Demografie
Aussterben abgesagt
Deutschland hat die Demografie entdeckt – und mit ihr die demografische Katastrophe. Viele Forscher sehen gar keinen Grund zur Aufregung
Deutschland ohne Kinder?
Eine Serie in vier Folgen. Alle Analysen, Videoreportagen und -interviews sowie zahlreiche Infografiken finden Sie hier.
Wohl dem, der nicht kinderlos ist. Denn wer es ist, muss derzeit als Sündenbock für alles Erdenkliche herhalten. Für den Kollaps des Rentensystems, den ökonomischen Niedergang, die Erosion der Werte, den Verlust von Liebe, Solidarität und Familie und überhaupt für das Aussterben der Deutschen. Und eine wissenschaftliche Autorität wird für das alles angerufen: die Demografie.
Doch die meisten Vertreter dieser Disziplin schütteln über die aktuelle Aufgeregtheit nur den Kopf. Sie wissen, dass die Geburtenrate, die Zahl der geborenen Kinder pro Frau, in Westdeutschland schon seit 30 Jahren etwa bei 1,4 liegt, und damit unterhalb des Wertes von 2,1, der zur Bestandserhaltung der Elterngeneration nötig wäre. Neu ist das nicht. Und auch nicht die Ursache der gesellschaftlichen Probleme hierzulande. Zumindest gibt die ins Feld geführte Wissenschaft keinen Anlass zum aktuellen Alarmismus.
Nehmen wir nur die Behauptung, der Kindermangel führe dazu, dass die Renten nicht mehr stiegen, weil nicht mehr genügend Beitragszahler geboren würden. Unsinn, sagt Axel Börsch-Supan, Direktor des Mannheimer Forschungsinstituts für Ökonomie und demographischen Wandel. Der Grund für die momentane Stagnation sei allein die schlechte Konjunktur – sie ist belastender als alles andere. Das Rentensystem könne mit einer geringeren Bevölkerungszahl durchaus zurechtkommen, das eigentliche Problem sei das vorübergehende Ungleichgewicht zwischen unterschiedlich starken Geburtenjahrgängen – doch das geht vorüber.
Die Probleme der Gesellschaft werden fahrlässig »demografisiert«. Die Wirtschaft lahmt, der Sozialstaat ächzt, und wer ist angeblich schuld? Die Bürger, die keinen Nachwuchs liefern.
Was nicht heißen soll, dass die Demografie zur Erkenntnis der Probleme nichts beizutragen hätte. Sie kann beispielsweise vorrechnen, dass die massive Steigerung unserer Lebenserwartung eine Belastung des Rentensystems bedeutet. Seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts werden die Deutschen jedes Jahrzehnt um etwa zweieinhalb Jahre älter, ein Ende des Trends ist nicht abzusehen. Doch auch hier ist der Ruf nach mehr Kindern sinnlos. Kein Babyboom könnte so viele Geburten bescheren, dass er den Effekt der Alterung ausgleichen würde. Wollte man den prozentualen Anteil der über 64-Jährigen in der Bundesrepublik bis 2050 konstant niedrig halten, müsste die deutsche Bevölkerung bis dahin auf über 180 Millionen Menschen anschwellen. Pro Jahr würden 3,6 Millionen neue junge Mitbürger gebraucht. Wer sollte die alle gebären?
Wie wenig die »Überalterung« mit den Geburtentrends zu tun hat, zeigen auch Forschungsergebnisse des Wiener Instituts für Demografie an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Dort rechneten die Wissenschaftler aus, wie sich der Altenquotient – also die Summe aller Alten ab einem bestimmten Jahrgang, geteilt durch die Summe aller Jüngeren – ändert, wenn man die Trenngrenze zwischen Alt und Jung regelmäßig der gestiegenen Lebenserwartung anpasst, sie also erhöht. Der klassische Quotient der über 64-Jährigen zeigt das geläufige Bild der »Vergreisung«: Sind die Alten im Jahr 2000 mit 26 Prozent noch in der Minderheit, so stellen sie im Jahr 2100 mit 80 Prozent den übergroßen Teil der Bevölkerung. Der Quotient mit Altersanpassung hingegen steigt zwar bis auf ein Maximum von knapp 40 Prozent im Jahr 2040, wenn die Babyboomer alt sind. Dann fällt er aber wieder zurück bis auf etwa 30 Prozent am Ende des Jahrhunderts. Und danach wird er weiter sinken. Wenn die Babyboomer sterben, erlebt Deutschland also eher eine ungebremste Verjüngung statt einer Vergreisung.
