LiteraturGroßvater zieht außen davon

Das Fürstengeschlecht der Esterházys war ein Verein von Fußballverrückten. Davon erzählt in literarischen Dribblings der Sprößling Péter, der nicht Nationalspieler, sondern Schriftsteller wurde. von Peter Schneider

Notieren wir denn: Auch Péter Esterházy konnte es nicht lassen. Rechtzeitig zum deutschen Fußballjahr hat der ungarische Leichtfuß des Erzählens ein Fußballbuch vorgelegt. Aber es ist natürlich etwas anderes, wenn ein Péter Esterházy tut, was viele tun. Das andere fängt bereits mit dem Familiennamen an. Als ich Péter Esterházy nach dem Fall der Mauer einmal erklärte, wie die Deutschen die Rückgabe enteigneten Besitzes regelten – »Rückgabe vor Restitution« –, sah er mich ungläubig an und brach dann in ein Gelächter aus. Wenn man dieses Prinzip in seinem Heimatland anwenden würde, sagte er, müssten er und seine Familie halb Ungarn zurückbekommen. Er sei aber mit seinem Zweizimmerapartment in Budapest durchaus zufrieden.

Es handelt sich bei Péter Esterházy um einen eher atypischen Fußballautoren – sozusagen um einen Abstiegskandidaten. Denn er entstammt einer Fürstenfamilie, zu deren bevorzugten Spielen wohl eher das Spiel mit Untertanenköpfen gehörte als das mit Lederbällen – Esterházys gibt es ein paar Jahrhunderte länger als den Fußball! Aber Péter besteht darauf: »Ich entstamme einer alten Fußballerfamilie«, und entwirft gleich auf der ersten Seite eine Fantasie: »Ich stelle mir meinen Großvater, den Ministerpräsidenten, vor, wie er links außen davonzieht, nach einem Doppelpaß mit Kaiser Franz Josef I. über den Kopf Wilhelms II. hinweg, der zu weit herausgelaufen ist, den Ball ins Netz hebt; der verruchte Clemenceau aber entscheidet auf Abseits…«

Péter Esterházy ist keineswegs auf Fantasien angewiesen, um sein Verfallensein an den Fußball zu beglaubigen, er hat sich offenbar seit frühester Kindheit um den Verstand geköpft und gekickt (erst kam der Fußball, dann das Schreiben!). Der gesamte männliche Teil der fürstlichen Großfamilie (Péters Vater und seine sämtlichen Brüder) wird uns als Verein von Fußballverrückten vorgestellt. Sein »kleiner« großer Bruder Márton Esterházy wurde Profi und Nationalspieler, sodass, schreibt der große Bruder Péter scheinbar neidlos, 70000 Menschen im Fußballstadion aufsprangen und synchron »meinen Namen brüllten«, wenn der kleine Bruder nur den Ball berührte.

Die Hingabe der Esterházys an einen Sport, in dessen Anfangszeiten das Wort »Klasse« noch soziale Konnotationen hatte und noch nicht durch den Begriff »Liga« ersetzt war, muss etwas mit dem »Sieg des Kommunismus« in Ungarn zu tun haben. Es dürfte nicht oft vorkommen, dass sich ehemalige Fürsten und Prinzen als Fußballer in die Herzen ihrer ehemaligen Untertanen spielten. Im Übrigen schreibt hier ein Angehöriger einer Nation, die mit den Deutschen in alle Ewigkeit den Schicksalstag in Bern teilt. Das Wunder von Bern ist ein Leitmotiv des Buches, das in kühnen, für einen deutschen Fußballpatrioten kaum erträglichen Variationen immer wieder in ein 3:2 für Ungarn umgedeutet wird.

Ich gebe zu, dass es mir nicht leicht fällt, mich dem Charme von Péter Esterházys kompromissloser Fußballschwärmerei zu entziehen. Dieses Kompliment kommt von einem Fußballmuffel. Ich würde zu dem (eigentlich unmöglichen) Endspiel Deutschland – Brasilien auch dann nicht gehen, wenn ich Freikarten erhielte. Oder nur, wenn ich von einem Péter Esterházy eingeladen würde. Denn er macht mir das, was ich am Fußball am meisten hasse, durch literarische Dribblings fast sympathisch. Etwa wenn er das kollektive Aufatmen beschreibt, das einsetzt, wenn die eigene, zum Untergang verurteilte Mannschaft noch eine Chance erhält: »Ich erinnere mich vor allem an diese Bewegung, wie wir uns auf einmal erheben, mehrere Zehntausend, wir selber wissen nicht, wohin das führen wird, daß wir bald stehen und uns strecken werden, den Hals gereckt, den Mund leicht geöffnet, und die gesamte Tribüne seufzt zugleich auf, oder alle holen nur Luft, zusammen… Und warum das alles? Das alles darum, weil Flori bei der Mittellinie angespielt wurde…«

Es gibt viele kostbare Momente dieser Art. Etwa wenn Esterházy zur Spielstätte seiner »Vorstadtkarriere« zurückkehrt. »Ich finde den Platz selbst mit geschlossenen Augen. Wie das Pferd, das von allein heimfindet und seinen betrunkenen Besitzer nach Hause bringt.« Oder wenn er das Platzwart-Paar Carlo und Mari besingt, die ihr Leben am Rande des Spielfelds verdösen. Oder wenn er dem alternden Fußballer, kurz »a. F.« genannt, ein Denkmal setzt: »Dem a. F. tut alles weh. Alles, was existiert, tut weh oder wird weh tun. Keine Bewegung, die nicht verbunden wäre mit einer schmerzlichen Vergangenheit… Bandagen und Klebestreifen, Kälteanästhetisierung und Gummistrümpfe, Verbandszeug und Salben, Öle und krampfstillende Pillen.«

Esterházys Verhältnis zu den ruhmlosen, aber unentbehrlichen Nebenberufen dieses Sports, zum Trainer und zum Schiedsrichter, scheint bis heute gestört zu sein. Am schönsten jedoch sind die Familiengeschichten, die er in diese Fußballsuada eingewebt hat, wie die Begegnungen mit dem berühmten kleinen Bruder Márton, dem großen Nationalspieler, zu dem der längst als Schriftsteller berühmte Péter halb widerwillig aufschaut. Wie von selbst lenkt der über den Spielrand hinausgeschossene Ball den Blick des Lesers auf das umgebende Land und auf die Familie Esterházy. Wie Péter Esterházy das macht, ist ebenso kunstvoll wie unterhaltend. Ach, hätte er noch mehr von seinem kleinen Bruder erzählt – dafür hätte ich gern auf manches über »DDR-Miezen«, über Kant, Proust, Camus und die »Schwierigkeiten des Erzählens« verzichtet.

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