Klimaschutz Der Schmutz, das Geld, der Plan
Der Irrsinn des Emissionsrechtehandels oder: Wie Berlin den Klimaschutz unnötig verteuert
Was sind schon drei Meter? Weniger als die Länge eines Mini-Autos. Und dennoch können drei Meter über Leben und Tod entscheiden. Steigt der Meeresspiegel um drei Meter, womit Experten für die kommenden zwei- bis, dreihundert Jahre rechnen, werden Städte wie Hamburg und Bremen nicht mehr bewohnbar sein. Von Megastädten wie Dhaka und Kalkutta mit mehr als 10 Millionen Einwohnern ganz zu schweigen.
Der Meeresspiegel steigt langsam, aber immer schneller. Und die Schuld daran trägt der Mensch. Indem er Kohle, Öl und Gas in nie gekanntem Ausmaß verbrennt, heizt er die Erde auf, lässt Gletscher und Pole schmelzen – und gefährdet den eigenen Lebensraum. Jedes Jahr erreicht der für die Erderwärmung hauptsächlich verantwortliche Ausstoß von Kohlendioxid (CO₂) neue Rekordwerte, jedes Jahr registrieren die Klimaforscher höhere CO₂-Konzentrationen in der Erdatmosphäre. Folglich steigt der Meeresspiegel, folglich wächst die Gefahr.
Obwohl sich das Wissen darum fast täglich erhärtet, nimmt die Politik zur Gefahrenabwehr nur quälend langsam Gestalt an. Zwar hat sich die internationale Staatengemeinschaft vertraglich verpflichtet, eine »gefährliche Störung des Klimasystems« zu verhindern. Zwar hat sie sich, vom Außenseiter USA abgesehen, auf das Kyoto-Protokoll geeinigt. Und immerhin hat die Europäische Union ein System zum Handel mit Emissionsrechten etabliert und damit die Kräfte des Marktes dem Klimaschutz dienstbar gemacht. Gleichwohl, selbst in den Reihen der vermeintlichen europäischen Musterschüler ist die Angst vor der eigenen Courage, vor den Kosten der Klimapolitik größer als die Besorgnis darüber, nachfolgenden Generationen ungemütliche Verhältnisse zu hinterlassen.
Nichts zeigt das so sehr wie die Erfahrungen mit dem seit Anfang 2005 in Europa praktizierten Emissionshandel. Die EU-Kommission hat kürzlich eine erstes Resümee präsentiert, wonach den europaweit rund 10.000 vom Emissionshandel erfassten Fabriken deutlich zu viele »Verschmutzungsrechte« zugeschanzt wurden – ein Umstand, der die Funktionsfähigkeit des Lizenzhandels stark beeinträchtigt. Weil der jedoch das Kernelement der EU-Klimaschutzstrategie ist, steht deren Glaubwürdigkeit insgesamt infrage.
Dieser Geburtsfehler hat mit der politischen Schwäche Europas selbst zu tun. Mit Hängen und Würgen konnten sich die Mitgliedsstaaten der Union vor drei Jahren auf einen rechtlichen Rahmen für das System einigen; dessen konkrete Ausgestaltung, insbesondere die Zuteilung der Lizenzen an die CO₂-Emittenten, wollten sie aber weder einem Versteigerungsmechanismus und damit dem Markt überlassen noch den Brüsseler Bürokraten. So entbrannte ein Verteilungskampf um die geldwerten Rechte, die nationalen Regierungen wurden zum Adressaten ungeahnten Lobbytums.
Das Ergebnis ist bekannt: Aus dem im Prinzip eigentlich genial einfachen Emissionshandel wurde ein nur noch Eingeweihten verständliches bürokratisches Monstrum. Die von der ehemaligen rot-grünen Bundesregierung verschenkten Emissionsrechte bescherten den Energieversorgern Mitnahme-gewinne in Milliardenhöhe. Und obendrein gelang es der Kohlelobby, das Klimaschutzinstrument zu einem Instrument des Kohleschutzes umzufunktionieren.
Glücklicherweise verliert der missratene Allokationsplan Ende nächsten Jahres seine Gültigkeit; für die anschließende Handelsperiode bis 2012 sind neue Zuteilungsregeln zu ersinnen. Bereits Ende Juni müssen die EU-Mitgliedsländer ihre Pläne in Brüssel einreichen. Doch der Entwurf der Berliner Regierung nährt Zweifel daran, dass sie die damit verbundene Chance auch nutzen will. Bleibt es dabei, wird Klimaschutz in Zukunft teurer als nötig, wird ausgerechnet der Emissionshandel zum Bremsklotz vorausschauender Umweltpolitik.
