DossierFranz, bring dich nicht um!

Er hat ein neues Stück geschrieben, es wird sein letztes sein. Ein Gespräch mit Franz Xaver Kroetz über alte Männer und junge Frauen, den Reiz der DDR und die Verzweiflung beim Schreiben von Kammertöns, Lebert

DIE ZEIT: Sie sind gerade 60 geworden, und Ihr Leben…

Franz Xaver Kroetz: …ist völlig durcheinander. Ich lebe alleine in dem kleinen Häuschen meiner Eltern in München-Obermenzing, die haben sich das in den fünfziger Jahren mal gekauft. Ich mache alles selbst, ich bügle meine Hemden, ich putze. Vor unserer alten Putzfrau habe ich Angst, deshalb kommt sie nicht mehr. Also, dieses Interview könnten wir nicht bei mir zu Hause führen. Da sieht’s nicht nicht so schön aus. Gäste haben da keinen Zutritt.

ZEIT: Nach fast 20-jähriger Ehe hat Sie Ihre Frau, die Schauspielerin Marie Theres Relin, verlassen.

Kroetz: Neulich hat mich eine Hamburger Illustrierte interviewt. Es war ein gutes Gespräch, aber dann hat die Redaktion gesagt, das Interview erscheine nur, wenn Kroetz dabei gegen die Marie Theres durchlädt. So ist es eben nicht erschienen.

ZEIT: Sind Sie zornig auf Ihre Frau?

Kroetz: Nein. Ich verstehe sie gut. Sie hat es 20Jahre mit einem depressiven, ausgebrannten Schriftsteller ausgehalten. Das ist eine tolle Leistung. Und mit einem alten Mann. Ich bin 20 Jahre älter als sie. Man muss sich das doch vorstellen: Ich wache morgens neben einer 80-jährigen Frau auf. Wenn ich dann denke, nein, das will ich jetzt nicht den Rest meines Lebens haben, das kann man doch verstehen.

ZEIT: Sind Sie auf der Suche nach einer neuen Frau?

Kroetz: Ich bin nicht gerne alleine. Und natürlich schaut man schon mal hin. 60 ist ein komisches Alter, an guten Tagen fühle ich mich wie 40, aber an schlechten mindestens wie 80. Ich würde so gerne das Muster mal durchbrechen: alter Sack, junge Frau, aber wenn mir zum Beispiel eine Freundin von früher begegnet, ungefähr so alt wie ich, denke ich meistens: Mein Gott, is de oid worn. Vielleicht schau ich mal nach einer jungen 50-Jährigen.

ZEIT: Sie haben mal über Ihren Frauentyp gesagt: lieber schön und blöd als klug und hässlich.

Kroetz: Das ist immer noch so. Leider.

ZEIT: Sie waren berüchtigt für Ihre Wutausbrüche. Sind Sie sanfter geworden?

Kroetz: Ja. Ich mache jetzt hier in München schon die zweite Regiearbeit, und bislang gab es noch keine größeren Tobsuchtsanfälle. Ich habe gesagt, wir machen das mit Stil und Würde.

ZEIT: Als Sie die traurige Nachricht vom Tod Ihrer Mutter erhalten haben, sollen Sie damals in Ihrem Haus die Küche kurz und klein geschlagen haben.

Kroetz: Ich gehöre noch zu der Generation, in der es viel Kleinholz gegeben hat. Ganz viel Kleinholz. Ich habe alles kurz und klein geschlagen. Bis auf Menschen. Gott sei Dank habe ich mich immer auf Sachen beschränkt. Und einmal, ja, da war meine Mutter gestorben. Ich habe diesen Tod nicht ernst genommen, habe ihn nicht an mich herangelassen. Sie lebte in Österreich in einem Altersheim. Meine Cousine hat mich angerufen: Sie ist tot. Ich habe es nicht angenommen, als hätte ich es nicht gehört. Ich habe am nächsten Abend im Altersheim angerufen, wollte meine Mutter sprechen. Als die mir sagten: Aber Ihre Mutter ist doch gestorben, habe ich sie furchtbar angeschrien, sie sollen nachschauen, meine Mutter sei da. Ich habe ihren Tod weggedrängt. Dann kam nach vier Wochen plötzlich der Moment: Ich stand zu Hause in der Küche und habe alles kurz und klein geschlagen. Am nächsten Tag hatten wir keine Tasse mehr im Schrank.

ZEIT: Wie darf man sich das vorstellen? Nahmen Sie ein Beil, einen Hammer?

Kroetz: Mir reichte mein Körper, meine Arme, meine Hände. Vom Walter Schmidinger, dem großen manisch-depressiven Schauspieler, gibt es auch solche Geschichten. Ein schmächtiger Mann, aber einmal soll er in den Münchner Kammerspielen den Schreibtisch von August Everding aus dem Fenster geworfen haben. Einfach so. Und Hans Neuenfels hat einmal in einem Theater den Leuchter aus der Wand gerissen. In diesem Zustand haben wir tobende Kraft.

ZEIT: Und wie geht es Ihnen nach einem solchen Ausbruch?

Kroetz: Dann wachst du auf und denkst: Was ist denn jetzt los? Du lieber Gott! Dann habe ich meine Frau gefragt: Wie schaut es denn da draußen aus? Und hab gesagt: Tut mir leid.

ZEIT: Mögen Sie, dass Sie so wild sind?

