»Ich zeig’ Ihnen das Gebäude.« Sagt’s und läuft schon los. Der Mann ist schnell. Saust durch Krankenhauskorridore, eilt Treppen empor, erklärt. Schwitzend, erschöpft, aber hellwach. »Lokomotive« nennen seine Mitarbeiter den Kinderarzt Beat Richner, einen beleibten Schweizer mit lichten krausen Haaren. Nichts hält ihn auf. Nicht einmal die bleierne Hitze Kambodschas. »Jetzt ist es relativ ruhig«, sagt der 59-Jährige, als er Journalisten überfüllte Stationen vorführt, Betten, in denen Kinder mit Tuberkulose, Verbrennungen oder Brüchen liegen. Dann der Fototermin. Wieder einer dieser Auftritte, in denen er sich für die gute Sache hergibt, Auftritte, die ihn Überwindung kosten. Aber Richner denkt pragmatisch. Er braucht die Medien, um auf dem hart umkämpften Spendenmarkt Erfolg zu haben. Beat Richner BILD

Deshalb auch wird aus Beat Richner Sonnabend für Sonnabend der Musikclown, der er früher war. Er setzt sich an sein Cello. Touristen hören ihm zu, Menschen aus aller Welt, die hier im Norden Kambodschas die Tempelstadt Angkor besuchen und nach dem Benefizkonzert gerührt ihr Portemonnaie zücken. Dieses »Kratzen nach Geld« widerstrebe ihm, sagt Richner. Aber kaum ein anderer beherrscht es so perfekt wie er.

Richner braucht Geld. Wofür der Verfechter einer modernen Kindermedizin in dem bettelarmen Land schuftet, wofür er 10000 Kilometer von seiner Heimat entfernt »verschärfte Einzelhaft« erträgt, wie einer seiner Freunde sagt, das hat seinen Preis. 13,7 Millionen Euro jährlich kostet der vornehmlich aus Schweizer Privatspenden finanzierte Betrieb seiner vier Kinderkrankenhäuser. Röntgengeräte, Ultraschall, Labor, Blutbank, Computertomograf, OP-Säle – die medizinische Ausstattung entspricht europäischem Standard.

Ein großes Unternehmen ist mittlerweile entstanden, mit 1620 kambodschanischen Ärzten, Schwestern, Putzfrauen und Sicherheitsleuten, unterstützt von einer Schweizer Stiftung, aufgebaut vom kreativen Multitalent Richner. Die 15 Jahre Knochenarbeit in der Ferne brachten ihm zu Hause 2002 die höchste Auszeichnung ein: Eine Million Fernsehzuschauer wählten ihn zum »Schweizer des Jahres«. Das Engagement aber beschert ihm nicht nur Ruhm; er erntet auch Kritik.

Richner kommt erstmals 1974 als junger Assistenzarzt nach Kambodscha und arbeitet im Kinderhospital der Hauptstadt Phnom Penh. Kantha Bopha (»Duftende Blume«) heißt es, benannt nach der jung an Leukämie verstorbenen Tochter von König Sihanouk. Der Einzug der Roten Khmer ein Jahr später zwingt den Schweizer, das südostasiatische Land fluchtartig zu verlassen. In Zürich baut er eine Kinderarztpraxis auf. Parallel zu seiner medizinischen Karriere erfindet Richner die Bühnenfigur des melancholischen Musikclowns Beatocello, den bald jeder in der Schweiz kennt, und er schreibt Kinderbücher für »Erwachsene ab etwa fünf Jahren«.

Als der kambodschanische König ihn bittet, die unter Pol-Pots Terrorregime zerstörte Klinik wieder aufzubauen, gibt er 1991 seine Praxis auf. Dem ersten Projekt folgen zwei neue Hospitäler in Phnom Penh und in der Nordprovinz Siem Reap sowie ein Ausbildungszentrum, ein Geburtshaus für HIV-positive Frauen und große Impfstationen. Der jüngste Bau, ein 555-Betten-Kinderspital in der Hauptstadt, gehört zu den größten Investitionen im Land seit 40 Jahren. Aus allen Teilen des 14-Millionen-Einwohner-Staates strömen Eltern mit ihren Söhnen und Töchtern in die Kantha-Bopha-Kliniken, in denen die meisten Kinder ambulant behandelt werden.

Die Kritik an der »Luxusmedizin im Regenwald« ist verstummt