Deutschland ohne Kinder? Eine Serie in vier Folgen. Alle Analysen, Videoreportagen und -interviews sowie zahlreiche Infografiken finden Sie hier.

Wohl dem, der nicht kinderlos ist. Denn wer es ist, muss derzeit als Sündenbock für alles Erdenkliche herhalten. Für den Kollaps des Rentensystems, den ökonomischen Niedergang, die Erosion der Werte, den Verlust von Liebe, Solidarität und Familie und überhaupt für das Aussterben der Deutschen. Und eine wissenschaftliche Autorität wird für das alles angerufen: die Demografie.

Doch die meisten Vertreter dieser Disziplin schütteln über die aktuelle Aufgeregtheit nur den Kopf. Sie wissen, dass die Geburtenrate, die Zahl der geborenen Kinder pro Frau, in Westdeutschland schon seit 30 Jahren etwa bei 1,4 liegt, und damit unterhalb des Wertes von 2,1, der zur Bestandserhaltung der Elterngeneration nötig wäre. Neu ist das nicht. Und auch nicht die Ursache der gesellschaftlichen Probleme hierzulande. Zumindest gibt die ins Feld geführte Wissenschaft keinen Anlass zum aktuellen Alarmismus.

Nehmen wir nur die Behauptung, der Kindermangel führe dazu, dass die Renten nicht mehr stiegen, weil nicht mehr genügend Beitragszahler geboren würden. Unsinn, sagt Axel Börsch-Supan, Direktor des Mannheimer Forschungsinstituts für Ökonomie und demographischen Wandel. Der Grund für die momentane Stagnation sei allein die schlechte Konjunktur – sie ist belastender als alles andere. Das Rentensystem könne mit einer geringeren Bevölkerungszahl durchaus zurechtkommen, das eigentliche Problem sei das vorübergehende Ungleichgewicht zwischen unterschiedlich starken Geburtenjahrgängen – doch das geht vorüber. Die Soziologin Eva Barlösius über Demografisierung. Ein Audiokommentar BILD

Die Probleme der Gesellschaft werden fahrlässig »demografisiert«. Die Wirtschaft lahmt, der Sozialstaat ächzt, und wer ist angeblich schuld? Die Bürger, die keinen Nachwuchs liefern.

Was nicht heißen soll, dass die Demografie zur Erkenntnis der Probleme nichts beizutragen hätte. Sie kann beispielsweise vorrechnen, dass die massive Steigerung unserer Lebenserwartung eine Belastung des Rentensystems bedeutet. Seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts werden die Deutschen jedes Jahrzehnt um etwa zweieinhalb Jahre älter, ein Ende des Trends ist nicht abzusehen. Doch auch hier ist der Ruf nach mehr Kindern sinnlos. Kein Babyboom könnte so viele Geburten bescheren, dass er den Effekt der Alterung ausgleichen würde. Wollte man den prozentualen Anteil der über 64-Jährigen in der Bundesrepublik bis 2050 konstant niedrig halten, müsste die deutsche Bevölkerung bis dahin auf über 180 Millionen Menschen anschwellen. Pro Jahr würden 3,6 Millionen neue junge Mitbürger gebraucht. Wer sollte die alle gebären? BILD Eine Animation der Bevölkerungs- pyramide. Sie läuft leider nur auf dem Internet Explorer und Safari.

Wie wenig die »Überalterung« mit den Geburtentrends zu tun hat, zeigen auch Forschungsergebnisse des Wiener Instituts für Demografie an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Dort rechneten die Wissenschaftler aus, wie sich der Altenquotient – also die Summe aller Alten ab einem bestimmten Jahrgang, geteilt durch die Summe aller Jüngeren – ändert, wenn man die Trenngrenze zwischen Alt und Jung regelmäßig der gestiegenen Lebenserwartung anpasst, sie also erhöht. Der klassische Quotient der über 64-Jährigen zeigt das geläufige Bild der »Vergreisung«: Sind die Alten im Jahr 2000 mit 26 Prozent noch in der Minderheit, so stellen sie im Jahr 2100 mit 80 Prozent den übergroßen Teil der Bevölkerung. Der Quotient mit Altersanpassung hingegen steigt zwar bis auf ein Maximum von knapp 40 Prozent im Jahr 2040, wenn die Babyboomer alt sind. Dann fällt er aber wieder zurück bis auf etwa 30 Prozent am Ende des Jahrhunderts. Und danach wird er weiter sinken. Wenn die Babyboomer sterben, erlebt Deutschland also eher eine ungebremste Verjüngung statt einer Vergreisung.

Übertragen auf die staatliche Altersvorsorge bedeutet das: Eine stetig angehobene Altersgrenze würde das Rentenproblem auf Dauer entschärfen. Politisch mag das momentan nicht sehr populär und wenig opportun sein – doch aus demografischer Sicht wäre es logisch, wenn die Menschen länger arbeiteten. Denn das »gesunde Lebensalter« steigt ebenso schnell wie das absolute: Ein 70-Jähriger ist körperlich und geistig heute so fit wie ein 60-Jähriger im Jahr 1965.