Kroetz: Ich sitze hier nicht in der Kinderstube. Ich habe 60 Stücke geschrieben, in mir tobt eine Welt, auch wenn ich jetzt nett vor Ihnen sitze. Ein Dramatiker ist immer das Scheusal und der Liebe. Ich brauche beide Seiten, habe mein Leben lang beide Seiten gebraucht. Die eine Seite muss gerade die Verbrechen lieben. Ich stürze mich in jede Figur, habe keine Schranke, kein nichts. Und genauso kann eben das Privatleben eines exzessiven Künstlers die Hölle sein. Ich bin jetzt 60, wir reden über mehr als 40 Jahre im Dauereinsatz.

ZEIT: Haben Sie Schutzengel?

Kroetz: Ja, bestimmt ein paar. Was ich alles angestellt habe! Ich saß in Berlin in der Ausnüchterungszelle. Ich saß in Österreich mal acht Tage im Knast, weil ich einen Polizisten verprügelt habe. Schwer alkoholisiert. Aber all die Autofahrten, betrunken, nie habe ich jemanden angefahren. Es ist immer alles gut gegangen. Ich hatte irrsinniges Glück. Ich habe immer die Gewalttäter verstanden. Wenn es heißt, ein Koch hat sein drei Monate altes Baby nachts an die Wand geschmissen, und dieses Baby war tot, habe ich oft gedacht: Gott sei Dank, dass du nicht geschmissen hast! Das unterscheidet dich von diesem Koch, du hast so eine Reißleine, bevor der Wahn zum Verbrechen wird. Ich war mal mit meinem gutmütigsten Onkel in den Bergen, Onkel Fredl, Omnibuschauffeur und Bauer in Osttirol. Wir standen da und haben runtergeschaut. Dann hat er gesagt: »Weißt, Franzl, wenn in der Zeitung steht, dass einer seine Frau erschlagen hat, ich versteh ihn.« Ein gutmütiger Mann, der nie einer Fliege was zuleide getan hat. Jedenfalls finde ich, man kann nicht spannend schreiben, wenn man ein langweiliger Kerl ist.

Als Ort des Gesprächs hat Franz Xaver Kroetz ein kleines, unaufgeräumtes Büro im Residenz Theater am Münchner Max-Joseph-Platz vorgeschlagen. Die Dramaturgin, die hier ihren Schreibtisch hat, ist schon im Wochenende. Kroetz stellt seinen braunen Aktenkoffer mit den goldfarbenen Schnappverschlüssen mitten in den Raum und nimmt breitbeinig auf einem der verschlissenen Sessel Platz. Zu seinen Cowboystiefeln trägt er blaue Jeans, er ist schlank, drahtig, die Ärmel seines Jacketts hat er hochgeschoben, sodass die braunen, durchtrainierten Muskeln der Unterarme zu sehen sind. Sein Gesicht ist freundlich, er wirkt entspannt, nichts deutet auf den Ärger hin, der gerade hinter ihm liegt.

Kroetz kommt aus der Probe für sein Stück »Tänzerinnen & Drücker«, eine der Schauspielerinnen konnte ihren Text nicht, weshalb sich der Zeitplan des Nachmittages dramatisch verschob und der Regisseur einen kurzen und wohl auch heftigen Anfall bekam.

Die Türen zum Bühnenraum wurden deshalb vorsorglich geschlossen und von einer Regieassistentin bewacht. Sie trug ein dickes Bündel von Zetteln unter dem Arm, in der Hand hielt sie ein Mobiltelefon. Dringend wurde jetzt ein Souffleur gesucht. Irgendwann nahm sie fast flüsternd das Wort »kleine Krise« in den Mund. Doch dann, nach knapp zwei Stunden, öffneten sich die Türen, Kroetz trat heraus, alles schien ganz friedlich, von den Schauspielern war niemand mehr zu sehen.

ZEIT: Was finden Sie männlich?

Kroetz: Ich geniere mich immer, wenn ich weinen muss. Das kommt öfter vor: Man ist in einer Situation, und man denkt, es ist alles so furchtbar, das hältst du jetzt nicht mehr aus. Ich kann weinen, aber ich möchte es nicht. Ein Indianer kennt keinen Schmerz: Das steckt tief bei mir drin. Ich würde einen weinenden Mann nicht verachten, im Gegenteil. Aber ich schäme mich dafür. Ich bin ja Allergiker, das hilft mir manchmal, wenn mir die Tränen kommen. Ich sage dann: Ich weine nicht, weil ich so gerührt bin, es ist wegen der Allergie.

ZEIT: Halten Sie sich selbst für männlich?

Kroetz: Eigentlich sind für mich weiblich und männlich keine Kategorien. Manchmal wundere ich mich, wenn mich andere für männlich halten. Ich habe am 18. Februar 2004 sozusagen meine Schauspielerkarriere aufgegeben, da hatte ich am ersten Drehtag einen allergischen Schock und habe hingeschmissen. Habe dann auch drei weitere Rollen kurzfristig absagen müssen. Die eine hat Götz George übernommen, die andere Sepp Bierbichler, die dritte Konstantin Wecker. Das sind Männer, wo du Angst kriegst. Der Seppi schaut aus wie ein alternder Boxer. Ich habe doch nichts mit denen gemein! Andere sehen das anscheinend anders.

ZEIT: Können Sie mit Hemingway was anfangen?

