Familien, die sich unter Erziehungstragödien, beispielsweise der Drogensucht eines Sprösslings krümmen, erleben nicht selten Auftritt und Einmischung eines bestimmten Typus: des neutralen Onkels. Er bietet sich als temperierter Gesprächspartner an, als Beichtvater für alle. Er gefällt sich in der Rolle des küchenpsychologischen Problemverstehers beider Seiten. Dem Vater, der drauf und dran ist, das Junkie-Söhnchen kurzerhand mal zu versohlen, fällt er in den Arm. Dem Sohn erklärt er sensibel die Welt und dass er auch mal jung war. Anders gesagt: Onkel ist nicht unbedingt sympathisch. Von Onkel geht, wenn auch im Einzelfall schwer nachweisbar, eine bestimmte Art voyeuristischer Selbstgerechtigkeit aus. Nicht weit entfernt von jener Art Selbstüberschätzung, die gern ein bisschen heimlich manipuliert. Dabei wirkt Onkel natürlich immer seriös bis zur vollendeten Unangreifbarkeit.

So viel zur Wirkung des Buches Celebrities von Borwin Bandelow. Dieser ist promovierter Diplompsychologe, arbeitet an der Psychiatrischen Uniklinik Göttingen und hat vor zwei Jahren einen Bestseller über das Phänomen der Angst veröffentlicht. Er verfügt über den derzeit angesagtesten Sachbuchstil. Borwin Bandelow schreibt über Dinge, die die Wissenschaften aufs komplizierteste beschäftigen, so, dass jeder sie versteht und niemand sagen kann, er schreibe trivial. In diesem Stil mediokrer Welterklärung erklärt Onkel Bandelow uns nun, warum so auffallend viele Stars, vor allem solche aus der Rock-, Pop- und Filmszene, ihr Leben als einen einzigen Abusus gestalten und den radikal lebensverkürzenden Weg vom Erfolg zum Exzess, vom Exzess zum Ruin gehen. Auf den ersten Blick gibt die Empirie dem Autor ja Recht: Billie Holiday, Jerry Lee Lewis, Elvis Presley, Jimi Hendrix, Brian Jones, Janis Joplin, Jim Morrison, Marvin Gaye, Michael Hutchence, Sid Vicious, Kurt Cobain… – um nur die prominentesten der langen Liste an Sucht- und Todeskandidaten zu nennen. Man könnte nicht sagen, dass Michael Jackson besonders okay aussieht. Robbie Williams ist auch nicht das, was Eltern sich als Schwiegersohn wünschen; das stimmt schon.

Nun lautet Bandelows These: All diese Leute gingen nicht zugrunde, weil das Star-Dasein sie so ramponierte. Sondern sie wurden überhaupt nur Stars, weil sie von Haus aus an einer Störung litten. Die Störung lenkte sie ins Genialisch-Destruktive, und das wiederum macht sie für uns so interessant. Das pathologische Schlüsselwort von Bandelows Argumentation lautet: Borderlining. All die oben Genannten, von denen der Göttinger Diplompsychologe so viel weiß wie wir, nämlich aus zweiter Hand Berichtetes, waren Borderliner. Edith Piaf und Klaus Kinski waren Borderliner. Lady Di auch. Irgendwie war auch Karl May Borderliner. Also jeder Berühmte, der einen gewissen Sprung in der Schüssel hat.

Borwin Bandelow versteht sie alle, durchschaut jede Biografie. Die onkelhafte Vereinnahmung seines Zugriffs ist schon enorm, seine psychologische Verstiegenheit gepaart mit Einfalt. Was Bandelow vollkommen übersieht, ist die Bedeutung des Kulturellen. Denn Stars haben nicht nur ein individuelles Schicksal, sondern auch ein kollektiv-ästhetisches. Sie verkörpern die kulturelle Gestalt ihrer Branche und deren Tradition. Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass Anne-Sophie Mutter an einer Überdosis Crack sterben wird. Und ziemlich wahrscheinlich, dass Pete Doherty die Ausraster, die ihm das Rollenimage seiner Branche abverlangt, noch eine Zeit lang beibehält.

Nun ist Borwin Bandelows Buch über die Celebrities nicht nur ein bisschen schlicht. Es besitzt, hinter der Beichtvatermiene gut versteckt, den unangenehmen Zug reißerischer Aneignung und manipulierender Spekulation (wissenschaftlich unhaltbar ist es sowieso). Über Marilyn Monroe schreibt der Psychologe mal so nebenhin: »Wie viele Männer Marilyn in ihrem Leben gehabt hat, ist nicht bekannt« (eben!), »aber für zahlreiche Beziehungen gibt es Belege« (was bitte gilt an der Göttinger Psychiatrie als Beziehungsbeleg?), »und ihr Sexualverhalten konnte man durchaus als promiskuitiv bezeichnen.« Onkelchen, das ist Bild- Zeitungs-Niveau, nur feiner ausgedrückt.