Übertragen auf die staatliche Altersvorsorge bedeutet das: Eine stetig angehobene Altersgrenze würde das Rentenproblem auf Dauer entschärfen. Politisch mag das momentan nicht sehr populär und wenig opportun sein – doch aus demografischer Sicht wäre es logisch, wenn die Menschen länger arbeiteten. Denn das »gesunde Lebensalter« steigt ebenso schnell wie das absolute: Ein 70-Jähriger ist körperlich und geistig heute so fit wie ein 60-Jähriger im Jahr 1965.
»Die Demografie ist kein Tsunami, der uns alle überrollt, und hinterher sind wir mausetot«, sagt der Mannheimer Ökonom Börsch-Supan. Dieser Eindruck sei vielleicht das Ergebnis der öffentlichen Debatte, aber auf jeden Fall nicht das seiner Modellrechnungen. Die zeigen beispielsweise, dass ein Großteil des heutigen Wirtschaftswachstums auch in 50 Jahren erhalten bleibt – und dass es dafür nur eine untergeordnete Rolle spielt, wie viele Kinder in den nächsten Jahrzehnten zur Welt kommen. Egal, ob die Geburtenrate bei 1,4 bleibt, auf 1,1 absinkt oder in Kürze bis auf 1,8 ansteigt, langfristig bringen alle Prognose-Szenarien das gleiche Wachstum: Das Bruttonationaleinkommen pro Einwohner steigt jährlich um etwa 1,5 Prozent. Die Prognosen sind nicht mehr so rosig wie in den goldenen Siebzigern und Achtzigern, aber auch nicht viel schlechter als der Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre mit etwas über zwei Prozent. Wenn es gelänge, den Anteil von Frauen und älteren Arbeitnehmern an der Erwerbsarbeit zu erhöhen, würde der Verlust sogar noch geringer ausfallen.
Aus Sicht von Arbeitnehmern wäre ein Bevölkerungsrückgang sogar positiv. »Die qualifizierte Arbeitslosigkeit erledigt sich durch die Demografie von selbst«, meint der Mannheimer Forscher. Akademiker ohne Job dürfte es in 30 Jahren kaum noch geben. Der neueste Rentenversicherungsbericht der Bundesregierung und ebenso das Schweizer Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos sagen eine Halbierung der Arbeitslosenzahlen bis 2030 voraus. Bei konstant bleibender Geburtenrate. Wohlstandsverfall durch Kinderlosigkeit? Die Forschung kann diese These nicht stützen.
Christoph Butterwegge, Politologe an der Universität Köln, erblickt in der gegenwärtigen Debatte eine »Biologisierung«, deren Motiv die »Erhaltung des deutschen Genmaterials« sei und nicht etwa die zahlenmäßige Größe der Bevölkerung in Deutschland. Die ließe sich auch durch mehr Einwanderung konstant halten. Die Vereinten Nationen rechnen vor, dass dazu bis 2050 etwa 330000 Menschen jährlich in die Bundesrepublik einwandern müssten – eine Zahl, die keineswegs jenseits des deutschen Erfahrungsrahmens liegt. Dennoch werde Zuwanderung als demografische Gestaltungsmöglichkeit kaum diskutiert, kritisiert Butterwegge. Im Gegenteil: In einem Atemzug würden in der Debatte die niedrigen Geburtenraten mit einer drohenden Überfremdung genannt.
Man mag es für übertrieben halten, wenn der Rechtsextremismusforscher Butterwegge im deutschen Demografiediskurs eine völkische Komponente sieht, die ihn »an die Weimarer Republik kurz vor 1933« erinnert. Aber stutzig macht es schon, wenn man feststellt, wo die semantischen Ursprünge der Auseinandersetzung liegen: Was heute in der Zeitung steht, ist in nicht unerheblichen Teilen das Vokabular Friedrich Burgdörfers. In der Weimarer Republik war er nicht nur einer der prominentesten Bevölkerungsforscher, sondern auch ein Verfechter von Eugenik und Rassenhygiene.
Heute fordert Herwig Birg, derzeit wohl der medial einflussreichste Bevölkerungsforscher Deutschlands, öffentlich ein »ökologisch nachhaltiges Handeln« für den »Menschen als natürliche Spezies«. Insbesondere der Geburtenrückgang in Ostdeutschland sei »schlimmer als der Dreißigjährige Krieg«. Die FAZ räumt Birg gleich eine ganze Serie ein, in der er als alleiniger Autor und ohne Gegenstimme seine Ansichten in einem zehnteiligen Grundkurs Demographie verbreiten darf. Damit ist das Blatt in unguter Gesellschaft: Im Internet findet sich kaum eine NPD-Seite, die nicht vor Äußerungen des Bielefelder Katastrophisten strotzt.