Kroetz: Das war mein Gott, einer von meinen Göttern. Wenn ich richtig depressiv bin, dann weiß meine Frau schon, dann greife ich zu dem Buch Papa Hemingway von A.E. Hotchner, der Hemingways letzte zehn Jahre beschrieben hat. Ein sehr, sehr schönes Buch. Und ich genieße es, dass so ein Großer eben auch Depressionen hat.

ZEIT: Wenn Sie träumen könnten, wäre die Rolle des Stierkämpfers etwas für Sie?

Kroetz: Ich habe einen einzigen Stierkampf in meinem Leben gesehen, das war in Sevilla, mit meiner Frau zusammen. Sie hat sofort geweint, ich wusste nicht, wer mir mehr leidtun soll, der Stier oder meine weinende Frau. Ich komme ja aus der Landwirtschaft, da geht man mit Tieren auch nicht immer zimperlich um. Aber diese Stiere wollten gar nicht kämpfen, die waren dick und fett. Die haben frühzeitig aufgegeben, es hat mir wirklich leidgetan, zuzusehen, wie sie dann weiter in den Tod gequält wurden. Ich dachte nur: Wenn ich jetzt auch weine, dann schlagen uns die Spanier.

ZEIT: Können Sie Ihren Erfolg genießen?

Kroetz: Erfolg tut immer gut. Vor allem mir, denn ich habe lebenslang einen ewigen, ununterbrochenen Minderwertigkeitskomplex. Ich fühle mich immer zu wenig beachtet. Und was heißt schon Erfolg? An meinem letzten Gedichtband habe ich ein Jahr lang geschrieben, verkauft wurden davon 490 Exemplare. Wenn ich in den letzten Jahren ein neues Theaterstück an irgendwelche Theater geschickt habe, bekam ich manchmal nicht mal mehr eine Antwort. Nicht mal mehr eine Absage.

ZEIT: Jetzt arbeiten Sie am Münchner Residenz Theater. Als Regisseur, Sie inszenieren gerade Ihr Stück Tänzerinnen & Drücker als Uraufführung.

Kroetz: Ich war ganz unten, als ich nach München kam. Mich hat riesig gefreut, dass der Dieter…

ZEIT: …der Intendant des Residenztheaters, Dieter Dorn

Kroetz: …gesagt hat, wir machen dein neues Stück, inszenier es doch gleich selbst. Und dann sagte er noch, ich hätte da auch noch sofort was, Servus Kabul, ein Stück, das gerade der Jörg Hube als Regisseur zurückgegeben hatte. Wenn ich Lust hätte, könnte ich gleich loslegen. Ich habe sofort ja gesagt, ohne eine Zeile zu lesen. Das war ein großes Glücksgefühl. Ich hatte Arbeit, ich war weg von der Straße.

Acht Stunden später, in einem Café gegenüber dem Haus der Kunst an der Prinzregentenstraße, wo das Marstall-Theater eine eigene provisorische Spielstätte betreibt. Es ist kurz nach 22 Uhr, die Vorstellung ist zu Ende, Kroetz sitzt mit den Schauspielern von »Servus Kabul« an einem Tisch, vor ihm ein Glas Sekt. Vielleicht 60 Besucher waren es heute Abend, sie haben aber auch schon vor 20 Leuten gespielt. »Servus Kabul« ist ein schwaches Stück, darin sind sich Regisseur und Schauspieler einig. Deshalb hat es Kroetz, eine rettende Idee, als eine Art Kasperletheater inszeniert.

Sie scheinen ihn zu mögen. Trotz allem. Eine Schauspielerin erzählt, einmal habe Kroetz zu ihr gesagt, er müsse schon »kotzen«, wenn er sie nur sehe. Bei anderer Gelegenheit habe er gesagt, sie spiele, als sei sie allein auf der Bühne. Eine Beleidigung, sicher. Aber doch längst ausgeräumt. Jetzt lacht sie darüber. Und der Regisseur tut es auch.

Es ist ein Abend nach seinem Geschmack. Irgendwann beginnt Franz Xaver Kroetz zu schwärmen von einer ganz besonderen Schauspielerin, von seiner verstorbenen Schwiegermutter Maria Schell. Die sei eben ein echter Weltstar gewesen. Im Garten ihres Hauses sei damals der Hubschrauber von Außenminister Hans-Dietrich Genscher gelandet. Plötzlich hat der Abend sein großes Thema gefunden: Kroetz und Maria Schell, Schell und Kroetz. Sie hatten große Pläne, zum Beispiel gemeinsam am Theater zu arbeiten. Dann wurde sie krank, krank bis auf den Tod. Fast beiläufig sagt Kroetz in die Runde, er sei zu feige gewesen, um Maria Schell in ihrem Siechtum zu besuchen. Einmal habe er noch mit ihr telefoniert. Kroetz trinkt seinen Sekt aus. Er muss gehen. Die letzte S-Bahn nach Obermenzing, die will er kriegen. Wir reden morgen weiter, bei den Proben zu »Tänzerinnen & Drücker«.

ZEIT: Wie darf man sich das vorstellen, wenn Franz Xaver Kroetz schreibt? Sitzen Sie vor der Schreibmaschine und starren auf ein weißes Blatt? Oder auf den leeren Bildschirm?

