WM 2006: Der Selbstverteidiger
Brasiliens Trainer Carlos Alberto Parreira führte sein Land 1994 zur Weltmeisterschaft. Trotzdem muss er sich bis heute für seinen defensiven Stil rechtfertigen. Ruedi Leuthold hat ihn in Rio de Janeiro besucht
Es war am Dienstagnachmittag, einen Tag zuvor war die brasilianische Nationalmannschaft in Weggis angekommen, um sich auf die WM in Deutschland vorzubereiten, und Carlos Alberto Parreira, ihr Trainer, 63-jährig, gab seine erste Pressekonferenz. In der eigens errichteten Halle eines Kaffeemaschinenherstellers drängten sich über hundert Journalisten, und draußen hatte das kleine Dorf am Vierwaldstättersee alles getan, um den Gäste den Eindruck eines fröhlichen Festes zu vermitteln: Brasilianische Fahnen hingen bis weit oben in die Berge, und in Dutzenden von Buden gab es all das, was man sich in Mitteleuropa unter der Leichtigkeit des brasilianischen Lebens vorstellt: Caipirinha, Samba, schöne Mädchen. Und dann sagte Carlos Alberto Parreira, mit der gleichen milden Ernsthaftigkeit wie immer: »Es ist wunderschön hier, aber wenn die Leute meinen, dieses Trainingslager sei eine große Party, dann werden wir uns einen anderen Platz suchen müssen, um zu trainieren.«
Das war ein kleiner Schock für die Einheimischen, die über eine Million Franken ausgegeben hatten, um in kurzer Zeit einen neuen Fußballplatz zu bauen, und die schon 40.000 Eintrittskarten für die Trainingseinheiten mit Ronaldinho und allen andern Stars verkauft hatten. Carlos Alberto Parreira aber übte sich wieder einmal als Festverderber. Wie schon 1994, als er Brasilien, zum ersten Mal nach 24 Jahren, zum Weltmeister gemacht hatte, stur seinen eigenen Weg verfolgend. Und der heißt: Ordnung und Solidarität. Das sind die Tugenden, die ihn selbst groß gemacht haben. Deshalb spielt Carlos Alberto Parreira auch niemandem vor, das Leben sei ein leichtes Spiel. Zuerst ist es Arbeit.
Er ist in einer bescheidenen Familie in Rio de Janeiro aufgewachsen, in seinem ersten Beruf war er Steuerbeamter, und bei den täglichen Fußballspielen mit den Freunden stand er im Tor. Er träumte davon, Konditionstrainer zu werden, und das wurde er auch, gegen den Willen seiner Eltern. Morgens besuchte er die Ausbildungsstätte des brasilianischen Verbandes, nachmittags ging er zur Arbeit, abends lernte er Englisch. Weil er der Einzige war, der eine Fremdsprache beherrschte, reiste er, als der ghanaische Fußballverband einen brasilianischen Schleifer bestellte, nach Afrika. Und mit den 5.000 Dollar, die er nach einem Jahr erspart hatte, fuhr er nach England, ins Land des Weltmeisters, nach Deutschland, ins Land des Vizeweltmeisters, um sich weiterzubilden. Das war 1967. Und weil er mit neuen Ideen nach Hause kam, nahm ihn Brasilien 1970 mit als Konditionstrainer zur Weltmeisterschaft in Mexiko. Pelé und die andern dankten es ihm, dass sie nicht mehr stundenlang Treppensteigen mussten, sondern die Muskeln bei Übungen mit dem Ball stärken konnten.
Nach dem WM-Sieg Brasiliens 1970 ging Parreira nach Kuwait, zuerst als Konditionstrainer. Später machten ihn die Ölscheichs zum Trainer, er qualifizierte die Mannschaft für die WM in Spanien 1982. Später qualifizierte er Saudi-Arabien für die Weltmeisterschaft in Italien. Dann wurde er Nationaltrainer von Brasilien, und mit einem defensiven Konzept gewann Parreira die WM 1994, das Finale wurde nach einem hässlichen, torlosen Remis im Penalty-Schießen entschieden. Danach trainierte er wieder Saudi-Arabien und seit 2003 wieder Brasilien.
