Sankt Georgen? Vielen Kunstfreunden sagt das zunächst einmal nichts; ein Städtchen auf einer Kuppe im Schwarzwald, 14000 Leute, irgendwie zwischen Stuttgart, Freiburg, Konstanz, Basel und Zürich gelegen, wiewohl von allen auch deutlich entfernt. In der Baugrube zum neuen Kunsthaus: Bärbel und Thomas Grässlin (hinten), Karola, Anna und Sabine Grässlin BILD

Der Bahnhof soll der höchstgelegene Intercity-Halt Deutschlands sein, auf seine Gleise hat es vergangene Woche noch geschneit. Unser Problem, sagt der Bürgermeister, ist die Topografie. Besucher führt er auf die Dachterrasse seines Rathauses; von bemoosten Waschbetonplatten aus weist er auf das Auf und Ab seines Ortes: Sankt Georgen fehle es an ebenen Flächen, am Berg gehe das Gelände immerfort hoch und runter. Industriebetriebe könnten sich nicht ausdehnen, »und wer will heute noch auf fünf Stockwerken produzieren?«

So steht viel leer in der Stadt: Fabriken, die einst feine und feinste Mechanik herstellten, Uhren, Plattenspieler, und kleine Läden, denen am Abhang die Kunden fehlen. Hier kommt nun die Kunst ins Spiel, die Familie Grässlin, inbesondere Thomas Grässlin, der mit Frau und vier Töchtern im Herzen der Stadt an der Bahnhofstraße wohnt.

Sein Haus ist das Verwaltungsgebäude einer früheren Fabrik für Belichtungszeitmesser. Auf der Glastür zum Badezimmer steht noch AV-EDV, die alte Abteilungsbezeichnung. Industrielle Vergangenheit imprägniert die familiäre Sphäre; andererseits ist die Wohnung durchzogen von moderner, ja modernster Kunst. Das Küchensofa von Franz West stand mal auf einer Documenta, einige Wände tragen die kraftvollen Farben von Günther Förg, an einer Säule hängt tönendes Gold von Rüdiger Carl und Burkard Kunkel, überm Schreibtisch schwebt eine Wäscheinstallation von Vincent Tavenne. Der Grässlinsche Loft könnte auch auf einer Documenta stehen als begehbares Kabinett.

»So sehen alle unsere Wohnungen aus«, sagt Thomas Grässlin und nimmt als Beispiel die Wohnung seiner jüngeren Schwester Sabine, die ein paar hundert Meter entfernt in einem von außen völlig unscheinbaren Sechziger-Jahre-Mietshaus liegt. Das Treppenhaus tapeziert mit Ausstellungsplakaten, im Wintergarten brusthohe Pilze aus buntem Stoff von Cosima von Bonin. Auf dem angrenzenden Naturswimmingpool vor der Kulisse Sankt Georgens dümpelt Das Inselbuch von Martin Kippenberger: ein lesender Frosch im Nikolausanzug unter einer betrunkenen Laterne. Der Frosch ist rot, sein Kostüm grün, die Laterne schwankt, bei Kippenberger ist auf Gewissheiten kein Verlass.

Vor dem Haus sitzt der Sammler als soziale Plastik

Die Grässlins leben seit drei Jahrzehnten mit und für Kunst. Dabei zählen sie nicht zu jenem Typ Sammler, der seine Schätze im Tresor verwahrt, um sich in stillen Stunden an ihnen zu erfreuen, oder der bei Sotheby’s auf den letzten Hammerschlag wartet, um ein Spekulationsobjekt in eine Millionensumme zu transformieren. Die meisten Werke der Grässlins passten auch gar nicht in Tresore: Sie wären viel zu sperrig, und sie brauchen das Gespräch. Legendär ist Kippenbergers Entwurf Verwaltungsgebäude für Müttergenesungswerk Paderborn aus vier aufgestapelten Paletten.

Im Erdgeschoss unter der Grässlinschen Wohnung an der Bahnhofstraße und von draußen durch große Fenster einzusehen, steht Der Bau von Reinhard Mucha, ein raumfüllendes Ungetüm aus schwarzen Brettern, 50000fach verschraubt. Die strenge Form bildet das Innere eines Tunnels ab. So wie bei Kippenbergers Frosch die Farben vertauscht sind, so ist Muchas Werk eine Art räumliches Negativ. Nicht der Berg mit dem Loch ist nachgebildet, sondern das Volumen der Röhre.

