Alles läuft nach Plan. »Jetzt sollten gleich die Gäste die Treppe herunterfließen«, sagt Pressesprecher Karl Schlich leise in sein Handy. Dann fließen sie, die rund 400 Mitglieder der internationalen Schriftsteller-Vereinigung PEN, wie ein bunter Wasserfall ergießen sich Autoren aus aller Welt über die Südtreppe des Kanzleramts. Unten, im angrenzenden Ehrenhof, schiebt derweil ein Mitarbeiter einen Pulk von Fotografen zur Seite: »Bitte hier frei machen für den Einmarsch.« Unter dem Applaus der Gäste erscheint die Kanzlerin, im Schlepptau den Staatsminister für Kultur, Bernd Neumann, der mit seiner blassgrünen Krawatte und dem Einstecktüchlein wie ein Accessoire zur Kanzlerin in ihrem grasgrünen Jackett wirkt. 20 Minuten spricht Merkel, dann folgt ihr der Schwarm zum Sektempfang im ersten Stock. Es ist der erste große kulturpolitische Termin in Merkels Kanzleramt. BILD

Plötzlich ist das grasgrüne Jackett verschwunden. Während einige Gäste noch auf ein gemeinsames Foto mit Merkel hoffen, ist die längst wieder regieren gegangen.

Willy-Brandt-Straße 1: acht Etagen, 350 Büroräume, 500 Schreibtische, 232650 Kubikmeter umbaute Fläche, rund 450 Mitarbeiter – das Kanzleramt, Zentrale der Macht. 36 Meter ist es hoch, größer als das Weiße Haus oder 10 Downing Street, niedriger als der gegenüberliegende Reichstag mit seinen 47 Metern, der Höhenunterschied ist mit Bedacht gewählt.

Keine andere Adresse macht auf der Visitenkarte eines Politikers oder Beamten mehr her, der Schriftzug »Bundeskanzleramt« zählt mehr als jeder Doktortitel. »Natürlich könnten wir Gäste auch in unsere Konferenzräume im Bundespresseamt bitten«, sagt Maria Böhmer, die als Staatsministerin für Integrationsfragen mit Merkel ins Kanzleramt einzog und deren Mitarbeiter nicht alle im Haus sitzen. Aber man lädt ins »Kanzleramt«, weil das Eindruck macht. Wer jemals auf Böhmers weitem Balkon gestanden hat, versteht das gut: Blick auf den Reichstag, nach oben fünf Meter bis zur nächsten Etage, ein Ort, an dem man nach jedem Wort einen Orchestertusch erwartet.

Wer hier arbeitet, verfügt über abgeleitete Macht, die sich aus der Nähe zur Kanzlerin ergibt. Dabei ist Angela Merkel formal nicht einmal Chefin des Amtes, Kanzleramtsminister ist Thomas de Maizière. Die Macht des Amtes ist schwer greifbar. Wer sich auf die Suche nach ihr macht, entdeckt unter anderem, dass es einen speziellen Merkel-Typus gibt, der diese Macht vorzugsweise verliehen bekommt. Er hört oft, wie wichtig die Wahl des richtigen Zeitpunktes für politische Entscheidungen ist, und er trifft Entscheider, die Politik nicht inszenieren wollen und daraus manchmal eine ganz eigene Inszenierung machen.

Das Kanzleramt ist vieles: Frühwarnsystem und Clearingstelle, Dienstleister der Kanzlerin, Showroom bei Staatsbesuchen und manchmal sogar Wohnort des Regierungschefs. Doch egal, was Merkels Mitstreiter tun: Das, was man am besten sehen kann, wie etwa die glamourösen Gäste auf dem PEN-Empfang, ist eher unwichtig. Ihre größten Erfolge haben die Helfer der Kanzlerin, wenn man ihr Wirken nicht bemerkt, weil die Gesetzgebung funktioniert, also die Fachressorts sich verständigen und ihre Pläne dem Willen Merkels entsprechen.

Die kommenden Wochen bis zur Sommerpause werden zum Härtetest der Großen Koalition, weil zwei zunehmend gereizte Volksparteien sich über heikle Großprojekte wie die Gesundheitsreform oder die Neuordnung des Föderalismus verständigen müssen. Gerade solche Zeiten sind auch Bewährungsphase für die Krisenmanager im Kanzleramt.

Es gibt kein maßgebliches Projekt der Koalition, vom Elterngeld bis zur Reform des Föderalismus, bei dem Merkels Helfer nicht geschoben, gebremst oder wenigstens zustimmend genickt hätten. Je komplizierter das Vorhaben, je vielschichtiger die Interessen und Akteure, desto wichtiger wird ihre Arbeit. Sie müssen nicht nur Kenner der Materie sein, sondern zugleich Politikmanager, die neben komplizierten Inhalten auch die Akteure in den Fraktionen, Bundesländern, Parteizentralen und Verbänden im Blick haben. Das ist in einer Großen Koalition mit ihren konkurrierenden Machtzentren besonders schwer. Das Bauwerk »Kanzleramt«, noch von Helmut Kohl in Auftrag gegeben, kommt autoritärer daher, als es die Politik momentan sein kann.