Kroetz: Früher war es eine Schreibmaschine. Jetzt kann ich auch Computer. Ich stiere gar nichts an. Ich schreibe nur in Ekstase, wenn sie da ist, drei Wochen am Stück, ohne Pause. Das ist ein Rauschzustand. Wenn die Ekstase nicht da ist, und sie ist fast nie da, wird es schwierig. Dann sitze ich im Stuhl, sitze einfach da und bin nicht ansprechbar. Tagelang, bin einfach nicht da. Meine Frau hat das einen Vortodzustand genannt. Ich bin dann so entsetzlich deprimiert, ich habe keine Wirklichkeit mehr. Dieser Zustand kann acht bis zehn Tage dauern, dann muss er einfach irgendwann wieder zu Ende gehen.

ZEIT: Und wie?

Kroetz: Ich versuche rauszugehen, raus, raus, raus. Versuche mich abzulenken. Ich bin ein Naturfanatiker. Ich habe 60 Obstbäume gepflanzt bei mir auf dem Hof, die müssen gegossen werden. Ich habe Pferde gezüchtet. Ich bin viel geritten. Manchmal gehe ich einfach nur stundenlang spazieren. In so einem Zustand der Depression hat mich damals der Hans-Hermann Tietje angerufen, der damalige Bild - Chef: Franz, wie geht’s dir denn? Und dann hat er gemeint: Hör doch auf mit deinem Scheiß, schreib doch einfach was für uns, was Kleines, wir wollen die Bild feuilletonistischer machen. Ich hätte natürlich sagen können: Hermann, du hast doch überhaupt keine Ahnung, was ich für Probleme habe. Aber ich habe gesagt: Okay, Hermann, ich komme.

ZEIT: Sie wurden damals für kurze Zeit Bild - Kolumnist. Dafür wurden Sie scharf kritisiert: Verräter Kroetz, der ehemalige Kommunist schreibt für Bild ! Manche aus Ihrem linken Lager verzeihen Ihnen das bis heute nicht. Können Sie das verstehen?

Kroetz: Ich habe kein Lager. Mein Lager bin ich. Natürlich kann ich die Kritik verstehen, aber das ist mir so was von egal. Diese paar wenigen manischen Versehen, auch mal für Bild zu schreiben, ach, du lieber Gott! Ich bin froh, dass ich das gemacht habe, die paar Mal, wo ich in meinem Leben eine lustige Scheiße gemacht habe. Ich bereue, dass ich es nicht öfter gemacht habe.

ZEIT: Und warum haben Sie es nicht öfter getan?

Kroetz: Ich habe es ja versucht. Als ich 40 war, nach Kir Royal, ging es mir wirklich dreckig. Mir fiel gar nichts mehr ein. Wegen Kir Royal kannten die Leute mein Gesicht, also habe ich mich nicht mehr auf die Straße getraut, weil ich in einem beschissenen Zustand war. Ich dachte, die Leute wissen ja nicht, wie ich wirklich bin. Du kannst nicht mehr S-Bahn fahren. Eigentlich müsstest du jetzt anfangen, nur noch Taxi zu fahren oder mit einem Chauffeur. Aber der Taxifahrer redet dich auch blöd an. Das war eine unangenehme Zeit. Ich wollte aufhören mit dem Schreiben. Ich habe einmal in einem Stück geschrieben: Ich will aufs Titelblatt und nicht ins Feuilleton. Ich wollte rausspringen aus meinem Leben. Ich wollte mich etablieren zwischen Journalismus und Entertainment. Das war ein anderer Lebensentwurf.

ZEIT: Und?

Kroetz: Ich sollte für das Bayerische Fernsehen eine Sendereihe machen: Kroetz trifft den deutschen Adel. Der ORF wollte mit mir eine Unterhaltungssendung machen, 20.15 Uhr, Samstagabend. Da war ich zum Proben drei, vier Tage in Wien. Was soll ich sagen? Es ging einfach nicht. Ich habe hingeschmissen, die anderen Projekte auch. Es war immer klar, dass ich da nicht hingehöre. Ich fühlte mich wie eine Bockwurst auf einem Leitz-Ordner.

ZEIT: Waren Sie jemals in der Gefahr, nicht durchzuhalten? Waren Sie selbstmordgefährdet?

Kroetz: Ja, natürlich. Ich hätte mich schon zehnmal umgebracht, aber ich bin zu feig dazu. Ich habe Jahre gehabt, Jahre, in denen ich dachte: Mein ganzes Leben ist ein Selbstmordverhinderungsprogramm. Wie oft stand ich vor einer schwarzen Wand und dachte: Erschieß dich oder mach sonst was! Irgendwann geht das dann wieder vorbei.

ZEIT: Einstige Weggefährten von Ihnen, zum Beispiel Rainer Werner Fassbinder, sind lange tot…

Kroetz: …die Schriftstellerin Marieluise Fleißer sagte in den sechziger Jahren gerne, sie habe drei besonders liebe, begabte Söhne: Fassbinder, Martin Sperr und den Kroetz. Drei junge Künstler, an die sie geglaubt hat. Fassbinder hat sich so viel Koks reingezogen, dass es ihn mit 37 Jahren zerrissen hat. Sperr starb auch vor ein paar Jahren, war vorher lange krank. Ich bin der Letzte, der noch lebt. Auch in schweren Zeiten hab ich gesagt: Franz, bring dich nicht um! Das geht nicht. Einer muss es schaffen, damit die nächste Generation nicht sagt, nein, Dramatiker kann man nicht werden, da stirbt man entweder im Schneesturm oder wie der Kollege Werner Schwab, der sich mit 35 an Silvester mit Tabletten totgesoffen hat.