Im Schwarzwald hat man ein Faible für Eisenbahnen, die eine Abkürzung nehmen; noch heute stellen Italiener in Sankt Georgen die größte Gruppe ehemals Fremder, Nachfahren eingewanderter Tunnelbauer. Und Thomas Grässlin schwärmt, wie er mit dem Künstler Reinhard Mucha Gleise an der Schweizer Grenze abgeschritten sei, kilometertief in den Berg hinein, und sich in Nischen duckte, wenn plötzlich ein Zug in die Öffnung raste.

Lesen dies die Sankt Georgener, werden sie kaum den Kopf schütteln, oder sie tun es schon lange. Denn sie kennen ihre Grässlins. Regelmäßig gibt es öffentliche Führungen durch die Privaträume der Familie; sommers sitzt Thomas mit seiner Nanette vor dem Haus auf der roten Bank neben dem falschen Abfallkorb und den brutalen Blumenkästen (Teile der Installation Haltestelle von Ina Weber), bereit zum Gespräch, und er redet mit jedem.

Man könnte sagen: Hier sitzt der Sammler als soziale Plastik. Ein runder Mann von Ende vierzig mit Hornbrille und Hörgerät, offenem Hemdkragen und Hosenträgern und von vollendeter Eloquenz. Ob’s um Biobauern, Cassius Clay, ortstypische Bollenhüte, Free Jazz oder den neuesten Hype auf dem Kunstmarkt geht, Thomas Grässlin ist ein Feuerwerker subtiler Pointen.

Seine Familie kauft Kunst, an der alle teilhaben sollen. Seit einem Jahrzehnt schon präsentieren sie Installationen in den Straßen ihrer kleinen Stadt: in den leer stehenden Läden, an denen es nicht mangelt. Macht ein Geschäft zu, bitten sie um Nutzung, bis ein Nachfolger gefunden ist; sie zahlen keine Miete, bloß Heizung und Strom, dann rücken sie an mit weißer Farbe, Bohrmaschine, Dübeln und Kaltlichtstrahlern, und binnen weniger Tage verwandelt sich ein merkantiler Raum in eine Vitrine moderner Kunst. Im Fenster liegt die Telefonnummer des Hausbesitzers: Wird der Laden vermietet, zieht die Kunst wieder aus.

Erklärt wird nichts. So kommen die Spaziergänger in der Sommerauerstraße an einer früheren Drogerie vorbei und erblicken zwei ausgestopfte Personen, die regungslos bei Tische liegen. Beide sind sichtlich fertig, einer hat sich eben noch gelb-grün erbrochen, unverdrossen flimmert der Fernseher. Ein Werk von Kai Althoff: Reflux Lux, 1998.

Fragen wir doch mal dieses Paar, eine ältere Dame mit ihrem Begleiter. Entschuldigung, wie finden Sie die Sankt Georgener Schaufensterkunst? Sie, wie aus der Pistole geschossen: »Das hier geht ja noch«, sie zeigt auf die Puppen, »für Armut und Hunger hab ich Verständnis, aber das!«, sie weist empört ins Nachbarfenster. Zu sehen ist ein fahler, gemauerter Kamin, und oben, zum Schornstein hin, steht eingemeißelt: »Im Arsch ist’s finster!« Das geht der Dame zu weit. Ihr Mann sagt nichts. Dann ziehen sie ihres Wegs. Das war übrigens Schlot, von Georg Herold, 1984.

Man kann einige Zeit damit verbringen, Sankt Georgener Passanten nach den Grässlinschen Läden zu befragen. Das gezeigte Verständnis ist gering, aber das gezeigte Unverständnis auch. Verfluchungen sind nicht zu hören, auch gibt es keine eingeworfenen oder beschmierten Scheiben. Spricht man den Bürgermeister auf die Toleranz seiner Bürger an, wird er ganz leidenschaftlich: »Warum kann Kunst nicht in der Provinz sein? Leben da andere Menschen? Haben die nicht die Antennen? Vielleicht haben wir noch einen ganz natürlichen Zugang zu solchen Dingen!«

Hörbar Anstoß an einer Plastik, die vor dem Rathaus stand, nahm ausgerechnet sein Vorgänger, der Altbürgermeister: Der Transportable Lüftungsschacht des von Martin Kippenberger ansatzweise errichteten weltweiten U-Bahn-Systems endete so unglücklich in Kopfhöhe, dass der Würdenträger dagegenrannte. Sein Amtsnachfolger ließ die Plastik nicht entfernen, sondern rahmte ihren freischwebenden Ansaugstutzen mit rot-weißen Absperrbaken; nun sah es so aus, als würde der Lüftungsschacht jeden Moment eingebaut.