Wer der These vom rechtsnationalen Demografiediskurs nicht folgen mag, könnte es dennoch interessant finden, dass auch das heute oft bemühte Bild von der »Urne«, zu der sich die Bevölkerungspyramide entwickeln könnte, auf Friedrich Burgdörfer zurückgeht, der damit 1932 auf den drohenden Verlust der »physischen Kraft und Gesundheit des Volkskörpers« hinweisen wollte.
Mit der viel zitierten »Pyramide« werde »eine Vorstellung von einem natürlichen Soll-Bild generiert, das nie existiert hat«, sagt der Bevölkerungsgeograf Stephan Beetz. In der Geschichte gebe es schlichtweg keine Gesellschaft, deren Aufbau man als »natürlich« bezeichnen könne. Wenn heute die ehemals so »gesunde« Form der Bevölkerungspyramide nach dem Bild einer Tanne als erstrebenswertes Ideal dargestellt werde, so sei das schlichtweg Unsinn. Bis 1910, als die deutsche Pyramide noch eine Tanne war, hatte sie zwar eine starke Basis aus Kindern, und keine zehn Prozent der Bevölkerung waren älter als 64 Jahre.
»Aber wollen wir wirklich so eine Gesellschaft wiederhaben?«, fragt Beetz. Die Tanne blieb nur deshalb Tanne, weil 1910 jedes sechste Neugeborene bereits im ersten Jahr starb. Die durchschnittliche Lebenserwartung einer deutschen Frau lag damals etwa bei 45 Jahren. Für Stephan Beetz ist die Tanne deshalb ein Symbol. Sie steht dafür, wie dumm es ist, den Wandel einer freien Gesellschaft entlang einer normativen Demografie zu diskutieren.
Was nicht heißen soll, dass Familienpolitik etwas Schlechtes ist. Doch erst wenn wirtschaftliche und soziale Herausforderungen wieder als solche diskutiert werden – und nicht als Problem der biologischen Reproduktionsrate –, kann die Familienpolitik das tun, was sie eigentlich soll: Menschen die Verwirklichung eines Kinderwunsches ermöglichen. Mehr nicht.
Nur das verspreche langfristig auch mehr Geburten, sagt James Vaupel, Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock. Schweden ist in seinen Augen ein gutes Beispiel: Dort hat eine solide demografische Debatte schon vor 30 Jahren zu tiefgreifenden Veränderungen geführt. Zielvorstellung war dabei nicht eine bestimmte Geburtenrate, und es war nicht der schwedische Volkstod, der die Politiker zum Handeln trieb. Sondern die Vision, eine Gesellschaft aufzubauen, in der die Gleichberechtigung – auch der Geschlechter – das oberste Ziel ist. Bis heute bekommt in Schweden jede Frau durchschnittlich mehr als zwei Kinder.
Insbesondere die junge Generation dürfte sich in einer Debatte nach schwedischem Vorbild eher wiederfinden als im gegenwärtigen Panikdiskurs. Der schafft vor allem eins: Verunsicherung. Der Chefdemograf James Vaupel rät darum zu mehr Gelassenheit:
»There is too much angst in Germany – and not enough hope.«
Deutschland ohne Kinder?
Eine Serie in vier Folgen. Alle Analysen, Videoreportagen und -interviews sowie zahlreiche Infografiken finden Sie hier.
- Datum 9.6.2008 - 12:12 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.06.2006
- Kommentare 41
- Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







daß die reine Abnahme der Zahl der Deutschen nur ein passageres Problem ist, nämlich dann, wenn es mal kurzzeitig (so ca. 30 Jahre) zuviele Rentner bei zuwenig Erwerbstätigen gibt. Pech nur für die Menschen dieser Zeit!
Dies tritt aber zufällig in Koinzidenz mit zwei weiteren Phänomenen auf.
ad 1: Die Globalisierung führt zu einem Vermehrten Preisdruck auf Lohnarbeit und zu einer internationalen Annäherung der Verhältnisse (wohin es in D geht ist da wohl klar)
ad 2: Die undifferenzierte Migrations und Familienpolitik hat zu einer überproportionalen Zunahme von weniger leistungsbereiten und leistungsfähigen Gesellschaftsschichten geführt.
Ergo - weniger Erwerbstätige mit individuell geringeren Einkommen und höherem Anteil nicht beschätigungsfähiger!
Diese drei Faktoren zusammen brechen unserem Sozialsystem eher früher als später das Genick!