Carlos Alberto Parreira, haben Sie mit Ihrer Spielweise die brasilianische Fußballkultur verraten?
Das Gespräch fand am Sitz des brasilianischen Fußballverbandes statt, in einem Nobelquartier außerhalb von Rio de Janeiro, gut bewacht, viel Glas und Edelholz, weit weg von den Armenvierteln, die so viele Fußballgötter produzieren, aber noch mehr Elend und Gewalt. Es war die Zeit, als Parreira schlaflose Nächte verbrachte, da er sein Aufgebot noch nicht bestellt hatte, immer auf der Suche nach dem perfekten Gleichgewicht innerhalb des Teams. Drei Mannschaften, sagte er, könnte er aus dem Meer von brasilianischen Talenten formen, drei Teams, die alle die Chancen hätten, das Endspiel zu erreichen. Während andere Trainer das Problem hätten, 20 gute Spieler zu finden, so seufzte er, habe er das Problem, 40 gute Spieler auszuschließen.
»Ich bin kein Trainer, sondern ein Verwalter von Höchstbegabten«
Jetzt aber lehnte sich der Trainer zurück, die Gesichtsmuskeln strafften sich, der Blick ging am Besucher vorbei und suchte scharf den Punkt an der Wand, wo sich die Missverständnisse ein für alle Mal klärten. »Das ist eine irrige Interpretation, die nur hier in Brasilien immer wieder aufgetischt wird. 1994 hat Brasilien nie wie eine europäische Mannschaft gespielt. Wir spielten ein 4-4-2 wie immer in Brasilien, verteidigten in der Zone wie immer in Brasilien, wir spielten mit der gleichen Ballfertigkeit wie immer in Brasilien, und nichts kopierten wir von den Europäern. Der einzige Unterschied, den einige Leute bis heute nicht verstehen, ist der, dass wir ein gut organisiertes und diszipliniertes Team besaßen. Aber langsam reicht es mir, diesen Unterschied zu erklären, wer es versteht, der versteht es, und die andern sollen es bleiben lassen.«
Nach dieser ungeduldigen Klarstellung sagte er, dass erst in einer starken Equipe das Talent des Einzelnen zum Ausdruck komme und dass 1994 Spieler wie Romario, Branco, Bebeto, Taffarel bereit gewesen seien, aus dem Desaster von 1990 zu lernen, wo es keine Solidarität gegeben habe und keine Organisation. Die Frage war naheliegend, was sich für ihn als Trainer jetzt verändere mit einer Mannschaft, die bereits Weltmeister geworden ist.
»Jetzt«, lachte er, »bin ich kein Trainer mehr. Jetzt betrachte ich mich als Verwalter, ein Verwalter von Begabungen, und manchmal weiß ich nicht, was schwieriger ist, Trainer zu sein oder ein Verwalter von Höchstbegabten.«
Was ist schwierig daran, Talente zu verwalten?
»Ich muss den Spielern nicht beibringen, was sie mit dem Ball tun müssen, wenn sie in den Angriff gehen. Die können alles. Ich muss ihnen vielmehr beibringen, wie sie ohne Ball spielen müssen, wie sie verteidigen müssen. Wenn das gelingt, werden wir schwierig zu schlagen sein.«
Sie haben mit Ronaldinho, Kaka, Adriano, Ronaldo, Robinho ein Feuerwerk in der Offensive. Werden Sie es wagen, es anzuzünden?
»Wir haben mit diesen Spielern bei der WM-Qualifikation gute Resultate erreicht, wir spielten teilweise brillant im Konföderationen-Cup in Deutschland. Wenn wir so spielen wie damals gegen Argentinien und den solidarischen Geist bewahren, können wir wieder Weltmeister werden.«
Für die meisten Ihrer Spieler, Herr Parreira, ist der Fußball eine Möglichkeit, dem Elend und der Armut zu entkommen. Wäre es denn nicht besser für Brasilien, mehr soziale Gerechtigkeit zu schaffen, statt so viele gute Fußballer zu produzieren?
Das war ein Pass in den Rücken der Abwehr; Parreira nahm ihn gelassen.