So wuchtig das Gehäuse der Macht ist, so unsichtbar ist sie selbst. Die Macht steckt in Organigrammen und Aktendeckeln, sie verbirgt sich hinter sperrigen Wortattrappen und Abkürzungen: Chef BK, Morgenlage, Teilnehmerformel, Richtlinienkompetenz, Vorhabenplanung, Weisungsbefugnis, Sachverhalt. Das war bei Gerhard Schröder so, der sich gern als kumpeliger Kanzler zum Anfassen gab. Bei Angela Merkel ist die »neue Nüchternheit« Programm.

Die wichtigste Runde gibt es offiziell gar nicht. Kanzleramtschef de Maizière spricht nicht einmal darüber, wer dazugehört, wenn sich morgens die engsten Vertrauten von Angela Merkel um einen kreisrunden Tisch versammeln. Außer de Maizière ist Merkels Büroleiterin Beate Baumann dabei, die Frau, die Merkels Gedanken denken kann. Planungsstabschef Matthias Graf von Kielmannsegg gehört dazu, Regierungssprecher Ulrich Wilhelm oder sein Stellvertreter Thomas Steg und die Staatsministerin Hildegard Müller. Wenn es die politische Lage erfordert, stoßen Unions-Fraktionschef Volker Kauder und CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla zur Morgenlage.

Meistens sitzt auch Michael Wettengel dabei, seit Jahren Merkels Mann für Personalfragen und nun Abteilungsleiter im Kanzleramt. Wettengel kennt wie kaum ein anderer die Talente der CDU in der Fraktion, der Parteizentrale oder den Staatskanzleien der Länder. Oft kommt der entscheidende Anruf von ihm, wenn in Merkels Nähe ein attraktiver Job zu besetzen ist.

In keiner anderen Runde wird so offen geredet; aus keiner Runde dringt so wenig nach draußen. Es gibt kein festes Programm und keine Tagesordnung, auch wenn es immer um die Presse-Berichterstattung und das Tagespensum geht. Aber wenn plötzlich eine deutsche Geisel im Irak gerettet werden muss oder mal wieder ein SPD-Chef zurücktritt, wird darüber gesprochen. »Man weiß morgens nicht, was abends ist; im Kanzleramt ist eine Woche eine sehr lange Zeit«, sagt Friedrich Bohl, der unter Helmut Kohl das Amt leitete. De Maizière schätzt, dass er nur zwei Drittel seiner Arbeitszeit nach Plan verbringt.

Nicht einmal halb so groß wie Merkels Arbeitszimmer ist der Eckraum, durch dessen deckenhohe Fenster Merkels Führungszirkel gegen 8.30 Uhr auf die Spree schaut. Dort schippern zu dieser Zeit die ersten Touristenboote. Hildegard Müller bringt als Einzige meistens kleine Zettel mit, auf denen sie Detailfragen notiert. Graf Kielmannsegg hat den besten Blick, er sitzt dem Fenster gegenüber. Den schlechtesten Platz hat ausgerechnet die Kanzlerin erwischt: An ihrem Platz stoßen zwei Hälften des Tisches aneinander, ein Tischbein ist im Weg. Angela Merkel muss meistens erst mal ihren Stuhl zurechtrücken. Auf einem Gruppenfoto würde die Ähnlichkeit von Merkels Vertrauten auffallen: »Die sind ein Schlag«, sagt einer, der alle aus der Nähe kennt: »kontrolliert, höflich, nüchtern, marktwirtschaftlich, bürgerlich, religiös und mit ausgeprägtem analytischem Verstand.«

Keiner, der morgens bei Merkel am Tisch sitzt, äußert in der Öffentlichkeit eine andere Meinung als die Kanzlerin. Wenn Graf Kielmannsegg an den schwarz-roten Gesundheitsberatungen teilnimmt oder Hildegard Müller mit einem CDU-Ministerpräsidenten telefoniert, will das Gegenüber die Haltung von Merkel hören, sonst nichts. Müller ist zuständig für die Kontakte zur Partei und zu den Ländern, sie gilt als geräuschlos-effizient. Sie ist Abgeordnete und damit außer Merkel die einzige gewählte Politikerin der Runde, trotzdem gibt sie seit dem Regierungswechsel nur selten Interviews. »Je weniger ich in eigener Sache sprach, desto mehr Einfluss hatte ich«, sagt Bohl. »Und wenn man als Stimme des Kanzlers gilt, ist das ein Lob.«

Über den Singenden Knaben und das Liebespaar, zwei zierliche Skulpturen, fällt der Blick vom Schreibtisch auf den neuen Hauptbahnhof. Hier, in der siebten Etage des Kanzleramts, eine Flurlänge von Angela Merkel getrennt, arbeitet Thomas de Maizière, der »Chef BK«, wie er im Hause heißt. Im Rücken hat de Maizière zwei Fahnen, die deutsche und die europäische, überflüssig eigentlich, wie der Hausherr findet. »Patriotismus kann man nicht ausstellen, man muss ihn leben«, sagt de Maizière. Die Skulpturen, zwei Werke seiner verstorbenen Mutter, und ein schlichtes Holzkreuz in einer Nische vor dem Schreibtisch sind der einzige Anflug von Privatheit, den der Chef BK sich hier gestattet.