Das Hauptmanko: Die schwarz-rote Regierungskoalition in Berlin will nicht einmal die bescheidenen Möglichkeiten zur Versteigerung eines Teils der Verschmutzungsrechte nutzen; immerhin zehn Prozent der Rechte zu auktionieren wäre nach den Brüsseler Vorgaben erlaubt. Finanzminister Peer Steinbrück lockt zwar der Erlös, doch seine Kollegen vom Wirtschafts- und vom Umweltressort, Michael Glos und Sigmar Gabriel, sind dagegen. Sie fürchten den Vorwurf, die Stromrechnungen von Bürgern und Betrieben weiter in die Höhe zu treiben – und trauen sich offenbar nicht zu, die drohende Anklage zu entkräften.
Tatsächlich aber schlagen die Stromkonzerne bereits heute den Wert der Emissionsrechte auf die Preise auf, obwohl die Lizenzen ihnen geschenkt wurden. Die Versteigerung führte also dazu, den Wert der Emissionsrechte nicht als windfall profits den Stromerzeugern zukommen zu lassen, sondern dem Staat, der im Gegenzug zum Beispiel verzerrende Steuern senken oder Schulden abbauen könnte.
Diese Aussicht ist allerdings nicht einmal das wichtigste Argument für den Einstieg in die Auktionierung. Noch bedeutender ist, dass sie wie kein anderer Zuteilungsmechanismus für Transparenz sorgt und verhindert, dass Partikularinteressen im Kampf um die geldwerten Rechte zum Zuge kommen. Genau dies aber hat den Emissionshandel schon bisher in Mitleidenschaft gezogen – und wird es auch in Zukunft tun, wenn die Regierung ihren Plan nicht doch noch modifiziert.
Bisher enthält er, wie gehabt, die geradezu absurde Regel, dass neue Kohlekraftwerke pro Kilowattstunde rund doppelt so viel CO₂-Rechte bekommen wie neue Gaskraftwerke. Diese Subvention für die Kohle, den emissionsintensivsten Energieträger, konterkariert den Kern des Emissionshandels. Schließlich liegt dessen Ratio darin, den Markt – und nicht ministeriale Investitionslenker – über den kostengünstigsten Weg zum Klimaschutz entscheiden zu lassen. Die Konsequenz daraus kann nur lauten: Gleich viele Lizenzen für die gleiche Menge Strom.
Sich dieser Einsicht zu verschließen folgt wahltaktischem Kalkül – allerdings nicht dem Ziel, Klimaschutz kostengünstig zu ermöglichen. Das hat weitreichende Folgen: Sollte ein verkorkstes Emissionshandelsregime ausgerechnet den Bau CO₂-intensiver Kohlekraftwerke begünstigen, wächst für die kommenden 30, 40 Jahre ein Kraftwerkspark heran, der zu den langfristigen Herausforderungen des Klimaschutzes nicht passt. Die Amtsnachfolger von Glos und Gabriel werden dann vor einer unangenehmen Alternative stehen. Entweder bürden sie Bürgern und Betrieben immense Kosten auf, um die Fehler ihrer Vorgänger auszubügeln. Oder sie kapitulieren – und lassen den Meeresspiegel steigen.
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- Datum 12.06.2006 - 10:04 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.06.2006
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so wie ich das lese, kam und kommt es im vorliegenden Fall "wie so oft".
Dem knappen Gut "Umwelt" bzw. "saubere Luft" über die Vergabe von "Verschmutzungslizenzen" einen Preis zu geben ist schon vor ca. 15 Jahren in wissenschaftlichen Publikationen als eine Lösung publiziert worden, mit der man Ökologie und Ökonomie zusammen bringen könnte.
Was die Politik nach all den Jahren daraus gemacht hat:
"...bürokratisches Monster..."
"...Lobbyismus..."
Wie so oft: Die Politiker der heutigen Zeit haben entweder keinen Sachverstand, kein Interesse an guten Lösungen oder sind von den Interessen einzelner Gruppen geleitet.
Den logischen Zusammenhang zwischen CO2 und Flugzeugen wollte ich so nicht wirklich herstellen. Mir ging es nur darum zu zeigen, dass der CO2 Handel nicht so gut ist, wie er gemeint ist.