»Nur, weil Brasilien Weltmeister wird, nur, weil eine Woche lang Freude herrscht und das Selbstbewusstsein plötzlich riesig ist, wird sich im Lande überhaupt nichts verbessern. Wir wurden Weltmeister in Mexiko, in den USA, in Asien, und wir blieben ein armes Land ohne Schulen, ohne Spitäler, voller Gewalt. Der Fußball, ob wir gewinnen oder verlieren, ändert nichts, und kein Welmeistertitel löst das Problem der Arbeitslosigkeit, des Hungers, der fehlenden Bildung. Das muss die Politik schaffen, nicht der Fußball.«
Solange dies nicht geschieht, bleibt der Fußball Kompensation für wirtschaftliches und politisches Elend, eine Ersatzreligion, und Sie, Herr Parreira, werden am Ende der WM als Messias gefeiert oder als Teufel verdammt werden.
»So ist es. Aber das macht mir nichts aus. Man muss die Sachen zu trennen wissen, die Familie, die Freunde, die Gesundheit einerseits und die berufliche Karriere andererseits. Die dauert schon 40 Jahre. Meine Frau, meine Kinder, meine Freunde, meine Werte, all das wird bleiben, auch wenn wir die WM verlieren.«
Einmal, bei einer Verpflichtung als Trainer von Valencia, begann Parreira zu malen. Jetzt malt er Küstenlandschaften: Fischerboote, Fels und Meer; das hilft ihm, sich zu entspannen.
Wer, außer Brasilien, kann in Deutschland Weltmeister werden?
»Der Fußball ändert nichts – ob wir gewinnen oder verlieren«
»Mindestens acht Mannschaften können gewinnen, ohne dass es eine Überraschung wäre. Deutschland wird für alle ein sehr schwieriger Gegner werden, als Heimmannschaft mit dem Publikum im Rücken, die von der Tradition von sieben WM-Finals zehrt, gleich viele wie Brasilien. Argentinien, Holland, England, Frankreich, Italien, die Tschechische Republik und Portugal, alle können gewinnen. Frankreich hat mit Henry, Pires und Viera Spieler, die allein jedem Spiel eine Wende geben können. Mir gefallen die Tschechen, mir gefallen die Italiener, wie sie unter Lippi spielen, gelöster und offener. Und natürlich die Engländer, die seit 1966 nie mehr eine so starke Mannschaft besaßen.«
Man sagt, Ihre Mannschaft kann sich nur selbst schlagen, dann, wenn sie allzu siegessicher auftritt.
»Überheblichkeit hat noch nie eine WM gewonnen, das zeigt die Geschichte deutlich. Man braucht bloß an Brasilien von 1950 zu denken, von 1974 oder von 1982, all diese Teams waren Favoriten, galaktische Mannschaften aus einer anderen Stratosphäre, und sie alle verloren. Deshalb muss jede Überheblichkeit verschwinden. Auf dem Platz gibt es keine Favoriten. Das sind für mich die großen, unumstößlichen Wahrheiten, die Deutschland uns im Jahr 1954 gelehrt hat, als es Ungarn entzauberte. Kein Gegner ist unschlagbar. Der Ball ist rund. Das klingt banal, enthält aber eine große Weisheit. Weil der Ball rund ist, kann niemand seinen Weg voraussagen, er rollt, wohin er will.«
Herr Parreira, Sie haben schon gesagt, in Deutschland werde ein Krieg herrschen, alle gegen Brasilien. Wie soll man das verstehen?
Der Trainer der brasilianischen Nationalmannschaft lächelte, er breitete seine Arme aus, als wolle er all seine Gegner umarmen. »Nein, es gibt keinen Krieg. Es wird niemand umgebracht, es wird kein fremdes Land erobert.«
Dann fasste er sich wieder, packte die Tischkante: »Es geht um die emotionale Seite, um einen Krieg im guten Sinne. Man muss sich vorbereiten wie ein Krieger. Mit dem Strandköfferchen in der Hand gewinnt man keine Weltmeisterschaften.«
Das war es, was Carlos Alberto Parreira den enthusiastischen Fans in Weggis nahe zu bringen versuchte.
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