Er schätzt das Dienstgebäude nicht sehr, zu groß, zu protzig, zu autoritär, mit den zwölf Lichthöfen und Wintergärten, die eine Agora-Vorstellung von Politik widerspiegeln sollen, aber nur nutzlos sind, den Bäumen, die echt sind, aber künstlich wirken in all dem Beton, den Wänden, die in der so genannten Leitungsebene gebogen sind, sodass man schwer Bilder aufhängen kann. Einfach unangemessen erscheint ihm das, so ein Gebäude habe schließlich eine »dienende Funktion«, sagt de Maizière.

Ordnung, Recht, Pflicht, das sind Begriffe, die man häufig aus seinem Mund hört. Als die Kanzlerin ihn anrief, um zu fragen, ob er ihr Kanzleramtsminister werden wolle, erbat er sich eine kurze Bedenkzeit, um das Placet seiner Familie einzuholen. Einen anderen Absagegrund werde sie nicht akzeptieren, hatte Merkel ihm gleich dazugesagt, ein anderer wäre für de Maizière auch nicht infrage gekommen. Eine solche Bitte einer Kanzlerin, sagt er, das sei ein Angebot, das man nicht ablehnen könne, eine Pflicht und eine Ehre. Seine Aufgabe hat er als »Mischung aus Lotse, Erstem Offizier und manchmal Feuerwehrmann« beschrieben.

Dass der BND Journalisten künftig nicht mehr als Quellen führen darf, hat er entschieden, aber er hat den Erlass bewusst nicht mit seinem Namen verbunden. Ist Politik, wie Vizekanzler Franz Müntefering gern sagt, hauptsächlich Organisation? Als bloßer Hausmeier Merkels will de Maizière keinesfalls gesehen werden: »Ich bin in die Politik gegangen, um Inhalte durchzusetzen.« Das haben vermutlich alle seine Vorgänger so gesehen, aber nicht alle haben es so deutlich gesagt.

In einem der Besprechungsräume hängen sie übrigens, schwarzweiß fotografiert, die Chefs des Kanzleramts, darunter viele bekannte Namen wie Hans Globke, Karl Carstens, Horst Ehmke, Wolfgang Schäuble und Frank-Walter Steinmeier. Es ist die wohl einzige Ahnengalerie, in der sich der aktuelle Amtsinhaber schon zu Dienstzeiten wiederfindet. Thomas de Maizière ist auf den Fotos der 18. Chef BK und der einzige, der lacht.

Was er schätzt: Klarheit. Der 52-Jährige gibt entweder schnörkellose Antworten, oder er schweigt. Was ihn verrückt macht: dass man in der Politik so oft drum herumreden muss, dass Symbole oft wichtiger genommen werden als Inhalte, dass vor lauter Kompromisssuche die klaren Linien im Kopf oft verloren gehen. In der Großen Koalition ist das noch ausgeprägter, ständig geht es um Gesichtswahrung. Sein Ziel sei, die Symbollastigkeit in der Politik zurückzudrängen und die Dominanz des Inhaltlichen über die Inszenierung herzustellen, sagt der gebürtige Bonner und weiß doch zugleich, dass die Politik Symbole braucht, die Flaggen im Büro sind so ein Fall, aber auch die Reichensteuer oder der Integrationsgipfel, den eigentlich im Kanzleramt keiner wollte, der aber nach den Ereignissen an der Berliner Rütli-Schule unvermeidlich schien.

Meistens sitzt de Maizière ganz ruhig da, ein schlanker, drahtiger Mann, blaue Augen hinter rechteckigen Brillengläsern. Wenn ihm ein Punkt besonders wichtig ist, zieht de Maizière zur Bekräftigung die Augenbrauen hoch. Später, wenn er nicht mehr Kanzleramtschef ist, »so in 16 Jahren«, sagt Thomas de Maizière und grinst, da will er ein Buch schreiben über die Bedeutung von Rhythmen für die Politik.

Das nämlich sei vielleicht das Wichtigste, sagt er und zieht die Augenbrauen hoch, das Gefühl für den richtigen Zeitpunkt, die Gelegenheit, occasione, wie Macchiavelli es genannt hat. Bei manchen Dingen, wie dem EU-Beitritt von Rumänien und Bulgarien, da muss man reden, reden, reden, damit sich alle beteiligt fühlen und das Vorhaben mehrheitsfähig wird. Manchmal, wie bei der Rente ab 67, da muss man ganz schnell handeln, weil die Sache sonst zerredet würde und man Gegnern Zeit geben würde, Argumente und Truppen zu sammeln.

