Literatur Erfolg mit Geschichte
Der FC Bayern, jenseits von gut und böse.
Vor wenigen Wochen war in dieser Zeitung davon zu lesen, wie verabscheuungswürdig die Folter doch sei, wie anders die Sache aber aussehe, wenn man sich Uli Hoeneß als deren Opfer vorstelle. Es ist interessant, wie viel man sich gegenüber einem Mann wie Hoeneß erlauben kann, den ich für den ehrlichsten, witzigsten, kompetentesten, kurz bewunderungswürdigsten Manager des Landes halte. Aber jeder kann, wo und wann auch immer, die peinliche Tote-Hosen-Hymne Ich würde nie zum FC Bayern gehn! zu grölen, eine Hasspredigt, aus Neidschaum geboren, in der Unbewusstheit ihrer Selbstentblößung auf beinahe faszinierende Weise widerlich. Es ist klar, der FC Bayern ist jenseits von gut und böse angelangt wie nur wenige Vereine in Europa. Seine Legende als national konkurrenzlose Erfolgsgeschichte ist auch für Fußballfeinde und Bayern-Hasser interessant. Unwesentliche Details gibt es nicht, wenn Thomas Hüetlin erzählt. Echte Freunde ist ein Buch, geschrieben mit Witz und jener Dosis Pathos, die aus Herzblut gekocht wird. Es gibt wenig Neues her, liest sich aber wie neu.
Genies, Indianer und Wasserträger
Dabei handelt es sich keineswegs um Verklärung. Alle Protagonisten werden schonungslos geschildert, mit Schwächen, Macken und Schlimmerem. Besonders Lothar Matthäus und Paul Breitner müssen derbe einstecken, indes, sie werden es verkraften. Woraus besteht nun die Erfolgsgeschichte des FCB? Grob kann man sagen: aus einer stochastisch irrwitzigen Devianz, aus einer seltenen Personalkonstellation. Drei der besten fünfzehn Fußballspieler des Jahrhunderts spielen zur selben Zeit in einer Stadt, in einem (bis dato eher unwichtigen) Verein. Die Achse Maier-Beckenbauer-Müller bildet das Rückgrat für einen beispiellosen Aufstieg, würde aber nur zu einem kurzen Höhenflug genügt haben, hätte es nicht herausragende Indianer und Wasserträger wie Schwarzenbeck, Bulle Roth, Kapellmann, Zobel und Dremmler gegeben und hätten nicht noch Giganten wie Paul Breitner, später Karl-Heinz Rummenigge zur Verfügung gestanden, das Duo, das nach der Ära Beckenbauer zum Herzstück einer zweiten großen Mannschaft wurde.
Sportlich drückte der Verein der Fußballwelt fast zwanzig Jahre lang seinen Stempel auf. Nun, da man mit vielen Siegen viel Geld erwirtschaftet hatte, konnte man sich das, was im Stammland nicht mehr wuchs, von woanders her kaufen. Das ist sowohl aus wirtschaftlicher wie aus sportlicher Seite einzusehen. Immerhin hielt sich der Internationalismus der Einkaufspolitik dank der Hoeneßschen Sparsamkeit in Grenzen. Im Kern spielten da Augenthaler, Matthäus, Effenberg, Wohlfahrt, Scholl und Kahn.
Eine Art Krieg der Sterne auf irdischer Plattform
Eine dritte große Mannschaft knüpfte an die zweite an. Erst danach akquirierte der Verein nach kosmopolitischen Maßgaben. Der FC Bayern scheint für viele die Allegorie des gierigen Kapitalismus zu sein, tatsächlich jedoch ist er ein immer noch von denselben Menschen geführtes, beinahe familiäres Unternehmen, das einst viel Glück gehabt, dann viel Fleiß, Disziplin und Umsicht bewiesen hat. Eine Fabrik, in der die Arbeiter irgendwann die Bosse hinauswarfen und den Laden selbst übernahmen.
Erzählt wird, süffig und pointenreich, eine fußballerische Soap-Opera, in der die handelnden Figuren nicht wie bei anderen Vereinen in schneller Abfolge wechseln, sondern über Jahrzehnte hin Profil entwickeln, sich vom Geschehen auch mal jahrelang zurückziehen, dann aber wieder einsteigen. Eine Art Krieg der Sterne auf irdischer Plattform. Von der Verschwörung über zerplatzende Männerfreundschaft bis zur Geste der Solidarität. Ein Club, der sich immer schon als Gegenentwurf zum Arbeiterverein 1860 verstand und dereinst wirklich nur Mitglieder mit Abitur aufnehmen wollte.
Will man dem Buch etwas vorwerfen, so allenfalls seine Sprunghaftigkeit, die die Chronologie vernachlässigt und mit Daten geizt. Des Weiteren sind Unterlassungssünden zu beklagen, zum Beispiel, dass Hüetlin einem so großartigen Spieler wie Thomas Helmer gerade mal zwei Nebensätze gönnt und profilierte Leistungsträger wie zum Beispiel Wouters oder Jorginho übergeht.
Die interessante Vorgeschichte des FCB, der im »Dritten Reich« als »Judenclub« beargwöhnt und befeindet wurde, mag Thema eines anderen Buches sein.
- Datum 07.06.2006 - 11:27 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 08.06.2006 Nr.24
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren