WM 2006 Und jetzt, Herr Neururer…?
Es spricht unser WM-Experte Peter Neururer, Trainer des Erstligisten Hannover 96
DIE ZEIT: …haben Sie, als alter Trainerfuchs, schnell noch einen Tipp für Jürgen Klinsmann?
Peter Neururer: Im Moment? Besser nicht. Sonst wird die Mannschaft noch verunsichert. Da halte ich mich kurz vor der WM mal lieber zurück.
ZEIT: Was Ihnen hörbar schwer fällt.
Neururer: Weil ich kein zu großer Fan des Bundestrainers bin.
ZEIT: Die Herren Klinsmann und Neururer scheinen aus unterschiedlichen Welten zu kommen.
Neururer: Zweifelsfrei. Kein Qualitätsurteil jetzt – aber: Ich bin Fußballtrainer. Ein jahrelang ausgebildeter Sportwissenschaftler, der versucht, den Fußball in den Vordergrund zu stellen – und die Wissenschaft nur mitzunehmen, als Hintergrund. Während der eine oder andere Kollege über 20 Jahre Erfahrung verfügt, ist Jürgen einer, der seine erste Trainerstelle gleich in höchster Funktion erhalten hat. Das spricht nicht gegen ihn. Aber vielleicht gegen jene, die diese Entscheidung getroffen haben.
ZEIT: Sollten wir Klinsmann nicht zugute halten, dass er den angestaubten, zunehmend erfolglosen deutschen Fußball zu modernisieren versucht?
Neururer: Wenn ich meine Mannschaften sehe: Wir machen mindestens das Gleiche – nur einige Sachen, wir die jetzt bei der Nationalelf machen, die habe ich schon wieder als antiquierte Trainingsmethoden bei mir im Schrank abgestellt. Sprintverbessernde Übungen mit so Deuserbändern etwa: Damit habe ich vor 20 Jahren wieder aufgehört.
ZEIT: Drei E-Mail-Adressen wie der Bundestrainer haben Sie wohl auch nicht.
Neururer: Da müssen Sie meine Frau fragen. Ich kümmere mich mehr um Fußball.
ZEIT: Dafür, dass Sie sich vor der WM zurückhalten wollten, sind Sie aber nicht sehr zurückhaltend.
Neururer: Doch. Ab jetzt. Ab jetzt sollte man Jürgen Klinsmann alle Rückendeckung geben. WM im eigenen Land! So ein Event werden wir mit Sicherheit nicht mehr erleben, auch nicht Franz Beckenbauer. Selbst der wird ja keine 100 Jahre alt.
ZEIT: Wer und wo waren Sie eigentlich 1974, als Beckenbauer in Deutschland Weltmeister wurde?
Neururer: Da war ich 19, Student – und hatte eine Karte fürs Finale.
ZEIT: Wie sind Sie denn an die gekommen?
Neururer: Über meinen Bruder, der war Sportdezernent in Bottrop. Ich bin nach München getrampt, da hat mir ein Holländer 500 Mark für meine Karte geboten. Habe ich aber nicht gemacht. Der hätte sich sowieso nur geärgert.
ZEIT: Und nun, 2006?
Neururer: Haben wir Bundesligatrainer pro WM-Spiel zwei Karten. Ich gucke 13 Spiele, unser Co-Trainer 13, unser Torwarttrainer zehn. Revolutionäre Erkenntnisse sind bei einer Weltmeisterschaft zwar nicht mehr zu erwarten, jeder weiß ja, wie England spielt, fast jeder kennt jeden – aber Togo? Elfenbeinküste? Das könnte noch inspirieren, was Taktik und Spielsysteme angeht.
ZEIT: Wer wird unter Ihren Augen Weltmeister?
Neururer: Ich hoffe, wir.
ZEIT: Und was ahnen Sie?
Neururer: Dass Holland, Argentinien, Brasilien und Italien größere Chancen haben.
Das Interview führte
Henning Sußebach
Peter Neururer, 51, ist Trainer des Erstligisten Hannover 96 und kommentiert für die ZEIT das Geschehen bei der Fußballweltmeisterschaft. Neururer kennt sich aus: Er war in vier von zwölf WM-Städten tätig, nämlich in Gelsenkirchen, Köln, Berlin, nun in Hannover – und darüber hinaus in Aachen, Ahlen, Bochum, Düsseldorf, Essen, Offenbach, Saarbrücken…
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- Datum 08.06.2006 - 10:02 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.06.2006
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