ZEIT: Warum haben Sie überlebt?

Kroetz: Gott sei Dank komme ich aus einer Generation, die zum ersten Mal von Kokain gehört hat, als Fassbinder daran starb. Ich komme aus einer Bier-Zeit. Wir saßen mit 15 im Wirtshaus, haben Schafkopf gespielt und uns betrunken. Wir waren oft besoffen, vom Bier. Nicht wie jetzt die Kinder von Ecstasy und so was. Wenn es mir nicht gut ging, habe ich mich mit zwei, drei Kästen Bier eingesperrt und bin drei Tage nicht rausgegangen. Im Theater sagen wir: Man dunkelt sich ein. Aber man verreckt nicht. Ich bewundere Menschen, die ihr Genie so domestizieren, dass sie ein anständiges vernünftiges Leben führen.

ZEIT: Wen bewundern Sie zum Beispiel?

Kroetz: Den Martin Walser. Der steht zu seinen Überzeugungen, der hält gegen alle Missverständnisse seine Stirn hin. Der schreibt immer noch wunderbar. Auch Günter Grass. Ich bewundere Leute, die ein intelligentes erfolgreiches Werk und einen langen Atem haben. Auch Peter Handke finde ich toll; dass der nach wie vor schreibt und macht und tut. Und dass sich so viele darüber aufregen.

ZEIT: Welcher Politiker beeindruckt Sie?

Kroetz: Da tue ich mich sehr schwer. Mir fällt kein einziger Satz ein, den ein Politiker in letzter Zeit gesagt hat, über den es sich lohnte, ein bisschen länger nachzudenken. Mir fällt der alte Hans-Jochen Vogel ein, ein bisschen langweilig, aber anständig, das ist schon was. Ich habe neulich gesehen, wie der bayerische Wirtschaftsminister Erwin Huber einen Manager von BMW begrüßt hat. Ich sage Ihnen, da sieht man gleich, wer der Herr ist und wer der Knecht. Diese Unterordnung der Politik ist lächerlich. Das Primat der Wirtschaft ist sonnenklar. Es gibt keinen Geist mehr in der Politik, keinen Sartre. Es gibt nur noch die Herrschaftsform des Kapitalismus.

ZEIT: Das hört sich jetzt ganz nach dem alten Linken Franz Xaver Kroetz an. Welche Partei wählen Sie heute?

Kroetz: Ich wähle gar nicht. Schon seit langer Zeit. Zuletzt, bei der Wahl zwischen Helmut Schmidt und Franz Josef Strauß 1980, da hab ich Schmidt gewählt. Demokratie funktioniert nur, wenn man entscheiden kann und wenn diese Entscheidungen was bedeuten. Heute werden wir alle verarscht. Man fragt: Soll es zu Mittag Erbsensuppe oder Kartoffelbrei geben? Dann haben wir abgestimmt, und es gibt Semmelknödel. Wahlversprechen zu brechen ist das Allerschlimmste, weil es die Demokratie im Kern trifft, weil es das, worauf wir uns verständigt haben, vernichtet. Die politische Klasse empfinde ich als derart degeneriert, als würden sie sich, wie früher die Adligen, nur untereinander vermehren. Man kann froh sein, dass eh die Wirtschaft alles entscheidet, die haben wenigstens Ahnung.

ZEIT: Sie selber waren von 1972 bis 1979 Mitglied der DKP, haben kandidiert, saßen im Landesvorstand. Eine ziemlich lange Zeit.

Kroetz: Im Nachhinein verstehe ich auch nicht, wie ich es so lange ausgehalten habe. Ich saß in der Programm-Kommission und konnte dort die Jahre nichts verändern, nicht ein einziges Komma. Ich war halt das Aushängeschild, war jahrelang der bekannteste Kommunist Bayerns. Ich schlucke wahnsinnig lang. Das ist mein größter Fehler.

ZEIT: Wie wurden Sie ein Kommunist?

Kroetz: Mein Vater war ein Nazi, ein Mitläufer, ein ziemlich schneller. Ich hätte meine Eltern mit zwei Sachen treffen können: wenn ich schwul geworden wäre oder Kommunist. Schwul ging nicht, also wurde ich Kommunist. Sicher auch aus Protest. Andererseits stand der Kommunismus für mich für freies Denken, für Kultur, für Autoren wie Frieder Hitzer, Ernst Alexander Rauter, für Zeitschriften wie kürbiskern und konkret. Wir hatten Leute in der Partei, die saßen bei den Nazis im Knast und im KZ. Sie hatten ein waches Weltbild und waren souveräne Antifaschisten. Kommunismus war für mich der Gedanke, wie die Welt besser werden kann. Günter Herburger trat damals in die Partei ein, Martin Walser war auf unseren Literaturtagen. Herbert Achternbusch ist mal mit uns in die DDR gefahren. Wir haben damals schon vieles versucht.

ZEIT: Der Kommunismus war auch die DDR.