Die Kanzlerin ist eine Meisterin des Abwartens, ihm selbst fällt es eher schwer. Nach einer knappen Stunde Gespräch ruhen de Maizières Arme noch immer auf den Lehnen, wie ein Pilot sitzt er da, der auf die Starterlaubnis wartet. Doch die Beine führen bereits ein wibbelndes Eigenleben. Der nächste Termin steht an.

Im Kanzleramt werden keine Gesetze gemacht, das unterscheidet die Arbeit der Beamten hier von der in den Ministerien. Die sechs Abteilungsleiter haben weniger Personal, und sie verteilen weniger Geld als ihre Kollegen in den Fachressorts. Selbst einfache Referenten müssen Generalisten sein, die innerhalb weniger Stunden Vermerke zu wichtigen Fragen anfertigen können. Als Höhepunkt der täglichen Routine und Härtetest zugleich gilt es, wenn die Kanzlerin spontan beim Referenten anruft und Auskünfte erwartet.

Konflikte innerhalb der Regierung, so die Vorgabe des Chefs BK, sind im Kanzleramt zu »internalisieren«. Die meisten Referenten, sagt Bernd Pfaffenbach, seien deshalb »wandelnde Vermittlungsausschüsse, die zwischen den Ressorts eher moderieren als steuern«. Pfaffenbach, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, diente erst Kohl, dann Schröder als Wirtschafts-Abteilungsleiter, nun hört Angela Merkel auf seinen Rat. Er hat ein freundliches Gesicht, lacht viel und wirkt harmloser, als ein Kanzlerberater sein kann. »Richtlinienkompetenz«, sagt er, »hat der Kanzler, aber nicht das Amt.«

»Internalisieren« ist harte Arbeit und funktioniert ungefähr so: Wenn etwa Fachbeamte des Umwelt-, Wirtschafts- und Finanzministeriums mit dem zuständigen Vertreter des Kanzleramts über eine Gesetzesvorlage beraten, so hat einerseits das Wort von Merkels Mitarbeitern großes Gewicht. Das gilt besonders, wenn sie sich vorher »einen roten Strich geben lassen«, wie es im Hausjargon heißt, wenn sich also der Referent die Rückendeckung des stets in Rot zeichnenden Chefs BK schriftlich holt.

Andererseits verfügen die einzelnen Häuser über geschickte Abschottungsstrategien. Zieht das Kanzleramt Zuständigkeiten zu früh an sich, schieben die Ressorts gern auch mal Probleme ab und schicken erboste Lobbyisten weiter (»Haben Sie das eigentlich schon im Kanzleramt vorgetragen?«). Solche Anstürme kann das Amt kaum bewältigen, bei der Gesundheitspolitik etwa stehen zwei Referenten, ein Gruppen- und ein Abteilungsleiter 140 Fachleuten von Ministerin Ulla Schmidt gegenüber.

Die Arbeit ist nichts für Freigeister – nach außen mögen die Beamten Macht haben, intern sind sie in strenge Hierarchien eingebunden. Alle Vorlagen gelangen über die so genannte Hühnerleiter nach oben: Der Gruppenleiter zeichnet in Braun ab, der Abteilungsleiter in Blau, der Kanzleramtschef in Rot und die Kanzlerin in Grün.

Schon der morgendliche Weg ins Büro macht dem gemeinen Referenten täglich bewusst, dass ihm in der Schaltzentrale der Macht nur die Rolle eines kleinen Rädchens zugedacht ist. Die Büros der so genannten Arbeitsebene, im Amt als »Legebatterien« verspottet, wirken neben den großzügigen Fluren und Treppen im Erdgeschoss und auf der Leitungsebene umso kleiner. Der Architekt habe das Amt als Galeere entworfen, »wo oben einer trommelt und unten gerudert wird«, sagt Wolfgang Nowak, unter Schröder Chef des Planungsstabs. Anders als 10 Downing Street, wo man sich ständig zwangsläufig begegne, tauge das »Haus der langen Korridore« nicht zum informellen, schnellen Gedankenaustausch.

Tatsächlich sind die Entfernungen im Haus so groß, dass in den Schröder-Jahren einige Mitarbeiter mit kleinen Tretrollern durch die Gänge flitzten. Heute geht die Führungsmannschaft, deren Termine oft im 15-Minuten-Rhythmus getaktet sind, schon deswegen selten in die Kantine, weil für Hin- und Rückweg eine Viertelstunde einzuplanen ist. »Da ist der Verdauungsspaziergang gleich mit dabei«, spottet einer von ihnen. Außerdem schließt die Kantine schon um 17 Uhr. Staatsministerin Böhmer hat sich im Büro deshalb eine eiserne Reserve von Jogurts mit Cornflakes zugelegt.