Die Fehlsteuerung ist ganz leicht zu demonstrieren:
Zwei ALG2ler, katapultiert mit Geburt zweier Kinder ihr "Familieneinkommen" von ca. 1000 auf ca. 1650. (bei Ausnutzung des angemessenen Wohnraumes) = +65%
Zwei promovierter Wissenschaftler (BAT IIa) katapultieren mit Geburt zweier Kinder ihr Einkommen von ca. 3500 (2xBATIIa StKl 4) auf ca. 2500 (1x BATIIa, StKl 3(2) +KiGeld). = -30%
Obige verlieren von der nicht vorhandenen Perspektive wenig, untere eventuell (statistisch immer noch in den meisten Fällen!) die Beschäftigungsperspektive der Ehefrau nach durchschnittlich 10 Jahren Kinderpause samt daraus resultierenden Rentenansprüchen.
Ob der berechtigten Sachzwänge, nämlich die Unverrückbarkeit eines an Kopfzahlen ausgerichteten Existenzminimums und der nicht beliebig erweiterbaren Verlustkompensation des "Privatvergnügens" Kinder fehlt mir auch ein griffiger Änderungsvorschlag - die rein monetäre Anreiz/Abschreckungskonstellation ist aber erschreckend und für unser Land fatal!!
1. Schweden kann kein Vorbild sein, da es nicht mal 9 Millionen Einwohner hat. Unsere Vorbilder sind China, Indien, USA, Japan, und die Moslemische Weltgemeinschaft.
2. Natuerlich klingt 'Demografie' irgendwie voelkisch und vorweimarer - in Deutschland. Die anderen 99% der Erdbevoelkerung hat ueberhaupt keine Ahnung, was der Deutsche da babbelt.
3. 180 Millionen Deutsche bis 2050? Das waere eine Leistung vergleichbar mit der Bevoelkerungspolitik Mao Zedongs oder Imperial Japan, Kommunist Soviet-Union, Ghandis New India, der Moslemische Weltgemeinschaft, oder Multicultural USA. Gehen tut das also. Da kommen wir aber nicht hin, so leistungsfaehig sind wir nicht. Diese Kulturen spielen einfach in einer anderen Groessenordnung. Wir sollten uns auf Europa konzentrieren und es irgendwie fertibringen unsere Gene zu mischen mit den freundlichen Nachbarn, um das schlechte Abschneiden der einzelnen Gruppen in der Evolutionsgeschichte doch noch zum 'Groesserem Gut', dem gemeinen Europaeer, umzudichten.
4. Deutschland hat die Demografie nicht entdeckt, sondern wiederentdeckt. Das ist ein Selbstfindungsprozess, und alle Deutschen duerfen und sollten sogar dabei mitmachen. Es geht um die Gestaltung Europas und der Welt. Die Frage ist: wollen wir einmal 100 Millionen werden und Europa stabilisieren, oder nicht? Wenn wir nichts tun, dann werden uns die anderen grossen Voelker an die Seite draengen. So einfach ist das.
5. Was auch immer die deutsche Antwort sein wird, in China wird die 1-Kind-Regelung in absehbarer Zeit aufgehoben, Indien, Brasilien, Mexico, die arabische Liga und (leider) auch die afrikanischen Laender, (auch die USA durch Einwanderung), sie alle werden nicht mal im Traum daran denken, den selbstgerechten Deutschen auf hohem moralischen Ross in den Ausguss zu folgen. So einfach ist das.
6. Wer Probleme hat mit der deutschen Vergangenheit (es gibt ja eine ganze Menge Tabu-woerter, -gedanken, -redewendungen, -thorien, -namen etc, der koennte ja mal das Schulsystem ganz auf Englisch einkallibrieren, dann koennten wir endlich wieder frei von der Seele sprechen, ohne bei jedem Satz gleich wieder 'Hakenkreuze an die Wand zu malen'!
Es hat lange gedauert bis in der Presselandschaft sachliche Artikel zum Thema Demografie auftauchten!
Weder Der Spiegel oder Der Stern, die FAZ oder die FR haben sich hier mit Ruhm bekleckert.
Aussterben macht einfach mehr her als demografischer Wandel - der letzendlich notwendig ist, um eine totale Übernutzung und Zerstörung unserer Umwelt zu verhindern (...die Natur braucht uns nicht, aber wir brauchen die Natur...).
Ebenfalls ist es wichtig einmal darauf hinzuweisen, was tatsächlich die Rentenkasse ruiniert hat:
1. Die Finanzierung der deutschen Einheit (statt über Steuern, über Abgaben - vielen Dank Herr Kohl).
2. Die ständige Erbringung Versicherungsfremder Leistungen.
3. Durch sinkende Reallöhne, sinkende Rentenbeiträge.
4. Durch steigende Lohnnebenkosten, verursacht durch Abgabenerhöhungen (für die Arbeitslosen-, Renten- und Pflegeversicherung) Verteuerung des Faktors Arbeit, wodurch ironischerweise das Beitragsaufkommen sinkt (Arbeitsplatzabbau) und daher die Beitragssätze steigen müssen, um die Finanzierung zu gewährleisten (ein interessanter SNAFU-Effekt, der der Politik natürlich bekannt ist, der aber nicht bekämpft wird, müsste man doch sonst an das Geld jener, die sich durch Lobbyismus ganz ausgezeichnet protegiert wissen, denn die Alternative wäre eine echte Verbreiterung der zu besteuernden Einkommen -> Mieten und Erbschaften z.B.).
