ist überhaupt »öffentlich-rechtlich«? Worin besteht der definierende Unterschied zum Kommerz? Hier geht es nicht um juristische Konstruktionsmerkmale. »Öffentlich-rechtlich« ist (abgesehen vom gesetzlichen Auftrag) eine Haltung, die einer geistigen Grundeinstellung entspringt, nicht der Lust an Geschäftemacherei. Das heißt nicht, dass ein öffentlich-rechtliches Medium nichts von Geschäften verstehen muss. Im Gegenteil. Doch den Kommerzsendern zum Verwechseln ähnlich zu werden wirft zwangsläufig die Frage nach der Gebührenberechtigung auf.

Der ORF hat sich seit vielen Jahren an dieser Front zu behaupten. Das ist prinzipiell auf zwei Wegen möglich. Erstens durch eine Qualität, die das Publikum überzeugt und die Kommerzsender nicht bieten können und wollen. Zweitens mit der italienischen Methode des arrangiarsi, des freundlichen Einverständnisses mit den politischen Machtgruppen im Lande. Konkret läuft das auf dem begrenzten österreichischen Markt, wo jeder jeden kennt, auf eine Mischung aus beidem hinaus.

Auf die equilibristische Weise eines täglichen arrangiarsi kann man sich – politisch-existenziell – vorderhand noch behaupten, doch die Idee des öffentlich-rechtlichen Rundfunks verdunstet immer mehr in den Führungsetagen des Küniglberg. Denn diese Idee speist sich nicht aus nützlichen Übereinkünften, sei es mit den Mächtigen, sei es mit den vermeintlich niveauniedrigen Publikumswünschen (so sehr man in der Praxis des Alltags an beidem nicht ganz vorbeikommen wird). Nein, die Idee des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat entscheidend viel zu tun: erstens mit dem Bild vom Menschen, zweitens mit der Vorstellung von der eigenen Unabhängigkeit, drittens mit der Sensibilität für das Gemeinwohl und die akuten Zukunftsfragen des eigenen Landes.

Da werden die Zyniker grinsen. Aber sie haben sich längst selbst unheilbar am eigenen Schmäh angesteckt. Wer modisch von content spricht, signalisiert oft das Gegenteil: innere Leere. Wen aber kümmert’s? Weil das arrangiarsi doch funktioniert, weil man mit der Konkurrenz mithalten muss und weil man im Seichten gewiss nicht ertrinkt (Helmut Thoma), hält man ein womöglich anstrengendes Nachdenken für durchaus entbehrlich. Für Festanlässe sind öffentlich-rechtliche Textbausteine vorhanden. Ansonsten gilt Ruhe als erste Bürgerpflicht.

Der öffentlich-rechtliche Impetus nährt sich von der Überzeugung, dass das Publikumserlebnis spannender Qualität nicht quotensenkend, sondern quotensteigernd sein kann. Dieses Bild vom Menschen muss nicht bildungstriefend Lessing oder Schiller zitieren, um zu wissen, dass die Trias von shoppen, saufen, ficken nicht den innersten Hardcore eines angeblich verbesserungsunwilligen Kundenstammes bildet. Deshalb ist »öffentlich-rechtlich« auch eine geistige Haltung – egal, ob Zyniker dazu nur öde zu lachen vermögen. Diese Blinden merken ja gar nicht, wie sich die großen Parameter im menschlichen Selbstverständnis längst zu ändern begonnen haben. Für sie pulsiert noch die Spaßgesellschaft. Doch die ist schon ausgehöhlt.

Was heißt es, »öffentlich-rechtlich« habe etwas mit der Vorstellung von der eigenen Unabhängigkeit von Parteien und Regierung zu tun? Jeder Politiker könnte, aus dem Schlaf gerüttelt mit der Frage, was für die Machtsicherung der eigenen Partei am wichtigsten sei, stante pede antworten: Einfluss auf den Informationsbereich des ORF und breite Bildschirmpräsenz. Das Fernsehen ist für die meisten Menschen längst die wichtigste politische Informationsquelle geworden, mit der stärksten Wirkung auf die Meinungsbildung der Wähler. Umso wichtiger wäre es für die Glaubwürdigkeit eines öffentlich-rechtlichen Mediums, seine Regierungsferne, notfalls konfliktbereit, zu demonstrieren.