Das Lagezentrum. Kaum irgendwo ist so viel los wie hier. Während auf der Leitungsebene meist unwirkliche Stille herrscht, hört man hier fröhliches Gelächter und rheinische Töne. Neunmal am Tag findet ein Briefing statt, um sicherzustellen, dass die Bundeskanzlerin 24 Stunden am Tag zu erreichen ist, ständig gehen neue Tickermeldungen ein, die ausgewertet werden müssen. Findet sich am nächsten Tag etwas wirklich Neues in der Zeitung, ist das schlecht. Gibt es eine Entführung oder irgendeinen anderen Notfall, entscheidet der Chef vom Dienst, ob und wie die Kanzlerin und der Chef BK zu informieren sind. Will die Kanzlerin mit einem ausländischen Staatsoberhaupt telefonieren, stellen die Mitarbeiter des Lagezentrums die abhörsichere Verbindung her, sie haben die Telefonnummern von Staats- und Regierungschefs aus der ganzen Welt. Die meisten, die hier im vierten Stock arbeiten, sind Angehörige und Offiziere der Bundeswehr. Eine besondere Ausbildung brauche man nicht, sagt der Diensthabende. »Was hier zählt, ist in erster Linie der gesunde Menschenverstand.«

Die Teilnehmerformel. Wer im Kanzleramt wirklich Einfluss hat, lässt sich nicht am Organigramm ablesen, auch nicht am Arbeitszimmer oder am Dienstwagen. Eher helfen schon die kleinen bunten Heftchen, die auf Auslandsreisen der Kanzler an die Delegation verteilt werden. Oder die Gesprächsvermerke, die Referenten nach den Kanzlerterminen schreiben. »Teilnehmerformel« heißt die Chiffre für die Nähe zur Kanzlerin und damit zur Macht.

Wer am Tisch sitzt, wenn die Kanzlerin den französischen Präsidenten trifft oder mit Gewerkschaftern zu Abend isst, lernt Merkels Denkweise kennen, kann ihr spontan Ideen zuraunen und bekommt schnelle Resonanz auf Vorlagen oder Konzepte. Deshalb wird um Teilnehmerformeln gekämpft und gerungen. Deshalb ist, unter anderem, Beate Baumann so mächtig: Keiner hat so oft die Hoheit über Teilnehmerformeln wie Merkels Büroleiterin, die etwa bei Auslandsreisen festlegt, wer wann in die Kabine der Kanzlerin gelangt. Bei innenpolitischen Streitereien entscheidet die Teilnehmerformel manchmal über Erfolg oder Misserfolg: Werden zu wenige beteiligt, ist das Ergebnis nicht abgesichert, sind zu viele Teilnehmer dabei, wird es leicht zerredet oder wird zu schnell bekannt. Politik ist mehr als Organisation – aber im Kanzleramt ist Organisation fast immer Politik.

Schon bei Schröder und Kohl konkurrierten die Abteilungsleiter des Kanzleramtes heftig um die Nähe zum Chef. Die Chefs für Äußeres und für Wirtschaft hatten stets besonderes Gewicht, auch deshalb, weil sie oft an Kanzlerreisen teilnahmen. Michael Steiner, Gerhard Schröders erster Fachmann für Außenpolitik mit ausgeprägtem Geltungsdrang, bezeichnete sich unterwegs einfach so lange selbst als »Berater« des Kanzlers, bis es in einem der Hefte für die Delegation stand und Journalisten darüber schrieben. Inzwischen gelten die Chefs der Abteilungen II (Außen), IV (Wirtschaft) und V (Europa) als Berater.

Seit Merkel regiert, sitzen Christoph Heusgen, Jens Weidmann und Uwe Corsepius auf diesen Posten. Alle sind vergleichsweise jung, eloquent und konservativ und strahlen aus, dass sie etwas bewegen wollen. Heusgen hat den engsten Draht zur Chefin, die vieles direkt mit ihm ohne Umweg über den Chef BK klärt. Jens Weidmann, zuständig für Wirtschaft und mit 38 Jahren jüngster Abteilungsleiter, war die ungewöhnlichste Personalentscheidung in Merkels Umgebung: Seine Vorgänger wie Pfaffenbach oder Johannes Ludewig waren vor allem Strippenzieher mit besten Verbindungen in alle Konzernzentralen. Wenn Siemens-Chef Heinrich v. Pierer den Kanzler erreichen wollte, rief er Pfaffenbach auf seinem Handy an und wusste, dass Schröder schnell davon erfahren würde.

Beide, Ludewig und Pfaffenbach, waren zuständig für heikle und spontane Rettungsaktionen. Pfaffenbach regelte für Schröder die vorübergehende Rettung des Holzmann-Konzerns, für Ludewigs Aktionen in den neuen Bundesländern prägten Mitarbeiter das Motto »Einfliegen, Betrieb retten, ausfliegen«. Beide ähnelten mit ihrer Mischung aus Jovialität und Härte ihrem Chef Kohl. Ludewigs grüner Parka, den er selten ablegte, war bei Wirtschaftsvertretern so sprichwörtlich wie Kohls Strickjacken.