Das den Aussagen der Politik in Sachen Zukunft ohnehin nicht zu trauen ist, kann man ja auch am Beispiel der Kohlezechen sehen. Arbeit für die Ewigkeit hiess es. Sieht nicht so aus, als wäre dies zutreffend gewesen (so wie bei Landwirtschaft, Fischerei und Werften).
Die Menschen werden älter und können trotzdem produktiver sein als je zuvor.
Mechanisierung, Automatisierung und Digitalisierung schreiten noch immer voran. Die Robotik wird ihren grossen Beitrag zur Veränderung der Arbeitswelt sogar erst noch leisten. Das einzige, was Roboter daran hindert schon heute massenhaft Arbeit zu übernehmen, ist die Tatsache, dass die Wahrnehmung der Umwelt ein weit komplexeres technisches Problem darstellt, als man je erwartet hat. Aber auch hier zeichnen sich langsam die ersten Durchbrüche ab. Die Frage ist nicht OB Roboter irgendwann massiv in unseren Alltag eindringen werden, sondern nur WANN.
Auch dies wird massive Arbeitsplatzverluste nach sich ziehen (wer braucht schon Taxifahrer, wenn Roboter dieselbe Arbeit zuverlässiger und billiger erledigen, oder Strassenreiniger usw.).
Die Arbeit die bleibt, wird sehr viel mehr administrativ und innovativ sein - die Felder, die dem Menschen wohl erst mal bleiben werden - bzw. im künstlerischen und zwischenmenschlichen Bereich sein. Design, Forschung, Kunst, Entwicklung, Systemverwaltung, Medizin, Tourismus, Informationsaufbereitung- und Analyse, werden wohl die Berufsfelder der Zukunft sein.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang, das die Produktivität je Arbeitnehmer durch die unzähligen mechatronischen Helferlein weiter enorm steigen wird. D.h. die Wirtschaftsleistung der Zukunft muss keineswegs sinken, nur weil weniger Menschen im industriellen Produktionsprozess beschäftigt sind.
Wenn diese jedoch nicht sinkt, dann muss der gesamtgesellschaftliche Wohlstand auch nicht sinken. Auch nicht bei sinkender Bevölkerungszahl.
Ich frage mich, wer profitiert davon, dass der Faktor Mensch in der Wirtschaft durch Überangebot entwertet wird? Und wer hat ein Interesse daran, dass das so bleibt? Weltweit ist Armut die direkte Folge von Überbevölkerung (in seltenen Fällen auch mal radikale Entvölkerung). Warum also predigt unsere Politik, das Bevölkerungswachstum die Lösung ist?
Eine echte Lösung wäre die Moderation des unausweichlichen demografischen Wandels (verursacht durch die Steigerung der Lebenserwartung - sollten wir dies nicht begrüssen?) und die Vorbereitung der Gesellschaft auf eine Arbeitswelt, die sich in ihrer Struktur sehr von der heutigen unterscheiden wird.
-Gelungener Artikel!-
Die Debatte zur Demographie gleicht allen anderen Debatten über Reformen in Deutschland. Undifferenziert werden Behauptungen aufgestellt, die mit der Volkswirtschaftlichen Realität nichts zu tun haben. Anstatt sich als Gesellschaft zu freuen, das mit so wenig Personal eine so große Produktivität erreicht werden kann, dass alle satt werden und konsumieren können, werden Horrorszenarien erdacht, nur um noch mehr Geld von Arm nach Reich (Meudalismus) umzuverteilen. Tja leider ist die Zeit des Kapitalismus light, der bis 1990 wirkte, vorbei. Meine Generation der unter 30 jährigen kann nur hoffen, dass eine Weltwirtschaftskrise möglichst bald kommt, damit die Verhältnisse neu geordnet werden können, ansonsten wird das Kürzen bei der Masse weiter und zwar so weit gehen, dass wir nur noch Sozialhilfe als Rente sehen werden.
Ich empfehle allen Lesern das Studium der Geldmengenentwicklung, dessen Verteilung sowie Grundlagen des Kreditgeldsystem und der damit zusammenhängenden Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken, was zu Wachstum verdammt und Verteilungskämpfe erzeugt.
Ein Land mit Exportüberschuss lebt unter seinen Verhältnissen!!!