Kroetz: Die DDR war mir immer wurscht. Du wurdest ja nicht Kommunist, weil du die DDR toll fandest. Wir dachten, erst übernehmen wir Westdeutschland, und dann krempeln wir die DDR um. Die Reisen in die DDR waren immer fürchterlich. Einmal, es muss 1973 gewesen sein, waren wir in Karl-Marx-Stadt, da war gerade Fassbinders Film Wildwechsel angelaufen, den er aus meinem Stück gemacht hat. Der Film hatte einen leicht pornografischen Touch, was aus heutiger Sicht gar nicht mehr stimmt. Auf jeden Fall kam da ein mittlerer SED-Charge auf mich zu und sagte: Wir haben uns deinen Film angeschaut, interessant, aber unser Volk ist dafür noch nicht reif. Da dachte ich: Wo bin ich denn da? Um Gottes willen. Diese Spießigkeit durch und durch. Die DDR hat mich immer angekotzt. Heute, in der Erinnerung, finde ich sie viel sympathischer als damals.

ZEIT: Warum?

Kroetz: Weil es so brutal war, wie man die DDR ausgelöscht hat. Nichts ist mehr da, gar nichts. Weil alles weg ist, was ich unter einem linken Deutschland verstanden habe, von Brecht bis zum Literaturinstitut Johannes R. Becher. Freie Gedanken, alles weg. Alles wurde geschliffen. Die Borniertheit hat zugenommen. Das Antidenken. Denken ist eine Krankheit geworden. Wer denkt, gehört beobachtet. Weil man sie so rücksichtslos platt gemacht hat, verkläre ich die DDR fast ein wenig. Obwohl sie es nicht verdient hat.

ZEIT: Ihr Vater war Nazi. Sind Sie sicher, dass Sie nicht auch anfällig gewesen wären?

Kroetz: Ich kann mir gut vorstellen, dass ich am Anfang ziemlich begeistert gewesen wäre. Da gibt es viele Schicksale, nehmen Sie einen wie Gottfried Benn. Und wann ich es gemerkt hätte? Ich weiß, dass man Fehler ziemlich lange machen kann. Ich war acht Jahre in der DKP.

ZEIT: Können Sie mit dem Satz von Wolfdietrich Schnurre etwas anfangen: »Es spricht nicht für die deutschen Antifaschisten, dass sich Hitler selbst umbringen durfte«?

Kroetz: Das ist mir vollkommen wurscht. Ich bin 1946 geboren. Mir geht das »Dritte Reich« inzwischen vollkommen am Arsch vorbei. Wenn ich zu meinen Kindern sage, wisst ihr, der Zweite Weltkrieg…, dann sagen sie, ja, Papa, das ist Vergangenheit. Und es stimmt: Die alten Säcke, wenn sie noch leben, sollen ihre Geschichte ruhig aufarbeiten, es sind ihre sechs Millionen Juden. Das ist nicht mehr mein Thema. Wir haben genug Sachen erlebt, seit ich auf der Welt bin. Ich finde es geradezu unanständig, dass man der neuen Generation immer noch dieses »Dritte Reich« aufpflanzen will. Ich weiß doch noch, wie ich in den siebziger Jahren Israel besucht habe, wie alle dachten, hoffentlich sagt er es, und natürlich habe ich es gesagt: Not guilty, but responsible. Aber ich habe keinen Juden umgebracht und keinen Russen. Die Generationen gehen weiter. Ich mache auch kein Theater in diesem Sinne, im Gegenteil, es langweilt mich zu Tode, wenn Heiner Müller in seinem letzten Stück Stalin mit dem rosa Riesenfrauenmörder sprechen lässt. Das interessiert mich nicht.

ZEIT: Gehört das Wort von der Kollektivscham nicht zu Recht zum Kanon der deutschen Nachkriegszivilsation?

Kroetz: Diese Art von Political Correctness brauche ich nicht. Natürlich sagt mir mein bisschen Herz, das ich noch habe, dass es die größte Katastrophe überhaupt war. Aber ich will darüber nicht mehr nachdenken. Mein Vater hat immer gesagt, wir hätten in Polen aufhören sollen. Auch solche Debatten – bitte ohne mich.

ZEIT: Sie haben in diesem Gespräch schon von Ihren Schreibkrisen erzählt. Kennen Sie mittlerweile die Gründe dafür?

Kroetz: Ich war 15, als ich die Schule geschmissen habe. Ich wollte Schauspieler werden oder Schriftsteller oder beides. Ich ging zu einer alten Schauspiellehrerin, die sagte zu mir, du bist vom lieben Gott geküsst. Aber du musst auch einen handwerklichen Beruf erlernen, sonst wirst du geisteskrank: Werde Schauspieler und werde Schmied. Also machte ich eine Ausbildung zum Schmied. Später war ich Lagermeister in der Papierfabrik Manzinger. Und Einschaler war ich auf dem Bau, Betoneinschaler. Ich musste immer arbeiten. Und immer schnell schreiben. Am Wochenende, zwei, drei Tage, und ein Stück war fertig. Ich habe geschrieben, was ich gelebt habe. Leben und Schreiben war eins. Und das war dann irgendwann zu Ende: Ich war nur noch Schriftsteller. Ohne Leben.

ZEIT: Sie haben, zum Beispiel in Ihrem Stück Bauerntheater, über das Leben als Schriftsteller geschrieben. Ein Therapieversuch?

Kroetz: Das war ein Versuch, diesen Einklang zwischen Arbeit und Leben wieder herzustellen. Ich habe mich nicht geschont: Im Bauerntheater geht ein Vater über den Tod seines schwulen Sohnes hinweg und sagt: Gebt mir eine Schreibmaschine, damit ich über den toten Sohn schreiben kann. Aber so was geht dann auch nicht oft.