Nun ist Weidmann bei Merkels Wirtschaftsterminen und Auslandsreisen dabei. Er sieht ein bisschen aus wie der kleine Bruder von CDU-Generalsekretär Pofalla, hat allerdings kein Parteibuch, dafür aber einen hervorragenden akademischen Ruf. Er war Mitarbeiter der Wirtschaftsweisen und sammelte bei der Bundesbank seine ersten Meriten, er ist der Typ Chefökonom. Warum hat gerade er den Job bekommen? Weidmann habe ihn selbst und Merkel mit seinem »klaren analytischen Verstand« beeindruckt, sagt de Maizière. »Ein heller Kopf kann die Kompromissfindung und Kontaktpflege eher lernen als ein politischer Taktierer das klare Denken.«

Der Sachverhalt. » Die meisten politischen Konflikte«, sagt Thomas de Maizière, »entstehen dadurch, dass sich die Leute nicht richtig mit dem Sachverhalt beschäftigt haben.« – »Wir dienen dem Land«, sagt Hildegard Müller. Wie tut sie das? »Indem ich mir Sachverhalte anschaue und ganz nüchtern an die Probleme rangehe.« An erster Stelle bei der Kanzlerin, sagt der außenpolitische Berater Heusgen, stehe der Sachverhalt. Der »Sachverhalt« ist so omnipräsent wie die vielen kleinen Skizzen und Bilder von Konrad Adenauer, die sich seit dem Einzug Merkels ins Kanzleramt in vielen Räumen finden, die meisten Geschenke von wohlmeinenden Gästen, die damit ihre Freude darüber zum Ausdruck bringen wollen, »dass das Amt endlich wieder in CDU-Hand ist«.

Glaubt man de Maizière und den meisten Abteilungsleitern, dann regiert jetzt nur noch der Sachverhalt, wo früher Eitelkeit, mangelnde Übersicht und Inszenierung herrschten. Fakten, Fakten, Fakten und immer nur an das Gemeinwohl denken – die Realität ist komplizierter. Denn in der Politik ist vieles eine Frage der Perspektive. Fakten sind Instrumente, man kann sie nutzen, man kann auch mit Fakten lügen.

Beim Streit um die EU-Dienstleistungrichtlinie etwa schien die Lage ganz klar zu sein: Eine EU-Vorgabe war in Deutschland umzusetzen. Etwas anderes war es, eine einheitliche Position der Regierungsparteien zu finden, und noch etwas anderes, was die EU-Partner dazu sagen würden. Schon bald war die Hauptfrage nicht mehr: Was ist aus unserer Sicht das Richtige? Sondern: Haben wir eine Chance, das Richtige zu tun?

Er sei schließlich kein gewählter Abteilungsleiter, sagt Uwe Corsepius, deshalb sei es die Aufgabe der Kanzlerin, zu entscheiden, nicht seine. Aufgabe des Abteilungsleiters sei es, der Kanzlerin den Sachverhalt und die möglichen Konsequenzen darzulegen – und für eine Variante unter mehreren zu votieren. Natürlich müsse man dabei neben sachlichen auch politische Argumente abwägen, räumt Corsepius ein. Was nützt der beste Vorschlag, wenn man weiß, dass ihn 24 EU-Staaten ablehnen werden? »Ich wäre ein schlechter Berater, wenn ich ständig non-starter empfehlen würde«, sagt Corsepius. Wer sind die Kombattanten?, auch das gehört zum Sachverhalt. Ein guter Abteilungsleiter, sagt Corsepius, brauche ein hohes Maß an Selbstbewusstsein und ein gutes Standing. Er muss den Mut haben, sich auch mal ein Nein des Regierungschefs einzufangen, und er muss die Klugheit haben, das nicht zu oft passieren zu lassen.

Corsepius war schon in den letzten sieben Jahren unter Kohl im Kanzleramt und stieg unter Schröder weiter auf. Den Abteilungsleiter Europa hat kein Parteibuch empfohlen, sondern seine fachliche Eignung. Der AL 5 trägt zum Nadelstreifen eine riesige rote Plastikuhr, die Brillengläser werden von zwei Elementen gesäumt, die an Lego-Blinklichter erinnern. Trotz seiner 45 Jahre macht Corsepius den Eindruck eines hochbegabten Jungen. Derzeit arbeitet er daran, die EU-Ratspräsidentschaft vorzubereiten, eine langwierige Sache. Der Terminplan stand schon unter Schröder fest, aber darauf kommt es nicht an. Im Grunde, sagt Corsepius, habe er nur eine inhaltliche Struktur, auf die es ankomme: die Kanzlerin. So ist der Sachverhalt.