Die mit der Interpretation der Alterspyramide befassten Soziologen und Ökonomen leiden, zumindest, was ihre in den Medien aufbereiteten Äußerungen angeht, unter einem Tunnelblick. Dieser Artikel - "Aussterbern abgesagt" - ist schon verdienstvoll, weil er die Diskussionsbasis verbreitert - weg von interessengeleiteten Katastrophisten wie Birg und Sinn. Die für die Diskussion relevanten Tatsachen umfassen nicht nur das sich ändernde Verhältnis Erwerbsfähiger zu Nichterwerbsfähigen, sondern in gleichem Maße oder stärker:
- das Verhältnis ErwerbsTÄTIGER zu NichterwerbsTÄTIGEN,
- den Anteil des Bruttoinlandsproduktes, den diese an die Sozialversicherungen abführen,
- den Anteil, den selbständige, freiberufliche und aus Kapitaleinkünften lebende Mitbürger zu den Sozialversichernúngen leisten,
- die Kompensation der Produktivitätssteigerungen durch Ausweitung der wirtschaftlichen Tätigkeiten per Schaffung neuer Märkte (Schaffung verteilter Kaufkraft, Innovation, Erweiterungs-Investition).
So lange alles getan wird, um die Einkommen aus abhängiger Beschäftigung zu verringern und die Soziallasten allein diesen Einkommen aufzubürden, wird trotz wachsenden Brutto-Inlandsproduktes die Finanzierung der Sozialsysteme unsicher. Würde man die Systeme anteilig aus allen Quellen des Wohlstandes finanzieren, die es hierzulande gibt, würde die leidige Scheindiskussion um "Lohnzusatzkosten" und "Demographie" verschwinden.
Des weiteren verstehe ich als Selbständiger den ökonomischen Diskurs schon lange nicht mehr: Offenbar fehlt es an Erweiterungs-Investitionen im Inland, die die Rationalisierungsgewinne kompensieren und die Nachfrage nach unselbständiger Erwerbstätigkeit steigern. Nur damit könnte die Arbeitslosigkeit wirksam bekämpft werden. Warum investiere ich nicht? - Es fehlt mir an Märkten im Inland. Auch, wo es größeren Bedarf nach zusätzlichen Gütern und Dienstleistungen gibt, verhindert die bereits herrschende Fehlallokation des Geldes, dass daraus ein Markt wird. Die meisten Zeitgenossen finden Geiz nicht geil, sondern überlebensnotwendig, und diejenigen, die überproportional an der Produktivität verdienen, haben alles, was sie brauchen und müssen mangels Investitionsmöglichkeiten im Inland auf den internationalen Kapitalmarkt, wo die nächste Krise irgendwann ihren Überschuss verbrennen wird - oder sie verzichten auf Rendite und flüchten in Sachwerte.
Diese Situation liesse sich nur durch die viel geschmähte "Umverteilung" verbessern. Das Mindeste wäre eine Steigerung der Löhne und Gehälter mit dem Produktivitätszuwachs. Besser wäre die Verknappung der Arbeit auf dem Arbeitsmarkt durch ArbeitszeitverKÜRZUNGEN.
Mit großem Interesse habe ich vor Kurzem einen Artikel von Wolfgang Uchatius gelesen, der die Entlohnung bzw. deren Auseinander-Driften in Beziehung setzt zu dem Marktwert der jeweiligen Tätigkeit. Nun ist jedoch unqualifizierte Arbeit ein Gut, dessen Verfügbarkeit sich per Selbst- oder Fremdausbeutung beliebig steigern lässt; so lange, bis das Niveau ihrer nackten Reproduktionskosten erreicht oder gar (in zahlreichen so genannten "sweatshops" im Ausland) unterschritten wird.
Die Leute, die unter schlechten Bedingungen arbeiten und kaum verdienen, sind keine Märkte für irgend etwas. Sie kaufen keine Autos in China oder Guatemala, sie decken sich mit der Billigstware auf den heimischen Märkten ein (Reis, Mais, frijoles oder Linsen) und sind durch keine Konkurrenz der Welt zu unterbieten. Für ein Land wie die Bundesrepublik wird also Qualifikation zu einer Überlebensfrage. Großbetriebe werden diese nicht leisten - die decken sich dort mit Arbeitskräften ein, wo sie qualifiziert zur Verfügung gestellt werden. Also muss die hiesige Gesellschaft das leisten - und das geht durch das GEGENTEIL von Sparmassnahmen und Studiengebühren!
Womit sich der Kreis geschlossen hätte: Niedrige Löhne - schlechtere Qualifikation - größere internationale Konkurrenz - höhere Arbeitslosigkeit - Ausfall der Sozialsysteme - weniger verteilte Kaufkraft - weniger Inlands-Investitionen - niedrigere Löhne...