ZEIT: Sie lebten viele Jahre mit Ihrer Familie auf Teneriffa. Als Ihre Frau dann anfing zu arbeiten, waren Sie die letzten zwei Jahre eine Art Hausmann. Was bedeutete das für Ihre Arbeit, für das Schreiben?

Kroetz: Ich fragte mich: Auf welchem Gebiet kann ich authentisch werden? Wie schaffe ich diesen Einklang? Und plötzlich fiel es mir ein: als Fernsehzuschauer, als Konsument. Wir hatten keinen Fernseher, also habe ich einen gekauft. Schüssel aufs Dach, 640 Programme, ich konnte ganz Afrika empfangen, 63 deutsche Programme. Zwei Jahre habe ich fast jede Nacht von elf Uhr bis morgens um vier geglotzt. Ich schau Fernsehen, bis ich kotze. Da ist die Wut entstanden. Daraus wurde mein neues Stück.

Die Probebühne liegt nicht weit vom Mittleren Ring, auf einem heruntergekommenen Fabrikgelände im Münchner Westen. Das Marstall-Theater nutzt hier ehemalige Garagen. Anders als die Schauspielerinnen sind die vier Schauspieler des Stückes »Tänzerinnen & Drücker« damit einverstanden, dass ihnen bei den Proben Fremde zusehen. Kroetz trägt wieder Jeans und Stiefel, ein buntes Jackett, das auch zu einem Zirkusdirektor passen würde. Dazu ein schwarzer Hut. Ihm zur Seite die Regieassistentin und auch ein Souffleur.

Die Probe beginnt: Vier Männer sitzen auf Sesseln, vor ihnen jeweils ein Fernseher. Sie trinken Bier, sie haben Sex-Spielzeug, sie sind nackt, sie sind angezogen, Jogginghose, Unterhemd. Sie unterhalten sich mit dem Fernseher. Alles geschieht gleichzeitig, dadurch entsteht allmählich der Eindruck eines Chores, eines Chores des Hasses gegen das Fernsehen: »Mann sitzt im Fernsehstuhl und starrt, zappt, schaut gleichgültig, zappt, schaut intelligent, zappt, schaut gleichgültig, schaut blöd, zappt, schaut militärisch, zappt, onaniert, zappt und betet, zappt und trinkt eine Flasche Bier, zappt und gibt sich eine Ohrfeige, zappt und lacht, zappt und weint, zappt und ekelt sich, zappt und jammert…«

Was man hier auf der Probebühne sieht, ist eine Zumutung, aber eine mit ansteckender Kraft. Fast anrührend jene Szene, als die vier Männer Geburtstag haben und die Figuren auf dem Fernsehschirm flehentlich bitten, doch endlich von ihnen Notiz zu nehmen. Nach knapp einer Stunde ist die Probe beendet. Kroetz hat die ganze Zeit geschwiegen. Bei der Kritik, die er im Anschluss übt, dürfen Fremde nicht dabei sein. Dann kommen die Schauspieler heraus, einer sagt, den Text habe er nicht zu Hause lernen können, solche Sätze seien nicht geeignet für seinen Sohn.

ZEIT: Ihr neues und, wie Sie sagen, letztes Theaterstück bietet wieder drastische Darstellung, das Zerstörerische, das Extreme: Muss das so sein?

Kroetz: Da bin ich gnadenlos. Da ginge ich ins Gefängnis dafür. Jeder Satz, der mir richtig erscheint, wird hingeschrieben. Andauernd höre ich: Muss das so sein? Herr Kroetz, müssen Sie denn so schrill sein? Tut mir leid, ich habe da keine Grenze, ich empfinde sie nicht. Ich kann keine Grenze sehen.

ZEIT: Das Zerstörende ist nicht Kalkül?

Kroetz: Das ist Passion. Das beginnt schon in meinen frühen Stücken. Ich möchte der Sache auf den Grund gehen. Das Durchbrechen von Grenzen ist das Interessanteste im Leben, nicht das Entdecken von Grenzen. Tabus sind dazu da, Menschen niederzumachen, klein zu halten. So ein Tabu zu erwischen, es explodieren zu lassen, darum geht es.

ZEIT: Was ist das Tabu beim Fernsehen?

Kroetz: Dass man sich überhaupt informiert, was da abläuft. Das ist Unterschichtenfernsehen. Gebildete Menschen haben keine Zeit zum Fernsehen. In unseren Kreisen gibt doch keiner zu, dass er Zeit zum Fernsehen hat. Aber ich habe es gemacht, bis zum nächsten Morgen, monatelang. Ich habe dieses Arbeitslosen-Hartz-IV-Programm durchgezogen. Und wenn du mal so zehn Stunden fernsiehst und weißt, dass du in der Früh nicht aufstehen musst, du bist so was von zugemüllt. Was da zu sehen ist: die geile Oma, die sich auf dem Schreibtisch wälzt, Menschen, die für 20Euro Hundefutter fressen. Die niedersten Instinkte werden bedient. Aber das bestraft niemand. Es regt sich keiner auf, dass unsere Kinder mehr Zeit vorm Fernsehen verbringen als in der Schule. Dass diese Form der Volksverblödung nicht strafbar ist, ist ein Skandal. Marx hat gesagt: Religion ist Opium fürs Volk. Heute ist Fernsehen das Opium. Das Fernsehen hält die Millionen Arbeitslosen ruhig – und zwar auf grausame Art.

ZEIT: Es gibt auch gute Sendungen im Fernsehen.

Kroetz: Ja, ganz hervorragende. Aber man muss gebildet sein, um Fernsehen richtig zu nutzen. Es heißt immer, die Medienindustrie ist eine ganz normale Industrie. Aber das ist sie nicht, weil es hier um die Herzen und Seelen geht. Was diese 24-Stunden-Berieselung anrichtet – wir werden uns noch wundern. Als das Privatfernsehen eingeführt wurde, haben wir vom Schriftstellerverband dagegen wie die Löwen gekämpft. Keine Sau hat das interessiert: Was wollen diese Mäuse? Wir Mäuse haben damals schon gesagt, das ist die größte geistige Katastrophe, die auf uns zukommt.

ZEIT: Was ist zu tun?

Kroetz: Ich bin dafür, die Werbung im Fernsehen zu verbieten. Dann würde sich das meiste Privatfernsehen von selbst erledigen.

ZEIT: Haben Sie nicht selber Werbung gemacht?

Kroetz: Nein, nie. Mich wollte auch keiner. Mit einer Ausnahme: Damals, als Baby Schimmerlos, sollte ich Werbung für eine Biermarke machen. Habe ich abgelehnt. Ich finde Werbung zutiefst unanständig. In einer Welt wie der unseren, mit der weltweiten Armut, halte ich es für eine Sünde, für Luxus zu werben.

ZEIT: Sie nähern sich dem Rentenalter. Brauchen Sie noch Geld?

Kroetz: Nein, eigentlich nicht. Nur die Ausbildung der Kinder, das könnte knapp werden. Ich habe drei Häuser, eines auf Teneriffa, eins in München und eins in Österreich. Abgesehen davon, meine Stücke werden ja immer noch überall gespielt. Wie unlängst in Lettland, da habe ich paar Mal mahnen müssen. 94 Euro waren dann die Tantiemen. Für einmal beim Italiener essen zu gehen reicht’s. Ich bin ein sparsamer Mensch. Ich bin geizig. Das Jackett, das ich anhabe, habe ich mir vor 25 Jahren auf dem Flohmarkt in Paris gekauft. Abgesehen davon trage ich immer noch die Anzüge von Baby Schimmerlos auf. Es ärgert mich tagelang, wenn ich mir eine zu teure Jeans gekauft habe. Die Maria Schell hat immer gesagt, alles ist eine Sache der Einnahmen. Ich fand das immer falsch: Wichtig ist, wie viel man ausgibt. Als sie starb, war sie völlig verschuldet. Meine Frau hat das Erbe nicht angetreten.

ZEIT: Was mögen Sie an Deutschland?

Kroetz: Die Menschen. Die kleinen, einfachen Leute. Das sind ehrliche, gute Leute. Tut mir leid, aber meine Lebenserfahrung war immer: Das Gute ist unten, das Böse oben.

ZEIT: Wird man böse auf dem Weg nach oben?

Kroetz: Wenn du zwei Bodyguards hast, wirst du korrumpiert. Wahrscheinlich kann man nicht mal was dafür. Du kriegst eine Wichtigkeit, die dich verändert. Zum Beispiel Joschka Fischer. Ich liebte diesen Typen, der die anderen aufgemischt hat. Und was wird aus ihm? Mehr als jeder andere genießt er seine Wichtigkeit. Seine Anzüge, sein Gesicht. Alles wichtig. Sein Verfall hat mich zutiefst enttäuscht.

Premierenabend für »Tänzerinnen & Drücker« am Münchner Marstall – niemand verlässt das Theater vorzeitig. Doch als der Vorhang nach den acht »TV-Massaker«-Monologen fällt, buht das Publikum. Irgendwann steht der Regisseur auf der Bühne, blickt zum Publikum und tippt sich dann an die Stirn. Mehr macht er nicht.

ZEIT: Letzte Frage: Was können wir von Ihnen noch erwarten?

Kroetz: Ich habe 65 Stücke in meinem Leben geschrieben. Das jetzt war das letzte. Das ist der Abschluss meines literarischen Schaffens. Ich habe zwei Jahre daran geschrieben. Das packe ich nicht noch mal.

ZEIT: Und was dann?

Kroetz: Mit dem Schauspielen ist es ja auch vorbei. Das mache ich auch nicht mehr. Als Regisseur will ich arbeiten, es gibt schon weitere Projekte, für Dieter Dorn in München. Dann werde ich einen Schnitzler in Wien am Theater an der Josefstadt inszenieren. Das passt auch für mein Alter. Es kommen so viele alte Leute in Theaterstücken vor, da schadet es nicht, wenn auch ein Alter Regie führt.

ZEIT: Würden Sie sagen, Sie haben Ihre Begabung optimal genutzt?

Kroetz: Ja, das habe ich, alles ist rausgeholt. Ich habe den letzten Kieselstein aus meinem Steinbruch rausgeholt.

Das Gespräch führten Hanns-Bruno Kammertöns und Stephan Lebert

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Leserkommentare
    • Colon
    • 14. Juni 2006 1:13 Uhr

    Dieses Interview hebe ich mir auf. Hanns-Bruno Kammertöns und Stephan Lebert sei Dank, und natürlich dem mitmachenden Kroetz.

    • astmar
    • 14. Juni 2006 11:26 Uhr

    ... wird einen Künstler nie verstehen. LebensKünstler, ein Künstler muss seine Kunst erLeben durchLeben!
    <br />Allen ein BelMondo.
    <br />

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