Die Sicherheitslage. Freitagnachmittag, 14.45 Uhr, im Plenum des Bundestags. Vorn am Rednerpult steht Thomas de Maizière, die Linkspartei hat eine Aktuelle Stunde zu den Aktivitäten des BND beantragt. Der Kanzleramtsminister tritt als Vertreter der Bundesregierung auf, es ist seine erste Rede vor dem Parlament. Auf der letzten Reihe der Regierungsbank hört ein mittelalter Herr aufmerksam zu: Ministerialdirigent Klaus-Dieter Fritsche, Abteilungsleiter 6 im Kanzleramt.

Fritsche ist der einzige Abteilungsleiter des Kanzleramts, der zwei Festtelefone auf dem Schreibtisch stehen hat, ein normales und ein »kryptiertes«, also abhörsicheres Gerät, bei dem für Lauscher keine Stimme hörbar ist. Der 52-Jährige ist zuständig für den BND und die Koordinierung der Nachrichtendienste des Bundes. Der AL 6 kennt die Welt der Dienste, bis zu seinem Amtsantritt im Dezember 2005 war er Vizepräsident des Bundesamts für Verfassungsschutz in Köln.

Jeden Dienstag tagt in einem abhörsicheren, acht mal zwölf Meter großen Raum im vierten Stock des Kanzleramts die so genannte Sicherheitslage, an der außer Fritsche auch Vertreter von BND, Bundesamt für Verfassungsschutz, MAD und Auswärtigem Amt teilnehmen und aktuelle Probleme der nationalen Sicherheitslage erörtern.

Fritsches Problem ist, dass er für Transparenz sorgen soll, wo Geheimhaltung Geschäftsgrundlage ist. Der Abteilungsleiter VI fällt, wie der Rentenexperte Ulrich Roppel, der die Abteilung III leitet, auch optisch aus dem Rahmen der Merkel-Vertrauten mit Stipendiatenaura. Er ist nicht jung, aber auch nicht alt. Er ist nicht auffallend schlank wie Corsepius, aber auch nicht dick. Er hat keine Frisur wie Weidmann, aber Haare. Er ist gebürtiger Franke, aber das rollende R hat er sich abgewöhnt. Er ist ein auffällig unauffälliger Mann, der sich bemüht, kein bisschen konspirativ zu wirken.

Mit der Kanzlerin hat Fritsche wenig zu tun, umso mehr dagegen mit Thomas de Maizière, der auch Beauftragter der Regierung für die Nachrichtendienste ist und in dieser Eigenschaft besonders wortkarg. Im Reichstag in der Aktuellen Stunde zum BND ist de Maizière der einzige Redner, der freiwillig unter seiner Redezeit bleibt. Die Opposition kritisiert den Auftritt später als Zumutung. Fritsche ist zufrieden.

Die Vorhabenplanung. Vielleicht ist es als Warnung an sich selbst gedacht. Im Bücherregal hinter dem Schreibtisch von Matthias Graf von Kielmannsegg steht Monrepos, der Schlüsselroman über Lothar Späth und dessen fatalen Umgang mit den Verführungen der Macht. Kielmannsegg, 41, hat das Buch seitlich aufgestellt, sodass der Blick des Besuchers automatisch darauf fällt. Seit dem Regierungswechsel ist er so nah an der Macht wie wenige andere, er ist Merkels erster Redenschreiber, ihr Mann fürs Grundsätzliche wie auch für Einsätze bei heiklen großkoalitionären Themen, weswegen er zum Beispiel an den Gesundheitsverhandlungen teilnimmt. Ähnliche Aufgaben hat er für Merkel schon während der Oppositionsjahre in der Fraktion erfüllt. Nun leitet er im Kanzleramt den Stab »Politische Planung, Grundsatzfragen; Sonderaufgaben«.

Wie also plant man Politik für eine Große Koalition? Nicht so wie die Briten, erzählt Kielmannsegg. Als die Regierung frisch installiert war, bekam er gemeinsam mit de Maizière eine kleine Führung in Downing Street. Regierungschef Tony Blair ist eine Zentrale unterstellt, die nicht nach Sachthemen, sondern nach Prozessen strukturiert ist: Ein Teil der Mitarbeiter kümmert sich um guidelines, langfristige Ziele; ein weiterer um policy, das operative Geschäft, bei dem aus Zielen Gesetze werden. Der dritte Teil von Blairs Leuten schließlich beschäftigt sich mit Kommunikation. »Ein Nachteil ist, dass mehr Beteiligte in der Sache mitreden, während bei uns immer klar ist, welches federführende Haus das Sagen hat«, findet Kielmannsegg. Ein Nachteil in Deutschland sei, dass Strategie und Kommunikation leicht vernachlässigt würden im Planungsprozess; eine Einschätzung, die de Maizière teilt.

Bislang bestimmt vor allem der Koalitionsvertrag das Geschäft der Planer. Im Laufe der Legislaturperiode wird er zwangsläufig an Bedeutung verlieren. Etwa 80 Prozent aller bisherigen Entscheidungen, schätzt Kielmannsegg, sind im Vertrag festgelegt und deshalb im Regierungsalltag unkompliziert. Etwa zehn Prozent sind strittig, können aber vom Chef des Bundeskanzleramtes mit den zuständigen Staatssekretären vor der geplanten Kabinettssitzung »entscheidungsreif« gemacht werden. Über weitere zehn Prozent muss die Koalitionsrunde entscheiden – oder die Kanzlerin.

