Keime! Plötzlich waren die Keime wieder da. Von den Pubs des Londoner Nordens kommend, breiteten sie sich mit pestilenzialischer Urgewalt über die blank gescheuerten Tresen von Thatcher-England aus, zersetzten Arbeitsmoral und protestantische Ethik. Wer mit dieser Musik in Berührung kam, dem konnte es passieren, dass er nach erledigtem Job in der damals neuesten Economy nur noch ein ganz klein wenig um die Häuser ziehen wollte, um am nächsten Morgen bar jeglichen Erinnerungsvermögens zu erwachen, den Kopf inmitten … Aber werden wir nicht allzu persönlich.

Was die Pogues denjenigen bedeuten, die die yuppiefizierten Achtziger am eigenen Leib erlebt haben, lässt sich am besten daran ermessen, dass sie bis heute in keiner Eighties-Revival-Show auftauchen. Sie sind der blinde Fleck des Jahrzehnts, ein septischer Schock, der die steril gewordene Popkultur zu einem Zeitpunkt ergriff, als vom Punk nur noch die Poppertolle übrig geblieben war. Als marodierender Haufen teils echter, teils selbst ernannter Iren banden sie die losen Enden zu etwas Neuem zusammen, das bereits auf ihrem ersten, 1984 erschienenen Album großartig klang, aber erst zur Mitte des Jahrzehnts wahrhaft epidemische Qualität erlangte.

Rum, Sodomy & The Lash – angeblich geht der Albumtitel auf Winston Churchill zurück, der einmal, auf Englands Größe als Seefahrernation angesprochen, gesagt haben soll: Bleibt mir fort damit, es geht in Wahrheit doch nur um Fusel, Perversionen und Peitschenhiebe. Wahr ist in jedem Fall, dass der Sänger Shane MacGowan und seine sechs Mit-Pogues an die populäreren Traditionen der christlichen Seefahrt anschlossen, an Shanties, Moritate, Kneipen-Couplets, an alle nur erdenklichen Varianten von Rauf- und Saufballaden aus dem Liederbuch des Subproletariats. Während in den Häfen des Westens bereits der Umbau der Docklands zu Erlebnislandschaften begonnen hatte, romantisierten sie noch einmal hemmungslos das Leben in der selbst gewählten Gosse: Scheitern als Chance, lange vor Schlingensief.

So platzten die Pogues mit wunderbar verheerender Wirkung in die trostlosen After-Work-Partys ihrer Zeit, das letzte Aufgebot gegen die fortschreitende Gentrifizierung des Lebens. Insbesondere MacGowan glänzte einen Sommer lang in der Paraderolle des heiligen Trinkers. Dass die Geschichte nicht auch noch ein Happy End haben kann, versteht sich von selbst. MacGowan erschien so oft nicht zu seinen eigenen Konzerten, dass die Band ihn nach endlosen Versuchen, zu alter Form aufzuschließen, zu Beginn der Neunziger schließlich feuerte – ohne je einen adäquaten Nachfolger zu finden. Musikalisch lebt das Erbe der Pogues am ehesten im Antifolk junger urbaner Nonprofessionals fort. Das Lumpenproletariat aber verschwand spurlos von der Bildfläche, um erst vor kurzem in Form HipHop-begeisterter Hartz-IV-Empfänger wieder aufzutauchen. 

The Pogues: Rum, Sodomy & The Lash, Warner Music

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