Beobachtern fällt es schwer, solche Züge im heutigen ORF auszumachen. Die politischen Talkshows als lammfromm zu bezeichnen erscheint schon als Euphemismus. Da lässt man lieber einen Parteisekretär mehr in eine Debatte hinein als einen missliebigen Diskutanten, den man für ein unguided missile hält. Polit-Kabarett vor Wahltagen? Besser verschiebt man solches. Die Devise: Alles schön unter Kontrolle. Wer als Programmmacher im Verdacht der Aufmüpfigkeit steht, wird in Randnischen abgeschoben. Bei anderen reicht die Zivilcourage gerade noch vom WC bis zur Hauskantine. Undenkbar wären heute Sendungen wie Ohne Maulkorb , Politik am Freitag oder Club 2. Die Politik ist zufrieden. Doch wer nur bis zum Tellerrand der nächsten Wahlen oder der eigenen Machtsicherung vorauszusehen vermag, hat staatspolitisches Denken, jedenfalls in Mediendingen, verlernt.

Was heißt es schließlich, ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk brauche Sensibilität für das Gemeinwohl und die heraufbrandenden Zukunftsfragen des Landes? In vielen Ohren mag der Ausdruck Gemeinwohl zu Beginn des 21. Jahrhunderts verstaubt oder gar frömmlerisch klingen. Doch worum es geht, ist der Sinn für das Ganze einer Gesellschaft, ihren Zusammenhalt und ihre Werte. Sich öffentlich-rechtlich des Gemeinwohls bewusst zu bleiben, heißt, die tragenden (geschichtlichen, sozialen, kulturellen) Grundlagen eines Gemeinwesens nicht aus dem Auge zu verlieren. Ein öffentlich-rechtliches Medienunternehmen ist keine partikularistische Sonderveranstaltung zur Förderung der laufenden Fragmentierung in unzählige Ich-AGs. »Öffentlich-rechtlich« bedeutet die Pflicht eines Mediums, sich einerseits immer wieder den Identitätsgrundlagen des eigenen Gemeinwesens zu widmen, andererseits möglichst frühzeitig allgemein relevante Zukunftsfragen zu präsentieren.

In einer prekären Phase des Kalten Kriegs gab es Helmut Zilks brisante Stadtgespräche Wien-Prag. Wo sind heute die Live-Stadtgespräche mit Istanbul oder Warschau, mit Paris oder Kiew? Denkt der ORF an einen internationalen Jugendpreis für beispielhaftes Engagement für Europa? Bekannt sind nur die ewigen Hinweise auf fehlendes Geld und auf die Tatsache, dass das Europathema für viele Zuschauer einen Abschaltimpuls darstelle. Das mag leider sein. Wer aber so argumentiert, geht kleingläubig unter. Wer nicht selbst von einer Sache begeistert ist, kann auch andere nicht begeistern. Think big! ist nicht angesagt. Und warum? Weil solche Denkformate auf dem langen Weg nach Krähwinkel nicht nützlich erscheinen.

Der Autor arbeitete von 1972 bis 2004 beim ORF und war 15 Jahre lang Deutschland-Korrespondent in Bonn und Berlin. Der Text ist ein stark gekürzter Auszug seines Beitrages zu dem Sammelband »Der Auftrag – Öffentlich-rechtlicher Rundfunk«, herausgegeben von der Initiativgruppe Der Freiraum ( www.derfreiraum.net ). Das Buch wird am 12. Juni im Rahmen einer Podiumsdiskussion im Burgtheater-Kasino am Schwarzenbergplatz präsentiert und erscheint im Verlag Sonderzahl (216 S., 16,– €)

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