Wenn Kielmannsegg prüfen will, wann die nächste Schlichtung fällig ist, kann er in seinem Computer einen Plan in drei verschiedenen Blautönen aufrufen, die so genannte Vorhabenplanung der Regierung. Alle Gesetzesprojekte von Merkels Koalition sind hier mit Datum festgehalten, für den Juli 2006 findet sich beispielsweise das Biokraftstoff-Quotengesetz.

Der Plan macht das Regieren übersichtlicher, aber nicht wirklich einfacher, das weiß Kielmannsegg, und das findet auch de Maizière. Zeitpläne könnten Einigungsdruck erzeugen, das sei gut, sagt der Kanzleramtschef – aber es bestehe auch die Gefahr einer »Scheinrationalität«. Bei echten Konflikten passt sich der Vorhabenplan an das Tempo der Streitenden an, nicht umgekehrt.

Der Letztentscheider. Er hat von seinem Büro im achten Stock den schönsten Blick nach draußen – aber er hat den wohl geringsten Einfluss nach innen. Als Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien hat Bernd Neumann wenig mit den Zwistigkeiten der Gesetzgebung zu tun, dafür darf er zu den Filmfestspielen nach Cannes. »Bezogen auf den Haushalt hat mein Aufgabengebiet eine kleine Dimension, bezogen auf die Außenwirkung eine große«, sagt Neumann. Er legt Wert auf die Feststellung, dass er der Kanzleramts-Hierarchie nicht untergeordnet, sondern in seinem Bereich der »Letztentscheider« sei. Mit der Außenwirkung ist es so eine Sache. Viele Intellektuelle und bildende Künstler fremdeln mit Neumann, dem eingefleischten Parteipolitiker. Der tut so, als würde ihn das kalt lassen. Neumann hat viel vor, er will das Kanzleramt zu einer kulturellen Begegnungsstätte der Republik machen. Es solle nur nicht mehr eine Show draus gemacht werden.

Die Kanzlerin. Niemand im Haus sagt »BK« oder »Merkel«, alle nennen sie »die Kanzlerin«, vom Sicherheitsbeamten bis zur Staatsministerin. Angela Merkel hat Bescheidenheit, Nüchternheit und Pragmatismus zum Markenzeichen ihrer Regierung gemacht, und so nutzt sie auch das Amt. Sie ist die Chefin, die bei der Personalversammlung erscheint. Wer ihr eine SMS schickt, muss selten länger als zwei Stunden auf eine persönliche Antwort warten. Sie verblüfft ihre Beamten mit unkonventionellen Methoden, wenn sie, wie beim EU-Gipfel, den Polen spontan hundert Millionen Euro aus dem frisch ausgehandelten deutschen Etat zugesteht und damit einen Kompromiss zustande bringt.

Sie wolle »Deutschland dienen«, hat Merkel zu Beginn ihrer Amtszeit gesagt, als sei sie, wie es Helmut Schmidt einst formulierte, die erste Angestellte des Staates. Gerhard Schröder haben die Konservativen immer vorgeworfen, er sei Showmaster seiner Politik, Inszenierung und Verpackung seien wichtiger als Inhalte. Und doch ist der persönliche Stil von Angela Merkel immer das Erste, was Mitarbeitern einfällt, wenn sie das Charakteristische der neuen Regierung benennen sollen. Politik funktioniert nicht ohne Personalisierung und Symbole; so ist die Inszenierung der Nichtinszenierung Teil von Merkels Politik geworden.

Niemand gelangt an die Spitze des Kanzleramts ohne Lust an der Macht, doch ist es nicht opportun, dies ständig zu zeigen. Schröder hat damit oft kokettiert, er ging demonstrativ zu Fuß zu Terminen (»Wir fahren nicht vor, wir kommen einfach«) und lud zum Grillen auf die Dachterrasse. Anders als Schröder, der mit dem pompösen Amt oft haderte, bewegt Merkel sich mit größter Selbstverständlichkeit durch die Flure der Macht.

Als die PEN-Gäste am Freitagabend noch nach der Gastgeberin Ausschau halten, steht Merkel längst im sechsten Stock in der kreisrunden Skylobby und schüttelt Heinrich v. Pierer die Hand. Der Siemens-Aufsichtsratschef war oft dabei, als Schröder hier seine Runden mit wichtigen Konzernchefs zelebrierte. Merkels Medienauftritt mit ihrem neuen Beraterkreis, den »Partnern für Innovation«, dauert keine fünf Minuten. Ein Gruppenbild für die Fotografen, dann sagt die Kanzlerin: »Nun gehen wir mal an die Arbeit.« Sie sagt es so laut, dass jeder es hört.