Tatsächlich aber zieht er nur um: in die Bahnhofstraße nämlich, vor einen Neubau, der den Namen Sankt Georgens in die Kunstwelt hinaustragen wird. Am kommenden Wochenende, rechtzeitig zur Art Basel, eröffnet die Familienstiftung Grässlin ihren Kunstraum. Es ist ein White Cube von 200 Quadratmeter Stellfläche und einer Deckenhöhe von fünfeinhalb Metern. In seiner Schlichtheit raffiniert gebaut von Lukas Baumewerd aus Köln.

Der Kunstraum soll künftig Ausgangspunkt sein für die Durchwanderung Sankt Georgens und seiner Umgebung. Er vollendet das familiäre Sammlungskonzept als Schnittstelle zwischen privaten Räumen und öffentlichem Raum. Auch zwischen Lager und Gelage, ist er doch eingebettet ins Depot zur Rechten und das Kippys zur Linken, einen Café-Restaurant-Club, betrieben von Sabine Grässlin.

40 Künstler, 150 Arbeiten, Freibier für 3000 Leute

Kippys hieß das Restaurant, das der große Trinker Kippenberger einst in Los Angeles entdeckte und als seines reklamierte. Er – der neben Albert Oehlen und Mike Kelley im Fokus der jetzt beginnenden Ausstellung steht – hat einige Jahre in Sankt Georgen gelebt, angelockt von den Grässlins, die sich für seine Sachen begeisterten, als noch kein Kurator etwas von ihm wissen wollte. Er starb mit Mitte vierzig, 1997, erst danach erlebte seine Arbeit Anerkennung.Kippenberger feierte Weihnachten mit den Grässlins, von ihnen bekam er die ersehnte Carrera-Bahn; zu ihm – wie zu anderen Künstlern auch – hielten sie keinen Abstand; ihr Leben ist Teil der Kunst, die sie sammeln.

Der gelernte Feinmechaniker Dieter Grässlin hatte in den fünfziger Jahren eine eigene Firma gegründet, die sich auf Zeitschaltuhren spezialisierte. Mit seiner Frau Anna bekam er vier Kinder. Thomas, Jahrgang 1957, hatte einen schweren Start. Als Säugling durch eine knapp überlebte Infektion nahezu ertaubt, schaffte er unter Mühen den Anschluss in der Schule und wurde später Ingenieur. Nach dem Tod des Vaters brachte er die Firma als Geschäftsführer zu internationaler Größe, verkaufte sie schließlich an General Electric. Vom Vater stammt der Sinn für Kunst, den alle Geschwister teilen. Zwei Schwestern leben sogar davon, Bärbel Grässlin als Galeristin in Frankfurt, Karola als Kunsthallendirektorin, demnächst in Baden-Baden. Die vom Vater intuitiv begonnene und von der Mutter zusammengehaltene Sammlung des Informel erweiterten die Kinder um Kunst ihrer Generation, die sie seit 25 Jahren gemeinsam nach definierten Kriterien ankaufen: wenige Künstler, neue Ansätze, Hingabe, Konsequenz, Distanz zu den Moden des Kunstbetriebes.

Im Falle von Kippenberger ist das Konzept aufgegangen; so gut, dass die Grässlins manchmal fürchten, nur mit ihm identifiziert zu werden. In ihrem Kunstraum, den Privaträumen und den Ladengeschäften stellen sie vom kommenden Wochenende an insgesamt 40 Künstler mit 150 Arbeiten aus. Wie es ihre Art ist, beginnt die Schau nicht vor dem geladenen Kunstpublikum aus aller Welt, sondern mit einem Tag der offenen Tür für alle. 3000 Leute könnten es werden: Unternehmen aus der Region spendieren Freibier und Würstchen; im Ort haben die Geschäfte bis abends geöffnet. Mögen andere Fußballfeste feiern, Sankt Georgen feiert die Kunst.

Kunstraum Grässlin, Tag der offenen Tür, 10. Juni, 11–18 Uhr; Öffnungszeiten (vom 15. Juni an): Donnerstags 17–21 Uhr; samstags und sonntags 12–18 Uhr. Museumstraße 2, 78112 St. Georgen