Den Verkehrssektor aus einem solchen Handel auszuschließen, bedeutet einen der Hauptproduzenten des CO2s aussen vorzulassen. Geht es vielleicht beim CO2 Handel nur darum, durch die Hintertür Regenerative Energien weiter zu fördern und noch mehr Kosten auf die Haushalte zu verlagern? Ich möchte daran erinnern, dass Solar und Windkraft mehr Energie benötigen als sie in ihrer Laufzeit produzieren.
Auch die Atomenergie gewinnt ja wieder an Fahrt, weil sie kein CO2 produziert; wollen wir das?
Die Logik, dass CO2 schlecht ist, ist nicht belegbar.
"Wäre die Einschätzung, dass CO2 schlecht ist, richtig, hätten Flugzeuge längst beiteiligt werden müssen ..." schreiben sie und glauben wohl uns mit diesem Satz zu beweisen, dass CO_2 eben nicht "schlecht" ist. Ich empfehle die Lektüre eines Buches über elementare Logik...
Der Handel von Emmissionszertifikaten ist Ansich eine gute Idee, die in den USA schon länger praktiziert wird, allerdings wurde aus guten Gründen das CO2 ausgeschlossen. Das es an der Umsetzung haperte ist in Europa ja nichts neues; das geschenkte Zertifikate eingepreist werden ist ein Unding und der Rechnungshof hätte längst einschreiten müssen, aber eine Behörde mit nicht einmal 1000 Mitarbeitern kann das wohl nicht.
Ob es jedoch sinnvoll war CO2 zu handeln, wage ich zu bezweifeln. CO2 ist kein giftiges Gas, sondern nötig, um Pflanzen wachsen zu lassen. Sollte dies wirklich zur Erwärmung beitragen ist das auch noch nicht negativ, denn historisch ging es den Menschen in Wärmephasen immer besser als in Eiszeiten und die nächste kommt bestimmt. Wer weiss, vielleicht wäre sie auch schon da, würden wir das Klima nicht "unterstüzen". Die Zeit der fossilen Brennstoffe geht in 100 bis 200 Jahren sowieso vorbei und man kann nur hoffen, das bis dato Ersatz gefunden wurde.
Das Klima ist jedoch so komplex, dass man den Einfluss des Menschen nicht überschätzen sollte. Wäre die Einschätzung, dass CO2 schlecht ist, richtig, hätten Flugzeuge längst beiteiligt werden müssen, weil diese ihre Abgase direkt in der Atmosphäre lassen. Gesichert ist keine Erkenntnis, weil diese immer nur auf genaue Daten der letzten hundert Jahre zurückgreifen kann. Längerfristige Betrachtungen über Baumringe etc. sind immer ungenau und Wissenschaftler arbeiten immer Ergebnisorientiert.(d.h., z.B bei den vermehrten Tsunamis und Wirbelstürmen wird nur die Zeit nach 1940 betrachtet, weil es ab da für 40 Jahre relativ ruhig war, dass es vorher schon mal genauso schlimm war, wird unter den Tisch gekehrt)
Es gab schon viele Hiobsbotschaten, nach denen Hamburg heute schon unter Wasser stehen müsste.
-Leute glaubt nicht alles was geschrieben steht-
Das Co2 Zertifikatsjahr muß am 1.Juli eines Jahres neu zu laufen beginnen.
Der Staat versteigert auf einer Börse die Zertifikate, aber nicht nur für die Industrieproduktion von kohlenstoffhaltigen Energieträgern, sondern auch für die Öleinfuhr, Kohleeinfuhr, Gaseinfuhr - komplett!
Die Zertifikate beginnen im ersten Jahr bei
890 Mill Tonnen und werden jährlich abgesenkt.
Über den Faktor kann man sich ja streiten.
Wenn ein (Groß-)-verbraucher
-Öl-, Gas-, Kohleimporteur,
-Aufkäufer von Inlandskohle
seine Zertifikate verbraucht hat, kann er versuchen, bei der Börse aus dem gemeinsamen Pool welche zu ersteigern.
-Wenn es nichts mehr gibt, dann
-werden eben bis zum 1.Juli des nächsten Jahres:
-Raffinerien stillgelegt
-Kohlekraftwerke abgestellt
-Gaskraftwerke abgestellt
-Einspeisung von Heizgas in Netze gestoppt.
Das führt natürlich zu Stromabschaltungen etc und zu einer sehr effektiven Lernphase, die entweder dazu führt, daß Bürger auswandern, wirklich ihren Energieverbrauch optimieren oder
eine Bundesregierung wählen, die die 40 % Ersparnis so schnell und billig erreicht wie die Franzosen.
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