Edward Tulane, ein kostbarer Porzellan-Hase, lebt bei einem Mädchen aus allerbestem Hause. Er wird geliebt, in seidene Gewänder gekleidet und besitzt eine goldene Uhr. Aber Edward ist kalt, blasiert und undankbar – bis ihn das Leben in eine unbarmherzige Schule schickt. Verlassen, arm, gedemütigt, lernt er Angst, Sehnsucht, Schmerz und Hoffnung kennen und trifft ganz zum Schluss das kleine Mädchen, inzwischen zur Mutter geworden, wieder: ein bitteres Happy End, denn sein Preis sprengt, was im Kinderbuch in der Regel dafür bezahlt wird. Nur das Volksmärchen und einige Kunstmärchen von Hans Christian Andersen machen ähnlich harte Rechnungen auf.

Der Hase ist ein amerikanischer Held, gebrochen wagt er immer wieder neue Anfänge. Man muss Edward nicht lieben. Meisterhaft setzt die Autorin diesen für Kinder ungewohnten Gang der Dinge in Episoden um, die fest im Gedächtnis bleiben. Die Stationen auf dem Weg vom kalten Porzellan zum heißen Hasenherzen sind gleichzeitig archetypisch und bekannten US-Mythen verpflichtet: kühle Geldaristokratie, ein altes Fischerpaar, Landstreicher on the road, white trash bei der Landarbeit, der geniale Puppendoktor. Europäische Leser sollten dabei eher an Frank Baums Zauberer von Oz und Mark Twain als an Collodis Pinocchio und Hoffmanns Nussknacker denken.

Kindern wird mit diesem gekonnten Erzähl-Cross-over ein wunderbares Erlebnis geschenkt, dessen Höhepunkt in Kapitel 22 Edwards Delirium von Liebe, Tod und Erwachen darstellt – eine Szene, wie sie die Kinderliteratur seit Astrid Lindgrens Brüder Löwenherz nicht mehr gezeigt hat. Alle, die ihn geliebt haben, sind um ihn versammelt. Er will zu seiner verstorbenen Freundin in den Himmel fliegen, also sterben. Aber die Liebe der anderen hält ihn am Boden.

Fast bibliophil ist das Buch ausgestattet. Der in Russland geborene und ausgebildete Künstler Ibatoulline begleitet den Text mit Illustrationen unterschiedlicher Techniken, die ungeniert Zitate quer durch die Kunstgeschichte von der flämischen Schule bis Hopper benutzen – ein kongenialer Schachzug, der Zeit und Ort der Handlung ebenso bricht wie der Text. Das unnachahmliche Mienenspiel Edwards hat er vorher an einer Puppe modelliert und malerisch umgesetzt. Kate DiCamillo, die 1964 im Süden der USA geborene, für ihre Kinderbücher international mit Preisen überhäufte Autorin, gehört zu den erfolgreichen Global Player der Kinder- und Jugendliteratur. Dazu wird auch dieser neue Glücksfall der internationalen Kinderliteratur beitragen. Birgit Dankert