ImmigrationWir waren ein Einwanderungsland

Endlich nimmt Deutschland seine Migranten zur Kenntnis. Aber nun wollen immer weniger Ausländer hier leben. von 

Gleich nach dem Endspiel kommt der Gipfel. Wenn die WM-Gäste abgereist sind, wendet sich die Regierung endlich denjenigen zu, die aus aller Welt hergekommen und doch längst keine Gäste mehr sind. Angela Merkel wird in der zweiten Juliwoche als erste deutsche Regierungschefin die Vertreter der Migranten offiziell im Kanzleramt zum Integrationsgipfel begrüßen. Dieser Moment wird wohl das Selbstbild des Landes verändern. Indem endlich mit den Migranten statt nur über sie geredet wird, gehören sie unwiderruflich dazu.

Die Union vollzieht einen Paradigmenwechsel in der Integrationspolitik. Damit dies auch niemandem entgeht, wird Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble gleich nach der Sommerpause ein zweites großes Zeichen setzen: Anfang September lädt er die führenden Vertreter der Muslime ins Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik, wo die Deutsche Islam-Konferenz ihre Arbeit aufnehmen soll. Er wolle, so Schäuble, an die Muslime und an die Mehrheitsgesellschaft die Botschaft senden, »dass Muslime ein Teil der deutschen Gesellschaft sind und wir uns wünschen, dass sie sich auch als solcher Teil verstehen«.

Eine Tatsache, mit deren Leugnung die Union viele Jahre verschwendet hat, wird endlich anerkannt: »Wir sind ein Einwanderungsland«, sagt die Integrations-Staatsministerin Maria Böhmer dieser Tage bei jeder Gelegenheit.

Sind wir es denn wirklich? Angesichts der neuesten, zum Teil noch nicht amtlichen Zahlen über Zuwanderung müsste man Böhmers Satz wohl besser in die Vergangenheitsform setzen: Deutschland war ein Einwanderungsland. Wolfgang Schäuble bringt es auf die bemerkenswerte Formel: »Wir haben in Deutschland mehr eine gefühlte Einwanderung.« Weniger diplomatisch gesagt: Im Jahr 2005 gab es kaum nachhaltige Zuwanderung nach Deutschland. Wie bitte? Haben wir nicht eben noch über Integrationskurse, Einbürgerungstests und andere Hürden für Zuwanderer gestritten, als gelte es, Deutschland gegen stetig steigenden Migrationsdruck abzudichten?

Im Licht der jüngsten Zahlen des Nürnberger Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) wirkt diese Debatte merkwürdig irreal. 2005 kamen laut BAMF rund 450000 Zuwanderer ins Land. Das klingt erst einmal viel. Der Blick aufs Detail zeigt jedoch, dass die Migration nach Deutschland stark rückläufig ist – und dies besonders bei denen, die wir aus Eigeninteresse brauchen, wie Hochbegabte und Selbstständige. 330000 unter den Zuwanderern im letzten Jahr waren Saisonarbeiter, die nach getaner Arbeit wieder in ihre Herkunftsländer zurückgehen müssen. Weitere 20000 kamen über befristete Werkverträge. Auch sie bleiben also nicht dauerhaft. Von den übrig bleibenden 100000 kamen nach vorläufigen Schätzungen 80000 unter Sonderregelungen für Familiennachzügler, jüdische Zuwanderer aus GUS-Staaten (6000) und Spätaussiedler (7500). Flüchtlinge fallen unter den Einwanderern in Deutschland kaum noch ins Gewicht. Im Jahr 2005 wurden 29000 Asylanträge gestellt. Nur etwa zehn Prozent der Bewerber – also ganze 2900 – können mit dauerhaftem Bleiberecht rechnen, und seit Jahren schon ist der Trend rückläufig. (2003 waren es noch 50500, 2004 immerhin 35000.) Auch die Zahlen der jüdischen Einwanderer und der Spätaussiedler gehen zurück – was sowohl der restriktiven neuen Rechtslage (obligatorische Deutschkenntnisse) wie auch der allmählichen Erschöpfung des Potenzials geschuldet ist. In Zukunft werden die Familiennachzüge noch stärker zurückgehen – wegen des Sättigungseffekts und der von Wolfgang Schäuble bereits angekündigten Verschärfungen beim Ehegattennachzug auf das Mindestalter von 21 Jahren.

Mit anderen Worten: Von 450000 Zuwanderern in der deutschen Migrationsstatistik 2005 bleiben am Ende kaum 20000 Einwanderer im klassischen Wortsinn – wenn man darunter Menschen versteht, die eigenständig nach Deutschland kommen, um hier auf Dauer zu leben und zu arbeiten. Das ist nicht einmal ein Zehntel der Zahl, die wir nach vorsichtigen Schätzungen brauchen, um den demografischen Wandel zu bewältigen.

Besonders gering sind die Zuwanderungszahlen derjenigen, die sich Deutschland am sehnlichsten wünscht: Im Jahr 2005 kamen nur etwa 900 Hochqualifizierte ins Land. Bei den Selbstständigen liegen die Schätzungen noch darunter – bei mageren 500. Politiker aus Union und SPD sind sich mittlerweile unter dem Druck der Wirtschaft einig geworden, dass die Hürden für diese Gruppen im Zuwanderungsgesetz viel zu hoch sind. Hochbegabte müssen nämlich ein Gehalt von mindestens 84000 Euro erzielen. Für die Inder und Chinesen, die deutsche Mittelständler gern beschäftigen wollen, ist das kaum zu schaffen.

Selbstständige müssen bisher eine Million Euro in Deutschland investieren und zehn Arbeitsplätze schaffen, um eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Das Zuwanderungsgesetz entpuppt sich als Gesetz zur Verhinderung von Einwanderung. Nun wird im Innenministerium und in den Koalitionsfraktionen darüber nachgedacht, die Gehaltsgrenze für Hochqualifizierte auf 50000 Euro und die Investitionspflicht für ausländische Gründer auf eine halbe Million Euro und fünf Arbeitsplätze zu senken. Die Wende vom gefühlten zum wirklichen Einwanderungsland wird das nicht bringen.

Es ist eine gute Sache, dass die Regierung mit Gipfeln und Konferenzen dafür wirbt, dass wir uns jetzt endlich als Einwanderungsland begreifen. Wir müssen es dann nur noch werden.

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Leserkommentare
  1. Wenn man gerne mehr hochqualifizierte Einwanderer haben möchte, bedarf es auch einer Kultur, die Fremden mit weniger Arroganz begegnet. Wenn man andere Einwanderungsländer betrachtet, so findet sich natürlich auch Arroganz in deren Gesellschaften, aber in Gegensatz zu Deutschland haben dort Migranten die Möglichkeit, auch in die Führungsebenen der Firmen aufzusteigen. In Deutschland lebt man auf Führungsebenen ähnliche bzw. schlimmere Arroganz aus, als auf der Straße.

  2. Einwanderer die in der Tat eine Bereicherung waeren -leider besteht die Mehrzahl der Migranten in Deutschland jedoch aus sogenannten bildungsfernen( und auch erstaunlich resistenten) Menschen die den Kern der Probleme bilden.
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  3. Und wieder ist es der ZEIT gelungen, aus Zahlen nur das herauszulesen, was ihr gesinnungspolitisch in den Kram passt - wenn Jörg Lau feststellt, daß nur 20 000 Migranten eigentlich Einwanderer im klassischen Wortsinne darstellen, dann heißt das nichts anderes, als daß über 400 000 eben keine Einwanderer (im Lau´schen Sinne als produktive Menschen, die ins Land kommen um etwas aufzubauen) sind, sondern Zuwanderer, die offensichtlich dem einheimischen Interesse gleichgültig, bzw. kontraproduktiv gegnüberstehen - sie wandern, wie schon so schön formuliert wurde "in die Sozialsysteme ein".
    <br />Irrtum von Herrn Lau: diese Menschen werden zum allergrößten Teil eben sehr wohl auf Dauer im Lande bleiben - um von diesem Lande zu leben, aber nichts zu seinem Wohlstand beizutragen - im Gegenteil, sie werden dauerhaft Kosten verursachen, weil nicht nur sie selbst mit aufwendigen "Integrationskursen" und "good will"-Angeboten an die notwendigsten zivilisatorischen Standards herangeführt, bzw. bei Laune gehalten werden müssen; sondern weil sie auch zum größten Teil durch ihre spätere Partnerwahl (z.B. türkische Männer heiraten zu über 50% Importbräute, von den hier geborenen, oder aufgewachsenen türkischen Mädchen nicht zu reden - die dürfen eh keine "authochtonen" - wie man in den Niederlanden sagen würde - Deutschen heiraten - die Ausnahmen zählt man an einer Hand, und sie zahlen in der Regel den Preis der sozialen Ächtung durch ihre Herkunftsfamilien), sozial-kulturelle Selbstabschottung und 70-80%ige Bildungsfeindschaft die Integration und ein wirtschaftlich erfolgreiches Leben in jeder Generation neu scheitern lassen werden.
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    <br />Mit anderen Worten: selbst bei einer relativ gelungenen Integration von (optimistisch geschätzten) 30% dieser dominierenden "Migrantengruppe" wird eine dauerhaft wachsende Belastung (sozial, kulturell, finanziell) der (noch) Mehrheitsgesellschaft ausgehen.
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    <br />Wettfrage des Tages: Was wird schneller zusammenbrechen? Dieses Staatsystem, oder der (noch) herrschende Friedenskonsens in dieser Gesellschaft?
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  4. Einwanderungsland.....welch ein Unglück. Mich wundert, das Die Zeit nach etlichen Fehlschlägen, die wir in der Zuwanderung erlebt haben, in der Einwanderung immer noch das Heil von allen Problemen sieht. Wie? Demographieproblem? Um das zu lösen müssten wir schon halb Afrika aufnehmen(nur die Jugend). Wirtschaft ankurbeln mit Zuwanderern? Klar..... Die Zeit sollte ein Projekt zur Anwerbung russischer Milionäre und Miliardäre starten. London hat uns hier mit Abramowich leider schon potentielle Kandidaten weggeschnappt. Mit "normalen" Zuwanderern, die hauptsächlich geringe Schulbildung haben, kann ich mir nicht vorstellen, dieses Ziel zu erreichen.....aber bahnbrechende Wunder gibt es immer wieder.
    <br />Nachdem man eiso nochma tief durchatmet und nachdenkt sieht man, dass Zuwanderung nicht die Heilung ist. Sie ist in positiven Bahnen förderlich, die kennen wir aber in Deutschland wohl nicht. Deswegen sollten wir eher froh sein, das weniger Leute kommen gut... ist wohl auch ein Anzeichen, das es uns immer schlechter geht und sie woanders ausweichen aber hey erstma bitte die hier lebenden Deutschen mit und ohne Immigrationshintergrund integrieren. Dann kann der nächste 50 Jahresplan sicher irgendwann kommen....Prioritäten setzen und sich nicht übernehmen

    • iDog
    • 08. Juni 2006 20:52 Uhr

    Wenn ein Land wie die BRD es nicht schafft seinen eigenen Buergern auf breiterer Ebene eine ausreichende bis ueberdurchschnittliche Ausbildung zukommen zu lassen - wen wundert es dann, dass die intelligenten Einwanderer ausbleiben ? Als Interlektueller Hochgebildeter gehe ich doch nicht in die Bildungswueste nur weil sie Deutschland heisst ! Auch der Umkehrschluss ist gueltig: wo sich viele Weniggebildeten ballen kommen leicht noch ein paar hinzu ... usw. - Wenn eine Gesellschafft vor allem auf Milchkuehe setzt, Bildung kuenstlich verknappt, im medialen Globalismuss die Angsttrommel ruehrt und seine reaktionaere und (siehe anderen kommentar) arrogante Oberschicht sich dafuer zu gut haelt oder aber es einfach nicht schafft vertretbare gesellschfafftliche werte zu repraesentieren und der bevoelkerung vorbildlich nahe zu bringen, ist der Untergang des "roemischen Reiches" nicht mehr weit ( bei bedarf bitte bei Gibbons nachlesen) - da hilft auch kein lammentieren (erster Kommentator) - da helfen nur inovative Ansaetze - egal woher !!! ( bin aus d-land weggezogen und lebe nun als Eingewanderter in einem gastfreundlichen Land )

    • iceman
    • 08. Juni 2006 21:15 Uhr

    ... oder wollen es gerne wieder werden, aber nur unter anderen Voraussetzungen.
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    <br />Kein geistig gesunder Mensch kann etwas dagegen haben, wenn die Hürden für Qualifizierte endlich gesenkt werden, und zwar sehr deutlich!
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    <br />Aber genau da lag doch immer der Knackpunkt.
    <br />Der Artikel hat´s doch wieder mal gezeigt:
    <br />Von 100.000 Zuwanderern sind erneut 80% Familiennachzügler.
    <br />Wir wissen schon, wer das ist, und wahrscheinlich wird diese Zahl auch nicht wesentlich zurückgehen, nur weil das Zuzugsalter auf läppische 21 Jahre angehoben wird.
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    <br />Aus dem Artikel der ZEIT spricht bloss das Bedauern darüber, dass nicht noch mehr Familiennachzügler zu uns kommen.
    <br />Wieso ist es eigentlich so schwer, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen?
    <br />Der einzige Massstab für künftige Zuwanderung muss die Bildung eines Zuwanderers sein - sonst gar nichts.
    <br />Das bedeutet dann aber auch ein Wegfall der meisten Familiennachzügler.
    <br />Wie lange muss man noch warten, bis die ZEIT für diese Begrenzung eintritt?

  5. Dass immer weniger hoch qualifizierte Imigranten aufgrund hoher Ausgaben und besseren Angeboten anderer Länder nach Deutschland kommen, sehe ich genauso.
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    <br />Aber das unqualifiziertere Imigranten dem Land schaden ist falsch. Viele Ausländer machen geringfügige Arbeiten, die die wenigsten Deutschen ausüben würden. Wenn es also keine unqualifizierten Imigranten gäbe, würden Jobs in einigen Bereichen wegfallen.

  6. Na das Foto bedient ja ganz wunderbar bestehende Stereotypen. Musizierende - TROMMELNDE - Schwarze (Schwarze trommeln natürlich ... was sonst), die der Lebenslust fröhnen (die Schwarzen sind einfach lockerer in der Hüfte als die steifen Deutschen) und sich mit willigen deutschen Frauen umgeben. Die Frauen waren bestimmt vor einigen Jahren (da war das schwer "in", und die Kinder sind ja auch im richtigen Alter) in Afrika zum Trommen und haben sich so´n paar knackige Afros mit nach Hause genommen, die jetzt von unseren Sozialleistungen leben. Das erinnert mich doch an Männer und Thailand ... aber lassen wir das.
    <br />Übrigends es gibt oder zumindest gab es auch mal Imigranten, welche Deutschland intellektuell und kulturell erheblich befördert haben. Z.B. Wiener Juden in Berlin, Hugenotten in der Pfalz, Polen im Ruhrgebiet und und und. Wir wären nicht das was wir heute sind, ohne Immigranten. Und wir sind ... ob wir es wollen oder nicht - schon aufgrund unserer geographischen Lage -, ein genetischer Mischmasch verschiedenster Völker. Und das ist gut so. Wir sollten darauf hin arbeiten, dass sich schwarze und weiße Menschen mischen. Das sieht sowieso besser aus.

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