WM 2006 Wie 2004

Klinsmanns Mannschaft ähnelt den Verlierern der EM vor zwei Jahren. Wird sie sich wieder blamieren?

Es gibt einen Satz, der von Rudi Völler stammt, von Berti Vogts, von Erich Ribbeck, von Jupp Derwall, von Helmut Schön und auch von Sepp Herberger. Es ist der Bundestrainersatz schlechthin: »Wir Deutschen können gegen große Gegner nur bestehen, wenn wir ihnen körperlich überlegen sind.« Von Soziologen wird dieser Satz sehr gern auf den Volkscharakter der Deutschen angewendet – und vom Teamchef aller Bundestrainer wurde er aufs Allerschönste übersetzt: »Die Deutschen«, sprach Franz Beckenbauer unvergänglich, »die Deutschen sind keine Brasilianer.«

Als Jürgen Klinsmann vor zwei Jahren Bundestrainer wurde, kündigte er einen Wandel der Spielkultur an: Offensiver wolle er spielen lassen – brasilianisch beinahe. Nun, im immer dringlicher wirkenden Countdown zur Weltmeisterschaft im eigenen Land, wurde Klinsmann wieder gefragt, wie er gedenke, mit seiner Mannschaft Weltmeister zu werden. Er antwortete: »Wir können gegen große Gegner nur bestehen, wenn wir ihnen körperlich überlegen sind.« Später formulierte er seine Vorgabe defensiver: »Wir müssen enorm arbeiten, um mit den Großen in puncto Fitness mithalten zu können.« Da war sie wieder, die deutsche Körperlichkeit.

Auch unter Klinsmann, so viel ist mittlerweile klar, sind die Deutschen keine Brasilianer geworden. Vielmehr ist nicht nur Statistikern aufgefallen, dass die Nationalelf, die nun gegen Costa Rica ins Turnier startet, sich personell kaum verändert hat: In der Elf, die im letzten Testspiel gegen Kolumbien spielte, standen in Michael Ballack, Bastian Schweinsteiger, Torsten Frings, Bernd Schneider, Lukas Podolski, Miroslav Klose, Phillipp Lahm und Arne Friedrich acht Spieler, die sich vor zwei Jahren bei der Europameisterschaft in Portugal blamierten, jene acht namentlich gegen eine tschechische B-Auswahl. Nimmt man noch den Neu/Alt-Abwehrspieler Jens Nowotny hinzu, bleibt als Innovationsfaktor lediglich Jens Lehmann – 36 Jahre alt. Hat Klinsmann also in den vergangenen zwei Jahren eine Dynamik seiner Nationalmannschaft vorgetäuscht, die diese niemals hatte?

Fragt man die Spieler, erhält man – in persönlichkeitsbedingt variierender Tonlage – eine andere Bilanz: noch nie sei in der Nationalelf so konzentriert, so ergebnisorientiert gearbeitet worden. So fühlte sich der Leverkusener Bernd Schneider, eigentlich kein Mann der Superlative, »noch nie so fit wie zurzeit«. Der Schneider 04 war ein in sich gekehrter, mit gebeugtem Rücken unauffällig agierender Mitläufer. Der Schneider 06 dirigiert mit durchgedrücktem Kreuz eine ganze Mannschaft. Und das kam so:

Zunächst auf Sardinien und dann im Trainingslager Genf und zwischen den letzten Vorbereitungsspielen hat das Team um den Amerikaner Mark Verstegen und Oliver Schmidtlein, dem ausgeliehenen Fitness-Coach des FC Bayern, mit jedem Spieler individuelle Trainingspläne durchgearbeitet – sogar die Vitamin-Drinks waren auf die Bedürfnisse jedes Einzelnen abgestimmt. Beim Training landeten die Pulsfrequenzwerte direkt auf dem Laptop der Trainer. Die für viel Geld aus den USA importierte Fitness-Maschinerie wird in Berlin übrigens in einer extra dafür eingerichteten Halle nahe des Mannschaftshotels wieder aufgebaut: »Wir müssen das körperliche Niveau halten, besonders bei den Spielern, die nicht zum Einsatz kommen«, kündigt Schmidtlein die Höchststrafe für jeden Fußballer an: Wer nicht spielen darf, muss dafür mehr trainieren. Schmidtlein sagt dazu: »Das Erstaunlichste ist das Erstaunen, das man in der Öffentlichkeit unseren Methoden entgegenbringt. Im internationalen Fußball, aber auch in anderen Profisportarten, sind diese Dinge seit Jahren selbstverständlich.«

Arne Friedrich von Hertha BSC Berlin meint gar: »Das ist eine absolute Vorbildgeschichte und für die Vereine wohl nicht realisierbar. Man kann das einfach genießen hier und mitnehmen.« Nun liegt es in der Logik eines jeden Fußballers, vor Turnierbeginn seinen Trainer zu loben – schließlich will er auch nach Turnierbeginn noch dabei sein. Darüber hinaus scheinen Klinsmanns Spieler aber wirklich beeindruckt zu sein: Welcher Verein leistet sich Fitness-Trainer, die noch nach dem Abendessen individuelles Beweglichkeitstraining anbieten?

Allerdings gingen dabei offenbar nicht nur die Spieler an ihre Grenzen. Im Trainingsbereich »Fortschritt durch Fitness« ist so intensiv gearbeitet worden wie in keinem anderen. Die Frage wird sein: Hätten Klinsmann und seine Pulsmesser stattdessen die Mängel im Abwehrbereich angehen müssen? All die Fehlpässe in den letzten Partien – kamen die trotz oder wegen all der Fitness-Arbeit? So intensiv Klinsmann sein Team auch durchleuchtet hat – kurz vor WM-Beginn ist keinem Beobachter klar, in welcher Verfassung es sich befindet. Umso spannender wirkt für die Öffentlichkeit da der Hinweis – oder Hilferuf – des Kapitäns: Michael Ballack hat zuletzt inständig um eine defensivere Ausrichtung gebeten. Ihm ist es sogar unter Klinsmann 06 offenbar immer noch zu brasilianisch.

Gegen Costa Rica wird es vermutlich reichen, so oder so, wohl auch gegen Polen und gegen Ecuador. Spätestens im Achtelfinale dann wird der Bundestrainerlieblingssatz auf die Probe gestellt werden. Im Falle des Misserfolges, man ahnt es schon, wird es heißen: kaputt trainiert! Klinsmann und sein Trainerstab spielen auf Risiko; ganz so, wie sie es von ihrer Mannschaft verlangen: hop oder top, mit begrenzten Mitteln Grenzen durchbrechen.

 
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