Durch eine Verbreiterung der Refinanzierungsbasis der Sozialsysteme und der Besteuerung, durch internationale Abkommen gegen Steuerbetrug und Kapitalflucht, durch Gehälter und Löhne gemäss dem Produktivitätszuwachs liesse sich dieser Kreis umdrehen.
Hoffnungsvoll warte ich auf reifende Einsicht und auf neue Gesichter in den "Berater"-Gremien der Regierungen.
Zu 1) Deutschland kann sich nicht mit China, Indien oder auch nur den USA vergleichen. Diese Länder spielen mehr als eine Liga höher (bei Resourcenverbrauch ebenso, wie in Zukunft beim Thema Marktmacht, durch die Anzahl der Konsumenten). Eine moslemische Weltgemeinschaft als monolithischer Block existiert nicht, die arabische Welt eint allenfalls ihr Hass auf Israel und USA. Tatsächlich hassen die armen arabischen Staaten die reichen arabischen Staaten. Wenn, dann betrachten sich Araber als die moslemische Nation und zu der gehören weder die Türkei noch der Iran (Perser sind keine Araber). Japan kann als einziges Land für eine Vergleich herhalten, obwohl seine geografische Position dies wieder fast unmöglich macht (Japan war für lange Zeit die einzige Industriemacht im asiatisch-pazifischen Raum, erst seit Korea und China sich industrialisieren, wird dies relativiert und im Vergleich zu China macht sich der japanische Einfluss langsam geradezu zwergenhaft aus).
Zu 2) Voelkisch ist ein vom Nationalsozialismus schwer missbrauchter Begriff und zudem in seiner damaligen Definition auch noch falsch. Seine Benutzung in heutigen Debatten macht diesen Begriff auch nicht "sauberer". Der Patriot liebt sein Land/Volk, der Nationalist hasst alle anderen - voelkisch ist nunmal ein nationalistischer Begriff.
Zu 3) 180 Millionen Deutsche bis 2050... Wie wollten sie das erreichen? Durch Mutterkreuze? Arbeit ist schon jetzt nicht vorhanden, Bildung wird zum teuren Gut und auch Kinder verursachen dem Staat erst einmal Kosten, bevor sie im Arbeitsleben diese "zurückerstatten". Wohnraum würde noch unbezahlbarer, der Faktor Mensch noch leichter ersetzbar, die Masse Mensch würde in ein noch unfreieres Leben führen.
Übernutzung und Bodenversiegelung sind schon heute ernste Probleme. Mehr Menschen = Mehr Resourcenverbrauch, wie beantworten sie dieses Problem? Ist das erstrebenswert, um den Machtfantasien einiger weniger zu entsprechen?
Und wie weit ist der Schritt von genetischer Theorie zur Rassentheorie?
Zu 4) All das wurde schon zu Zeiten von Wilhelm II gesagt. Es hat Europa nur in zwei Weltkriege gestürzt, Europas Einfluss in der Welt gegen null geführt und USA und die Sowjetunion als Weltmächte installiert. Grosse Völker, grosse Krieger? Kriege machen nicht gross.
Zu 5) Sollte China die Ein-Kind-Regelung abschaffen und sein Bevölkerungswachstum wieder vorherige Höhe erreichen (übrigens wächst die chinesische Bevölkerung totz Ein-Kind-Politik weiter), wird China aufgrund Überbevölkerung in eine Katastrophe stürzen. Nur ein autokratisches Regime - wie eben in China - konnte die restiktive Familienpolitik überhaupt durchsetzen und das auch nur, weil den Machthabern klar ist, wohin die Alternative führt - direkt in den Abgrund. China hat heute schon gewaltige Umweltprobleme (mehr als 400 Millionen Chinesen haben keinen Zugang zu sauberen Trinkwasser), an der Bevölkerungsschraube zu drehen, wird dies allenfalls verschärfen (China BRAUCHT sein enormes Wachstum, um die Anzahl der Zuwanderer in die grossen Städte mit Arbeitsplätzen versorgen zu können - für den Preis der Umwelt). Wie soll China denn 2 Milliarden Bürger ernähren, kleiden und unterbringen? Für Indien sieht es nicht viel besser aus. Brunnen werden schon in bis zu 400 Meter Tiefe gebohrt, das Grundwasser fällt, die Wälder werden abgeholzt, viele Inder hungern - aber kein Problem, da ist doch noch sicher Platz für eine weitere Milliarde! Auch Mexiko und Brasilien werden durch ein hemmungsloses Bevölkerkungswachstum eher destabilisiert - Armut ist die häufigste Folge der Überbevölkerung, zusammen mit Hunger und Umweltzerstörung. Und mit der Armut, kommt die Kriminalität und die Korruption. Aber egal nur weiter so, nicht wahr?
