Es lebe das Dorf

In Frankreich schließen sich kleine Gaststätten unter dem Dach Bistrot de pays zusammen und bieten opulente Menüs zu kleinen Preisen an. Ganz nebenbei können Gäste Waschpulver kaufen und Musik hören von Rob Kieffer

Mittagszeit in Calce, einem Winzernest im Pays de lAgly, dem hügeligen Hinterland von Perpignan. Im Dorfbistro riecht es nach Knoblauch und Olivenöl. Wirtsfrau Nathalie Penelon serviert Tapas mit Chorizo-Wurst, in Zwiebeln eingelegte Sardinen, Esqueixada de Baccalao (Stockfischsalat) und Wachtelpastete. Die Gerichte, die ihr Partner Antoine Caballero in der winzigen, aber perfekt ausgestatteten Küche zaubert, sind katalanisch angehaucht. Für nur 12,50 Euro gibt es ein dreigängiges Mittagsmenü und für 24 Euro ein opulentes Menu gourmand. Am Tresen improvisiert Jean-Philippe Padié, der Winzer von nebenan, eine Verkostung seiner Roussillon-Weine. Immer wieder schauen Leute herein, die ein Baguette, Briefmarken, Waschpulver oder das Lokalblatt Midi Libre kaufen. Kinder bringen ihr Taschengeld zum Kaugummiautomaten, und Touristen finden sich ein, um Campinggasflaschen auffüllen zu lassen. Bald werden auch die Alten anrücken, um bei einem Espresso die Belote-Karten auszuteilen. Am Abend hält in der Wirtsstube der Jagdverein seine Generalversammlung ab. Seitdem Nathalie und Antoine Anfang dieses Jahres das im einstigen Pfarrhaus eingerichtete Café-Restaurant auf Vordermann gebracht haben, ist Le Presbytère zum Treffpunkt des ganzen Dorfes geworden.

Die quirlige Gaststätte in Calce trägt das Qualitätslabel Bistrot de pays, um das sich inzwischen über hundert Cafés in ganz Frankreich verdient gemacht haben. Durch diese Initiative von den Départements, Handelskammern und der Europäischen Union gefördert soll der Verödung der Dörfer entgegengewirkt werden. Während in Küstennähe und wirtschaftlichen Ballungsgebieten die Einwohnerzahlen in die Höhe schnellen und die Mietpreise explodieren, leiden entlegenere Ecken unter der Landflucht. Schulen und Postämter schließen, Epicerien und Bar-Tabac-Läden geben auf. Findet man bei einer Reise durch die französische Provinz überhaupt noch ein geöffnetes Bistrot vor, so strahlt dieses häufig den Charme eines Wartesaals aus, in dem die kulinarischen Highlights Croque Monsieur und Fertigpizza sind und der Wein aus dem Sonderangebot des Supermarkts stammt.

Gaststätten, die sich der Bistrot de pays-Charta verpflichten, müssen in ländlichen Gemeinden mit weniger als 2000 Einwohnern angesiedelt und ganzjährig geöffnet sein. Die Betreiber verpflichten sich, regionale Produkte zu verarbeiten und erschwingliche Menüs anzubieten. Bei Bedarf übernehmen sie auch die Rolle des Bäcker- und Lebensmittelladens. Die Dienste eines Postbüros gehören genauso zum Aufgabenbereich wie die Vermittlung von touristischen Informationen und die Organisation von kulturellen Animationen.

Die Bistros, regional nach pays (Landschaften) gruppiert, sind so verschieden wie ihre Besitzer, deren Namen sie oft tragen: Chez Jo, Chez Jeanne la fermière oder Chez Kiki. Aus Massachusetts stammen Maryvonne Kutsch und Mark Marinelli, die die Leitung der Dorfgaststätte von Pierrefeu, nahe Forcalquier in der Hochebene der Provence, übernommen haben. An verschiedenen Abenden richten sie Lesungen mit Krimiautoren oder lokalen Geschichtenerzählern aus. Ein kulturelles Angebot bieten auch die Cousins Alain Lasserre und Jean-Pierre Sentenac, die das Bistro von Saint-Pé-dArdet am Fuße der Pyrenäen in ein kleines Künstleratelier umgewandelt haben. Manchmal findet hier Zeichenunterricht statt, und es stört keinen, wenn der Kurs unterbrochen werden muss, damit der Wirt einem Gast ein Bier zapfen kann. Wer auf der schattigen Terrasse des Café de la Vallée in Thorame-Basse in den provenzalischen Hochalpen sitzt, hört das Gurgeln des nahen Dorfbrunnens. Die Speisen sind natürlich landestypisch: Lammfleisch aus dem Verdon mit Rosmarin, Entenbrust mit Honig und Lavendel und zum Digestif einen Génépi-Kräuterschnaps.

Die Adressen der Bistrots de pays erfährt man bei den Touristikämtern der Regionen und Départements. Ein Faltblatt über die Bistros des Pays de lAgly etwa ist beim Comité départemental du Tourisme Pyrénées-Orientales (www.pyrenees orientalestourisme.com) erhältlich.

Die größte Anzahl findet man in der Region Midi-Pyrénées (www.tourisme-midi-pyrenees.fr). Auch in Frankreichs Norden, so in der Normandie und in der Champagne-Ardenne, sind neue Verbünde im Entstehen. Eine Übersicht über das landesweite Netz findet sich im Internet unter www. bistrotdepays.com.

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