Nach zehn Minuten sagt Stibbe zum ersten Mal das Wort, das bei Volkswagen all die Jahre verboten war: »Verzichtsfahrzeug«. Es ist ihm nicht leicht über die Lippen gekommen – und vielleicht auch nur deshalb, weil ihm gerade schon wieder so ein mintgrün glänzender Beetle entgegenkam, ein Genussfahrzeug gewissermaßen, und das auch noch mit offenem Verdeck! Heiko Stibbe hingegen sitzt in einem Lupo 3L TDI, Dach zu, Fenster zu. Es ist das Dreiliterauto, das einmal die Zukunft sein sollte, aber jetzt schon wieder Vergangenheit ist. Stibbes Knie reiben sich am Lenkrad, er ist ein großer Mann, etwas gekrümmt sitzt er da und starrt auf die Verbrauchsanzeige. »Sehen Sie? 1,9 Liter momentan!«, ruft er dann. »1,9 Liter! Sehen Sie das?« BILD

Doch das Wort »Verzichtsfahrzeug«, das kriegt er nicht weg. Ein Jahrzehnt lang hat er gegen dieses verdammte Wort gekämpft. Jetzt sagt er es selbst.

Die VW-Presseabteilung hatte einige Tage gezögert, ehe sie sich entschied, ihr Dreiliterauto noch einmal aus der Garage der Geschichte zu holen und jenen Mann ans Steuer zu setzen, der für das Marketing dieses ersten deutschen Ökomobils zuständig war. Nun, an diesem sommerblauen Morgen in Wolfsburg, war Heiko Stibbe in dunkler Anzughose, blauem Hemd und roter Krawatte aus seinem Büro auf den Parkplatz gekommen. Ein wenig Angst hatte ihm den Rücken durchgedrückt und die Stimme belegt; wer steht schon gern gerade für ein gescheitertes Projekt? Wobei Stibbe das nie so sagen würde: »gescheitert«. Bei ihm wird alles »weiterentwickelt«.

Ein Auto fasziniert offenbar durch Sinnlichkeit, nicht Sinn

Vor sechs Jahren hat Stibbe zum letzten Mal in diesem kleinen Auto gesessen, da war er 33. Jetzt liegt eine schwarze Mappe mit Notizen auf seinem Schoß. »Das liegt ja alles lange zurück und wurde weiterentwickelt«, hatte er beim Einsteigen gesagt und sich noch einmal geräuspert, war vorsichtig angefahren, vorbei an den Kollegen auf der Kantinenterrasse, die in ihren Latte-Macchiato-Gläsern rührten und die Köpfe drehten. Ihre Münder schienen den Satz zu formen: »Dass es den noch gibt …« Stibbe fuhr vorbei an ihren GTIs und Geländewagen. Irgendwo im Parkhaus stand auch sein Familienvan, ein Sharan.

So ging es raus aus Wolfsburg, aufs Land. Kastanienbäume beschatten rote Gehöfte, der Raps blendet, Kühe senken ihre Köpfe in die Weiden. Stibbe lenkt das Auto durch eine Milchtütenlandschaft, aus der am Horizont die vier Schornsteine des VW-Werks ragen, wie eine Erinnerung daran, dass es auch bei dieser Geschichte letzten Endes ums Geschäft ging. Es ist eine Geschichte von deutscher Gründlichkeit, die Stibbe an diesem Tag erzählt, eine Geschichte von Anspruch und Wirklichkeit – vor allem von der großen Lücke, die dazwischen klafft und in die Stibbes Dreiliterauto fuhr, vorgestellt 1998, eingestellt 2005. Es lebte nicht zufällig genauso lange wie die rot-grüne Koalition.

Es begann beinahe euphorisch: »1995 haben wir angefangen«, sagt Stibbe in das leise Brummen des Dieselmotors hinein, »ganz andere Zeit damals«. Helmut Kohl war noch Bundeskanzler, aber etwas geriet in Bewegung. Christo verhüllte den Reichstag, ein Teil der Deutschen Bundespost wurde zur Telekom, und Verbraucher wie Politiker wünschten sich ein Dreiliterauto; sogar die Grünen hielten »verantwortungsbewusste Mobilität« für möglich. In der Schweiz war das Swatch-Mobil in Planung, in Wolfsburg sagte der damalige VW-Chef Ferdinand Piëch, zum neuen Jahrtausend werde sein Konzern das erste serienmäßige Dreiliterauto der Welt vorstellen. Da schien ein Markt zu sein. Und wo ein Markt ist, will ein Unternehmen hin. So begann Stibbes Job.