Zu 6) Das die Deutschen, dank ihrer Geschichte mit einem Gewissensbuckel herumlaufen ist sicher richtig. Das Problem ist jedoch, dass die Relativierung der Bedeutung dieser Unworte oft auch den historischen Zusammenhang relativiert (Denken und Sprechen sind eins) und das unmenschliche banalisiert. Dies hat dieser Teil der Geschichte jedoch nicht verdient.
Der Mensch ist den Menschen Wolf, das letzte Jahrhundert hat dies deutlicher gezeigt als alle vorherigen. Keine Verkommenheit, Brutalität, Korruption, Entwürdigung und Perversion, die sich nicht noch steigern oder ideologisch rechtfertigen liesse (z.B. im Zusammenhang mit dem Begriff voelkisch -> "Blut und Boden", "Rassentheorie" -> "Endlösung"). Dies betrifft übrigens nicht nur unsere Vergangenheit, die Gemetzel der Oktoberrevolution, des Algerienkrieges, des Vietnamkrieges, der Balkankriege, das noch immer andauernde Massaker im Kongo (in den letzen Jahren ca. 5 Millionen Tote) usw. sind hier ebenso gemeint.
Insofern wäre ich durchaus vorsichtig in meiner Wortwahl. Worte = Ideologien habe in der nahen Vergangenheit Millionen umgebracht, das sollte nicht vergessen/relativiert werden.
Deutschland braucht eine Familienpolitik, die diesen Namen auch verdient. Zur Familienpoltik gehören nunmal auch Sozial-, Wohnungs-, Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik. Solange hier kein schlüssiges Gesamtkonzept vorliegt, wird sich wenig ändern. Wer Kinder will, sollte den Familien in spe auch Perspektiven bieten können. Dazu gehört auch eine gewisse soziale Absicherung und Planungssicherheit.
Aber solange wir Kinder- oder Elterngeld an Familien verschwenden, die es nicht brauchen (vielen Dank Bundesverfassungsgericht) und arbeitslose Familien sich ihr Einkommen bequem über zahlreiche Kinder finanzieren können und alle dazwischen praktisch "gekniffen" sind, wird sich wohl kaum etwas bessern.
Das was der Artikel schildert ist nichts Neues.
Umso unverständlicher scheint mir allerdings das Fazit!
Da wird nonchalant geschildert, das das Problem sich erledigt mit dem Aussterben der Babyboomer. Das ist völlig richtig, aber genau für diese Generation besteht ja das größte Problem!
Der Zenit des Problems wird in etwa 30 bis 35 Jahren erreicht sein, danach flaut es wieder ab.
Was der Artikel völlig ignoriert ist die Tatsache, dass unsere Systeme bislang völlig ignorant eine Verteilungswirkung erzielen, die trotz eines möglicherweise konstanten Wirtschaftswachstums eine massive Verarmung rentenversicherungspflichtiger Bevölkerungsteile zur Folge haben wird, und zwar der Teile, die sich eine Zusatzversorgung nicht leisten kann, oder wegen Kindern nicht leisten kann.
Die Schieflage des Systems ergibt sich nicht aus dem Rückgang der Geburten, sondern durch die Tatsache, dass der Verzicht auf Kinder in diesem System ein Gewinn darstellt!
Auch was die Zuwanderung angeht bin ich sprachlos über diese statistische und Blauäugigkeit!
Selbstverständlich könnte mit Zuwanderung gegengearbeitet werden, das würde aber eine Integration der bisher Zugewanderten und eine funktionierende Integration der noch zuzuwandernden Personen voraussetzen.
Die Abwehrhaltung in der Bevölkerung ist vor allem der Tatsache geschuldet, das Beides nicht auch nur halbwegs existiert.
Erledigt sich das Integrationsproblem, erledigt sich automatisch das Mißtrauen gegenüber Zuwanderern.
Beides ist zur Zeit nicht möglich.
Auch ausgeklammert wird das Bildungsproblem, besonders im Zuwanderermilieu, wenn die bisher veröffentlichen Statistiken hierzu stimmen, können wir auch nicht mehr von dem unterstellten Wirtschaftswachstum ausgehen, da dafür einfach das qualifizierte Personal fehlen wird.
Das ganze scheint jedenfalls ein gelungenes Beispiel von fachlich isolierter Logik, die den Rahmen in dem das Ganze stattfindet nahezu vollständig ignoriert.
B Grabe
Die Politik braucht doch in bestimmten Intervalen neue alte Themen, sonst bleiben die Politiker arbeitslos und haben keinen Grund und kein Material für mediale Auftritteweder im Bundestag noch in den alltäglichen und zahlreichen TV-Sendungen. Es ist doch in Ordnung.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren